Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

„Ich `google´ mal schnell meinen Haustürschlüssel“

06.09.2013
Medieninformatiker der Universität Ulm haben eine "Suchmaschine" entwickelt, die in geschlossenen Räumen und sogar in Möbeln nach Gegenständen suchen kann.

Dafür werden Schlüsselbund, Geldbeutel oder Sonnenbrille mit speziellen Anhängern bzw. Aufklebern versehen, die mit kleinen Funkmodulen ausgestattet sind.


"stuff-tag" im Größenvergleich zu einer 1-Euro-Münze. Elvira Eberhardt / Uni Ulm

Ein technisch aufgerüstetes "Smart Furniture" macht es über relative Positionierung möglich, den gesuchten Gegenstand zu lokalisieren. Die Suchanfrage wird einfach über ein webbasiertes Interface eingegeben: "Wo ist mein Geldbeutel?". Informationen über den Fundort liefert schließlich der Computer in verständlichem Deutsch: "Der Geldbeutel liegt zwischen Bett und Schrank!".

Die Zeit drängt, man will aus dem Haus. Doch von Autoschlüssel und Geldbeutel keine Spur. Das nervt. Durchschnittlich verlegt ein Normalbürger laut Angaben eines britischen Versicherungskonzerns bis zu neun Gegenstände pro Woche, ganz oben auf der Liste Handy, Schlüssel und Sonnenbrillen.

Das muss endlich ein Ende haben, dachten sich drei Master-Studenten der Universität Ulm vor einem Jahr. Die angehenden Medieninformatiker haben nun gemeinsam mit ihren drei Betreuern eine Suchmaschine entwickelt, mit der Gegenstände in geschlossenen Räumen und dabei sogar in einzelnen Möbelstücken aufgespürt werden können: „Find My Stuff“ (FiMS). Über eine web-basierte Eingabemaske wird die Suchanfrage gestellt: Wo ist der Schlüssel? „Der Computer antwortet dann mit Sätzen wie `In der zweiten Schublade der Kommode´ oder `Zwischen Tisch und Sofa´“, illustriert Steffen Musiol, der den Webauftritt des Teams programmiert hat.

Zuvor muss das gesuchte Objekt allerdings mit einem speziellen Anhänger bzw. Aufkleber versehen werden, einem briefmarkengroßen Chip, der mit zwei verschiedenen Funkmodulen ausgestattet ist, einem sogenannten ZigBee-Sender und einem RFID-Transponder. „Beide Systeme arbeiten mit unterschiedlichen Reichweiten und werden so kombiniert, dass nicht nur in Räumen, sondern auch in bestimmten Möbelstücken gesucht werden kann“, erläutert Jens Nickels, Masterstudent im vierten Fachsemester.

Im Mittelpunkt ihrer Entwicklung stehen sogenannte „Smart Furniture“: in diesem Fall eine mit Funktechnik aufgerüstete Kommode. Kommilitone Pascal Knierim öffnet die unterste Schublade. „Hier sieht man an den Innenseiten die Zigarettenschachtel-großen Antennen und daneben die kleineren ZigBee-Module“, demonstriert der Ulmer Medieninformatik-Student an der umfunktionierten Kommode eines schwedischen Möbelhauses. Die Funkeinrichtung im schlauen Möbelstück steht schließlich über einen gewöhnlichen WiFi-Router mit dem Server in Verbindung.

Und wie funktioniert das Ganze? Im Gegensatz zu Positionierungsmethoden, die absolute Koordinaten berechnen, arbeitet „`FiMS´ nach dem Prinzip der relativen Positionierung mit Hilfe von Signalstärkemessungen. Abschirmungs- und Reflexionseffekte machen uns daher weniger zu schaffen“, erklärt Doktorand Bastian Könings die Idee. Die Suchanfrage wird über ein webbasiertes Interface gestellt, also mit einer speziell dafür programmierten Internetseite, und an den Server übermittelt. Mit Hilfe des WiFi-Routers schickt der Server dann eine Suchanfrage an die „schlauen“ Möbel und lässt über das energiearme RFID-Funksignal überprüfen, ob der gesuchte Gegenstand innerhalb dieser Möbel verborgen ist, beispielsweise in bestimmten Schubladen oder Schränken. Bleibt die Suche erfolglos, kontaktiert der Server den gesuchten Gegenstand selbst mit der programmierten Aufforderung, sich über ein ZigBee mit größerer Reichweite bei den nächsten in den Möbeln eingebauten Antennen bemerkbar zu machen. Die Empfangsstärke des Signals wird bei den unterschiedlichen Antennen gemessen und über eine Recheneinheit zentral ausgewertet. Ein zweidimensionaler Graph im Hintergrund, auf dem die räumlichen Beziehungen der Möbelstücke mit den gerichteten Antennen automatisch abgebildet werden, ermöglicht dann die relative Positionierung. Und schließlich formuliert der Computer das versprachlichte Suchergebnis: „Das Handy liegt rechts vom Bett“.

„Die große Herausforderung für uns bestand in der Hardware-nahen Programmierung“, so die Studenten, die FiMS beim Projektmodul „Ubiquitous Computing“ im Rahmen des Ulmer Masterstudienganges Medieninformatik entwickelt haben. Betreut wurden sie dabei von den Doktoranden Florian Schaub, Bastian Könings und Björn Wiedersheim, allesamt Wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für Medieninformatik von Professor Michael Weber. „Auf jeden Betreuer kam ein Student. Das ist schon ein tolles Betreuungsverhältnis“, sind sich die Entwickler einig.

FiMS arbeitet nicht nur energiearm, sondern ist auch einfach zu bedienen. „Dafür muss man kein Technikfreak sein, und noch nicht einmal vor Ort. Denn man kann die Suchanfrage einfach über das Internet stellen“, erklärt das Team. Mittlerweile gab es mehrere Nutzerstudien mit über 100 Testern. Bis zur Marktreife muss allerdings wohl noch einiges an Zeit und Geld investiert werden. „Schön wäre es, wenn ein Möbelkonzern mit unserer Nachrüstung in Serie gehen würde, dann wäre die Technik an sich recht preisgünstig“, schildern die Medieninformatik-Studenten ihre Vision. Die Suchmaschinen-Konstrukteure können sich auch gut vorstellen, dass das ein oder andere Unternehmen aus der Lageristik-Branche an ihrer Erfindung Interesse haben könnte. In der zweiten Septemberwoche werden die Ulmer Medieninformatiker ihr Projekt erst einmal bei einer großen Fachtagung über Ubiquitäres Computing, der „UbiComp `13“ in Zürich, vorstellen. Den Zugang zur Fachwelt haben die Jung-Wissenschaftler mit „Find My Stuff“ also schon gefunden.

Verantwortlich: Andrea Weber-Tuckermann

Willi Baur | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-ulm.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Informationstechnologie:

nachricht Fraunhofer IPT und Partner setzen Standards für Augmented-Reality-Anwendungen in der Produktion
04.08.2020 | Fraunhofer-Institut für Produktionstechnologie IPT

nachricht Projekt Applikationszentrum V/AR stellt vergleichende Messung von VR-Trackingsystemen vor
04.08.2020 | Virtual Dimension Center Fellbach w. V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Informationstechnologie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Projektabschluss ScanCut: Filigranere Steckverbinder dank Laserschneiden

Eine entscheidende Ergänzung zum Stanzen von Kontakten erarbeiteten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT. Die Aachener haben im Rahmen des EFRE-Forschungsprojekts ScanCut zusammen mit Industriepartnern aus Nordrhein-Westfalen ein hybrides Fertigungsverfahren zum Laserschneiden von dünnwandigen Metallbändern entwickelt, wodurch auch winzige Details von Kontaktteilen umweltfreundlich, hochpräzise und effizient gefertigt werden können.

Sie sind unscheinbar und winzig, trotzdem steht und fällt der Einsatz eines modernen Fahrzeugs mit ihnen: Die Rede ist von mehreren Tausend Steckverbindern im...

Im Focus: ScanCut project completed: laser cutting enables more intricate plug connector designs

Scientists at the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT have come up with a striking new addition to contact stamping technologies in the ERDF research project ScanCut. In collaboration with industry partners from North Rhine-Westphalia, the Aachen-based team of researchers developed a hybrid manufacturing process for the laser cutting of thin-walled metal strips. This new process makes it possible to fabricate even the tiniest details of contact parts in an eco-friendly, high-precision and efficient manner.

Plug connectors are tiny and, at first glance, unremarkable – yet modern vehicles would be unable to function without them. Several thousand plug connectors...

Im Focus: Elektrogesponnene Vliese mit gerichteten Fasern für die Sehnen- und Bänderrekostruktion

Sportunfälle und der demografische Wandel sorgen für eine gesteigerte Nachfrage an neuen Möglichkeiten zur Regeneration von Bändern und Sehnen. Eine Kooperation aus italienischen und deutschen Wissenschaftler*innen forschen gemeinsam an neuen Materialien, um dieser Nachfrage gerecht zu werden.

Dem Team ist es gelungen elektrogesponnene Vliese mit hochgerichteten Fasern zu generieren, die eine geeignete Basis für Ersatzmaterialien für Sehnen und...

Im Focus: New Strategy Against Osteoporosis

An international research team has found a new approach that may be able to reduce bone loss in osteoporosis and maintain bone health.

Osteoporosis is the most common age-related bone disease which affects hundreds of millions of individuals worldwide. It is estimated that one in three women...

Im Focus: Neue Strategie gegen Osteoporose

Ein internationales Forschungsteam hat einen neuen Ansatzpunkt gefunden, über den man möglicherweise den Knochenabbau bei Osteoporose verringern und die Knochengesundheit erhalten kann.

Die Osteoporose ist die häufigste altersbedingte Knochenkrankheit. Weltweit sind hunderte Millionen Menschen davon betroffen. Es wird geschätzt, dass eine von...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Innovationstage 2020 – digital

06.08.2020 | Veranstaltungen

Innovationen der Luftfracht: 5. Air Cargo Conference real und digital

04.08.2020 | Veranstaltungen

T-Shirts aus Holz, Möbel aus Popcorn – wie nachwachsende Rohstoffe fossile Ressourcen ersetzen können

30.07.2020 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Der Türsteher im Gehirn

06.08.2020 | Biowissenschaften Chemie

Kognitive Energiesysteme: Neues Kompetenzzentrum sucht Partner aus Wissenschaft und Wirtschaft

06.08.2020 | Energie und Elektrotechnik

Projektabschluss ScanCut: Filigranere Steckverbinder dank Laserschneiden

06.08.2020 | Verfahrenstechnologie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics