Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Lebensgestaltung junger Frauen in Deutschland

29.08.2003


Woran orientieren sich junge Frauen im Alter zwischen 18 und 35? Unterscheiden sich ihre Lebensauffassungen in Ost- und Westdeutschland? Wie leben sie Parternschaften? Diesen und anderen Fragen geht die Soziologin Dr. Barbara Keddi in ihrer an der Freien Universität Berlin entstandenen Dissertation "Projekt Liebe. Lebensthemen und biografisches Handeln junger Frauen in Paarbeziehungen" nach. In der Studie kommt Keddi zu dem Schluss, dass biografische Aspekte wie Familiengründung, Karriere oder Orientierungslosigkeit nicht nur den roten Faden im Leben der jungen Frauen und ihrer befragten Partner bilden, sondern auch Teil des "sozialen Kitts" in Partnerschaften sind. Diese Lebensthemen bestimmen den Verlauf von Beziehungen und nehmen Einfluss auf Familiengründungen.


Frauen haben die klassische Geschlechterordnung erheblich durcheinander gebracht. "Wenn junge Frauen ihr Leben selbst zu gestalten beginnen, sind für sie vor allem die Lebensthemen von Bedeutung", resümiert Barbara Keddi. Das Lebensthema, zum Beispiel "Familie", "eigener Weg", "Karriere" oder "Suche nach Orientierung" ist der rote Faden, um den herum einzelne Projekte konstruiert werden. "Diese sind anpassungsfähig, flexibel und oft modifikationsbedürftig", so die Soziologin. Beim Lebensthema "eigener Weg" steht die Entwicklung des Selbst im Vordergrund; vielfältige Projekte bestehen unter diesem grundlegenden Rahmen neben- und nacheinander. Junge Frauen mit dem Lebensthema "Suche nach Orientierung" dagegen sind ständig damit beschäftigt, ihr Leben und die Anforderungen zu bewältigen. Aufgrund fehlender Ressourcen und Handlungskompetenzen können sie Projekte häufig nicht zum Abschluss bringen, und sind in der Gefahr, ein von außen dominiertes Leben zu führen. Ein überraschendes Ergebnis ist, dass junge Frauen in Westdeutschland und in Ostdeutschland die gleichen Lebensthemen haben. Unterschiede bestehen lediglich in der konkreten Umsetzung und Ausgestaltung. Unabhängig vom Lebensthema ist für junge ostdeutsche Frauen Berufstätigkeit sehr viel selbstverständlicher und bedeutsamer als für junge westdeutsche Frauen.

Partnerschaftliche Beziehungen sind für junge Frauen von zentraler Bedeutung - neben dem Aufbau eines eigenen Lebens und einer beruflichen Existenz. "Auf die Frage, wie sie am liebsten leben wollen, nannten fast alle das langfristige Zusammenleben in einer Beziehung als gewünschte Lebensform", sagt Keddi und fährt fort: "Das war unabhängig davon, ob sie gegenwärtig einen Partner hatten oder nicht, unabhängig von der regionalen Herkunft, unabhängig davon, ob sie in Bayern oder Sachsen lebten und unabhängig von deren Bildungsniveau." Unverzichtbar sind Vertrauen, Akzeptanz und Offenheit sowie Verständnis und Treue. Lebensentwürfe sind in hohem Maße davon abhängig, in welchem Teil Deutschlands die jungen Frauen aufgewachsen sind.


Wie eine Partnerschaft gestaltet wird, hängt mit den Lebensthemen zusammen. Stimmen die Themen beider Partner überein, besitzt die Beziehung eine tragfähige Basis. "Der überwiegende Teil der Paare, die in dem Untersuchungszeitraum von sieben Jahren zusammen geblieben sind, hatte das gleiche Lebensthema", so Keddi und folgert: "Es spricht einiges dafür, dass die individuellen Lebensthemen bereits vor der Partnerschaft bestanden und sich auch durch die Beziehung nicht veränderten." Auf der Basis der individuellen Lebensthemen wird die Beziehung konstruiert und über die Umsetzung einzelner Projekte verhandelt.

Setzen beide Partner dieselben Prioritäten und stimmen ihre Vorstellungen und Pläne grob überein, fällt es ihnen leichter, sich aufeinander einzulassen. Bei Partnerschaften mit unterschiedlichen Lebensthemen sind Konflikte vorprogrammiert. Die Diskrepanz in den Lebensthemen scheint unüberbrückbar. Nach der Trennung bleiben die Paare "fremde Fremde", während es Paaren mit gleichem Lebensthema gelingen kann, "vertraute Fremde" zu werden. Keddi glaubt, dass Streitgespräche und Aushandlungsprozesse nicht notwendigerweise eine Partnerschaft stabilisieren. "Gespräche sind vor allem dann fruchtbar, wenn eine Basis aus übereinstimmenden oder sich ergänzenden individuellen Lebensthemen besteht."

Kommuniziert werde weniger, um ein gemeinsames Lebensthema zu konstruieren, sondern vor allem, um die individuellen Lebensthemen gegenseitig zu verstehen, sich ihrer zu vergewissern und auftretende Probleme und Alltagssituationen zu bewältigen. "Das bedeutet aber nicht", so Keddi, "dass die Gespräche immer harmonisch ablaufen. Im Gegenteil, es zeigt sich, dass für eine lebendige Partnerschaft das offene Austragen von Konflikten wichtig ist." Bei den Paaren mit trennenden Lebensthemen treten häufig Scheinkonflikte auf, bei denen es um das Darstellen und Vergewissern der eigenen Position geht. Paare mit trennenden Lebensthemen kann es nicht gelingen, trotz intensiver Gespräche auf einen Nenner zu kommen.

Unterstützung erhalten junge Frauen von ihren Partnern vor allem, wenn das gleiche Lebensthema vorliegt oder sie ein ergänzendes Lebensthema, wie den "gemeinsamen Weg", verfolgen. Die Form der Unterstützung variiert stark und hängt von den jeweiligen Themen ab. Doch auch wenn sich die Lebensthemen der jungen Frauen von denen ihrer Partner unterscheiden, können sie auf die aktive Unterstützung bei der Durchsetzung eigener und vom Leben des Partners unabhängiger Vorstellungen bauen. Das trifft vor allem auf Frauen mit dem Lebensthema "eigener Weg", "Beruf" oder "Doppelorientierung Familie und Beruf" zu.

"Das Handeln junger Frauen innerhalb einer Beziehung und bei der Familiengründung lässt sich nicht in Formeln pressen wie Geschlecht, Herkunft, Region, soziale Rahmen, Bildung oder Lebensform", sagt Keddi. Junge Frauen schlagen unter ähnlichen Bedingungen verschiedene Lebenswege ein und handeln biografisch in unterschiedlicher Weise. Die biografischen Gemeinsamkeiten zwischen Frauen mit einem Lebensthema sind größer als zwischen Frauen mit ähnlichen soziokulturellen Merkmalen. Eine Frau mit dem Lebensthema "Beruf" muss kein Abitur haben und eine Frau mit dem Lebensthema "eigener Weg" kann auf dem Land aufgewachsen sein. Nur das Lebensthema "Familie" konzentriert sich in Bayern vor allem auf den ländlichen und kleinstädtischen Raum. Umgekehrt lässt sich nicht der Schluss ziehen, dass "Familie" das vorrangige Lebensthema aller Frauen auf dem Land ist, denn Frauen aus ländlichen Regionen sind bei allen Lebensthemen-Typen vertreten. Ebenso wenig stimmt, dass sächsische Frauen stringent einen doppelten Lebensentwurf verfolgen, der dem Leitbild der erwerbstätigen Mutter folgt, oder dass sie berufsorientiert sind.

Die einzelne Frau ist zwar Akteurin und Umsetzerin ihrer Projekte, in ihrer individuellen Lebensführung spiegeln sich aber Strukturen wider: die Geschlechterverhältnisse, das Angebot am Arbeitsmarkt, der Zugang zum Bildungswesen, die Verfügbarkeit von Kinderbetreuungsplätzen, die Möglichkeit, sich durch die Erwerbstätigkeit zu ernähren, die Wohnsituation, der Freundeskreis und vieles mehr. "Betrachtet man die Lebensgestaltung der jungen Frauen, zeigt sich, dass beispielsweise die sächsischen Frauen die Verbindung von Mutterschaft und Berufstätigkeit nach wie vor mit größerer Selbstverständlichkeit als bayerische Frauen leben", sagt Keddi. Allerdings ließe sich die Berufstätigkeit mit Kind im Osten Deutschlands aufgrund der Infrastruktur (noch) leichter realisieren als in Bayern, und vielfach ließen die Erfordernisse des Arbeitsmarktes auch nur wenig Handlungsspielräume offen; ein Ausstieg auch auf Zeit sei häufig nicht realisierbar.

Literatur:
Barbara Keddi, Projekt Liebe. Lebensthemen und biografisches Handeln junger Frauen in Paarbeziehungen, DJI-Reihe "Gender", Bd. 15, Opladen: Leske + Budrich, 2003, ISBN 3-8100-3548-3

Weitere Informationen erteilt: Dr. Barbara Keddi, Tel.: 089 - 62306-281, E-Mail: keddi@dji.de

Ilka Seer | idw
Weitere Informationen:
http://www.fu-berlin.de

Weitere Berichte zu: Berufstätigkeit Familiengründung Paar

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Mit stochastischer Spieltheorie zu mehr Kooperation
05.07.2018 | Institute of Science and Technology Austria

nachricht Deutschland wächst – aber nicht überall
24.04.2018 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Future electronic components to be printed like newspapers

A new manufacturing technique uses a process similar to newspaper printing to form smoother and more flexible metals for making ultrafast electronic devices.

The low-cost process, developed by Purdue University researchers, combines tools already used in industry for manufacturing metals on a large scale, but uses...

Im Focus: Rostocker Forscher entwickeln autonom fahrende Kräne

Industriepartner kommen aus sechs Ländern

Autonom fahrende, intelligente Kräne und Hebezeuge – dieser Ingenieurs-Traum könnte in den nächsten drei Jahren zur Wirklichkeit werden. Forscher aus dem...

Im Focus: Superscharfe Bilder von der neuen Adaptiven Optik des VLT

Das Very Large Telescope (VLT) der ESO hat das erste Licht mit einem neuen Modus Adaptiver Optik erreicht, die als Lasertomografie bezeichnet wird – und hat in diesem Rahmen bemerkenswert scharfe Testbilder vom Planeten Neptun, von Sternhaufen und anderen Objekten aufgenommen. Das bahnbrechende MUSE-Instrument kann ab sofort im sogenannten Narrow-Field-Modus mit dem adaptiven Optikmodul GALACSI diese neue Technik nutzen, um Turbulenzen in verschiedenen Höhen in der Erdatmosphäre zu korrigieren. Damit ist jetzt möglich, Bilder vom Erdboden im sichtbaren Licht aufzunehmen, die schärfer sind als die des NASA/ESA Hubble-Weltraumteleskops. Die Kombination aus exquisiter Bildschärfe und den spektroskopischen Fähigkeiten von MUSE wird es den Astronomen ermöglichen, die Eigenschaften astronomischer Objekte viel detaillierter als bisher zu untersuchen.

Das MUSE-Instrument (kurz für Multi Unit Spectroscopic Explorer) am Very Large Telescope (VLT) der ESO arbeitet mit einer adaptiven Optikeinheit namens GALACSI. Dabei kommt auch die Laser Guide Stars Facility, kurz ...

Im Focus: Diamant – ein unverzichtbarer Werkstoff der Fusionstechnologie

Forscher am KIT entwickeln Fenstereinheiten mit Diamantscheiben für Fusionsreaktoren – Neue Scheibe mit Rekorddurchmesser von 180 Millimetern

Klimafreundliche und fast unbegrenzte Energie aus dem Fusionskraftwerk – für dieses Ziel kooperieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit. Bislang...

Im Focus: Wiener Forscher finden vollkommen neues Konzept zur Messung von Quantenverschränkung

Quantenphysiker/innen der ÖAW entwickelten eine neuartige Methode für den Nachweis von hochdimensional verschränkten Quantensystemen. Diese ermöglicht mehr Effizienz, Sicherheit und eine weitaus geringere Fehleranfälligkeit gegenüber bisher gängigen Mess-Methoden, wie die Forscher/innen nun im Fachmagazin „Nature Physics“ berichten.

Die Vision einer vollständig abhörsicheren Übertragung von Information rückt dank der Verschränkung von Quantenteilchen immer mehr in Reichweite. Wird eine...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Stadtklima verbessern, Energiemix optimieren, sauberes Trinkwasser bereitstellen

19.07.2018 | Veranstaltungen

Innovation – the name of the game

18.07.2018 | Veranstaltungen

Wie geht es unserer Ostsee? Ein aktueller Zustandsbericht

17.07.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Neue Anwendungen für Mikrolaser in der Quanten-Nanophotonik

20.07.2018 | Physik Astronomie

Need for speed: Warum Malaria-Parasiten schneller sind als die menschlichen Abwehrzellen

20.07.2018 | Biowissenschaften Chemie

Die Gene sind nicht schuld

20.07.2018 | Medizin Gesundheit

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics