Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Risikoscheu hemmt Innovation bei Informationstechnik

20.04.2016

Smartphones und Tablets kommen aus Asien und den USA, die deutsche und europäische Industrie hinkt hinterher. Mit den Ursachen beschäftigt sich eine Studie des KIT, erschienen im Fachblatt „Telecommunications Policy“. Danach wurden aus Risikoaversion eigene Datendienste teuer angeboten, statt auf das offene Internet zu setzen. Abhilfe könnte etwa Wettbewerbsdruck durch die europaweite Vergabe von Mobilfunklizenzen oder die Deregulierung des Funkspektrums schaffen. Endgeräte mit Schutz gegen das Manipulieren von Daten bieten ebenfalls Marktchancen.

„Während US-Firmen wie Apple und Google den Konsumentenmarkt dominieren, sind europäische Unternehmen aus der Informations- und Kommunikationstechnik, wie Nokia oder Siemens Communications, heute irrelevant“, sagt Koautor Arnd Weber vom Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) des KIT.


Innovative Telekommunikationsprodukte entstehen im Ideenwettbewerb am Markt. Im Bild: die 3D-Fotoapp mit Community-Schnittstelle „Optonaut“ von KIT-Studenten.

Bild: KIT

Als Ursachen des Bedeutungsverlustes benennt die Studie wiederholte Versuche europäischer Anbieter, Kommunikationskapazitäten in geschlossenen Umgebungen oligopolistisch zu vermarkten, statt wie US-Unternehmen das offene Internet zu nutzen.

So setzten die Hersteller und Netzbetreiber beispielsweise Mitte der 1980er Jahre auf das geschlossene System „Bildschirmtext“, mit Bezahlung pro Seite. US-Modems, mit denen auf beliebige Server zugegriffen werden konnte, wurden stattdessen vom Markt ausgeschlossen.

Die Strategie wurde auch Ende der 90er Jahre fortgesetzt: Als bereits das mobile Internet entstand, versuchten europäische Firmen, teure Dienste wie SMS, MMS und Anwendungen des Wireless Application Protocol (WAP) zu verkaufen.

Die Autoren der Studie kritisieren darüber hinaus die Etablierung eines wettbewerbsreduzierten Markts in Europa. Dieser hatte ausschließlich auf den von europäischen Unternehmen entwickelten Mobilfunkstandard GSM gesetzt und kostengünstigere Technologien, wie den in Japan und China seinerzeit verbreiteten PHS-Standard ignoriert.

„Aus einer monopolistischen Tradition heraus wurden so in Europa regelmäßig Innovationen blockiert und stattdessen teure Technologien vermarktet. Diese Strategie ging nicht nur zu Lasten der Kunden, sondern mündete langfristig im Niedergang europäischer Anbieter von Informations- und Kommunikationstechnik (IKT). Es fehlte die Bereitschaft, nach neuen, billigeren oder flexibleren Techniken zu suchen“, resümiert Weber vom KIT.

Eine weitere Ursache für den Niedergang ist darin zu sehen, dass es in Europa an der Fähigkeit mangelt, neue Märkte für IKT zu suchen und neue Produkte in großen Stückzahlen zu vermarkten. Dies gilt nicht nur für Smartphones. Schon PCs mit graphischer Nutzerschnittstelle hätten ein europäisches Produkt sein können. Die ersten Geräte dieser Art wurden 1980 in der Schweiz hergestellt, vier Jahre vor dem Apple Macintosh. Die Banken scheuten aber das Risiko, hier größer in die Produktion zu investieren.

„Europäische Investoren haben neue Entwicklungen nicht nur verschlafen, wie gerade angelsächsische Medien immer wieder schreiben. Schlimmer, sie haben über 20 Jahre lang neue, attraktive Produkte gekannt, aber das Risiko gescheut, in ihre Herstellung zu investieren. Statt das offene Internet und leistungsfähige Endgeräte anzubieten, unterstützten sie den Versuch, einzelne mehr oder weniger attraktive Datendienste und relativ simple Endgeräte teuer zu verkaufen“, so Weber.

Das Ergebnis: Im Gegensatz zur Automobilindustrie, in der sich starke Wettbewerber etabliert hätten, die flexibel etwa auf den japanischen Marktführer Toyota eingehen und dabei viel investieren, so Weber, seien europäische Hersteller von Computern und Handys nun bedeutungslos.

Mehr Wettbewerb, mehr Innovation

Ein Widererstarken europäischer Hersteller erfordere Investoren und Manager mit einem Gespür für erfolgreiche Innovationen, so die Autoren. Wie in anderen Branchen seien Wettbewerber nötig, die einander überraschen. „In Europa gibt es noch immer viele Kompetenzen im IKT-Bereich und auch viel Kapital“, sagt Koautor Daniel Scuka, Mobilfunkexperte bei der japanischen Unternehmensberatung Mobikyo.

„Der Wettbewerb ließe sich beispielsweise vergrößern, indem europaweite Lizenzen an Mobilfunkanbieter vergeben werden. International wettbewerbsfähige Unternehmen würden so mehr Marktmacht gegenüber den Herstellern von Mobilfunkgeräten erhalten. Sie könnten diese nutzen, um neue Dienste zu vermarkten, etwa die kostenlose Kommunikation über weitere Entfernungen mittels eines verbesserten WiFi, oder etwas komplett Neues und noch nicht Erdachtes“, so Scuka.

Eine weitere Marktchance liegt in der abhörsicheren, unmanipulierbaren Kommunikation mit Computern und Smartphones. Gäbe es etwa gesetzliche Vorschriften und Standards für hochsichere Computer ohne Hintertüren, so wie es Sicherheitsvorschriften im Flugzeugbau oder in der Medizin gibt, könnte sich dies für den europäischen Standort zum Vorteil entwickeln.

„Security made in Germany“ könnte in der Folge weltweit nachgefragt werden. „In den letzten Jahren sind viele Fälle durch die Medien gegangen, in denen Firmenserver gehackt worden sind“, erklärt Arnd Weber. „Hier könnte man gegensteuern und lohnende Märkte für IKT-Firmen schaffen. Die USA machen das bereits, indem sie versuchen, für die Anwendung beim Militär unhackbare Computer einzusetzen.“

Originalveröffentlichung:

Arnd Weber, Daniel Scuka: Operators at crossroads: market protection or innovation? (deutscher Titel etwa: Netzbetreiber an der Weggabelung: Den Markt abschotten oder Innovationen suchen?) „Telecommunications Policy“, April 2016, doi:10.1016/j.telpol.2015.11.009

http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0308596115001962

Mehr zur App Optonaut der KIT-Studenten:
http://optonaut.co

Weiterer Kontakt:
Kosta Schinarakis, PKM – Themenscout, Tel.: +49 721 608 41956, Fax: +49 721 608 43658, E-Mail: schinarakis@kit.edu

Das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) verbindet seine drei Kernaufgaben Forschung, Lehre und Innovation zu einer Mission. Mit rund 9 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie 25 000 Studierenden ist das KIT eine der großen natur- und ingenieurwissenschaftlichen Forschungs- und Lehreinrichtungen Europas.

KIT – Die Forschungsuniversität in der Helmholtz-Gemeinschaft

Das KIT ist seit 2010 als familiengerechte Hochschule zertifiziert.

Weitere Informationen:

http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0308596115001962
http://optonaut.co

Monika Landgraf | Karlsruher Institut für Technologie

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Informationstechnologie:

nachricht Rittal: Das sind die IT- und Datacenter-Trends 2019
17.12.2018 | Rittal GmbH & Co. KG

nachricht Cyber-Schutz für Stromtankstellen
13.12.2018 | Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnologie SIT

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Informationstechnologie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Data storage using individual molecules

Researchers from the University of Basel have reported a new method that allows the physical state of just a few atoms or molecules within a network to be controlled. It is based on the spontaneous self-organization of molecules into extensive networks with pores about one nanometer in size. In the journal ‘small’, the physicists reported on their investigations, which could be of particular importance for the development of new storage devices.

Around the world, researchers are attempting to shrink data storage devices to achieve as large a storage capacity in as small a space as possible. In almost...

Im Focus: Data use draining your battery? Tiny device to speed up memory while also saving power

The more objects we make "smart," from watches to entire buildings, the greater the need for these devices to store and retrieve massive amounts of data quickly without consuming too much power.

Millions of new memory cells could be part of a computer chip and provide that speed and energy savings, thanks to the discovery of a previously unobserved...

Im Focus: Quantenkryptographie ist bereit für das Netz

Wiener Quantenforscher der ÖAW realisierten in Zusammenarbeit mit dem AIT erstmals ein quantenphysikalisch verschlüsseltes Netzwerk zwischen vier aktiven Teilnehmern. Diesen wissenschaftlichen Durchbruch würdigt das Fachjournal „Nature“ nun mit einer Cover-Story.

Alice und Bob bekommen Gesellschaft: Bisher fand quantenkryptographisch verschlüsselte Kommunikation primär zwischen zwei aktiven Teilnehmern, zumeist Alice...

Im Focus: An energy-efficient way to stay warm: Sew high-tech heating patches to your clothes

Personal patches could reduce energy waste in buildings, Rutgers-led study says

What if, instead of turning up the thermostat, you could warm up with high-tech, flexible patches sewn into your clothes - while significantly reducing your...

Im Focus: Tödliche Kombination: Medikamenten-Cocktail dreht Krebszellen den Saft ab

Zusammen mit einem Blutdrucksenker hemmt ein häufig verwendetes Diabetes-Medikament gezielt das Krebswachstum – dies haben Forschende am Biozentrum der Universität Basel vor zwei Jahren entdeckt. In einer Folgestudie, die kürzlich in «Cell Reports» veröffentlicht wurde, berichten die Wissenschaftler nun, dass dieser Medikamenten-Cocktail die Energieversorgung von Krebszellen kappt und sie dadurch abtötet.

Das oft verschriebene Diabetes-Medikament Metformin senkt nicht nur den Blutzuckerspiegel, sondern hat auch eine krebshemmende Wirkung. Jedoch ist die gängige...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Tagung 2019 in Essen: LED Produktentwicklung – Leuchten mit aktuellem Wissen

14.12.2018 | Veranstaltungen

Pro und Contra in der urologischen Onkologie

14.12.2018 | Veranstaltungen

Konferenz zu Usability und künstlicher Intelligenz an der Universität Mannheim

13.12.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Neue Laserstrahlen für die Glasbearbeitung – geformt nach Kundenwunsch

17.12.2018 | Physik Astronomie

Rittal: Das sind die IT- und Datacenter-Trends 2019

17.12.2018 | Informationstechnologie

Tagung 2019 in Essen: LED Produktentwicklung – Leuchten mit aktuellem Wissen

14.12.2018 | Veranstaltungsnachrichten

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics