Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Die Evolution der Sterblichkeit

16.10.2012
Das menschliche Sterberisiko ist in den letzten 100 Jahren stärker gesunken als bei der Entwicklung vom Affen zum Menschen

Im Laufe seiner Evolutionsgeschichte hat sich die Lebenserwartung des Menschen massiv erhöht. Wie außergewöhnlich dieser Sprung ist, haben Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock jetzt eindrucksvoll belegt.

Sie verglichen die Sterblichkeitsprofile verschiedener menschlicher Populationen und wild lebender Schimpansen mit der Mortalität einer evolutionsbiologisch natürlichen Menschenpopulation von Jägern und Sammlern. Das erstaunliche Ergebnis: Allein in den letzten 100 Jahren sank die Sterblichkeit des Menschen um ein Vielfaches stärker als beim Entwicklungssprung von einem Schimpansen ähnlichen Vorfahren zum „Jäger und Sammler“.

Und damit nicht genug: Die Geschwindigkeit, mit der das Sterberisiko des Menschen seit dem Jahr 1900 abnimmt, wird von keinem anderen Lebewesen übertroffen. Selbst Spezies wie Würmer und Mäuse, die im Labor gezielt auf Langlebigkeit gezüchtet werden, können da kaum mithalten. Damit steht die große Veränderbarkeit der Mortalität des Menschen im Widerspruch zu allen konventionellen Theorien des Alterns.

Seit der Artentstehung vor 200.000 Jahren in Afrika haben etwa 8.000 Generationen von Homo sapiens gelebt. Im Laufe dieser Entwicklungsgeschichte ist die Lebenserwartung des Menschen stark angestiegen. Doch den größten Sprung hat die Menschheit in den letzten 100 Jahren innerhalb von nur 4 Generationen gemacht: Seit 1900 stieg in den westlichen Industrienationen die Lebenserwartung eines Neugeborenen um etwa 3 Monate pro Jahr.

Dieser Trend hält bis heute an und ist erstaunlich konstant. Ein Ende, also eine Obergrenze der Lebenserwartung, ist bislang nicht abzusehen. In der Vergangenheit konzentrierten sich viele Studien zur menschlichen Sterblichkeit vor allem auf die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Konsequenzen einer alternden Gesellschaft. Nur selten wurde das Thema in einem größeren evolutionsbiologischen Zusammenhang diskutiert. „Doch genau das ist gerade für die Altersforschung besonders spannend“, sagt Oskar Burger vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung. In seiner Studie konnte er zeigen, wie sehr die jüngste Entwicklung der menschlichen Sterblichkeit aus dem biologischen Rahmen fällt.

„Für eine solche Vergleichsstudie braucht man zuallererst eine Basislinie, mit der man die verschiedenen Stufen menschlicher Sterblichkeit vergleichen kann“, erklärt Oskar Burger. „Idealerweise sollte diese Basislinie dem Sterblichkeitsmuster entsprechen, das die Menschheit im Laufe ihrer Existenz am längsten innehatte.“ Die weitaus längste Zeit seiner Entwicklungsgeschichte lebte der Mensch als Jäger und Sammler in kleinen Gruppen. „Dank der anthropologischen Feldforschung haben wir ein sehr gutes durchschnittliches Sterblichkeitsprofil heute lebender Jäger und Sammler, das wir als Standard benutzt haben“, sagt Burger.
Diesen Standard verglichen die Wissenschaftler mit verschiedenen menschlichen Populationen, unter anderem mit der heute besonders langlebigen Bevölkerung in Schweden und Japan und mit einer Gruppe von Sklaven, die im 19. Jahrhundert auf Trinidad lebte.

Wie erwartet war die Sterblichkeit der Sklaven in allen Altersstufen höher als die der Jäger und Sammler, die eine mittlere Position einnahmen. Die Mortalität der Schweden um 1800 und 1900 ähnelt noch stark den Jägern und Sammlern, während die moderne Bevölkerung in Schweden und Japan die mit Abstand niedrigste Sterblichkeit zeigt. „Doch die größte Überraschung erlebten wir, als wir die Daten von wild lebenden Schimpansen mit in unsere Analyse einbezogen.
Denn das Sterblichkeitsprofil der Jäger und Sammler lag deutlich näher an dem der Schimpansen als an dem der modernen Bevölkerung in Schweden und Japan“, sagt Oskar Burger. So hat ein heute lebender Schwede ein mehr als 100fach geringeres Sterberisiko als ein Jäger und Sammler, während der gleiche Jäger nur eine 10fach geringere Sterblichkeit als ein wild lebender Schimpanse hat. „Diese Ergebnisse sprechen dafür, dass nur 100 Jahre moderner Entwicklung die Lebenserwartung des Menschen stärker steigen ließ, als die Evolution vom Affen zum Homo sapiens“, vermutet Oskar Burger.

Darüberhinaus verglichen die Wissenschaftler ihre Profile auch mit denen von Labortieren, die mittels verschiedenster Techniken wie Ernährungsumstellung oder genetischer Manipulation auf Langlebigkeit gezüchtet wurden. Dabei stellte sich heraus, dass selbst die gezielte künstliche Evolution kaum eine größere Verringerung der Sterblichkeit pro Generation hervorbrachte, als die jüngste Entwicklung des Menschen seit 1900. „Tatsächlich ist der Rückgang der menschlichen Mortalität im Laufe des letzten Jahrhunderts biologisch einzigartig. Keine andere Art hat etwas Vergleichbares erfahren“, sagt Oskar Burger. Dabei kann eine Veränderung der Gene innerhalb von nur 4 Generationen als Grund so gut wie ausgeschlossen werden, vermutlich sind fast ausschließlich Umweltfaktoren wie verbesserte Ernährung und ärztliche Versorgung verantwortlich.

„Wir glauben aber, dass auch andere Arten grundsätzlich in der Lage sind, vergleichbare Mortalitätsreduktionen zu erreichen. In Zukunft wollen wir unsere Forschung auch auf andere Tiergruppen ausweiten, vor allem Primaten und andere Säugetiere. So können wir die Plastizität der menschlichen Sterblichkeit besser einschätzen“, sagt Burger.

Ansprechpartner

Dr. Oskar Burger
Max-Planck-Institut für demografische Forschung, Rostock
Telefon: +49 381 2081-151
Email: burger@­demogr.mpg.de
Silvia Leek
Max-Planck-Institut für demografische Forschung, Rostock
Telefon: +49 381 2081-143
Fax: +49 381 2081-443
Email: leek@­demogr.mpg.de
Originalpublikation
Oskar Burger, Annette Baudisch and James W. Vaupel
Human mortality improvement in evolutionary context.
PNAS Early Edition 15.10.2012

Dr. Oskar Burger | Max-Planck-Institut
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de
http://www.mpg.de/6395018/evolution_der_sterblichkeit

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Mit stochastischer Spieltheorie zu mehr Kooperation
05.07.2018 | Institute of Science and Technology Austria

nachricht Deutschland wächst – aber nicht überall
24.04.2018 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Superscharfe Bilder von der neuen Adaptiven Optik des VLT

Das Very Large Telescope (VLT) der ESO hat das erste Licht mit einem neuen Modus Adaptiver Optik erreicht, die als Lasertomografie bezeichnet wird – und hat in diesem Rahmen bemerkenswert scharfe Testbilder vom Planeten Neptun, von Sternhaufen und anderen Objekten aufgenommen. Das bahnbrechende MUSE-Instrument kann ab sofort im sogenannten Narrow-Field-Modus mit dem adaptiven Optikmodul GALACSI diese neue Technik nutzen, um Turbulenzen in verschiedenen Höhen in der Erdatmosphäre zu korrigieren. Damit ist jetzt möglich, Bilder vom Erdboden im sichtbaren Licht aufzunehmen, die schärfer sind als die des NASA/ESA Hubble-Weltraumteleskops. Die Kombination aus exquisiter Bildschärfe und den spektroskopischen Fähigkeiten von MUSE wird es den Astronomen ermöglichen, die Eigenschaften astronomischer Objekte viel detaillierter als bisher zu untersuchen.

Das MUSE-Instrument (kurz für Multi Unit Spectroscopic Explorer) am Very Large Telescope (VLT) der ESO arbeitet mit einer adaptiven Optikeinheit namens GALACSI. Dabei kommt auch die Laser Guide Stars Facility, kurz ...

Im Focus: Diamant – ein unverzichtbarer Werkstoff der Fusionstechnologie

Forscher am KIT entwickeln Fenstereinheiten mit Diamantscheiben für Fusionsreaktoren – Neue Scheibe mit Rekorddurchmesser von 180 Millimetern

Klimafreundliche und fast unbegrenzte Energie aus dem Fusionskraftwerk – für dieses Ziel kooperieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit. Bislang...

Im Focus: Wiener Forscher finden vollkommen neues Konzept zur Messung von Quantenverschränkung

Quantenphysiker/innen der ÖAW entwickelten eine neuartige Methode für den Nachweis von hochdimensional verschränkten Quantensystemen. Diese ermöglicht mehr Effizienz, Sicherheit und eine weitaus geringere Fehleranfälligkeit gegenüber bisher gängigen Mess-Methoden, wie die Forscher/innen nun im Fachmagazin „Nature Physics“ berichten.

Die Vision einer vollständig abhörsicheren Übertragung von Information rückt dank der Verschränkung von Quantenteilchen immer mehr in Reichweite. Wird eine...

Im Focus: Was passiert, wenn wir das Atomgitter eines Magneten plötzlich aufheizen?

„Wir haben jetzt ein klares Bild davon, wie das heiße Atomgitter und die kalten magnetischen Spins eines ferrimagnetischen Nichtleiters miteinander ins Gleichgewicht gelangen“, sagt Ilie Radu, Wissenschaftler am Max-Born-Institut in Berlin. Das internationale Forscherteam fand heraus, dass eine Energieübertragung sehr schnell stattfindet und zu einem neuartigen Zustand der Materie führt, in dem die Spins zwar heiß sind, aber noch nicht ihr gesamtes magnetisches Moment verringert haben. Dieser „Spinüberdruck“ wird durch wesentlich langsamere Prozesse abgebaut, die eine Abgabe von Drehimpuls an das Gitter ermöglichen. Die Forschungsergebnisse sind jetzt in "Science Advances" erschienen.

Magnete faszinieren die Menschheit bereits seit mehreren tausend Jahren und sind im Zeitalter der digitalen Datenspeicherung von großer praktischer Bedeutung....

Im Focus: Erste Beweise für Quelle extragalaktischer Teilchen

Zum ersten Mal ist es gelungen, die kosmische Herkunft höchstenergetischer Neutrinos zu bestimmen. Eine Forschungsgruppe um IceCube-Wissenschaftlerin Elisa Resconi, Sprecherin des Sonderforschungsbereichs SFB1258 an der Technischen Universität München (TUM), liefert ein wichtiges Indiz in der Beweiskette, dass die vom Neutrino-Teleskop IceCube am Südpol detektierten Teilchen mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer Galaxie in vier Milliarden Lichtjahren Entfernung stammen.

Um andere Ursprünge mit Gewissheit auszuschließen, untersuchte das Team um die Neutrino-Physikerin Elisa Resconi von der TU München und den Astronom und...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Stadtklima verbessern, Energiemix optimieren, sauberes Trinkwasser bereitstellen

19.07.2018 | Veranstaltungen

Innovation – the name of the game

18.07.2018 | Veranstaltungen

Wie geht es unserer Ostsee? Ein aktueller Zustandsbericht

17.07.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Europaweit erste Patientin mit neuem Hybridgerät zur Strahlentherapie behandelt

19.07.2018 | Medizintechnik

Waldrand oder mittendrin: Das Erbgut von Mausmakis unterscheidet sich je nach Lebensraum

19.07.2018 | Biowissenschaften Chemie

Automatisiertes Befüllen von Regalen im Einzelhandel

19.07.2018 | Verkehr Logistik

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics