Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Zwischen Stabilisierung und Polarisierung – Studie zu sozialräumlichen Entwicklungen in Halle

25.02.2014
Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS) haben im Rahmen des Forschungsprojekts „Stadtpolitik im Umgang mit Peripherisierung“ eine umfassende Studie sozialräumlicher Entwicklungen in Halle (Saale) durchgeführt. Dabei identifizierten sie Viertel mit hohem sozialstrukturellen Problemdruck und führten in zwei dieser Viertel Detailanalysen durch. Die Ergebnisse zeigen zwar eine positive soziale Gesamtentwicklung für die Stadt, zugleich verstärkt sich die räumliche Ballung sozialer Probleme. Abschließend gibt die Studie einen Ausblick auf Handlungsalternativen der Stadtpolitik.

„Im Mittelpunkt unseres Interesses stehen Entwicklungsprozesse von peripherisierten Stadtvierteln“, sagt Dr. Matthias Bernt, einer der Autoren der Studie. „Unter Peripherisierung verstehen wir weniger sozial-räumliche Problemlagen als Zustand, sondern den Prozess und die Dynamik von Abkopplung, Stigmatisierung und Abhängigkeit.“ Mittels der kommunalen Statistik der Stadt Halle konnten die Wissenschaftler diese Prozesse kleinräumig nachvollziehen. Sie kamen zu folgenden Ergebnissen:


Räumliche Darstellung der Untersuchungsergebnisse der Studie zu sozial-räumlichen Entwicklungen in Halle (Saale) - Verteilung der Viertel mit niedrigem, mittlerem und hohem sozialen Problemdruck.

 
- Die Gesamtentwicklung der Stadt hat sich von 2005 bis 2011 stabilisiert. Neben einer Zunahme der Bevölkerungszahl hat sich auch die Zahl der Arbeitslosen und Empfänger von Transferleistungen positiv entwickelt.

- Der positive Gesamttrend übersetzt sich jedoch nicht in alle Stadtviertel Halles. Unterschiedliche Teile der Stadt rücken sozialstrukturell weiter auseinander. Dabei entwickeln sich Gebiete mit einer positiven Gesamtentwicklung weiterhin positiv, während sich Problemlagen vor allem in Gebieten, die sowieso schon mit hohen sozialen Schwierigkeiten kämpfen, weiter verschärfen.
- Auffällig ist eine räumliche Ballung peripherisierter Gebiete in den Großsiedlungen, allerdings sind Konzentrationen sozial benachteiligter Haushalte auch in Teilen der Gründerzeitbebauung zu finden.
- Armut ist in den betroffenen Gebieten kein Minderheitenphänomen, sondern betrifft große Teile der Wohnbevölkerung. Beispielsweise sind im Südpark dreiviertel aller Kinder von Armut betroffen.

 
Die Wissenschaftler des IRS analysierten diese Phänomene en detail in den Vierteln Freiimfelde/Kanenaer Weg (vornehmlich Altbauten) und Südliche Neustadt/Südpark (peripherer Neubaukomplex). Dort konnten sie entgegen dem Gesamttrend der Stadt eine Reihe problematischer Entwicklungen feststellen: Es erhöht, vertieft und verfestigt sich die soziale Ungleichheit der Viertel gegenüber der Gesamtstadt, vor allem durch Zuzüge armer Haushalte. „Die wachsende räumliche Konzentration kann zu Abgrenzungs- und Isolationseffekten bei den Bewohnern führen“, sagt Daniel Förste, der an der Studie beteiligt war. „Für ihn führt „räumlich verfestigte Armut zu einem Auseinanderdriften der Lebenswelten der Bürger Halles, die sich in einer ungleichen Verteilung von Chancen zur Teilnahme an der Stadtgesellschaft, sozialen Konflikten, Resignation und Ablehnung niederschlagen kann“. 

 
Bernt und Förste sehen mehrere Handlungsalternativen für die Stadtpolitik, um diese Situation zu verbessern – alle haben jedoch Vor- und Nachteile. Wichtig sei, dass alle Maßnahmen gebietsspezifisch durchgeführt werden. „Wir haben drei Szenarien entwickelt: Die forcierte Schrumpfung setzt den Rückbaukurs in der Großwohnsiedlung fort, um so die kompakte Siedlungsstruktur zu erhalten und die Umzüge zu steuern“, erläutert Bernt. „Im Szenario Erhalt und Aufwertung wird eine Kehrtwende vollzogen und der Wiedereinstieg in die Förderung baulicher und sozialer Infrastrukturen vollzogen. Damit könnten Eigentümer und Bewohner vor Ort gestärkt und die soziale Selektivität des Zuzugs vermindert werden. Ebenso wie die forcierte Schrumpfung ist aber ein erheblicher Mitteleinsatz nötig.“ Die dritte Handlungsalternative wäre, den Status Quo beizubehalten, also auf strategische Interventionen zu verzichten. Dies erfordert keine zusätzlichen Mittel, birgt aber erhebliche soziale Risiken. „Wir haben gezeigt, dass auch bei positiver Gesamtentwicklung eine Abwärtsspirale in einzelnen Vierteln beobachtet werden kann“, so Bernt. „Welches Szenario letztlich in die Tat umgesetzt wird, betrifft in jedem Fall Akteure in der gesamten Stadt Halle und sollte daher offen diskutiert und ausgehandelt werden.“

Weitere Informationen:

http://www.irs-net.de/download/publikationen/Halle_Kleinraeumliche%20Untersuchun... Volltext der Studie
http://www.irs-net.de/aktuelles/fotos/PM%202014_02_25%20Sozialstudie%20Halle_Kar... Räumliche Darstellung der Untersuchungsergebnisse der Studie zu sozial-räumlichen Entwicklungen in Halle (Saale). Die Karte gibt Aufschluss über die Verteilung der Viertel mit niedrigem, mittlerem und hohem sozialen Problemdruck.

Jan Zwilling | idw

Weitere Berichte zu: Regionalentwicklung Stadtgesellschaft Strukturplanung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Mit stochastischer Spieltheorie zu mehr Kooperation
05.07.2018 | Institute of Science and Technology Austria

nachricht Deutschland wächst – aber nicht überall
24.04.2018 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Superscharfe Bilder von der neuen Adaptiven Optik des VLT

Das Very Large Telescope (VLT) der ESO hat das erste Licht mit einem neuen Modus Adaptiver Optik erreicht, die als Lasertomografie bezeichnet wird – und hat in diesem Rahmen bemerkenswert scharfe Testbilder vom Planeten Neptun, von Sternhaufen und anderen Objekten aufgenommen. Das bahnbrechende MUSE-Instrument kann ab sofort im sogenannten Narrow-Field-Modus mit dem adaptiven Optikmodul GALACSI diese neue Technik nutzen, um Turbulenzen in verschiedenen Höhen in der Erdatmosphäre zu korrigieren. Damit ist jetzt möglich, Bilder vom Erdboden im sichtbaren Licht aufzunehmen, die schärfer sind als die des NASA/ESA Hubble-Weltraumteleskops. Die Kombination aus exquisiter Bildschärfe und den spektroskopischen Fähigkeiten von MUSE wird es den Astronomen ermöglichen, die Eigenschaften astronomischer Objekte viel detaillierter als bisher zu untersuchen.

Das MUSE-Instrument (kurz für Multi Unit Spectroscopic Explorer) am Very Large Telescope (VLT) der ESO arbeitet mit einer adaptiven Optikeinheit namens GALACSI. Dabei kommt auch die Laser Guide Stars Facility, kurz ...

Im Focus: Diamant – ein unverzichtbarer Werkstoff der Fusionstechnologie

Forscher am KIT entwickeln Fenstereinheiten mit Diamantscheiben für Fusionsreaktoren – Neue Scheibe mit Rekorddurchmesser von 180 Millimetern

Klimafreundliche und fast unbegrenzte Energie aus dem Fusionskraftwerk – für dieses Ziel kooperieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit. Bislang...

Im Focus: Wiener Forscher finden vollkommen neues Konzept zur Messung von Quantenverschränkung

Quantenphysiker/innen der ÖAW entwickelten eine neuartige Methode für den Nachweis von hochdimensional verschränkten Quantensystemen. Diese ermöglicht mehr Effizienz, Sicherheit und eine weitaus geringere Fehleranfälligkeit gegenüber bisher gängigen Mess-Methoden, wie die Forscher/innen nun im Fachmagazin „Nature Physics“ berichten.

Die Vision einer vollständig abhörsicheren Übertragung von Information rückt dank der Verschränkung von Quantenteilchen immer mehr in Reichweite. Wird eine...

Im Focus: Was passiert, wenn wir das Atomgitter eines Magneten plötzlich aufheizen?

„Wir haben jetzt ein klares Bild davon, wie das heiße Atomgitter und die kalten magnetischen Spins eines ferrimagnetischen Nichtleiters miteinander ins Gleichgewicht gelangen“, sagt Ilie Radu, Wissenschaftler am Max-Born-Institut in Berlin. Das internationale Forscherteam fand heraus, dass eine Energieübertragung sehr schnell stattfindet und zu einem neuartigen Zustand der Materie führt, in dem die Spins zwar heiß sind, aber noch nicht ihr gesamtes magnetisches Moment verringert haben. Dieser „Spinüberdruck“ wird durch wesentlich langsamere Prozesse abgebaut, die eine Abgabe von Drehimpuls an das Gitter ermöglichen. Die Forschungsergebnisse sind jetzt in "Science Advances" erschienen.

Magnete faszinieren die Menschheit bereits seit mehreren tausend Jahren und sind im Zeitalter der digitalen Datenspeicherung von großer praktischer Bedeutung....

Im Focus: Erste Beweise für Quelle extragalaktischer Teilchen

Zum ersten Mal ist es gelungen, die kosmische Herkunft höchstenergetischer Neutrinos zu bestimmen. Eine Forschungsgruppe um IceCube-Wissenschaftlerin Elisa Resconi, Sprecherin des Sonderforschungsbereichs SFB1258 an der Technischen Universität München (TUM), liefert ein wichtiges Indiz in der Beweiskette, dass die vom Neutrino-Teleskop IceCube am Südpol detektierten Teilchen mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer Galaxie in vier Milliarden Lichtjahren Entfernung stammen.

Um andere Ursprünge mit Gewissheit auszuschließen, untersuchte das Team um die Neutrino-Physikerin Elisa Resconi von der TU München und den Astronom und...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Stadtklima verbessern, Energiemix optimieren, sauberes Trinkwasser bereitstellen

19.07.2018 | Veranstaltungen

Innovation – the name of the game

18.07.2018 | Veranstaltungen

Wie geht es unserer Ostsee? Ein aktueller Zustandsbericht

17.07.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Europaweit erste Patientin mit neuem Hybridgerät zur Strahlentherapie behandelt

19.07.2018 | Medizintechnik

Waldrand oder mittendrin: Das Erbgut von Mausmakis unterscheidet sich je nach Lebensraum

19.07.2018 | Biowissenschaften Chemie

Automatisiertes Befüllen von Regalen im Einzelhandel

19.07.2018 | Verkehr Logistik

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics