Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Netzwerke der Sozialen Arbeit in Europa: Wächst Europa auch auf sozialer Ebene zusammen?

11.07.2005


Projekt untersucht Netzwerkbildung als zentrale Strategie von Einrichtungen und Trägern Sozialer Arbeit im europäischen Einigungsprozess



Während die Europäische Union in ihre schwerste Krise geraten ist und unter der britischen EU-Präsidentschaft eine Verdrängung des Sozialen und ein Rückfall in eine bloße Wirtschaftsgemeinschaft befürchtet wird, haben sich die Organisationen Sozialer Arbeit gerade in den letzten Jahren auf Europa eingestellt. Spätestens seit 1992 die soziale Dimension Europas unter Federführung des spanischen Kommissars Manuel Marin als politische Leitlinie entdeckt wurde, ist auch unter den Organisationen Sozialer Arbeit eine zunehmende Vernetzung auf europäischer Ebene zu beobachten. "Beeindruckendes Beispiel ist das Anwachsen der Social Platform, dem zentralen europäischen Netzwerkakteur im Bereich der Sozialen Arbeit", erläutert Univ.-Prof. Dr. Franz Hamburger, Professor für Sozialpädagogik am Pädagogischen Institut der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. "Diese Plattform wurde 1995 gegründet und hat heute 40 europäische Mitglieder, die ihrerseits über 1.700 Organisationen auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene repräsentieren."



"Netzwerke" ist gegenwärtig ein häufig genutztes Schlagwort. Der schillernde Be-griff wird dabei für Unternehmensnetzwerke ebenso verwendet wie für politischen Klüngel oder individuelles "networking". Auch in der europäischen Politik sind Netzwerke zu einem Allheilmittel geworden. Ob die zunehmende Vernetzung im Falle der Sozialen Arbeit aber tatsächlich ein strategisches Handlungsmuster dieser Organisationen im Zuge der europäischen Integration darstellt und welche Motive und Zielsetzungen diesen Vernetzungen zugrunde liegen, will ein Forschungsprojekt unter Leitung von Prof. Hamburger herausfinden. "Wir wüssten gerne, welche dauerhaften Zusammenschlüsse entstanden sind und ob diese Netzwerke nur ein Mittel sind, um an den Fördertöpfen der EU teilzuhaben, oder ob sie sich auch als Teil einer europäischen Identität verstehen", so der Projektleiter.

Erste Ergebnisse weisen darauf hin, dass die deutschen Verbände aus dem sozialen Bereich ein sehr hohes Interesse an europäischen Fragestellungen zeigen. Anders als beispielsweise soziale Akteure in Frankreich, England oder Spanien verhalten sich jedoch deutsche Verbände in Bezug auf Mitgliedschaften in europäischen Netzwerken eher zurückhaltend. "Da sehen wir noch weitere Entwicklungsmöglichkeiten", so Prof. Hamburger. Je größer die Verbände sind - zu den großen zählen etwa Caritas oder Diakonie -, desto stärker vertreten sie auf europäischer Ebene ihre eigenen Interessen, während kleine Organisationen eher an einem Austausch interessiert sind.

Gerade angesichts der Dominanz wirtschaftlicher und wettbewerblicher Belange, die für den Integrationsprozess bisher bestimmend waren, so erläutert der Projektleiter, ist eine Bündelung von Interessen auf europäischer Ebene sehr wichtig: "Denn soziale Organisationen sind vom europäischen Integrationsprozess in zweifacher Weise betroffen: In ihrer Rolle als soziale Organisationen sind die Verbände als Interessensvertreter und Anwälte der sozial benachteiligten, kranken, behinderten, ausgegrenzten und diskriminierten Menschen gefordert. Gleichzeitig sind sie auch im Hinblick auf den noch nicht geklärten Status der freien Wohlfahrtspflege in einem europäischen Gesundheits- und Sozialsektor ’Betroffene’, die ihre Einflusssphären, Besitzstände und Kompetenzen verteidigen und daher auch verbandspolitische Zielsetzungen verfolgen müssen."

Der Prozess der europäischen Integration und mit ihm die Ökonomisierung, so ein Ergebnis der Studie, erhöhen den Druck auf die Wohlfahrtsverbände, gemeinsam nach Möglichkeiten der Realisierung eines zivilgesellschaftlichen und sozialen Europa zu suchen. Um die Anliegen einer europäischen Sozialpolitik gegenüber den Akteuren der Politik und Wirtschaft wirksam zu vertreten, reicht jedoch die bloße Abgrenzung gegenüber einer Ökonomisierung des Sozialen als "gemeinsamer Nenner" nicht aus. Vielmehr sind die Wohlfahrtsverbände zur Entwicklung einer tragfähigen europabezogenen Strategie aufgefordert, die eigene, verbandsbezogene Interessen und gemeinsame sozialpolitische Ziele auf europäischer Ebene ausbalanciert.

Nach dem Abschluss der ersten Projektphase werden die Erhebungen, die neben einer Befragung auch Experteninterviews in Brüssel und Deutschland einschließen, nun in der laufenden zweiten Projektphase systematisch ausgewertet und analysiert. Darüber hinaus werden soziale Nichtregierungsorganisationen aus den neuen europäischen Mitgliedsstaaten in die Studie eingeschlossen.

Kontakt und Informationen:
Univ.-Prof. Dr. phil. Franz Hamburger
Pädagogisches Institut
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Tel. 06131 39-22918 oder 39-22588
Fax 06131 39-25995
E-Mail: Franz.Hamburger@uni-mainz.de

Petra Giegerich | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-mainz.de/FB/Paedagogik/netzwerke_europa/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Mit stochastischer Spieltheorie zu mehr Kooperation
05.07.2018 | Institute of Science and Technology Austria

nachricht Deutschland wächst – aber nicht überall
24.04.2018 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Superscharfe Bilder von der neuen Adaptiven Optik des VLT

Das Very Large Telescope (VLT) der ESO hat das erste Licht mit einem neuen Modus Adaptiver Optik erreicht, die als Lasertomografie bezeichnet wird – und hat in diesem Rahmen bemerkenswert scharfe Testbilder vom Planeten Neptun, von Sternhaufen und anderen Objekten aufgenommen. Das bahnbrechende MUSE-Instrument kann ab sofort im sogenannten Narrow-Field-Modus mit dem adaptiven Optikmodul GALACSI diese neue Technik nutzen, um Turbulenzen in verschiedenen Höhen in der Erdatmosphäre zu korrigieren. Damit ist jetzt möglich, Bilder vom Erdboden im sichtbaren Licht aufzunehmen, die schärfer sind als die des NASA/ESA Hubble-Weltraumteleskops. Die Kombination aus exquisiter Bildschärfe und den spektroskopischen Fähigkeiten von MUSE wird es den Astronomen ermöglichen, die Eigenschaften astronomischer Objekte viel detaillierter als bisher zu untersuchen.

Das MUSE-Instrument (kurz für Multi Unit Spectroscopic Explorer) am Very Large Telescope (VLT) der ESO arbeitet mit einer adaptiven Optikeinheit namens GALACSI. Dabei kommt auch die Laser Guide Stars Facility, kurz ...

Im Focus: Diamant – ein unverzichtbarer Werkstoff der Fusionstechnologie

Forscher am KIT entwickeln Fenstereinheiten mit Diamantscheiben für Fusionsreaktoren – Neue Scheibe mit Rekorddurchmesser von 180 Millimetern

Klimafreundliche und fast unbegrenzte Energie aus dem Fusionskraftwerk – für dieses Ziel kooperieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit. Bislang...

Im Focus: Wiener Forscher finden vollkommen neues Konzept zur Messung von Quantenverschränkung

Quantenphysiker/innen der ÖAW entwickelten eine neuartige Methode für den Nachweis von hochdimensional verschränkten Quantensystemen. Diese ermöglicht mehr Effizienz, Sicherheit und eine weitaus geringere Fehleranfälligkeit gegenüber bisher gängigen Mess-Methoden, wie die Forscher/innen nun im Fachmagazin „Nature Physics“ berichten.

Die Vision einer vollständig abhörsicheren Übertragung von Information rückt dank der Verschränkung von Quantenteilchen immer mehr in Reichweite. Wird eine...

Im Focus: Was passiert, wenn wir das Atomgitter eines Magneten plötzlich aufheizen?

„Wir haben jetzt ein klares Bild davon, wie das heiße Atomgitter und die kalten magnetischen Spins eines ferrimagnetischen Nichtleiters miteinander ins Gleichgewicht gelangen“, sagt Ilie Radu, Wissenschaftler am Max-Born-Institut in Berlin. Das internationale Forscherteam fand heraus, dass eine Energieübertragung sehr schnell stattfindet und zu einem neuartigen Zustand der Materie führt, in dem die Spins zwar heiß sind, aber noch nicht ihr gesamtes magnetisches Moment verringert haben. Dieser „Spinüberdruck“ wird durch wesentlich langsamere Prozesse abgebaut, die eine Abgabe von Drehimpuls an das Gitter ermöglichen. Die Forschungsergebnisse sind jetzt in "Science Advances" erschienen.

Magnete faszinieren die Menschheit bereits seit mehreren tausend Jahren und sind im Zeitalter der digitalen Datenspeicherung von großer praktischer Bedeutung....

Im Focus: Erste Beweise für Quelle extragalaktischer Teilchen

Zum ersten Mal ist es gelungen, die kosmische Herkunft höchstenergetischer Neutrinos zu bestimmen. Eine Forschungsgruppe um IceCube-Wissenschaftlerin Elisa Resconi, Sprecherin des Sonderforschungsbereichs SFB1258 an der Technischen Universität München (TUM), liefert ein wichtiges Indiz in der Beweiskette, dass die vom Neutrino-Teleskop IceCube am Südpol detektierten Teilchen mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer Galaxie in vier Milliarden Lichtjahren Entfernung stammen.

Um andere Ursprünge mit Gewissheit auszuschließen, untersuchte das Team um die Neutrino-Physikerin Elisa Resconi von der TU München und den Astronom und...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Stadtklima verbessern, Energiemix optimieren, sauberes Trinkwasser bereitstellen

19.07.2018 | Veranstaltungen

Innovation – the name of the game

18.07.2018 | Veranstaltungen

Wie geht es unserer Ostsee? Ein aktueller Zustandsbericht

17.07.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Europaweit erste Patientin mit neuem Hybridgerät zur Strahlentherapie behandelt

19.07.2018 | Medizintechnik

Waldrand oder mittendrin: Das Erbgut von Mausmakis unterscheidet sich je nach Lebensraum

19.07.2018 | Biowissenschaften Chemie

Automatisiertes Befüllen von Regalen im Einzelhandel

19.07.2018 | Verkehr Logistik

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics