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Digitale Entziehungskur für „digital natives“

07.01.2019

Studie der TU Chemnitz untersucht erstmals Gründe und Strategien eines bewussten Internetverzichts bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen – Video-Einordnung und Podcast verfügbar

Die sogenannten „digital natives“ (zu Deutsch: „digitale Eingeborene“) gelten als besonders präsent im Internet, verbunden mit häufiger und andauernder Nutzung. Soviel ist bekannt. Was bisher noch kaum im Fokus der Forschung stand, sind Kriterien, nach denen Digital Native auf den Internetkonsum verzichten.


Jun.-Prof. Dr. Christian Papsdorf forscht an der Schnittstelle zwischen Gesellschaft und digitaler Welt.

Foto: Steve Conrad

In einer Studie der Technischen Universität Chemnitz untersuchten Jun.-Prof. Dr. Christian Papsdorf, Juniorprofessur Techniksoziologie mit dem Schwerpunkt Internet und Neue Medien an der TU Chemnitz, und sein Team die freiwillige Nichtnutzung des Internets bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen.

„Durch unsere Studie liegen erstmals empirisch fundierte Hinweise auf sogenannte De-Mediatisierungen in Form einer freiwilligen und partiellen Nichtnutzung des Internets vor“, fasst Papsdorf ein zentrales Ergebnis der Studie zusammen. Die Studie mit dem Titel „Gründe und Formen der freiwilligen Nichtnutzung des Internets“ ist jüngst in dem Fachmedium „Österreichische Zeitschrift für Soziologie“ erschienen.

Acht ausschlaggebende Gründe für veränderte Internetnutzung

„Im Rahmen unserer Studie haben wir 30 Menschen im Alter zwischen 14 und 25 Jahren in qualitativen Interviews befragt. Als theoretische Grundlage diente uns das Konzept der ‚De-Mediatisierung‘“, erklärt Papsdorf. „De-Mediatisierung“ beschreibt Strategien und Praktiken im Umgang mit Medien und digitalen Technologien, die von Nutzern und Nutzerinnen als potentiell problematisch wahrgenommen werden. Aktuell wird das Konzept im Alltag unter den Begriffen „digital detox“ oder „digital sabbath“ diskutiert. „Es geht also jeweils um eine bewusste Entscheidung gegen digitale Medien. Wir wollten herausfinden, unter welchen Umständen sich die Nutzerinnen und Nutzer so entscheiden“, fasst Papsdorf zusammen. Die Chemnitzer Forscher und Forscherinnen fanden in ihrer Studie acht wesentliche Gründe:

• Störungen im Alltag, z. B. in Arbeit- oder Konzentrationssituationen

• Missverhältnis von Informationsqualität und -quantität, z. B. das hohe Informationsangebot bei mangelnder Selektion durch die Produzenten

• Erreichbarkeitsdruck, etwa die Erwartungshaltung, auf Kontaktangebote direkt reagieren zu müssen

• Verlust der Privatsphäre, auch in Bezug auf Unternehmen, die private Daten ihrer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen z. B. über Social-Media-Accounts abgreifen und nutzen können

• Technische Probleme, wenn Geräte im weitesten Sinne nicht wie erwartet funktionieren

• Internet-Abhängigkeit, die Gefahr, dass Offline-Aktivitäten in den Hintergrund rücken

• Gesundheitliche Beeinträchtigungen, je nach Körperhaltung während der Nutzung Beeinträchtigung des Bewegungs- und Sinnesapparates, aber auch Erschöpfung und Konzentrationsstörungen

• Ethische Bedenken

„Der Punkt Ethische Bedenken ist noch verhältnismäßig neu und beschreibt das zunehmende politische Bewusstsein gerade junger Menschen, die als Nutzerinnen und Nutzer bestimmte Unternehmen aufgrund von deren Unternehmenspraktiken unterstützen wollen oder eben nicht“, beschreibt Papsdorf. Ein aktuelles Beispiel ist dabei sicher das Unternehmen „Facebook“ und deren gleichnamiges soziales Netzwerk, das in der Vergangenheit immer wieder durch Defizite in Sachen Datenschutz aufgefallen ist.

Fünf Strategien des Umgangs – Keine Alternative zur Internetnutzung

Neben den acht Problemkomplexen ermittelte das Team um Papsdorf auch fünf Lösungsstrategien bei den befragten Personen:

• Wechsel des Mediums, z. B. Umstieg auf direktere Kommunikation wie Messenger, oder Offline-Kommunikation

• Partieller Nutzungsverzicht

• Anpassung der Technik, z. B. Nutzung von Werbeblockern oder Einschränkung des Personenkreises, der ein Posting sieht

• Passive Nutzung, nicht nur in Form von reinem Konsumieren der Inhalte, sondern auch durch bewusstes Zurückhalten eigener Informationen

• Reduzierung der medialen Reichweite, z. B. durch gezieltes Ausdünnen der Freundesliste

„Wir haben gesehen, dass sich in besonderem Maße Störungen im Alltag, ein Missverhältnis von Informationsquantität und -qualität, permanenter Erreichbarkeitsdruck, der Verlust der Privatsphäre, technische Dysfunktionalitäten, eine individuelle Abhängigkeit vom Internet, gesundheitliche Beeinträchtigungen und ethische Aspekte als problematisch erweisen“, fasst Papsdorf die Ergebnisse zusammen. Für viele der Befragten sei die einfachste Lösung eine bewusste und freiwillige Nichtnutzung des Internets und damit ein Wechsel zu Offline-Medien wie das persönliche Gespräch.

Allerdings: „Es wurde in Untersuchung auch deutlich, dass die Befragten keine Alternative zur Internetnutzung sehen und diese auch nicht grundlegend infrage stellen“, sagt Papsdorf. Die aufgezeigten Lösungen stellten damit vor allem punktuelle Umgangsweisen mit problematischen Entwicklungen wie Erreichbarkeitsdruck dar, weniger verallgemeinerbare Lösungen.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Jun.-Prof. Dr. Christian Papsdorf, Juniorprofessur Techniksoziologie mit dem Schwerpunkt Internet und Neue Medien, Tel. +49 (0)371-531 38 163, E-Mail christian.papsdorf@soziologie.tu-chemnitz.de

Originalpublikation:

https://doi.org/10.1007/s11614-018-0315-9

Weitere Informationen:

https://www.youtube.com/watch?v=L3F6pNyQW6A

Matthias Fejes | Technische Universität Chemnitz
Weitere Informationen:
http://www.tu-chemnitz.de/

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