Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Glasnost im Internet

27.05.2008
Eine neue Software prüft die Aktivitäten der Internetdienstleister, von denen manche den Datenverkehr systematisch manipulieren

Internet bedeutet Information für alle und über alles. Doch die Internetdienstleister, die den weltweiten Datenaustausch möglich machen, halten sich nicht an diese Maxime und verbergen, wie sie den digitalen Verkehr im Detail regeln. Manche haben dafür gute Gründe, wie Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Softwaresysteme in Saarbrücken nun herausgefunden haben:

Die beiden US-amerikanischen Dienstleister Comcast und Cox sowie Starhub in Singapur blockieren demnach systematisch Datenströme, die Internet-Nutzer mithilfe der BitTorrent-Software erzeugen. Diese Software hilft große Datenmengen etwa von Musik- oder Filmdateien effizient zu übermitteln. Das Ergebnis ihrer Studie verstehen die Forscher als ersten Schritt eines Projekts, das sie Glasnost nennen. Darin wollen sie die Aktivitäten der Dienstleister mit eigens entwickelter Software transparenter machen.

Einige Millionen Internet-Nutzer weltweit schließen Ihre PCs mit BitTorrent zu einem großen Datenspeicher zusammen, aus dem sich jeder Teilnehmer Musik, Filme und andere Dateien auf seine Festplatte laden kann. Filesharing heißt das im Fachjargon, und BitTorrent ist die gebräuchlichste Software, die das ermöglicht. Die Schätzungen, wie viel der Datentausch via BitTorrent am weltweiten Internet-Aufkommen ausmacht, reichen von 15 bis 50 Prozent.

... mehr zu:
»BitTorrent »Glasnost

Zumindest die drei Dienstleister Comcast, Cox und Starhub greifen aber immer wieder in den Datentausch ein und blockieren die Datenströme, wie eine Studie der Saarbrücker Forscher ergeben hat: Die Dienstleister schicken eine Meldung an Sender und Empfänger der Daten, woraufhin diese die Verbindung kappen.

Blockade zu jeder Tageszeit

Dass Internet-Dienstleister den Datenvekehr reglementieren, haben diese nie verhehlt. Doch sie haben sich stets darauf berufen, nur zu Stoßzeiten einzugreifen, um einen Datenstau zu verhindern. Doch das stimmt zumindest für die drei identifizierten Dienstleister nicht: Sie unterbrechen Verbindungen im BitTorrent-Datentausch rund um die Uhr, wenn auch nicht alle und ohne erkennbaren Zusammenhang zum getauschten Inhalt. "Mit dem Zweck den Datenverkehr zu entlasten lässt sich das nicht rechtfertigen", sagt Krishna P. Gummadi. Seine Arbeitsgruppe am Saarbrücker Max-Planck-Institut hat eine Software entwickelt, die sie auf ihrer website zugänglich machen. Mit dem Programm können Nutzer von BitTorrent testen, ob ihr Dienstleiter das Filesharing manipuliert. Die Testergebnisse von bislang 8000 Internet-Nutzern weltweit flossen in die aktuelle Studie ein.

Die völlige Blockade ist dabei nur eine Art der Manipulation, die sich mit der Software Saarbrücker Forscher aufdecken lässt: Sie findet auch heraus, ob der Dienstleister den Datenkanal für BitTorrent-Pakete zuschnürt, um die Übertragungsrate zu senken. Die Ergebnisse der Tests fassen die Wissenschaftler zu Studien zusammen. "Welche Dienstleister die Übertragungsdaten gezielt reduzieren, müssen wir noch auswerten", sagt Krishna Gummadi und betont: "Dabei geht es uns nicht darum, bestimmte Anbieter oder die Manipulationen anzuprangern - über die Neutralität des Netzes muss politisch entschieden werden. Wir wollen nur transparent machen, wie die Dienstleister vorgehen."

In ihrem Projekt Glasnost möchten sie aber nicht nur enthüllen, wie die Dienstleister gezielt den Datenverkehr beeinflussen, sondern auch wie sie ihn generell organisieren: wie viele Pakete sie pro Sekunde befördern, wie lange die Datenpakete vom Sender zum Empfänger brauchen, und ob sich Datenpakete beim Sender oder Empfänger stauen. Diese Erkenntnisse sollen den Entwicklern von Anwendungen wie der Internet-Telefonie helfen, ihre Software an diese technischen Vorgaben anzupassen. Nutzer des Internets können sich anhand der Ergebnisse aber auch einen Dienstleister suchen, der seine Anwendungen am besten unterstützt.

200.000 Besucher an einem Tag

"Zu diesem Zweck entwickeln wir Programme, um die Arbeit der Dienstleiter zu dokumentieren", sagt Krishna Gummadi. Mit einem dieser Programme kann jeder prüfen, ob sein Dienstleiter BitTorrent-Pakete uneingeschränkt transportiert: Ein Server des Saarbrücker Max-Planck-Instituts schickt dem Nutzer auf Anfrage Pakete, die wie BitTorrent-Pakete aussehen - zumindest für den Dienstleister. Gleichzeitig verfolgt das Programm, das Gummadi und seine Mitarbeiter geschrieben haben, ob und wie schnell der Dienstleister die Pakete zum Empfänger bringt.

Anfangs baten die Saarbrücker Forscher nur Kollegen und Freunde den Test anzuwenden. Schnell verbreiteten die über Blogs und einschlägige Foren die Nachricht von der Software. Inzwischen reichen die Kapazitäten des Max-Planck-Instituts längst nicht mehr aus, um alle Anfragen zu bewältigen. 1500 Tests pro Tag sind möglich. "An einem Tag hatten wir aber sogar 200.000 Besucher auf unserer Seite", sagt Krishna Gummadi. Daher überlegen die Forscher, ob sie ihr Programm nicht auch auf anderen Rechnern installieren sollten. "Wir sind allerdings nicht sicher, ob wir entsprechende Angebote auch von Microsoft, Netscape oder ähnlichen Firmen annehmen sollen", sagt Krishna Gummadi: "Bislang genießen wir unter Internet-Nutzern auch deshalb so hohes Ansehen, weil wir unabhängig sind."

Dr. Bernd Wirsing | Max-Planck-Gesellschaft
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de

Weitere Berichte zu: BitTorrent Glasnost

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Informationstechnologie:

nachricht Innovationen für die Mobilität von morgen
23.04.2019 | Technische Universität Chemnitz

nachricht Stromausfall: Krisen per Knopfdruck managen
17.04.2019 | Telekom-TechBoost-Serinus

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Informationstechnologie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Quantenmaterie fest und supraflüssig zugleich

Forscher um Francesca Ferlaino an der Universität Innsbruck und an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften haben in dipolaren Quantengasen aus Erbium- und Dysprosiumatomen suprasolide Zustände beobachtet. Im Dysprosiumgas ist dieser exotische Materiezustand außerordentlich langlebig, was die Tür für eingehendere Untersuchungen weit aufstößt.

Suprasolidität ist ein paradoxer Zustand, in dem die Materie sowohl supraflüssige als auch kristalline Eigenschaften besitzt. Die Teilchen sind wie in einem...

Im Focus: Quantum gas turns supersolid

Researchers led by Francesca Ferlaino from the University of Innsbruck and the Austrian Academy of Sciences report in Physical Review X on the observation of supersolid behavior in dipolar quantum gases of erbium and dysprosium. In the dysprosium gas these properties are unprecedentedly long-lived. This sets the stage for future investigations into the nature of this exotic phase of matter.

Supersolidity is a paradoxical state where the matter is both crystallized and superfluid. Predicted 50 years ago, such a counter-intuitive phase, featuring...

Im Focus: Explosion on Jupiter-sized star 10 times more powerful than ever seen on our sun

A stellar flare 10 times more powerful than anything seen on our sun has burst from an ultracool star almost the same size as Jupiter

  • Coolest and smallest star to produce a superflare found
  • Star is a tenth of the radius of our Sun
  • Researchers led by University of Warwick could only see...

Im Focus: Neues „Baustein-Konzept“ für die additive Fertigung

Volkswagenstiftung fördert Wissenschaftler aus dem IPF Dresden bei der Erkundung eines innovativen neuen Ansatzes im 3D-Druck

Im Rahmen Ihrer Initiative „Experiment! - Auf der Suche nach gewagten Forschungsideen“
fördert die VolkswagenStiftung ein Projekt, das von Herrn Dr. Julian...

Im Focus: Vergangenheit trifft Zukunft

autartec®-Haus am Fuß der F60 fertiggestellt

Der Hafen des Bergheider Sees beherbergt seinen ersten Bewohner. Das schwimmende autartec®-Haus – entstanden im Rahmen eines vom Bundesministerium für Bildung...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Künstliche Intelligenz: Lernen von der Natur

17.04.2019 | Veranstaltungen

Mobilität im Umbruch – Conference on Future Automotive Technology, 7.-8. Mai 2019, Fürstenfeldbruck

17.04.2019 | Veranstaltungen

Augmented Reality und Softwareentwicklung: 33. Industrie-Tag InformationsTechnologie (IT)²

17.04.2019 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Im Labyrinth offenbaren Bakterien ihre Individualität

23.04.2019 | Biowissenschaften Chemie

Proteinansammlung schädigt Nervenzellen in der Multiplen Sklerose

23.04.2019 | Medizin Gesundheit

Neue Messmethode zur Datierung von Gletschereis

23.04.2019 | Geowissenschaften

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics