Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Die Polkappen schmelzen

30.11.2012
In den vergangenen Jahren herrschte relative Unsicherheit darüber, wie stark die polaren Eisschilde tatsächlich abschmelzen.

Durch den systematischen Vergleich zahlreicher Satellitendaten macht ein internationales Forscherteam unter Beteiligung von Prof. Helmut Rott von der Universität Innsbruck dieser Ungewissheit nun ein Ende.


Die aktuellen Daten zeigen sehr deutlich, dass sowohl Grönland als auch die Antarktis Eismasse verlieren. Helmut Rott


Der Crane Gletscher auf der Antarktischen Halbinsel, dargestellt aus Radarmessdaten des TerraSAR-X Satelliten. Auf Basis dieser Daten berechnen die Forschern die Massenänderungen von Eisströmen. TerraSAR-X

In der Fachzeitschrift Science berichten die Wissenschaftler, dass die Eisschilde in Antarktis und Grönland seit 1992 4000 Milliarden Tonnen an Masse verloren haben und damit den Meeresspiegel um rund 1,1 Zentimeter haben steigen lassen.

Der letzte Bericht des Weltklimarates (IPCC) beruhte noch auf Daten, aus denen nicht klar hervorging, ob das antarktische Eis tatsächlich an Masse verliert. „Mit den nun veröffentlichten Ergebnissen haben wir die Genauigkeit mehr als verdoppelt“, sagt der an der internationalen Studie beteiligte Klimaforscher Prof. Helmut Rott vom Institut für Meteorologie und Geophysik der Universität Innsbruck.

Möglich war dies durch den systematischen Vergleich von drei unterschiedlichen Satelliten-Messverfahren: die Beobachtung von Eisströmen mittels Radarmessungen, die Ermittlung von Höhenänderungen durch Radar- und Lasermessungen sowie die Messung der Änderung des Erdschwerefeldes.

„Die Daten zeigen sehr deutlich, dass sowohl Grönland als auch die Antarktis Eismasse verlieren“, fasst Helmut Rott Ergebnisse der Studie zusammen. „Und heute schmilzt in Grönland etwa fünfmal soviel Eis ab wie noch in den 1990-er Jahren, während in der Antarktis die Beschleunigung etwas langsamer vor sich geht.“

Die Meere steigen

In den vergangenen 20 Jahren haben die schmelzenden Eismassen in den Polarregionen mit 1,1 Zentimetern etwa ein Fünftel zum Anstieg des Meeresspiegels beigetragen. Zwei Drittel davon stammen aus Grönland und der Rest aus der Antarktis. Im 20. Jahrhundert leistete noch das Abschmelzen der Gletscher den größten Beitrag zum Meeresspiegelanstieg, wie Innsbrucker Klimaforscher um Ben Marzeion mit Hilfe von Modellrechnungen erst vor zwei Wochen bestätigt haben. „Durch das in den letzten Jahren stark beschleunigte Abschmelzen in Grönland ist der Beitrag der beiden großen Eisschilde zum Meeresspiegelanstieg heute aber bereits gleich groß wie jener der Gletscher“, betont Helmut Rott. „Dies ist besonders deshalb bedrohlich, weil in den polaren Eisschilden sehr, sehr viel mehr Wasser gebunden ist als in allen Gletschern zusammen.“

Erste umfassende Analyse

Die nun präsentierte Studie entstand auf Initiative der europäischen Weltraumorganisation ESA und der amerikanischen Raumfahrtagentur NASA und brachte unter der Leitung von Prof. Andrew Shepherd von der Universität Leeds die wichtigsten Forschungsgruppen auf diesem Gebiet zusammen. 47 Wissenschaftler aus 26 Forschungseinrichtungen verglichen dabei Beobachtungen aus zehn unterschiedlichen Satellitenmissionen miteinander und erstellten so die erste umfassende Betrachtung der Veränderung der Eismassen an den Polen. „Wir haben dazu bestimmte Zeitabschnitte und Regionen ausgewählt und die dafür vorhandenen Daten aus den unterschiedlichen Satelliten-Messverfahren verglichen“, erzählt Prof. Rott. „Die Studie liefert uns deshalb nicht nur sehr viel genauere Daten zum Abschmelzen der Polkappen, sondern zeigt auch auf, in welchen Regionen wir noch mehr Daten benötigen. Dies ist wichtig, um zukünftige Messvorhaben entsprechend planen und vorbereiten zu können“, blickt Helmut Rott bereits in die Zukunft.

Zur Person

Helmut Rott ist Professor mit dem Schwerpunkt Fernerkundung und Satellitenmeteorologie und ist Mitglied des Forschungszentrums Klima und Kryosphäre an der Universität Innsbruck. Er ist Co-Gründer und Co-Direktor der ENVEO IT GmbH, einem Spin-off der Universität Innsbruck, das Fernerkundungsmethoden in die praktische Anwendung der ESA oder NASA überführt. Helmut Rott ist Projektleiter in vielen Radar-Satellitenmissionen und hat sich auch an zahlreichen Expeditionen in der Antarktis, Grönland und Patagonien beteiligt. Dort studiert er die Energie- und Massenbilanz direkt an der Oberfläche und lässt deren physikalische Beschreibung dann in die Satellitenalgorithmen einfließen. So hat Rott den Zusammenbruch der Larsen-A/B Schelfeise in der Antarktis detailliert untersucht und war damit einer der ersten, der die Beschleunigung der Massenverluste von polarem Eis nach der Auflösung von Schelfeis nachweisen konnte.

Publikation: A Reconciled Estimate of Ice-Sheet Mass Balance. Andrew Shepherd et. al. Science 2012 DOI: 10.1126/science.1228102

Rückfragehinweis:

Ao.Univ.-Prof. Dr. Helmut Rott
Institut für Meteorologie und Geophysik
Universität Innsbruck
Telefon: +43 512 507-5451
E-Mail: helmut.rott@uibk.ac.at
Dr. Christian Flatz
Büro für Öffentlichkeitsarbeit
Universität Innsbruck
Telefon: +43 512 507-32022
Mobil: +43 676 872532022
E-Mail: christian.flatz@uibk.ac.at

Dr. Christian Flatz | Universität Innsbruck
Weitere Informationen:
http://dx.doi.org/10.1126/science.1228102
http://www.uibk.ac.at

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Biber verändern das Gesicht der Arktis
16.07.2018 | Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung

nachricht Drohnen zählen Tiere in Afrika
11.07.2018 | Schweizerischer Nationalfonds SNF

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Diamant – ein unverzichtbarer Werkstoff der Fusionstechnologie

Forscher am KIT entwickeln Fenstereinheiten mit Diamantscheiben für Fusionsreaktoren – Neue Scheibe mit Rekorddurchmesser von 180 Millimetern

Klimafreundliche und fast unbegrenzte Energie aus dem Fusionskraftwerk – für dieses Ziel kooperieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit. Bislang...

Im Focus: Wiener Forscher finden vollkommen neues Konzept zur Messung von Quantenverschränkung

Quantenphysiker/innen der ÖAW entwickelten eine neuartige Methode für den Nachweis von hochdimensional verschränkten Quantensystemen. Diese ermöglicht mehr Effizienz, Sicherheit und eine weitaus geringere Fehleranfälligkeit gegenüber bisher gängigen Mess-Methoden, wie die Forscher/innen nun im Fachmagazin „Nature Physics“ berichten.

Die Vision einer vollständig abhörsicheren Übertragung von Information rückt dank der Verschränkung von Quantenteilchen immer mehr in Reichweite. Wird eine...

Im Focus: Was passiert, wenn wir das Atomgitter eines Magneten plötzlich aufheizen?

„Wir haben jetzt ein klares Bild davon, wie das heiße Atomgitter und die kalten magnetischen Spins eines ferrimagnetischen Nichtleiters miteinander ins Gleichgewicht gelangen“, sagt Ilie Radu, Wissenschaftler am Max-Born-Institut in Berlin. Das internationale Forscherteam fand heraus, dass eine Energieübertragung sehr schnell stattfindet und zu einem neuartigen Zustand der Materie führt, in dem die Spins zwar heiß sind, aber noch nicht ihr gesamtes magnetisches Moment verringert haben. Dieser „Spinüberdruck“ wird durch wesentlich langsamere Prozesse abgebaut, die eine Abgabe von Drehimpuls an das Gitter ermöglichen. Die Forschungsergebnisse sind jetzt in "Science Advances" erschienen.

Magnete faszinieren die Menschheit bereits seit mehreren tausend Jahren und sind im Zeitalter der digitalen Datenspeicherung von großer praktischer Bedeutung....

Im Focus: Erste Beweise für Quelle extragalaktischer Teilchen

Zum ersten Mal ist es gelungen, die kosmische Herkunft höchstenergetischer Neutrinos zu bestimmen. Eine Forschungsgruppe um IceCube-Wissenschaftlerin Elisa Resconi, Sprecherin des Sonderforschungsbereichs SFB1258 an der Technischen Universität München (TUM), liefert ein wichtiges Indiz in der Beweiskette, dass die vom Neutrino-Teleskop IceCube am Südpol detektierten Teilchen mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer Galaxie in vier Milliarden Lichtjahren Entfernung stammen.

Um andere Ursprünge mit Gewissheit auszuschließen, untersuchte das Team um die Neutrino-Physikerin Elisa Resconi von der TU München und den Astronom und...

Im Focus: First evidence on the source of extragalactic particles

For the first time ever, scientists have determined the cosmic origin of highest-energy neutrinos. A research group led by IceCube scientist Elisa Resconi, spokesperson of the Collaborative Research Center SFB1258 at the Technical University of Munich (TUM), provides an important piece of evidence that the particles detected by the IceCube neutrino telescope at the South Pole originate from a galaxy four billion light-years away from Earth.

To rule out other origins with certainty, the team led by neutrino physicist Elisa Resconi from the Technical University of Munich and multi-wavelength...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Wie geht es unserer Ostsee? Ein aktueller Zustandsbericht

17.07.2018 | Veranstaltungen

Interdisziplinäre Konferenz: Diabetesforscher und Bioingenieure diskutieren Forschungskonzepte

13.07.2018 | Veranstaltungen

Conference on Laser Polishing – LaP: Feintuning für Oberflächen

12.07.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Optische Kontrolle von Herzfrequenz oder Insulinsekretion durch lichtschaltbaren Wirkstoff

17.07.2018 | Biowissenschaften Chemie

Umweltressourcen nachhaltig nutzen

17.07.2018 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Textilien 4.0: Smarte Kleidung und Wearables als Innovation

17.07.2018 | Innovative Produkte

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics