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Warnung vor Hybris bei CO2-Entzug

20.09.2018

Um die im Paris-Abkommen vereinbarten Temperaturziele einhalten zu können, muss die Menschheit große Mengen CO2 wieder aus der Atmosphäre herausholen. Die dafür notwendigen CO2-Entnahmetechnologien, häufig als „negative Emissionen“ bezeichnet, sind jedoch mit Risiken behaftet. Ihre ethischen Konsequenzen sollten deshalb sowohl in der Ethik als auch in den Klimawissenschaften berücksichtigt werden. Das empfehlen Forscher um Dominic Lenzi vom Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC).

Zudem warnen sie vor einer Hybris beim Ausbau der negativen Emissionen; deren großskalige Anwendung könnte von den Klimamodellen massiv überschätzt werden. Der entsprechende Kommentar ist im renommierten Wissenschaftsjournal "Nature" erschienen


Hybris bei negativen Emissionen

Der Artikel hat besondere Relevanz vor dem Hintergrund der für Anfang Oktober geplanten Veröffentlichung des 1,5-Grad-Sonderberichts des Weltklimarats IPCC. In dem Bericht wird die Anwendung negativer Emissionen zur Einhaltung des Ziels eine entscheidende Rolle spielen. „Obwohl ihr Einsatz viele ethische Fragen aufwirft, fehlt eine ethische Beurteilung der Technologien bislang völlig“, sagt Leitautor Lenzi.

Eine wichtige Technik ist etwa die großflächige Aufforstung von Wäldern, die das CO2 aus der Luft binden. Dafür wird so viel fruchtbares Land benötigt, dass in manchen Regionen der Welt die Nahrungsmittel knapp werden könnten. Eine weitere Technik, die Ozeandüngung, führt zwar dazu, dass die Meere mehr Kohlenstoff aufnehmen könnten. Sie greift aber zugleich massiv in marine Ökosysteme ein.

„Die Ethik beschäftigt sich nicht mit den negativen Emissionen, weil Ethiker meist die zugrunde liegende Wissenschaft nicht kennen oder ihr schlicht keine Beachtung schenken“, sagt Leitautor Lenzi. „Das führt auf der anderen Seite dazu, dass ethische Fragen bei der Anwendung negativer Emissionen in den Modellen der Klimawissenschaftler kaum eine Rolle spielen“, so Lenzi weiter.

„Als Ethiker sollten wir deshalb besser über ganz konkrete Klimapfade diskutieren. Also darüber, welcher Mix aus Klimaschutz, negativen Emissionen und Anpassungsmaßnahmen ethisch gesehen wünschenswert ist.“

Die Debatten zum Klimawandel in der philosophischen Ethik seien zu abstrakt, so die Forscher. Oft ginge es nur darum, wer für die Emissionen verantwortlich sei und daher für Klimaschutz und Anpassungs-maßnahmen zahlen solle. „Es muss einen Kulturwandel geben – sowohl in der Arbeit der Philosophen als auch in der Klimaforschung“, sagt Co-Autor Martin Kowarsch vom MCC.

„Dafür brauchen wir einen interdisziplinären Schulterschluss zwischen sozial- und naturwissenschaftlicher Klimaforschung und der Ethik.“ Die verschiedenen, modellbasierten Klimapfade des Weltklimarats IPCC – die sogenannten „Szenarien“, welche vielfach auf den Einsatz von CO2-Entnahmetechnologien setzen – sollten in dreierlei Hinsicht diskutiert werden.

Erstens werfen die negativen Emissionen ein „Moral Hazard“-Problem auf. „Politische Entscheider können den Eindruck gewinnen, sie könnten sich mit dem Klimaschutz Zeit lassen“, sagt Co-Autor Jan Christoph Minx vom MCC. „Schließlich könne man die Emissionen in Zukunft ja einfach wieder aus der Luft fischen.“ So müsste in Szenarien ohne CO2-Entzug der Ausstoß von Treibhausgasen bis 2030 ziemlich schnell auf nahezu die Hälfte des heutigen Niveaus, etwa 23 Gigatonnen pro Jahr, reduziert werden. Mit CO2-Entnahme dagegen müssten die Emissionen bis zum selben Jahr nur langsam auf etwa 32 Gigatonnen pro Jahr sinken – etwas weniger als das heutige Niveau.

Zum Zweiten, so die Autoren, seien die CO2-Entnahmetechniken ein „riskante Wette“. Der tatsächliche Forschungs- und Entwicklungsstand hinke den Modellannahmen weit hinterher. Oft werden in den Klimaszenarien ein rascher technischer Fortschritt und ein massiver Ausbau der Technologien in den kommenden Jahrzehnten vorausgesetzt. „Die tatsächliche, großskalige Anwendbarkeit der negativen Emissionen hält sich dagegen bisher in Grenzen“, so Minx, der auch Professor am Priestley International Centre for Climate der Universität Leeds ist. So gibt es bisher nur wenige Pilotprojekte.

Drittens, mahnen die Forscher, müsse die den Modellen zugrunde liegende „Hybris“ ernsthaft diskutiert werden. Unsere tatsächliche Fähigkeit – auch in der Zukunft – riesige Mengen CO2 aus der Atmosphäre zu ziehen, könnte von den Klimamodellen überschätzt werden.

„Die Modelle gehen davon aus, dass wir zukünftig in der Lage sein werden, künstliche Kohlenstoffsenken zu schaffen, die mehr CO2 aufnehmen können als alle natürlichen landbasierten Kohlestoffsenken derzeit, wie etwa Wälder oder Böden“, schreiben sie. Potenzielle Feedback-Mechanismen oder „tipping points“ wie das Schmelzen des Permafrostbodens seien aber nur unzureichend erforscht und verstanden.

Originalpublikation:

Lenzi, D.; Lamb, William F.; Hilaire, J.; Kowarsch, M.; Minx, J.C. Don’t deploy negative emissions technologies without ethical analysis. Nature 561, 303–305; 2018. doi:10.1038/d41586-018-06695-5

Weitere Informationen:

https://www.nature.com/articles/d41586-018-06695-5
https://www.mcc-berlin.net/

Fabian Löhe | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Berichte zu: CO2 Emissionen Gigatonnen Klimaforschung Klimaschutz MCC

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