Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wenn aus dem Treibhausgasschlucker Wald ein -spucker wird

14.07.2005


An der Universität Jena wurden Ergebnisse des Klimaforschungsprojekt SIBERIA-II vorgestellt.



Wer gehofft hatte, die ausgedehnten Waldgebiete der Erde könnten die von der Menschheit ausgestoßenen Treibhausgase reduzieren helfen und einige Länder von der lästigen Pflicht befreien, die Emission von Kohlendioxid oder Methan zu senken, wurde heute bei einer Pressekonferenz an der Friedrich-Schiller-Universität Jena eines Besseren belehrt. "Die Hypothese, dass große Waldgebiete wie die sibirische Taiga als riesige Kohlenstoffsenken fungieren und maßgeblich helfen, Treibhausgase aus der Luft zu ziehen, konnten wir nicht bestätigen", sagte Prof. Dr. Christiane Schmullius. Die Fernerkundungsexpertin der Universität Jena koordiniert das EU-finanzierte SIBERIA-II-Projekt zur Treibhausgasbilanzierung in Sibirien, dessen Ergebnisse heute der Öffentlichkeit vorgestellt wurden. Das Konsortium von Wissenschaftlern aus 14 Forschungseinrichtungen von sieben Ländern dokumentiert erstmals mit Hilfe von Satellitendaten das Zusammenspiel zwischen globaler Erwärmung, Kohlenstoffkreislauf und Vegetation.



Noch vor fünf Jahren zu Beginn des Projektes war es den Wissenschaftlern nicht möglich, zuverlässige Angaben über die Änderungen der Vegetation und den damit zusammenhängenden Verbleib der Treibhausgase zu machen, schon gar nicht für ein zwei Millionen Quadratkilometer großes Gebiet, wie die Taiga. "Bislang beruhten unsere Klimamodelle auf zu vielen Hypothesen, es fehlte an exakten Daten", so Prof. Schmullius. "Wir wussten, dass z. B. Laubwald mehr Kohlendioxid bindet als Moose und Gräser, aber wir wussten nicht wie viel. Außerdem war unklar, wie viel Prozent des Gebietes von Wald oder Sumpf bedeckt waren", nennt sie ein Beispiel. Es war bekannt, dass die meisten Pflanzen im Winter keine Photosynthese betreiben und in dieser Zeit keine Kohlenstoffgase aus der Luft verbrauchen. Auch dass die Schneeoberfläche im Winter mehr Sonnenlicht reflektiert und somit zusätzlich die Atmosphäre aufheizt, war kein Geheimnis. Doch wie viel länger der Winter in der Taiga vor zehn Jahren gedauert hatte und welchen Einfluss die globale Erwärmung auf die jahreszeitlichen Prozesse hat, wussten die Forscher nicht.

"Solche Veränderungen lassen sich nur auf zu unterschiedlichen Zeiten aufgenommenen Satellitenbildern erkennen", erklärt die Fernerkundungsexpertin. In einem ersten Schritt wurden daher mit Hilfe von Radar- und Wärmebildern per Satellit Landnutzungs- und Vegetationskarten generiert. "Zwar lassen sich die Treibhausgase selbst nicht direkt vom Satelliten detektieren, aber ihre Entstehung, ihre Ausdehnung konnten die SIBERIA-Forscher erst präzise berechnen, als die maßgeblichen Umweltfaktoren wie Beginn der Tauperiode oder der Schneebedeckungsgrad bekannt waren", erläutert die Geoinformatikerin. Unter ihrer Leitung wurden an der Universität Jena die Daten von zwölf Satelliten zusammengeführt und archiviert, die nun nicht nur den SIBERIA-Partnern, sondern Wissenschaftlern weltweit für verschiedene Fragestellungen zur Verfügung stehen. Die Daten wurden dann in Klimamodelle integriert und an der sibirischen Wirklichkeit getestet.

Der Klima-Hot-Spot Sibirien macht seinem Namen alle Ehre. Die durchschnittliche Oberflächentemperatur im Gebiet ist seit 1960 um drei Grad gestiegen. Mit der Folge, dass die Tau- und Wachstumsperiode früher einsetzt. Doch was danach klingt, als würden eifrig sprießende Pflanzen nun mehr Treibhausgase aufnehmen, verkehrt sich auf lange Sicht gesehen in sein Gegenteil. Die Pflanzen wachsen besser, aber die Zersetzung des organischen Kohlenstoffs im Boden wird stärker, mit der Folge, dass mehr Kohlenstoff freigesetzt als aufgenommen wird. Entstehen im Frühjahr während der Schneeschmelze große Überschwemmungsgebiete, so sorgen Mikroorganismen unter Luftabschluss für eine ungewöhnlich hohe Methangasproduktion, auch Methan ist ein Treibhausgas. Da die Schneeschmelze jetzt früher einsetzt und größere Gebiete umfasst, wird ein Emissionsanstieg der Treibhausgase prognostiziert. "Das alles trägt mit dazu bei, dass die Taiga insgesamt weniger Treibhausgase speichert, als wir bisher angenommen haben", erklärt Schmullius. Dass ein verstärktes Wachstum der Wälder nicht die alleinige Lösung des Klimaproblems ist, steht damit fest.

Im so genannten "Kyoto-Protokoll" wurde festgelegt, dass Wiederaufforstungen, die in einem bestimmten Zeitraum vorgenommen werden, auf die nationale Treibhausgasbilanz angerechnet werden können. Doch musste zunächst die Frage beantwortet werden, welche Kohlenstoffbilanz Wälder überhaupt aufweisen. Die exakte Flächenkartierung, wie sie für Sibirien vorgenommen wurde, ist für die Modellierung der Austauschprozesse zwischen Atmosphäre und Vegetation weltweit von hoher Bedeutung. Die Werkzeuge, um das Ausmaß der Klimaveränderungen mit Hilfe von Satellitenbildern zu erfassen und Prognosen für die nächsten 5 bis 10 Jahre zu geben, halten die Klimaforscher nun in der Hand. Ihre mathematischen und an der Taiga-Wirklichkeit getesteten Modelle zeigen, was Wälder für die Kohlenstoffbilanz und damit den Treibhauseffekt bedeuten. "Diese Erkenntnisse können wir nun auch auf andere Regionen der nördlichen Erdhalbkugel übertragen, etwa den Nadelwald in Kanada oder in den USA", sagt die Jenaer Wissenschaftlerin. Ob eine solche Untersuchung gewünscht ist, ist wohl eher eine Frage, die auf politischem Parkett entschieden wird.

Stefanie Hahn | idw
Weitere Informationen:
http://www.siberia2.uni-jena.de

Weitere Berichte zu: Satellit Sibirien Taiga Treibhausgas Vegetation

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Gebirge in Bewegung
14.08.2018 | Technische Universität München

nachricht Künstliche Gletscher als Antwort auf den Klimawandel?
09.08.2018 | Universität Heidelberg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Farbeffekte durch transparente Nanostrukturen aus dem 3D-Drucker

Neues Design-Tool erstellt automatisch 3D-Druckvorlagen für Nanostrukturen zur Erzeugung benutzerdefinierter Farben | Wissenschaftler präsentieren ihre Ergebnisse diese Woche auf der angesehenen SIGGRAPH-Konferenz

Die meisten Objekte im Alltag sind mit Hilfe von Pigmenten gefärbt, doch dies hat einige Nachteile: Die Farben können verblassen, künstliche Pigmente sind oft...

Im Focus: Color effects from transparent 3D-printed nanostructures

New design tool automatically creates nanostructure 3D-print templates for user-given colors
Scientists present work at prestigious SIGGRAPH conference

Most of the objects we see are colored by pigments, but using pigments has disadvantages: such colors can fade, industrial pigments are often toxic, and...

Im Focus: Eisen und Titan in der Atmosphäre eines Exoplaneten entdeckt

Forschende der Universitäten Bern und Genf haben erstmals in der Atmosphäre eines Exoplaneten Eisen und Titan nachgewiesen. Die Existenz dieser Elemente in Gasform wurde von einem Team um den Berner Astronomen Kevin Heng theoretisch vorausgesagt und konnte nun von Genfern Astronominnen und Astronomen bestätigt werden.

Planeten in anderen Sonnensystemen, sogenannte Exoplaneten, können sehr nah um ihren Stern kreisen. Wenn dieser Stern viel heisser ist als unsere Sonne, dann...

Im Focus: Magnetische Antiteilchen eröffnen neue Horizonte für die Informationstechnologie

Computersimulationen zeigen neues Verhalten von Antiskyrmionen bei zunehmenden elektrischen Strömen

Skyrmionen sind magnetische Nanopartikel, die als vielversprechende Kandidaten für neue Technologien zur Datenspeicherung und Informationsverarbeitung gelten....

Im Focus: Unraveling the nature of 'whistlers' from space in the lab

A new study sheds light on how ultralow frequency radio waves and plasmas interact

Scientists at the University of California, Los Angeles present new research on a curious cosmic phenomenon known as "whistlers" -- very low frequency packets...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

LaserForum 2018 thematisiert die 3D-Fertigung von Komponenten

17.08.2018 | Veranstaltungen

Aktuelles aus der Magnetischen Resonanzspektroskopie

16.08.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - Oktober 2018

16.08.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Bionik im Leichtbau

17.08.2018 | Verfahrenstechnologie

Klimafolgenforschung in Hannover: Kleine Pflanzen gegen große Wellen

17.08.2018 | Biowissenschaften Chemie

HAWK-Ingenieurinnen und -Ingenieure entwickeln die leichteste 9to-LKW-Achse ihrer Art

17.08.2018 | Messenachrichten

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics