Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Intelligente Notfallkette für Menschen mit Demenz

20.08.2015

Menschen mit Demenz zeigen vielseitige Verhaltensänderungen. Scham, Angst und eine abnehmende Orientierungsfähigkeit senken den Grad von Selbstständigkeit und gesellschaftlicher Teilhabe. Das Verbundprojekt QuartrBack unter Koordination der Evangelischen Heimstiftung verbindet ein ehrenamtliches Helfernetz mit Technologien für Ortung, Monitoring, Information und professioneller Dienstleistung. So schafft QuartrBack eine intelligente Notfallkette, die Menschen mit Demenz einen Zugang zum bisher vertrauten Quartier und damit soziale Teilhabe erhält. Das ITAS übernimmt im Projekt die Folgenbeurteilung der Techniknutzung und erforscht nicht-technische – zum Beispiel ethisch-soziale – Aspekte.

Er ist die wichtigste Person auf dem Platz: Der Quarterback im American Football. Als verlängerter Arm des Trainers muss er die vorgegebenen taktischen Spielzüge umsetzen und sein Offensiv-Team entsprechend koordinieren. Doch ist er nicht nur bloßer Befehlsempfänger, sondern auch kreativer Kopf der Mannschaft: Blitzschnell muss er auf die Reaktionen der gegnerischen Defensive reagieren und die Spielzüge entsprechend anpassen.


Das Verbundprojekt QuartrBack soll Menschen mit Demenz soziale Teilhabe und Bewegungsfreiheit im vertrauten Quartier erhalten. (Bild: Alexandr Mitiuc / fotolia)

Der Schlüsselspieler im American Football ist Namenspatron für das Verbundprojekt QuartrBack, das sich zum Ziel gesetzt hat, eine intelligente Notfallkette für Menschen mit Demenz zu entwickeln. Kernstück der Kette ist das ServiceCenterPflege, kurz SCP. Mithilfe einer speziellen Software können die Mitarbeiter des SCP wie der Quarterback auf dem Feld in einer Risikosituation umgehend die nächsten (Hilfe-)Schritte vorausplanen und aus den möglichen Handlungsalternativen die für die Situation adäquateste auswählen.

Soziale Isolation vermeiden

Ein wesentliches Merkmal von Demenzerkrankungen ist eine Ruhe- und Rastlosigkeit verbunden mit einer deutlichen Verschlechterung des Orientierungssinns. Viele Menschen mit Demenz verspüren deshalb den Drang umherzuwandern und zu biografischen Punkten wie etwa dem Elternhaus zu gehen. Dabei verlieren sie oftmals die Orientierung – selbst im gewohnten Umfeld wie zum Beispiel ihrem angestammten Wohnviertel in der Stadt. Häufig ziehen sie sich dann aus Scham oder Angst in die Isolation zurück und geben damit einen Großteil ihrer Selbstständigkeit und gesellschaftlichen Teilhabe auf.

QuartrBack soll genau das verhindern und Menschen mit Demenz den Zugang zu ihren bisher vertrauten Sozialräumen im Quartier und damit einen individuellen Lebensstil erhalten. Indem QuartrBack die Risiken zunehmender Desorientierung minimiert, ermöglicht das Projekt die für den Erhalt der Gesundheit so wichtige Bewegungsaktivität. Das System ist dabei in einen ressourcenorientierten Ansatz der Quartiersentwicklung eingebettet. Dieser fördert nicht nur Begegnung, Selbstbestimmung und Teilhabe von Menschen mit Demenz, sondern stärkt auch die Achtsamkeit und das nachbarschaftliche Miteinander und wirkt sich positiv auf Altersbilder in der Gesellschaft aus.

Bewegungsfreiheit im vertrauten Quartier erhalten

Gewöhnlich beschränken sich herkömmliche Sicherheitssysteme zu Beginn der Erkrankung auf das Haus oder die Wohnung der Betroffenen. So können etwa ein Hausnotrufsystem, eine automatische Herdabschaltung sowie Sensoren im Wohnraum installiert werden, die im Bedarfsfall die Beleuchtung für den Weg zur Toilette einschalten.

Damit sich Menschen mit Demenz im fortschreitenden Krankheitsverlauf auch weiterhin in ihrem vertrauten Sozialraum im Quartier frei bewegen können, erweitert QuartrBack diese Systeme über die Grenzen der eigenen vier Wände hinaus. Durch ein unauffälliges Ortungssystem – etwa in der Armbanduhr der Betroffenen – schalten sich beim Verlassen der Wohnung sicherheitskritische Geräte automatisch aus, die Haustür verschließt sich und wird bei der Rückkehr wieder geöffnet.

Die SCP-Software registriert dann die weiteren Bewegungen außerhalb der Wohnung und bewertet die Situation in Echtzeit auf Basis einer Reihe von Parametern – zum Beispiel das aktuelle Wetter mit Regen- und Gewitterwahrscheinlichkeit, die Tageszeit oder den Status der Medikamenteneinnahme. Wenn nun ein Mensch mit Demenz von seinem gewohnten Bewegungsprofil abweicht, ein schweres Gewitter ansteht oder dringend Insulin eingenommen werden muss, wird automatisch das SCP alarmiert. Dieses kann somit noch vor einer schweren Notsituation rechtzeitig geeignete Hilfs- und Unterstützungsmaßnahmen einleiten.

So kann das SCP beispielsweise auf das ins Projekt QuartrBack integrierte Helfernetzwerk aus Angehörigen, professionell Pflegenden und Freiwilligen zurückgreifen. So registriert die SCP-Software bei einer drohenden Notsituation, welche potentiellen Helfer sich in der Nähe befinden. Diese können dann mithilfe einer WebApplication auf dem Mobiltelefon alarmiert und zu den betroffenen Menschen mit Demenz dirigiert werden.

Technologie mit sozialem Engagement verbinden

Damit schafft QuartrBack eine intelligente Notfallkette, die weit über ein herkömmliches Hausnotrufsystem hinausreicht. Menschen mit Demenz erhalten die Möglichkeit, sich in ihrem bisher gewohnten Lebensumfeld weiter frei bewegen zu können und selbstständig etwa zum Bäcker an der Ecke oder ins Lieblingscafé zu gehen. Einem drohenden sozialen Rückzug und damit auch weniger Bewegung und Aktivität in Folge der Demenz wird somit vorgebeugt. Weil die SCP-Software vorausschauend arbeitet, können eventuelle Notsituationen bereits im Vorfeld erkannt und entsprechende Maßnahmen eingeleitet werden. Die WebApp stellt zudem sicher, dass im Falle einer drohenden Gefährdung potenzielle Helfer in der Nähe schnell eingreifen können. Durch die Einbindung eines ehrenamtlichen Helfernetzwerks in das klassische Notfallmanagement mit Pflegediensten, Sanitätern und Krankenhäusern wird so bürgerschaftliches Engagement für Menschen mit Demenz im Stadtviertel gefördert.

Das Projekt QuartrBack wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung über einen Zeitraum von drei Jahren gefördert. Neben der Technikentwicklung und –implementierung sind Workshops mit Bürgerinnen und Bürgern sowie mit Akteuren aus professionellen Pflegenetzwerken geplant. Zudem werden ethische, soziale, juristische und ökonomische Fragestellungen durch das ITAS mithilfe eines interdisziplinären Expertenbeirats diskutiert. Darüber hinaus werden sowohl die Prototypenphase als auch der geplante ausgedehnte Feldtest wissenschaftlich begleitet.

Die Verbundpartner:

Evangelische Heimstiftung (EHS) – Innovationszentrum
Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS)
Forschungszentrum Informatik (FZI)
Martin Elektrotechnik GmbH
Sigma GmbH, ein Unternehmen der develop group

Weiterer Kontakt:
Nils Ehrenberg, Presse, Pressereferent, Tel.: +49 721 608-48122, Fax: +49 721 608-45681, E-Mail: nils.ehrenberg@kit.edu

Das KIT verfügt über umfangreiche fachliche Kompetenzen zur Erforschung, Entwicklung und integrativen Planung der Stadt der Zukunft in allen wesentlichen Aspekten. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus fünf KIT-Zentren – Klima und Umwelt; Energie; Mobilitätssysteme; Mensch und Technik; Information, Systeme, Technologien – befassen sich aus disziplinärer Perspektive und in inter- und transdisziplinärer Weise mit der Erforschung und nachhaltigen Gestaltung urbaner Räume.

Das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) vereint als selbständige Körperschaft des öffentlichen Rechts die Aufgaben einer Universität des Landes Baden-Württemberg und eines nationalen Forschungszentrums in der Helmholtz-Gemeinschaft. Seine drei Kernaufgaben Forschung, Lehre und Innovation verbindet das KIT zu einer Mission. Mit rund 9 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie 24 500 Studierenden ist das KIT eine der großen natur- und ingenieurwissenschaftlichen Forschungs- und Lehreinrichtungen Europas.

Diese Presseinformation ist im Internet abrufbar unter: http://www.kit.edu

Monika Landgraf | Karlsruher Institut für Technologie

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Informationstechnologie:

nachricht Starre Bindungen für neue Smartphone-Datenspeicher
14.06.2019 | European XFEL GmbH

nachricht MPSD-Team entdeckt lichtinduzierte Ferroelektrizität in Strontiumtitanat
14.06.2019 | Max-Planck-Institut für Struktur und Dynamik der Materie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Informationstechnologie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: MPSD-Team entdeckt lichtinduzierte Ferroelektrizität in Strontiumtitanat

Mit Licht lassen sich Materialeigenschaften nicht nur messen, sondern auch verändern. Besonders interessant sind dabei Fälle, in denen eine fundamentale Eigenschaft eines Materials verändert werden kann, wie z.B. die Fähigkeit, Strom zu leiten oder Informationen in einem magnetischen Zustand zu speichern. Ein Team um Andrea Cavalleri vom Max-Planck-Institut für Struktur und Dynamik der Materie in Hamburg, hat nun Lichtimpulse aus dem Terahertz-Frequenzspektrum benutzt, um ein nicht-ferroelektrisches Material in ein ferroelektrisches umzuwandeln.

Ferroelektrizität ist ein Zustand, in dem die Atome im Kristallgitter eine bestimmte Richtung "aufzeigen" und dadurch eine makroskopische elektrische...

Im Focus: MPSD team discovers light-induced ferroelectricity in strontium titanate

Light can be used not only to measure materials’ properties, but also to change them. Especially interesting are those cases in which the function of a material can be modified, such as its ability to conduct electricity or to store information in its magnetic state. A team led by Andrea Cavalleri from the Max Planck Institute for the Structure and Dynamics of Matter in Hamburg used terahertz frequency light pulses to transform a non-ferroelectric material into a ferroelectric one.

Ferroelectricity is a state in which the constituent lattice “looks” in one specific direction, forming a macroscopic electrical polarisation. The ability to...

Im Focus: Konzert der magnetischen Momente

Forscher aus Deutschland, den Niederlanden und Südkorea haben in einer internationalen Zusammenarbeit einen neuartigen Weg entdeckt, wie die Elektronenspins in einem Material miteinander agieren. In ihrer Publikation in der Fachzeitschrift Nature Materials berichten die Forscher über eine bisher unbekannte, chirale Kopplung, die über vergleichsweise lange Distanzen aktiv ist. Damit können sich die Spins in zwei unterschiedlichen magnetischen Lagen, die durch nicht-magnetische Materialien voneinander getrennt sind, gegenseitig beeinflussen, selbst wenn sie nicht unmittelbar benachbart sind.

Magnetische Festkörper sind die Grundlage der modernen Informationstechnologie. Beispielsweise sind diese Materialien allgegenwärtig in Speichermedien wie...

Im Focus: Schwerefeldbestimmung der Erde so genau wie noch nie

Forschende der TU Graz berechneten aus 1,16 Milliarden Satellitendaten das bislang genaueste Schwerefeldmodell der Erde. Es liefert wertvolles Wissen für die Klimaforschung.

Die Erdanziehungskraft schwankt von Ort zu Ort. Dieses Phänomen nutzen Geodäsie-Fachleute, um geodynamische und klimatologische Prozesse zu beobachten....

Im Focus: Determining the Earth’s gravity field more accurately than ever before

Researchers at TU Graz calculate the most accurate gravity field determination of the Earth using 1.16 billion satellite measurements. This yields valuable knowledge for climate research.

The Earth’s gravity fluctuates from place to place. Geodesists use this phenomenon to observe geodynamic and climatological processes. Using...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Doc Data – warum Daten Leben retten können

14.06.2019 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - August 2019

13.06.2019 | Veranstaltungen

Künstliche Intelligenz in der Materialmikroskopie

13.06.2019 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

German Innovation Award für Rittal VX25 Schaltschranksystem

14.06.2019 | Förderungen Preise

Fraunhofer SCAI und Uni Bonn zeigen innovative Anwendungen und Software für das High Performance Computing

14.06.2019 | Messenachrichten

Autonomes Premiumtaxi sofort oder warten auf den selbstfahrenden Minibus?

14.06.2019 | Interdisziplinäre Forschung

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics