Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Kinder ja, Ehe nein

15.11.2012
Der erste europaweite Vergleich zeigt: Der Anteil nichtehelicher Geburten in Deutschland ist rapide angestiegen, liegt aber europaweit nur im Mittelfeld

Immer mehr Paare in Europa werden ohne Trauschein Eltern. In Deutschland hat sich der Anteil nichtehelicher Geburten von 7,6 Prozent im Jahr 1960 auf 33,3 Prozent im Jahr 2010 mehr als vervierfacht. Damit steht die Bundesrepublik aber lediglich im Mittelfeld eines rapiden Anstiegs, der ganz Europa betrifft.


Muster der Familiengründung: In den Regionen Skandinaviens, Frankreichs und Ostdeutschlands ist der Anteil nichtehelicher Geburten besonders hoch. Nationale Grenzen sind oft auch Trennlinien zwischen Gebieten mit sehr verschiedenen Quoten. Sie variieren aber innerhalb der Länder von Region zu Region etwas stärker als früher. Die Karte zeigt auch gefärbte Regionen im Gebiet der ehemaligen UDSSR und in Rumänien, die nicht in die Analyse der zeitkonstanten 497 Regionen eingingen.

© Daten: Decroly & Vanlaer (1991), Europarat (2006), eigene Berechnungen; Kartendaten: MPIDR & CGG, teilweise basierend auf Grenzverläufen von © EuroGeographics

Dies konnten Sebastian Klüsener, Brienna Perelli-Harris und Nora Sánchez Gassen vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung (MPIDR) in Rostock erstmals im Detail belegen. Ihre Erkenntnisse, für die sie Daten aus fast 500 verschiedenen Regionen ausgewertet haben, sind jetzt in der Zeitschrift „European Journal of Population“ nachzulesen.

Demnach stieg der Anteil nichtehelicher Geburten in Teilen Skandinaviens, Frankreichs und Großbritanniens mit Zuwächsen von 55 bis über 60 Prozentpunkten seit 1960 weitaus stärker an als hierzulande. Für Deutschland zeigt die Regionalanalyse, dass sich neue und alte Bundesländer sehr voneinander unterscheiden: “Die Anteile nichtehelicher Kinder sind heute im Osten mit rund 60 Prozent weitaus höher als im Westen mit etwa 20 bis 40 Prozent”, sagt Klüsener. “Der Osten war dem Westen in dieser Hinsicht schon vor 1945 voraus und in den letzten Jahrzehnten hat sich dieser Unterschied noch verstärkt.“

Deutschland: Der Osten als Trendsetter

Mit einem Plus von 53 Prozentpunkten auf 64 Prozent im Jahr 2007 ging es mit dem Anteil außerehelicher Geburten in Neubrandenburg im Osten Mecklenburg-Vorpommerns am steilsten bergauf. Am schwächsten kletterte die Quote innerhalb Ostdeutschlands um Chemnitz, wo sie um 43 Prozentpunkte auf 55 Prozent zunahm. Das übertrifft die West-Region mit dem stärksten Anstieg immer noch bei Weitem: Hier führt Bremen die Liste an, das von 7 Prozent auf 35 Prozent zulegte. Schlusslicht beim Anstieg ist in den alten Ländern Oberbayern, wo im Vergleich zu den 12 Prozent von 1960 im Jahr 2007 lediglich 11 Prozent mehr Kinder zur Welt kamen, deren Eltern keinen Trauschein hatten. Am konservativsten zeigt sich in dieser Hinsicht aber der Raum Stuttgart, wo der entsprechende Anteil insgesamt nur 18 Prozent betrug.

Bisher hatte noch niemand, den Anstieg der außerehelichen Geburten zwischen den europäischen Regionen über einen langen Zeitraum hinweg verglichen: Die Veränderungen der Grenzlinien hatte viele Wissenschaftler von dieser Aufgabe abgeschreckt. Um diese Hürde zu umgehen, teilten die Rostocker Forscher Europa in ein zeitkonstantes Raster von 497 Regionen ein. Dann berechneten sie aus den amtlich verfügbaren Daten für die Jahre 1960, 1975, 1990 und 2007 für jede dieser Regionen den Anteil nichtehelicher Geburten.

“Das Bedürfnis, vor der Geburt der Kinder zu heiraten, hat an Bedeutung verloren. Insofern ist das goldene Zeitalter der Ehe eindeutig vorbei”, sagt Geograf Klüsener. 1960, als europaweit noch kaum nichteheliche Kinder auf die Welt kamen, lagen die Quoten in großen Teilen des Kontinents unter 15 Prozent. Zwischen 1975 und 1990 stieg der Prozentsatz in vielen Ländern West- und Zentraleuropas geradezu sprunghaft an, insbesondere in Großbritannien, Frankreich, Dänemark und der ehemaligen DDR. Den Forschern zufolge könnte dies daran liegen, dass dort relativ früh politische Reformen alleinerziehende Eltern stark unterstützt oder allgemein der wirtschaftlichen und rechtlichen Diskriminierung nichtehelicher Familienformen entgegengewirkt haben. In anderen europäischen Staaten, die derartige Reformen erst später durchführten, stieg der Anteil nichtehelicher Geburten nur geringfügig an: Hierzu zählen etwa die alten Bundesrepublik, Belgien, die Niederlande, die Schweiz, Spanien und Italien.

Nationale Grenzen beeinflussen das Verhalten

Inzwischen kommen fast überall mehr uneheliche Kinder auf die Welt als 1960. Doch es bestehen immer noch deutliche Unterschiede zwischen den verschiedenen Regionen. “Trennlinien zwischen Gebieten mit hohen und niedrigen Raten sind vor allem entlang nationaler Grenzen entstanden“, sagt Sebastian Klüsener. Staaten bilden kulturelle und rechtliche Einheiten, weshalb der Anteil außerehelicher Geburten innerhalb der meisten Länder in allen Regionen mit ähnlicher Geschwindigkeit zunimmt.

Deutschlands Ost-West-Gefälle bildet eher eine Ausnahme, die sich in erster Linie aus den Unterschieden während der deutschen Teilung erklärt. Wie stark nationale Einflüsse sind, zeigt sich dort, wo benachbarte Grenzregionen zweier Staaten sehr verschiedene Quoten haben, obwohl die Bevölkerung in beiden Ländern die gleiche Sprache spricht und enge wirtschaftliche und kulturelle Verbindungen bestehen. Dies gilt beispielsweise für die angrenzenden Regionen in Frankreich, wo vergleichsweise viele uneheliche Kinder geboren werden und der französischsprachigen Schweiz, wo dies nicht der Fall ist.

Ansprechpartner

Sebastian Klüsener
Max-Planck-Institut für demografische Forschung, Rostock
Email: kluesener@­demogr.mpg.de
Silvia Leek
Max-Planck-Institut für demografische Forschung, Rostock
Telefon: +49 381 2081-143
Fax: +49 381 2081-443
Email: leek@­demogr.mpg.de

Originalpublikation
Sebastian Klüsener, Brienna Perelli-Harris, Nora Sánchez Gassen
Spatial Aspects of the Rise of Nonmarital Fertility across Europe since 1960: The Role of States and Regions in shaping Patterns of Change

European Journal of Population

Sebastian Klüsener | Max-Planck-Institut
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de/6627394/nichtehelich

Weitere Berichte zu: Klüsener Mittelfeld Prozentpunkt Trauschein nichteheliche Geburten

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Ähnlicher als gedacht: Männer und Frauen gleichen ihr Gesundheitsverhalten nach Einschnitt an
04.05.2020 | Max-Planck-Institut für demografische Forschung

nachricht Das Geschlechter-Kliff: Warum Frauen in einer Partnerschaft selten mehr verdienen als die Männer
23.04.2020 | Max-Planck-Institut für demografische Forschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Neuartiges Covid-19-Schnelltestverfahren auf Basis innovativer DNA-Polymerasen entwickelt

Eine Forschungskooperation der Universität Konstanz unter Federführung von Professor Dr. Christof Hauck (Fachbereich Biologie) mit Beteiligung des Klinikum Konstanz, eines Konstanzer Diagnostiklabors und des Konstanzer Unternehmens myPOLS Biotec, einer Ausgründung aus der Arbeitsgruppe für Organische Chemie / Zelluläre Chemie der Universität Konstanz, hat ein neuartiges Covid-19-Schnelltestverfahren entwickelt. Dieser Test ermöglicht es, Ergebnisse in der Hälfte der Zeit zu ermitteln – im Vergleich zur klassischen Polymerase-Ketten-Reaktion (PCR).

Die frühe Identifikation von Patienten, die mit dem neuartigen Coronavirus (SARS-CoV-2) infiziert sind, ist zentrale Voraussetzung bei der globalen Bewältigung...

Im Focus: Textilherstellung für Weltraumantennen startet in die Industrialisierungsphase

Im Rahmen des EU-Projekts LEA (Large European Antenna) hat das Fraunhofer-Anwendungszentrum für Textile Faserkeramiken TFK in Münchberg gemeinsam mit den Unternehmen HPS GmbH und Iprotex GmbH & Co. KG ein reflektierendes Metallnetz für Weltraumantennen entwickelt, das ab August 2020 in die Produktion gehen wird.

Beim Stichwort Raumfahrt werden zunächst Assoziationen zu Forschungen auf Mond und Mars sowie zur Beobachtung ferner Galaxien geweckt. Für unseren Alltag sind...

Im Focus: Biotechnologie: Enzym setzt durch Licht neuartige Reaktion in Gang

In lebenden Zellen treiben Enzyme biochemische Stoffwechselprozesse an. Auch in der Biotechnologie sind sie als Katalysatoren gefragt, um zum Beispiel chemische Produkte wie Arzneimittel herzustellen. Forscher haben nun ein Enzym identifiziert, das durch die Beleuchtung mit blauem Licht katalytisch aktiv wird und eine Reaktion in Gang setzt, die in der Enzymatik bisher unbekannt war. Die Studie ist in „Nature Communications“ erschienen.

Enzyme – in jeder lebenden Zelle sind sie die zentralen Antreiber für biochemische Stoffwechselprozesse und machen dort Reaktionen möglich. Genau diese...

Im Focus: Biotechnology: Triggered by light, a novel way to switch on an enzyme

In living cells, enzymes drive biochemical metabolic processes enabling reactions to take place efficiently. It is this very ability which allows them to be used as catalysts in biotechnology, for example to create chemical products such as pharmaceutics. Researchers now identified an enzyme that, when illuminated with blue light, becomes catalytically active and initiates a reaction that was previously unknown in enzymatics. The study was published in "Nature Communications".

Enzymes: they are the central drivers for biochemical metabolic processes in every living cell, enabling reactions to take place efficiently. It is this very...

Im Focus: Innovative Sensornetze aus Satelliten

In Würzburg werden vier Kleinst-Satelliten auf ihren Start vorbereitet. Sie sollen sich in einer Formation bewegen und weltweit erstmals ihre dreidimensionale Anordnung im Orbit selbstständig kontrollieren.

Wenn ein Gegenstand wie der Planet Erde komplett ohne tote Winkel erfasst werden soll, muss man ihn aus verschiedenen Richtungen ansehen und die...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Gebäudewärme mit "grünem" Wasserstoff oder "grünem" Strom?

26.05.2020 | Veranstaltungen

Dresden Nexus Conference 2020 - Gleicher Termin, virtuelles Format, Anmeldung geöffnet

19.05.2020 | Veranstaltungen

Urban Transport Conference 2020 in digitaler Form

18.05.2020 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Wie sich Nervenzellen zum Abruf einer Erinnerung gezielt reaktivieren lassen

29.05.2020 | Biowissenschaften Chemie

Wald im Wandel

29.05.2020 | Agrar- Forstwissenschaften

Schwarzer Stickstoff: Bayreuther Forscher entdecken neues Hochdruck-Material und lösen ein Rätsel des Periodensystems

29.05.2020 | Materialwissenschaften

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics