Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Nach einem Konflikt pfeifen Verbündete auf die Solidarität

13.11.2012
Wer sich im Wettstreit oder im Krieg befindet, sollte vorsichtig damit sein, Allianzen zu schließen. Vor allem gilt dies, wenn im Anschluss an den Konflikt eine Beute geteilt werden muss

Ökonomen vom Max-Planck-Institut für Steuerrecht und Öffentliche Finanzen haben jetzt anhand spieltheoretischer Experimente gezeigt, dass die Solidarität unter einst Verbündeten rapide schwindet, sobald es keinen gemeinsamen Gegner mehr zu bekämpfen gilt. Geht es nach dem Ende eines Konfliktes darum, eine Beute aufzuteilen, bekämpfen sich ehemalige Gefährten sogar noch heftiger, als es Fremde tun würden.

Bereits während des Konflikts bringen Allianzmitglieder gemeinsam nur halb so viel Einsatz wie ihr Gegner. Wenn sie mit einem späteren Verteilungskonflikt rechnen müssen, fahren sie ihr Engagement sogar noch weiter zurück.

In Allianzen zu kämpfen kann Vorteile haben. Psychologen raten davon ab, einer Gruppe als Einzelkämpfer entgegenzutreten. Im Team dagegen gibt die Interaktion in der Gemeinschaft Rückhalt, und ein gemeinsames Feindbild stärkt die Solidarität innerhalb der Gruppe. Die ökonomische Konfliktforschung hat herausgefunden, dass Allianzen aber auch unter Problemen des kollektiven Handelns leiden, zum Beispiel unter dem so genannten Trittbrettfahrerproblem: Weil sie vom Einsatz ihrer Mitstreiter profitieren können, nehmen die einzelnen Mitglieder ihr Engagement während des Konflikts zurück. Zusätzlich führt das Wissen um einen späteren Verteilungskonflikt beim Aufteilen der Beute dazu, dass die Mitglieder der Allianz den Sieg über den Gegner geringer schätzen.

Dass Allianzen schnell zerbrechen können, wenn der Gegner besiegt ist, hat die Geschichte schon oft gezeigt: Nach dem zweiten Weltkrieg und dem Sieg über Hitler-Deutschland bahnte sich zwischen den ehemals verbündeten Supermächten USA und der Sowjetunion schnell der nächste Konflikt an: der Kalte Krieg. Aber auch in Wirtschaftsunternehmen, etwa wenn es um eine Beförderung geht, oder bei Wettkämpfen im Sport, können aus loyalen Team-Kollegen schnell erbitterte Feinde werden.

Changxia Ke, Kai A. Konrad und Florian Morath vom Max-Planck-Institut für Steuerrecht und Öffentliche Finanzen haben in ihrer experimentellen Studie danach gefragt, ob Verbündete, die mit einem späteren Verteilungskonflikt rechnen, sich weniger engagieren als jene, für die im Vorhinein klar ist, wie die Beute geteilt wird. Weiterhin wollten sie wissen, ob die Solidarität zwischen Bündnispartnern, die im Wettbewerb mit einem Außenstehenden zu beobachten ist, noch Bestand hat, wenn der Gegner besiegt ist. Wie beeinflusst das Schulter-an-Schulter Kämpfen die Bereitschaft, bei einem Verteilungskonflikt gegeneinander anzutreten?

Wer um einen späteren Konflikt weiß, leistet weniger für die Gemeinschaft

In Laborexperimenten stellten die Wissenschaftler daher zunächst den Wettbewerb zwischen einer Allianz aus zwei Spielern und einem Einzelspieler nach. Dabei verglichen sie das Engagement der Spieler, die sich nach dem Wettbewerb mit einem Verteilungskonflikt konfrontiert sahen, mit dem Engagement jener Teilnehmer, für die klar war, wie sie die Beute aufteilen würden. Die Wissenschaftler konnten nachweisen, dass kollektives Handeln generell ein Problem für Allianzen darstellt: Selbst wenn feststand, dass die Beute später friedlich geteilt wird, investierten die Allianzmitglieder insgesamt nur halb so viel wie die Einzelspieler. Wenn sie wussten, dass es später zu einem Verteilungskonflikt kommen würde, engagierten sie sich sogar noch weniger. In diesem Fall schätzten die Mitglieder einer Allianz den Wert einer Beute geringer ein und trugen in Folge auch weniger zum Gesamtergebnis bei.

Wenn es um die Beute geht, wird der Freund schnell zum Feind

In einem weiteren Experiment untersuchten die Ökonomen Verteilungskonflikte und verglichen den Aufwand, den zwei ehemalige Mitglieder einer Allianz betreiben, mit dem Einsatz zweier neutraler Spieler ohne gemeinsame Vergangenheit, die sich in einem Zweikampf gegenüberstanden. Sie fanden heraus, dass sich die Solidarität zwischen den Mitgliedern einer Allianz schnell auflöst, wenn der Feind erst mal besiegt ist. Ehemals Verbündete sind nicht willens, weniger miteinander zu kämpfen als Fremde. Im Gegenteil: Frühere Allianzmitglieder zeigen sich beim Aufteilen der gemeinsamen Beute sogar noch erbitterter als Fremde, die um einen vergleichbaren Preis wetteifern.

Generell bietet es sich also für Allianzen an, im Vorfeld eines Konflikts genau festzulegen, wie der Preis oder die Beute später aufgeteilt werden soll. Dann engagieren sich nicht nur die einzelnen Mitglieder im Konflikt mit dem externen Gegner stärker. So lässt sich auch vermeiden, dass aus ehemals Verbündeten erbitterte Feinde werden.

Ansprechpartner:
Florian Morath
Max-Planck-Institut für Steuerrecht und Öffentliche Finanzen, München
Telefon: +49 89 24246-5254
Fax: +49 89 24246-5299
E-Mail: florian.morath@­tax.mpg.de

Christa Manta
Max-Planck-Institut für Steuerrecht und Öffentliche Finanzen, München
Telefon: +49 89 24246-5411
Fax: +49 89 24246-523
E-Mail: christa.manta@­tax.mpg.de

Originalpublikation:
Changxia Ke, Kai A. Konrad und Florian Morath
Brothers in arms – An experiment on the alliance puzzle
Games and Economic Behavior, 77 (2013), S. 61-76

Barbara Abrell | Max-Planck-Gesellschaft
Weitere Informationen:
http://­www.tax.mpg.de
http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0899825612001315

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Mit stochastischer Spieltheorie zu mehr Kooperation
05.07.2018 | Institute of Science and Technology Austria

nachricht Deutschland wächst – aber nicht überall
24.04.2018 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Superscharfe Bilder von der neuen Adaptiven Optik des VLT

Das Very Large Telescope (VLT) der ESO hat das erste Licht mit einem neuen Modus Adaptiver Optik erreicht, die als Lasertomografie bezeichnet wird – und hat in diesem Rahmen bemerkenswert scharfe Testbilder vom Planeten Neptun, von Sternhaufen und anderen Objekten aufgenommen. Das bahnbrechende MUSE-Instrument kann ab sofort im sogenannten Narrow-Field-Modus mit dem adaptiven Optikmodul GALACSI diese neue Technik nutzen, um Turbulenzen in verschiedenen Höhen in der Erdatmosphäre zu korrigieren. Damit ist jetzt möglich, Bilder vom Erdboden im sichtbaren Licht aufzunehmen, die schärfer sind als die des NASA/ESA Hubble-Weltraumteleskops. Die Kombination aus exquisiter Bildschärfe und den spektroskopischen Fähigkeiten von MUSE wird es den Astronomen ermöglichen, die Eigenschaften astronomischer Objekte viel detaillierter als bisher zu untersuchen.

Das MUSE-Instrument (kurz für Multi Unit Spectroscopic Explorer) am Very Large Telescope (VLT) der ESO arbeitet mit einer adaptiven Optikeinheit namens GALACSI. Dabei kommt auch die Laser Guide Stars Facility, kurz ...

Im Focus: Diamant – ein unverzichtbarer Werkstoff der Fusionstechnologie

Forscher am KIT entwickeln Fenstereinheiten mit Diamantscheiben für Fusionsreaktoren – Neue Scheibe mit Rekorddurchmesser von 180 Millimetern

Klimafreundliche und fast unbegrenzte Energie aus dem Fusionskraftwerk – für dieses Ziel kooperieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit. Bislang...

Im Focus: Wiener Forscher finden vollkommen neues Konzept zur Messung von Quantenverschränkung

Quantenphysiker/innen der ÖAW entwickelten eine neuartige Methode für den Nachweis von hochdimensional verschränkten Quantensystemen. Diese ermöglicht mehr Effizienz, Sicherheit und eine weitaus geringere Fehleranfälligkeit gegenüber bisher gängigen Mess-Methoden, wie die Forscher/innen nun im Fachmagazin „Nature Physics“ berichten.

Die Vision einer vollständig abhörsicheren Übertragung von Information rückt dank der Verschränkung von Quantenteilchen immer mehr in Reichweite. Wird eine...

Im Focus: Was passiert, wenn wir das Atomgitter eines Magneten plötzlich aufheizen?

„Wir haben jetzt ein klares Bild davon, wie das heiße Atomgitter und die kalten magnetischen Spins eines ferrimagnetischen Nichtleiters miteinander ins Gleichgewicht gelangen“, sagt Ilie Radu, Wissenschaftler am Max-Born-Institut in Berlin. Das internationale Forscherteam fand heraus, dass eine Energieübertragung sehr schnell stattfindet und zu einem neuartigen Zustand der Materie führt, in dem die Spins zwar heiß sind, aber noch nicht ihr gesamtes magnetisches Moment verringert haben. Dieser „Spinüberdruck“ wird durch wesentlich langsamere Prozesse abgebaut, die eine Abgabe von Drehimpuls an das Gitter ermöglichen. Die Forschungsergebnisse sind jetzt in "Science Advances" erschienen.

Magnete faszinieren die Menschheit bereits seit mehreren tausend Jahren und sind im Zeitalter der digitalen Datenspeicherung von großer praktischer Bedeutung....

Im Focus: Erste Beweise für Quelle extragalaktischer Teilchen

Zum ersten Mal ist es gelungen, die kosmische Herkunft höchstenergetischer Neutrinos zu bestimmen. Eine Forschungsgruppe um IceCube-Wissenschaftlerin Elisa Resconi, Sprecherin des Sonderforschungsbereichs SFB1258 an der Technischen Universität München (TUM), liefert ein wichtiges Indiz in der Beweiskette, dass die vom Neutrino-Teleskop IceCube am Südpol detektierten Teilchen mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer Galaxie in vier Milliarden Lichtjahren Entfernung stammen.

Um andere Ursprünge mit Gewissheit auszuschließen, untersuchte das Team um die Neutrino-Physikerin Elisa Resconi von der TU München und den Astronom und...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Innovation – the name of the game

18.07.2018 | Veranstaltungen

Wie geht es unserer Ostsee? Ein aktueller Zustandsbericht

17.07.2018 | Veranstaltungen

Interdisziplinäre Konferenz: Diabetesforscher und Bioingenieure diskutieren Forschungskonzepte

13.07.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Vernetzte Beleuchtung: Weg mit dem blinden Fleck

18.07.2018 | Energie und Elektrotechnik

BIAS erhält Bremens größten 3D-Drucker für metallische Luffahrtkomponenten

18.07.2018 | Verfahrenstechnologie

Verminderte Hirnleistung bei schwachem Herz

18.07.2018 | Medizin Gesundheit

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics