Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Menschgemachte Ökokatastrophen der Bronze- und Eisenzeit

18.09.2012
Wissenschaftler der Goethe-Universität um den Archäologen Rüdiger Krause finden erstmals Belege für massive Umweltzerstörungen in der antiken Tallandschaft des österreichischen Montafon

Die scheinbar unberührte Idylle der Alpenlandschaft, der charakteristische Wechsel zwischen Weideflächen und Bergwäldern, ist offenbar auch das Ergebnis eines Jahrtausende währenden Raubbaus des Menschen an der Natur und daraus resultierender massiver Landschaftsveränderungen.

Massive Umweltzerstörungen und daraus entstehende Katastrophen für Mensch und Tier sind damit nicht nur ein Phänomen der Moderne. Forscher und 25 Studierende der Goethe-Universität unter Leitung des Archäologen Prof. Rüdiger Krause können dank wegweisender Funde im Montafon (Österreich) nun erstmals umfassend belegen, dass bereits die Menschen der Bronze- und Eisenzeit im 2. und 1. Jahrtausend vor Christus ihre Heimatlandschaft durch extensiven Bergbau und weiträumige Brandrodung derartig stark veränderten, dass sie dafür am Ende einen hohen Preis zahlen mussten. Eine tödliche Folge dieser Eingriffe in die Natur: Schon in der Bronzezeit vor 3500 Jahren rutschten am Bartholomäberg ganze Hänge ab und begruben vereinzelt sogar Siedlungen unter sich:

„Wir können zweifelsfrei nachweisen, dass solche katastrophalen Ereignisse Folgen menschlichen Tuns waren“, erklärt Grabungsleiter Rüdiger Krause. „Schon die Menschen der Bronze- und Eisenzeit haben massiv in ihre natürliche Umwelt eingegriffen und diese mit den begrenzten technischen Möglichkeiten ihrer Zeit maximal ausgebeutet“, so Krause.

Die spektakulären Ergebnisse der aktuellen Grabungskampagne am Bartholomäberg wären nicht möglich gewesen ohne einen interdisziplinären Ansatz, den die Forscher um Rüdiger Krause wählten. Dank der Bodenkundlerin und Geomorphologin Dr. Astrid Röpke sowie der Botanikerin und Vegetationshistorikerin Dr. Astrid Stobbe gelang eine realistische Rekonstruktion der prähistorischen Siedlungsverhältnisse mit ihren durch den Menschen schon früh hervorgerufen Umweltveränderungen.

Alpweiden wurden zugunsten der Erzgewinnung aufgegeben. Die eisenzeitlichen Halden wurden später von den mittelalterlichen begraben und sind so konserviert. Eine wichtige neue Entdeckung für das archäologisch-naturwissenschaftliche Projekt, denn damit ist auch der prähistorische Bergbau und differenzierte Landnutzung in dieser Gebirgslandschaft belegt.

Seinen vorläufigen Höhepunkt erreichte der Raubbau an der Natur im ersten Jahrtausend vor Christus: „Im Bereich der Erzregion in Höhen zwischen 1300 bis 1450 Metern kam es in Folge des fehlenden Pflanzenbewuchses zu starken Beeinträchtigungen der Hangstabilität. Austretendes Wasser ließ die Hänge abrutschen und Muren entstehen. Das zu diesem Zeitpunkt erreichte Ausmaß an menschlicher Umweltzerstörung war so stark, dass es erst wieder rund 1500 Jahre später, im Spätmittelalter, erreicht und zum Teil noch übertroffen wurde.

Nicht nur Siedlungen wurden verschüttet, auch für das Vieh mussten neue, weniger ertragreiche Weidegründe in größerer Höhe gefunden werden. Die daraus resultierende Zweiteilung prägt seitdem das Landschaftsbild vieler Alpenregionen. Wie langfristig sich menschengemachte Veränderungen der alpinen Landschaft in die Zukunft auswirken, zeigte sich auch nach Beendigung des nicht mehr lukrativen Bergbaus im 17. Jahrhundert: Die Gefahr nachträglicher Rutschungen verhinderte noch lange Zeit die Wieder-Nutzung dieser Flächen als Weideland.

An den von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und den Vorarlberger Illwerke unterstützten interdisziplinären Forschungen waren in diesem Sommer auch bis zu 25 Frankfurter Studenten im Rahmen eines Geoarchäologiekurses beteiligt.

Angesichts des Ausmaßes der hier sichtbar werdenden Naturzerstörung der Antike plädiert der Archäologe Rüdiger Krause für einen behutsamen Umgang mit der dortigen Landschaft: „Die charakteristische Kulturlandschaft dieser Region ist aufgrund ihrer Beschaffenheit sensibler, als dies auf den ersten Blick sichtbar wird. Es ist eine Illusion zu glauben, diese erhalte sich in ihrer heutigen Form gleichsam von selbst.“ Ganz besonders müsse auf eine moderate Bewirtschaftung und auf einen sanften Tourismus geachtet werden, so der Forscher.
Fotos der Grabungsarbeiten finden Sie unter:
http://www.muk.uni-frankfurt.de/43150163/199

Kontakt: Prof. Dr. Rüdiger Krause, Sprach- und Kulturwissenschaften, Campus Westend, Tel.: (069) 798 3 21 30, E-Mail: r.krause@em.uni-frankfurt.de

Dr. Dirk Frank | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-frankfurt.de
http://www.muk.uni-frankfurt.de/43150163/199

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Neutronenquelle ermöglicht Blick in Dino-Eier
22.01.2020 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

nachricht Quo vadis Antarktisches Bodenwasser? Export der bedeutendsten Tiefenwassermasse der Südhalbkugel ist störungsanfällig
22.01.2020 | GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: New roles found for Huntington's disease protein

Crucial role in synapse formation could be new avenue toward treatment

A Duke University research team has identified a new function of a gene called huntingtin, a mutation of which underlies the progressive neurodegenerative...

Im Focus: A new look at 'strange metals'

For years, a new synthesis method has been developed at TU Wien (Vienna) to unlock the secrets of "strange metals". Now a breakthrough has been achieved. The results have been published in "Science".

Superconductors allow electrical current to flow without any resistance - but only below a certain critical temperature. Many materials have to be cooled down...

Im Focus: DKMS-Studie zum Erfolg von Stammzelltransplantationen

Den möglichen Einfluss von Killerzell-Immunoglobulin-ähnlichen Rezeptoren (KIR) auf den Erfolg von Stammzelltransplantationen hat jetzt ein interdisziplinäres Forscherteam der DKMS untersucht. Das Ergebnis: Bei 2222 Patient-Spender-Paaren mit bestimmten KIR-HLA-Kombinationen konnten die Wissenschaftler keine signifikanten Auswirkungen feststellen. Jetzt wollen die Forscher weitere KIR-HLA-Kombinationen in den Blick nehmen – denn dieser Forschungsansatz könnte künftig Leben retten.

Die DKMS ist bekannt als Stammzellspenderdatei, die zum Ziel hat, Blutkrebspatienten eine zweite Chance auf Leben zu ermöglichen. Auch auf der...

Im Focus: Gendefekt bei Zellbaustein Aktin sorgt für massive Entwicklungsstörungen

Europäische Union fördert Forschungsprojekt „PredActin“ mit 1,2 Millionen Euro

Aktin ist ein wichtiges Strukturprotein in unserem Körper. Als Hauptbestandteil des Zellgerüstes sorgt es etwa dafür, dass unsere Zellen eine stabile Form...

Im Focus: Programmable nests for cells

KIT researchers develop novel composites of DNA, silica particles, and carbon nanotubes -- Properties can be tailored to various applications

Using DNA, smallest silica particles, and carbon nanotubes, researchers of Karlsruhe Institute of Technology (KIT) developed novel programmable materials....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Tagung befasst sich mit der Zukunft der Mobilität

22.01.2020 | Veranstaltungen

ENERGIE – Wende. Wandel. Wissen.

22.01.2020 | Veranstaltungen

KIT im Rathaus: Städte und Wetterextreme

21.01.2020 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Lass uns eine Zelle bauen

22.01.2020 | Biowissenschaften Chemie

Messtechnische Unterstützung für chirurgische Eingriffe

22.01.2020 | Medizintechnik

Naturstoffe gegen Fibrose und diastolische Herzschwäche entdeckt

22.01.2020 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics