Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wie ein Düsenstrahl durch festes Gestein

29.05.2012
Geowissenschaftler zeigen, dass Vulkangürtel durch schnelle Fluid-Pulse gespeist werden / Veröffentlichung in "Nature Geoscience"

In den Tiefen der Erde ist es alles andere als ruhig: Große Mengen an Flüssigkeiten bahnen sich als "Fluide" ihren Weg durch das Gestein und bewirken die Bildung von Magma. Ein Forscherteam um Dr. Timm John und Dr. Nikolaus Gussone vom Institut für Mineralogie der Universität Münster konnte nun zeigen, dass die Fluide um ein Vielfaches schneller durch massives Gestein fließen können als bislang angenommen.

Im chinesischen Tianshan-Gebirge, so wiesen die Wissenschaftler nach, bahnten sich Fluide in nur 200 Jahren aus großer Tiefe den Weg in den Erdmantel anstatt im Laufe von Zehn- oder sogar Hunderttausenden von Jahren. Die Forscher aus Münster, Kiel, Bochum, Erlangen, Bethlehem (USA) und Lausanne (Schweiz) stellen ihre Ergebnisse, die auf einer innovativen Kombination von Geländearbeit, geochemischer Analytik und numerischen Berechnungen beruhen, in der aktuellen Ausgabe der renommierten Fachzeitschrift "Nature Geoscience" vor.

Wenn sich Erdplatten aufeinander zu bewegen und sich an den Rändern übereinander schieben, bilden sich sogenannte Subduktionszonen. Dabei wird die nach unten absinkende Platte aufgeheizt und das in ihren Gesteinen gespeicherte Wasser kontinuierlich als Fluid freigesetzt. Das Fluid dringt in den Erdmantel ein, der sich über der absinkenden Platte befindet. Dabei erniedrigen die Fluide den Schmelzpunkt des Mantelgesteins, und die sich bildenden Schmelzen steigen als Magma zu den Vulkanen auf. Dieses Magma speist die vielen Vulkane, die weltweit entlang der sich übereinanderschiebenden Plattengrenzen auftreten und den "Ring of Fire" bilden, einen Vulkangürtel, der den Pazifischen Ozean umgibt. Die Fluide strömen in einem definierten Flusssystem durch das Gestein, so die gängige Annahme. Diese Strukturen nennen Geologen "Adern".

Bei Geländearbeiten im chinesischen Teil des Hochgebirges Tianshan ("Himmelsgebirge") fanden Timm John und seine Kollegen in den von ihnen untersuchten Gesteinen Strukturen, die auf massive Fluidflüsse in großer Tiefe zurückzuführen sind. "Unsere Untersuchung hat gezeigt, dass sehr viel Fluid durch eine Gesteinsader in etwa 70 Kilometern Tiefe geflossen sein muss und dass dieses Fluid offensichtlich schon eine Strecke von einigen Hundert Metern oder mehr zurückgelegt hat – den Transport von so großen Fluidmengen über eine so große Strecke hat vor uns noch niemand nachgewiesen", erklärt Timm John. "Und das Spannendste ist, dass diese Menge Fluid in einer für geologische Prozesse sehr kurzen Zeit, in nur etwa 200 Jahren, durch das Gestein floss", fügt Nikolaus Gussone hinzu.

Zwar ist die Freisetzung der Fluide aus Mineralen in den absinkenden Platten ein großräumiger und kontinuierlicher Prozess, der in Tiefen bis zu 200 Kilometern erfolgt und Jahrmillionen dauert. In dieser Zeit sammeln sich die Fluide zunächst. Wie die Forscher nun erstmals zeigen konnten, durchströmten die freigesetzten Fluide die Platte auf ihrem Weg in den Erdmantel dann pulsweise in vergleichsweise kurzer Zeit entlang definierter Fließbahnen. "Das ist vergleichbar mit einem Stausee, der sich kontinuierlich füllt und sich dann in einem Schwall über definierte Kanäle leert", betont Timm John. "Die Fluidfreisetzung erfolgt fokussiert in Raum und Zeit, und zwar viel schneller als gedacht – quasi wie ein Düsenstrahl durch festes Gestein."

Die Wissenschaftler hoffen, in zukünftigen Studien räumliche und zeitliche Korrelationen zwischen solchen Fluidpulsen und vulkanischer Aktivität aufzeigen zu können. Zudem ist es möglich, dass solche fokussierten Fluidfreisetzungen mit dem Auftreten von Erdbebenereignissen in Subduktionszonen einhergehen. Um solche Zusammenhänge aufzeigen zu können, sind aber noch intensive Forschungen nötig.

Originalliteratur:

John T. et al. (2012): Volcanic arcs fed by rapid pulsed fluid flow through subducting slabs. Nature Geoscience, Advance Online Publication, doi:10.1038/ngeo1482

Dr. Christina Heimken | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-muenster.de/Mineralogie/personen/john.html

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Wie viel Schutt liegt auf Gletschern?
09.11.2018 | Helmholtz-Zentrum Potsdam - Deutsches GeoForschungsZentrum GFZ

nachricht CO₂-Uhr des MCC auf neusten Stand gebracht
09.11.2018 | Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) gGmbH

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Graphen auf dem Weg zur Supraleitung

Doppelschichten aus Graphen haben eine Eigenschaft, die ihnen erlauben könnte, Strom völlig widerstandslos zu leiten. Dies zeigt nun eine Arbeit an BESSY II. Ein Team hat dafür die Bandstruktur dieser Proben mit extrem hoher Präzision ausgemessen und an einer überraschenden Stelle einen flachen Bereich entdeckt. Möglich wurde dies durch die extrem hohe Auflösung des ARPES-Instruments an BESSY II.

Aus reinem Kohlenstoff bestehen so unterschiedliche Materialien wie Diamant, Graphit oder Graphen. In Graphen bilden die Kohlenstoffatome ein zweidimensionales...

Im Focus: Datensicherheit: Aufbruch in die Quantentechnologie

Den Datenverkehr noch schneller und abhörsicher machen: Darauf zielt ein neues Verbundprojekt ab, an dem Physiker der Uni Würzburg beteiligt sind. Das Bundesforschungsministerium fördert das Projekt mit 14,8 Millionen Euro.

Je stärker die Digitalisierung voranschreitet, umso mehr gewinnen Datensicherheit und sichere Kommunikation an Bedeutung. Für diese Ziele ist die...

Im Focus: A Leap Into Quantum Technology

Faster and secure data communication: This is the goal of a new joint project involving physicists from the University of Würzburg. The German Federal Ministry of Education and Research funds the project with 14.8 million euro.

In our digital world data security and secure communication are becoming more and more important. Quantum communication is a promising approach to achieve...

Im Focus: Research icebreaker Polarstern begins the Antarctic season

What does it look like below the ice shelf of the calved massive iceberg A68?

On Saturday, 10 November 2018, the research icebreaker Polarstern will leave its homeport of Bremerhaven, bound for Cape Town, South Africa.

Im Focus: Forschungsschiff Polarstern startet Antarktissaison

Wie sieht es unter dem Schelfeis des abgebrochenen Riesen-Eisbergs A68 aus?

Am Samstag, den 10. November 2018 verlässt das Forschungsschiff Polarstern seinen Heimathafen Bremerhaven Richtung Kapstadt, Südafrika.

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Wer rechnet schneller? Algorithmen und ihre gesellschaftliche Überwachung

12.11.2018 | Veranstaltungen

Profilierte Ausblicke auf die Mobilität von morgen

12.11.2018 | Veranstaltungen

Mehrwegbecher-System für Darmstadt: Prototyp-Präsentation am Freitag, 16. November, 11 Uhr

09.11.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Ein magnetisches Gedächtnis für den Computer

12.11.2018 | Energie und Elektrotechnik

Autonomes Parken wird erprobt

12.11.2018 | Informationstechnologie

Multicopter und Satelliten für den Rettungseinsatz

12.11.2018 | Informationstechnologie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics