Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Die Hürden benennen

27.12.2005


Sozialmediziner der Universität Leipzig analysieren den Alltag von Familien mit behinderten Mitgliedern



Dass der Alltag mit behinderten Kindern unendlich mehr Hürden aufweist als der mit nichtbehinderten, bestreitet weder die öffentliche Meinung noch die Wissenschaft. Doch sobald es gilt, genaue Aussagen zu treffen, Aussagen die auch die Basis für Entscheidungen bilden können, lag bislang nur begrenztes Material vor. Ein solides Fakten-Fundament zu legen, sind die Mitarbeiter der Ständigen Abteilung Sozialmedizin der Universität Leipzig angetreten. Kürzlich begannen sie zudem mit einer Studie über behinderte Mütter.



Studie: "Lebenswelten behinderter Kinder und Jugendlicher in Sachsen"

Der erste Schritt bei der Zusammenstellung aussagekräftigen Materials war die im vergangenen Jahr veröffentlichte Studie "Lebenswelten behinderter Kinder und Jugendlicher in Sachsen", die als eine Untersuchung im Auftrag der Stadt Leipzig begann und später ausgeweitet wurde zu einer Forschung im Auftrag des Staatsministeriums für Soziales. "Wir haben 2427 behinderte und - zum Vergleich - nichtbehinderte Kinder gebeten, uns mittels Fragebögen ihre Erfahrungen und Probleme, Gefühle und Wünsche mitzuteilen", erläutert die Medizinsoziologin Dr. Marion Michel das Herangehen ihres Teams. "Hinzu kamen noch über 800 Familien die wir auf dem gleichen Wege befragten und 374 Familien, die uns zu vertiefenden Interviews zur Verfügung standen. Wir können also davon ausgehen, dass die Befragungsergebnisse repräsentativ und nicht nur für Sachsen von Interesse sind"

Die Leipziger Wissenschaftler haben reichlich statistisches Material zusammengetragen, denn bisherige Studien widmeten sich in der Regel immer nur einer Art der Behinderung. Ihr Ziel war jedoch der komplexe Überblick und der dadurch mögliche Vergleich. Die Fragebögen waren für behinderte und nichtbehinderte Kinder und Jugendliche gleich, für einige Gruppen jedoch sprachlich vereinfacht (gehörlose und lernbehinderte Schüler) und bezogen sehr viele Aspekte ein. "Wir fragten unter anderem nach der Familienstrukturen, nach der sozialen Situation, also beispielsweise Einkommens- und Wohnverhältnissen, nach der Behinderung des Kindes, nach der Unterstützung der Familien durch Behörden, Gesundheitseinrichtungen oder Selbsthilfegruppen; wir fragten nach den sozialen Netzen der Betroffene, nach Freundeskreis, Freizeitaktivitäten, Ferien, nach der Partnerschaft der Eltern. Wichtig waren auch Schule und Ausbildung sowie die Möglichkeiten und Grenzen selbstbestimmten Lebens", so Dr. Michel.

Familien mit behinderten Kindern finanziell schlechter gestellt

Aus diesem komplexen Überblick ergaben sich erstmals zahlreiche Vergleiche zwischen den Behinderungen zulassende Aussagen zum Alltag der Betroffenen. So ist es eindeutig: Familien mit behinderten Kindern sind - trotzt steuerlicher Entlastungen und Sozialleistungen - finanziell schlechter gestellt. Das liegt zum einen daran, dass es die Eltern besonders schwer haben, sich auf dem Arbeitsmarkt zu behaupten. Für Fortbildung, das flexible Reagieren auf veränderte Anforderung, die Nutzung neuer Chancen bleibt in der Regel wenig Spielraum. Betreuungsmöglichkeiten für die Kinder setzen engere Grenzen. Manchmal schlägt den Vätern und vor allem den Müttern schon im Arbeitsamt das Unverständnis darüber entgegen, dass sie auch außerhalb der Familie eine Aufgabe suchen. Gleichzeitig liegen die Ausgaben für den Alltag über denen anderer Familien. Das beginnt schon bei den höheren Müllkosten, wenn größere Mengen Zellstoffwindeln entsorgt werden müssen, reicht über häufigere Fahrtkosten bis hin zur schnelleren Abnutzung von Kleidung und Einrichtungsgegenständen.

"Erschreckend war für uns auch, dass die Familien oftmals unzureichend informiert waren über Behinderung des Kindes, über mögliche Therapien, über Entwicklungsprognosen und selbst über die ihnen zustehende Unterstützung. Sehr häufig hörten wir, dass durch Ämter und Behörden, aber auch von Ärzten nur die Auskünfte erteilt werden, die konkret erfragt werden. Aber die richtigen Fragen fallen oft schwer, besonders in Extremsituationen, bei Diagnosestellung oder Verschlechterung der Situation ", begründet Dr. Michel ihre Forderung nach mehr Dialog und kompetenteren Auskünften.

Probleme belasten stärker als erwartet

So wie die Analyse belegte, dass einige Probleme die Familien wesentlich stärker als erwartet belasten, konnten auch Befürchtungen entkräftet werden. Beispielsweise sind die Partnerschaften von Eltern mit behinderten Kindern nicht mehr oder weniger stabil als im Durchschnitt des Landes, wobei hier Unterschiede bei einzelnen Behinderungsarten deutlich werden.

Aus dieser inzwischen abgeschlossenen Studie entwickelten sich weitere Aufgaben, mit denen die Mitarbeiter der Ständigen Abteilung Sozialmedizin der Universität Leipzig zurzeit beschäftigt sind. " In Deutschland wächst der Anteil von Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen große Probleme haben, komplizierte Texte zu lesen und zu verstehen", erläutert Dr. Michel. Deshalb möchte sie ihre Abteilung auch als Kompetenzzentrum für leichte Sprache profilieren. "Neben Menschen mit Lernbehinderungen fällt es auch Gehörlosen und Mitbürger mit anderen Muttersprachen nicht leicht. Aber die Welt ist nun mal voller Texte - von den üblichen Beschriftungen bis zu komplizierten Gebrauchsanweisungen und amtlichen Formularen. Also sind wir derzeit dabei, Informationsmaterialien in einfache Sprache zu übersetzen. Begonnen haben wir übrigens mit unserer Studie ’Lebenswelten behinderter Kinder und Jugendlichen in Sachsen’. Sie erschien nicht nur in der zweihundertseitigen Fassung sondern auch als dünnes Heft mit großen Buchstaben, einfachen Worten und kurzen Sätzen. Vermutlich ist das die erste wissenschaftliche Studie, die auch in dieser Form existiert. Inzwischen haben wir noch einen Ratgeber zum Umzug und einen zum Nicht-Rauchen entwickelt. Unser nächstes Projekt widmet sich Teenager-Schwangerschaften."

Die Studie zu behinderten Kindern und Jugendlichen war zudem Anstoß für weitere Untersuchungen, die sich der medizinischen Versorgung von Menschen mit Hörschädigungen und der zahnmedizinischen Versorgung von Lernförderschülern widmen und das Bild weiter abrunden. Der nächste, kürzlich begonnene Abschnitt zur Analyse von Familien mit behinderten Mitgliedern wird eine Untersuchung zum Alltag behinderter Mütter sein. Marlis Heinz

Dr. Bärbel Adams | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-leipzig.de

Weitere Berichte zu: Behinderung Fragebogen Sozialmedizin

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Der ängstliche Nao - Wenn Menschen emotional auf Roboter reagieren
14.08.2018 | Universität Duisburg-Essen

nachricht Mit stochastischer Spieltheorie zu mehr Kooperation
05.07.2018 | Institute of Science and Technology Austria

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wie Magnetismus entsteht: Elektronen stärker verbunden als gedacht

Wieso sind manche Metalle magnetisch? Diese einfache Frage ist wissenschaftlich gar nicht so leicht fundiert zu beantworten. Das zeigt eine aktuelle Arbeit von Wissenschaftlern des Forschungszentrums Jülich und der Universität Halle. Den Forschern ist es zum ersten Mal gelungen, in einem magnetischen Material, in diesem Fall Kobalt, die Wechselwirkung zwischen einzelnen Elektronen sichtbar zu machen, die letztlich zur Ausbildung der magnetischen Eigenschaften führt. Damit sind erstmals genaue Einblicke in den elektronischen Ursprung des Magnetismus möglich, die vorher nur auf theoretischem Weg zugänglich waren.

Für ihre Untersuchung nutzten die Forscher ein spezielles Elektronenmikroskop, das das Forschungszentrum Jülich am Elettra-Speicherring im italienischen Triest...

Im Focus: Erstmals gemessen: Wie lange dauert ein Quantensprung?

Mit Hilfe ausgeklügelter Experimente und Berechnungen der TU Wien ist es erstmals gelungen, die Dauer des berühmten photoelektrischen Effekts zu messen.

Es war eines der entscheidenden Experimente für die Quantenphysik: Wenn Licht auf bestimmte Materialien fällt, werden Elektronen aus der Oberfläche...

Im Focus: Scientists present new observations to understand the phase transition in quantum chromodynamics

The building blocks of matter in our universe were formed in the first 10 microseconds of its existence, according to the currently accepted scientific picture. After the Big Bang about 13.7 billion years ago, matter consisted mainly of quarks and gluons, two types of elementary particles whose interactions are governed by quantum chromodynamics (QCD), the theory of strong interaction. In the early universe, these particles moved (nearly) freely in a quark-gluon plasma.

This is a joint press release of University Muenster and Heidelberg as well as the GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung in Darmstadt.

Then, in a phase transition, they combined and formed hadrons, among them the building blocks of atomic nuclei, protons and neutrons. In the current issue of...

Im Focus: Der Truck der Zukunft

Lastkraftwagen (Lkw) sind für den Gütertransport auch in den kommenden Jahrzehnten unverzichtbar. Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen der Technischen Universität München (TUM) und ihre Partner haben ein Konzept für den Truck der Zukunft erarbeitet. Dazu zählen die europaweite Zulassung für Lang-Lkw, der Diesel-Hybrid-Antrieb und eine multifunktionale Fahrerkabine.

Laut der Prognose des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur wird der Lkw-Güterverkehr bis 2030 im Vergleich zu 2010 um 39 Prozent steigen....

Im Focus: Extrem klein und schnell: Laser zündet heißes Plasma

Feuert man Lichtpulse aus einer extrem starken Laseranlage auf Materialproben, reißt das elektrische Feld des Lichts die Elektronen von den Atomkernen ab. Für Sekundenbruchteile entsteht ein Plasma. Dabei koppeln die Elektronen mit dem Laserlicht und erreichen beinahe Lichtgeschwindigkeit. Beim Herausfliegen aus der Materialprobe ziehen sie die Atomrümpfe (Ionen) hinter sich her. Um diesen komplexen Beschleunigungsprozess experimentell untersuchen zu können, haben Forscher aus dem Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR) eine neuartige Diagnostik für innovative laserbasierte Teilchenbeschleuniger entwickelt. Ihre Ergebnisse erscheinen jetzt in der Fachzeitschrift „Physical Review X“.

„Unser Ziel ist ein ultrakompakter Beschleuniger für die Ionentherapie, also die Krebsbestrahlung mit geladenen Teilchen“, so der Physiker Dr. Thomas Kluge vom...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

4. BF21-Jahrestagung „Car Data – Telematik – Mobilität – Fahrerassistenzsysteme – Autonomes Fahren – eCall – Connected Car“

21.09.2018 | Veranstaltungen

Forum Additive Fertigung: So gelingt der Einstieg in den 3D-Druck

21.09.2018 | Veranstaltungen

12. BusinessForum21-Kongress „Aktives Schadenmanagement"

20.09.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Neue CBMC-Geräteschutzschaltervarianten

22.09.2018 | Energie und Elektrotechnik

ISO-27001-Zertifikat für die GFOS mbH und die GFOS Technologieberatung GmbH

21.09.2018 | Unternehmensmeldung

Kundenindividuelle Steckverbinder online konfigurieren und bestellen

21.09.2018 | Energie und Elektrotechnik

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics