Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Selbstbestimmtes Lebensende: Strikte Bindung von Patientenverfügungen

17.02.2006


Wissenschaftler stellt rechtliches Regelungskonzept zur Stärkung der Patientenautonomie vor



Ein rechtliches Regelungskonzept zur Stärkung der Patientenautonomie am Lebensende hat der Göttinger Rechtswissenschaftler Prof. Dr. Gunnar Duttge vorgelegt. Darin fordert er eine strikte Bindungswirkung aller Patientenverfügungen, die jedoch strenge formelle Anforderungen zu erfüllen haben, auf einer medizinischen und juristischen Beratung beruhen müssen und von einer präventiven vormundschaftsgerichtlichen Kontrolle begleitet werden. Sein Konzept präsentiert Prof. Duttge in der Untersuchung "Preis der Freiheit. Reichweite und Grenzen individueller Selbstbestimmung zwischen Leben und Tod", die jetzt in einer erweiterten und aktualisierten Neuauflage erschienen ist. Darin befasst sich der Autor auch mit der indirekten Sterbehilfe und dem assistierten Suizid. Gunnar Duttge lehrt und forscht als Professor für Strafrecht und Strafprozessrecht an der Juristischen Fakultät der Universität Göttingen und ist Geschäftsführender Direktor des Zentrums für Medizinrecht.



Nach den Worten von Prof. Duttge bietet eine medizinisch und rechtlich "abgesicherte" und gleichzeitig strikt bindende Patientenverfügung die Möglichkeit, auch im späteren Falle eines Wachkomas oder einer Demenzerkrankung über die eigenen Belange im voraus bestimmen zu können. Kritik übt der Rechtswissenschaftler in diesem Zusammenhang an bestehenden Vorschlägen, anstelle einer solchen "Bindungswirkung" einen Betreuer oder gesetzlichen Bevollmächtigten einzuschalten, der für die Beachtung und Einhaltung von Verfügungen sorgen soll. Damit ergebe sich die Gefahr, dass die Entscheidung über den Abbruch einer Behandlung durch einen "Konsens" zwischen Arzt und Betreuer der öffentlichen Rechtskontrolle entzogen werde. "Nicht zuletzt die Auseinandersetzungen um Terri Schiavo haben deutlich gemacht, dass sich unvertretbare Risiken für betroffene Patienten nur durch formelle und verfahrenstechnische Vorkehrungen abmildern lassen", so Prof. Duttge.

Neu in seine Studie aufgenommen hat Prof. Duttge ein Kapitel über den "Aktuellen Stand zur indirekten Sterbehilfe". Darin analysiert der Wissenschaftler die rechtlichen Grundlagen einer medikamentösen Schmerz- und Leidenslinderung, die auch eine Lebensverkürzung einschließen kann. Wie Prof. Duttge erläutert, ist eine solche Form der Schmerzmedikation als Teil der ärztlich-medizinischen Indikation zwar grundsätzlich erlaubt. Der Gesetzgeber sei hier dennoch gefordert, die bislang fehlende gesetzliche Regelung zu formulieren und damit Rechtssicherheit zu schaffen. In diesem Zusammenhang befasst sich Prof. Duttge auch mit dem "Sonderfall" der terminalen Sedierung, bei der starke Medikamente das Bewusstsein der Patienten dämpfen. Nicht legitimierbar sei, dies mit einer anschließenden Begrenzung oder Einstellung der Behandlung zu "kombinieren", wie dies häufig in den Niederlanden geschehe. Prof. Duttge: "Damit wird das Verbot der aktiv-direkten Sterbehilfe umgangen."

Abgeschlossen wird die 100 Seiten starke Untersuchung mit Ausführungen zum assistierten Suizid, sei es durch Angehörige, andere Privatpersonen, Ärzte oder Pflegekräfte. Aus rechtlicher Sicht plädiert Prof. Duttge für eine Beibehaltung der Straflosigkeit für Suizidhelfer, sofern es sich tatsächlich um bloße Beihilfe zu einer freiverantwortlichen Selbsttötung handelt. "Mit dieser Straffreistellung ist allerdings kaum vereinbar, dass die ’organisierte Sterbehilfevermittlung’ wie im Falle des Vereins Dignitas eigens bestraft werden soll", sagt der Rechtsexperte. "Für ein zweifelhaftes Vorgehen von Vereinen oder Vereinigungen benennt das Vereinsgesetz Aufsichtsrechte des Staates und erlaubt äußerstenfalls ein Vereinsverbot. Erst wer für einen verbotenen Verein weiterhin tätig ist, macht sich strafbar." Mit einer strafgesetzlichen "Lex Dignitas" werde die "Zweistufigkeit" des geltenden Rechts ausgehebelt und der Verein einer terroristischen oder kriminellen Vereinigung gleichgestellt, kritisiert Prof. Duttge, der die Studie "Preis der Freiheit" mit Unterstützung von Flavia Fantaziu, Michael Kling und Thomas Schwabenbauer erarbeitet hat.

Gunnar Duttge: Preis der Freiheit. Reichweite und Grenzen individueller Selbstbestimmung zwischen Leben und Tod, 2. Auflage, Thüngersheim/Frankfurt am Main 2006

Kontaktadresse:
Prof. Dr. Gunnar Duttge
Georg-August-Universität Göttingen
Juristische Fakultät
Goßlerstraße 19, 37073 Göttingen
Telefon (0551) 39-7435, Fax (0551) 39-9240
e-mail: gduttge@uni-goettingen.de

Marietta Fuhrmann-Koch | idw
Weitere Informationen:
http://www.jura.uni-goettingen.de

Weitere Berichte zu: Patientenverfügung Rechtswissenschaftler Sterbehilfe

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Mit stochastischer Spieltheorie zu mehr Kooperation
05.07.2018 | Institute of Science and Technology Austria

nachricht Deutschland wächst – aber nicht überall
24.04.2018 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Was passiert, wenn wir das Atomgitter eines Magneten plötzlich aufheizen?

„Wir haben jetzt ein klares Bild davon, wie das heiße Atomgitter und die kalten magnetischen Spins eines ferrimagnetischen Nichtleiters miteinander ins Gleichgewicht gelangen“, sagt Ilie Radu, Wissenschaftler am Max-Born-Institut in Berlin. Das internationale Forscherteam fand heraus, dass eine Energieübertragung sehr schnell stattfindet und zu einem neuartigen Zustand der Materie führt, in dem die Spins zwar heiß sind, aber noch nicht ihr gesamtes magnetisches Moment verringert haben. Dieser „Spinüberdruck“ wird durch wesentlich langsamere Prozesse abgebaut, die eine Abgabe von Drehimpuls an das Gitter ermöglichen. Die Forschungsergebnisse sind jetzt in "Science Advances" erschienen.

Magnete faszinieren die Menschheit bereits seit mehreren tausend Jahren und sind im Zeitalter der digitalen Datenspeicherung von großer praktischer Bedeutung....

Im Focus: Erste Beweise für Quelle extragalaktischer Teilchen

Zum ersten Mal ist es gelungen, die kosmische Herkunft höchstenergetischer Neutrinos zu bestimmen. Eine Forschungsgruppe um IceCube-Wissenschaftlerin Elisa Resconi, Sprecherin des Sonderforschungsbereichs SFB1258 an der Technischen Universität München (TUM), liefert ein wichtiges Indiz in der Beweiskette, dass die vom Neutrino-Teleskop IceCube am Südpol detektierten Teilchen mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer Galaxie in vier Milliarden Lichtjahren Entfernung stammen.

Um andere Ursprünge mit Gewissheit auszuschließen, untersuchte das Team um die Neutrino-Physikerin Elisa Resconi von der TU München und den Astronom und...

Im Focus: First evidence on the source of extragalactic particles

For the first time ever, scientists have determined the cosmic origin of highest-energy neutrinos. A research group led by IceCube scientist Elisa Resconi, spokesperson of the Collaborative Research Center SFB1258 at the Technical University of Munich (TUM), provides an important piece of evidence that the particles detected by the IceCube neutrino telescope at the South Pole originate from a galaxy four billion light-years away from Earth.

To rule out other origins with certainty, the team led by neutrino physicist Elisa Resconi from the Technical University of Munich and multi-wavelength...

Im Focus: Magnetische Wirbel: Erstmals zwei magnetische Skyrmionenphasen in einem Material entdeckt

Erstmals entdeckte ein Forscherteam in einem Material zwei unabhängige Phasen mit magnetischen Wirbeln, sogenannten Skyrmionen. Die Physiker der Technischen Universitäten München und Dresden sowie von der Universität zu Köln können damit die Eigenschaften dieser für Grundlagenforschung und Anwendungen gleichermaßen interessanten Magnetstrukturen noch eingehender erforschen.

Strudel kennt jeder aus der Badewanne: Wenn das Wasser abgelassen wird, bilden sie sich kreisförmig um den Abfluss. Solche Wirbel sind im Allgemeinen sehr...

Im Focus: Neue Steuerung der Zellteilung entdeckt

Wenn eine Zelle sich teilt, werden sämtliche ihrer Bestandteile gleichmässig auf die Tochterzellen verteilt. UZH-Forschende haben nun ein Enzym identifiziert, das sicherstellt, dass auch Zellbestandteile ohne Membran korrekt aufgeteilt werden. Ihre Entdeckung eröffnet neue Möglichkeiten für die Behandlung von Krebs, neurodegenerative Krankheiten, Alterungsprozessen und Virusinfektionen.

Man kennt es aus der Küche: Werden Aceto balsamico und Olivenöl miteinander vermischt, trennen sich die beiden Flüssigkeiten. Runde Essigtropfen formen sich,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Interdisziplinäre Konferenz: Diabetesforscher und Bioingenieure diskutieren Forschungskonzepte

13.07.2018 | Veranstaltungen

Conference on Laser Polishing – LaP: Feintuning für Oberflächen

12.07.2018 | Veranstaltungen

Materialien für eine Nachhaltige Wasserwirtschaft – MachWas-Konferenz in Frankfurt am Main

11.07.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Vertikales Begrünungssystem Biolit Vertical Green<sup>®</sup> auf Landesgartenschau Würzburg

16.07.2018 | Architektur Bauwesen

Feinstaub macht Bäume anfälliger gegen Trockenheit

16.07.2018 | Biowissenschaften Chemie

Wie Krebszellen Winterschlaf halten

16.07.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics