Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wann werden Erdbeben überfällig?

10.11.2005


Gießener Physiker findet bisher unbekannten Zusammenhang zwischen Erdbeben



Am zweiten Weihnachtstag 2004 löste ein Erdbeben vor Sumatra eine riesige Flutwelle aus, die viele Küsten des Indischen Ozeans verwüstete. Drei Monate später bebte dort schon wieder die Erde. Diese Erdbeben nehmen Rang 4 und 7 auf der Liste der stärksten jemals gemessenen Beben ein - "Nachbeben" nennen Geophysiker dieses Phänomen. Aber abgesehen von diesem Phänomen sahen Geophysiker bisher keinen zeitlichen Zusammenhang zwischen verschiedenen Erdbeben.

... mehr zu:
»Beben »Erdbeben


Das wird sich mit einer Arbeit ändern, die der Gießener Professor für Theoretische Physik Armin Bunde heute in den angesehenen "Physical Review Letters" veröffentlicht. Für viele Gebiete der Erde ist gut bekannt, wie lange man nach einem Beben bestimmter Stärke durchschnittlich warten muss, damit wieder ein ähnlich starkes Beben eintritt. Lässt das Beben dann länger auf sich warten, neigt man intuitiv dazu anzunehmen, dass es allmählich "überfällig" wird, also die Wahrscheinlichkeit dafür wächst. Die Bewohner von Tokio oder San Francisco leben in dieser Angst.

Hier führt die Intuition in die Irre, wie Armin Bunde zusammen mit seinem Kollegen Shlomo Havlin und der Doktorandin Valeri Livina von der Bar-Ilan-Universität in Ramat Gan / Israel anhand von Erdbebendaten aus so verschiedenen Gebieten wie der Kamtschatka-Halbinsel, Neuseeland oder Südkalifornien zeigen kann. War der zeitliche Abstand zwischen zwei Beben gleicher Stärke besonders kurz, dann wird zwar das nächste Beben ebenfalls überdurchschnittlich schnell eintreffen. Der Zusammenhang gilt aber auch umgekehrt: Wenn ein Beben besonders lange auf sich hat warten lassen, dann sind die Aussichten gut, dass auch das Folgebeben erst nach einer überdurchschnittlich langen Zeit eintrifft. Erdbeben zeigen also ein "Gedächtnis" und das über Jahre. Ein Effekt, den Bunde bisher schon am Beispiel verschiedener Wetterphänomene demonstrieren konnte, unter Geophysikern aber bislang unbekannt war. Wie dieser Gedächtnis-Effekt zu erklären ist, lässt der theoretische Physiker offen.

Das Team um Armin Bunde hat weltweit Erdbeben der Magnitude 2 bis 5,5 untersucht. Stärkere Beben sind glücklicherweise so selten, dass ihre Zahl für eine statistische Auswertung nicht mehr ausreicht. Bunde vermutet jedoch, dass der von ihm entdeckte Zusammenhang auch für Beben von einer Magnitude über 6 gilt. Die Ergebnisse geben staatlichen Behörden einen Hinweis darauf, wie oft mit Erdbeben einer bestimmten Stärke zu rechnen ist. Sie sind aber auch für Versicherungsunternehmen interessant, die Gebäude in Erdbebengebieten versichern. Wenn es lange Zeit nicht mehr zu einem Beben gekommen ist, dann ist tatsächlich die Wahrscheinlichkeit gesunken, dass die Erde beben wird und das Beben nicht etwa "überfällig".

Quelle: Valerie Livina, Shlomo Havlin, Armin Bunde, "Memory in the occurrence of earthquakes", Physical Review Letters (2005). Die Arbeit erscheint in der Online-Ausgabe am 10. November 2005 und im Druck etwa eine Woche später.

Kontakt:
Prof. Dr. Armin Bunde
Institut für Theoretische Physik III der Justus-Liebig-Universität Gießen
Heinrich-Buff-Ring 16
35392 Gießen
Telefon: 0641/99-33360
mobil: 0173 899 5541
Fax: 0641/99-33369
E-Mail: armin.bunde@theo.physik.uni-giessen.de

Charlotte Brückner-Ihl | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-giessen.de/

Weitere Berichte zu: Beben Erdbeben

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Arktischer Ozean verliert überdurchschnittlich viel Meereis
13.09.2018 | Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung

nachricht Erstmals Langzeit-Messung atmosphärischer Radikale
12.09.2018 | Max-Planck-Institut für Chemie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Extrem klein und schnell: Laser zündet heißes Plasma

Feuert man Lichtpulse aus einer extrem starken Laseranlage auf Materialproben, reißt das elektrische Feld des Lichts die Elektronen von den Atomkernen ab. Für Sekundenbruchteile entsteht ein Plasma. Dabei koppeln die Elektronen mit dem Laserlicht und erreichen beinahe Lichtgeschwindigkeit. Beim Herausfliegen aus der Materialprobe ziehen sie die Atomrümpfe (Ionen) hinter sich her. Um diesen komplexen Beschleunigungsprozess experimentell untersuchen zu können, haben Forscher aus dem Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR) eine neuartige Diagnostik für innovative laserbasierte Teilchenbeschleuniger entwickelt. Ihre Ergebnisse erscheinen jetzt in der Fachzeitschrift „Physical Review X“.

„Unser Ziel ist ein ultrakompakter Beschleuniger für die Ionentherapie, also die Krebsbestrahlung mit geladenen Teilchen“, so der Physiker Dr. Thomas Kluge vom...

Im Focus: Bio-Kunststoffe nach Maß

Zusammenarbeit zwischen Chemikern aus Konstanz und Pennsylvania (USA) – gefördert im Programm „Internationale Spitzenforschung“ der Baden-Württemberg-Stiftung

Chemie kann manchmal eine Frage der richtigen Größe sein. Ein Beispiel hierfür sind Bio-Kunststoffe und die pflanzlichen Fettsäuren, aus denen sie hergestellt...

Im Focus: Patented nanostructure for solar cells: Rough optics, smooth surface

Thin-film solar cells made of crystalline silicon are inexpensive and achieve efficiencies of a good 14 percent. However, they could do even better if their shiny surfaces reflected less light. A team led by Prof. Christiane Becker from the Helmholtz-Zentrum Berlin (HZB) has now patented a sophisticated new solution to this problem.

"It is not enough simply to bring more light into the cell," says Christiane Becker. Such surface structures can even ultimately reduce the efficiency by...

Im Focus: Mit Nano-Lenkraketen Keime töten

Wo Antibiotika versagen, könnten künftig Nano-Lenkraketen helfen, multiresistente Erreger (MRE) zu bekämpfen: Dieser Idee gehen derzeit Wissenschaftler der Universität Duisburg-Essen (UDE) und der Medizinischen Hochschule Hannover nach. Zusammen mit einem führenden US-Experten tüfteln sie an millionstel Millimeter kleinen Lenkraketen, die antimikrobielles Silber zielsicher transportieren, um MRE vor Ort zur Strecke zu bringen.

In deutschen Krankenhäusern führen die MRE jährlich zu tausenden, teils lebensgefährlichen Komplikationen. Denn wer sich zum Beispiel nach einer Implantation...

Im Focus: Schaltung des Stromflusses auf atomarer Skala

Forscher aus Augsburg, Trondheim und Zürich weisen gleichrichtende Eigenschaften von Grenzflächenkontakten im ferroelektrischen Halbleiter nach.

Die Grenzflächen zwischen zwei elektrisch unterschiedlich polarisierten Bereichen im Festkörper werden als ferroelektrische Domänenwände bezeichnet. In der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Von den Grundlagen bis zur Anwendung - Internationale Elektrochemie-Tagung in Ulm

18.09.2018 | Veranstaltungen

Unbemannte Flugsysteme für die Klimaforschung

18.09.2018 | Veranstaltungen

Studierende organisieren internationalen Wettbewerb für zukünftige Flugzeuge

17.09.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Auf der InnoTrans 2018 mit innovativen Lösungen für den Güter- und Personenverkehr

18.09.2018 | Messenachrichten

Von den Grundlagen bis zur Anwendung - Internationale Elektrochemie-Tagung in Ulm

18.09.2018 | Veranstaltungsnachrichten

Extrem klein und schnell: Laser zündet heißes Plasma

18.09.2018 | Physik Astronomie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics