Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Hans-Liniger-Preis 2011 zeichnet neue Therapieansätze zum Knochenbruch aus

24.11.2011
In Deutschland erleiden etwa 1,6 Millionen Menschen jährlich einen Knochenbruch. Über zehn Prozent dieser Frakturen heilen nicht adäquat aus.

Dies stellt für die Patienten und das Gesundheitssystem eine enorme Belastung dar. Um die Brüche künftig erfolgreich und dauerhaft auszuheilen, untersuchte Dr. Jörg Holstein vom Universitätsklinikum des Saarlandes mit seiner Arbeitsgruppe Einflussfaktoren, die den Erfolg der Frakturheilung potentiell beeinflussen.

Für seine erfolgversprechende Erkenntnisse erhielt er im Rahmen des Deutschen Kongresses für Orthopädie und Unfallchirurgie (DKOU) den Hans-Liniger-Preis 2011 der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU).

Der Krankenhausaufenthalt eines Patienten mit einer Beinfraktur beläuft sich auf durchschnittlich 15 Tage. „Das ist weitaus länger als der Gesamtdurchschnitt aller anderen Krankenfälle an deutschen Kliniken zusammen“, erläutert Professor Dr. med. Tim Pohlemann, Präsident der DGU. „Um Patienten und Gesundheitssystem zu entlasten, ist es unverzichtbar, neue Therapien zu entwickeln, die die Liegedauer der Betroffenen reduzieren. Das gilt insbesondere für schlecht heilende Brüche. Hierzu werden die Erkenntnisse der aktuellen Forschungsansätze von Jörg Holstein enorm beitragen.“ Der Preisträger und Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie der Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie am Universitätsklinikum des Saarlandes untersuchte in experimentellen Versuchen an Mäusen die Wundheilung bei Knochenbrüchen. Er entdeckte dabei, dass bislang wenig berücksichtigte molekularbiologische Vorgänge im Körper wegweisend für Heilung und Nicht-Heilung sind.

In einer ersten Studie untersuchte die Arbeitsgruppe den Einfluss von Erythropoietin (EPO) auf die Wundheilung. Dieses Wachstumshormon ist für die Versorgung der Wunde mit roten Blutkörperchen verantwortlich. Bisherige Studien konnten bereits in einer Vielzahl von Gewebstypen positive Effekte von EPO auf Wachstum und Versorgung von Zellen und Gewebe sowie dessen entzündungshemmenden Einfluss nachweisen. Die Arbeitsgruppe um Holstein stellte fest, dass EPO ebenfalls bei der Frakturheilung von zentraler Bedeutung ist. Bei Mäusen, denen die Forscher EPO gezielt auf die Wunde auftrugen, konnte eine deutlich bessere Wundheilung festgestellt werden. Daraus ergibt sich ein neuer Therapieansatz für eine medikamentöse Behandlung von schlecht heilenden Frakturen.

Darüber hinaus entdeckten die Experten, dass Rapamycin (RAPA) eine besonders hemmende Rolle bei der Frakturheilung einnimmt. Ärzte setzen dieses Immunsuppressivum vorwiegend in der Tumortherapie ein. Dort soll es die Lymphozytenteilungsrate reduzieren und den Wachstumsfaktor VEGF sowie die Neuentstehung von Blutgefäßen hemmen, um das Tumorwachstum zu stoppen. VEGF ist jedoch eines der Schlüsselmoleküle im Rahmen der Gefäßneubildung auch während der Knochenbruchheilung. In einer weiteren, pharmakologischen Studie konnte Holstein daher feststellen, dass RAPA die Knochenbruchheilung massiv beeinträchtigt. Das Zellwachstum sei stark eingeschränkt und die Gefäßneubildung im Frakturkallus beträchtlich gestört, so die Studie. Wird ein Krebs-Patient mit RAPA behandelt, kann dies sich auf seinen Knochenstoffwechsel negativ auswirken. Auch im Falle eines Bruches kommt es dadurch zu einem langwierigen Knochenheilungsprozess. Dies müsse in der Therapie solcher Patienten künftig Berücksichtigung finden.

Eine weitere Erkenntnis der Arbeitsgruppe gilt Homocystein (HCY), einem Nebenprodukt der Aminosäure Methionin, das die Knochenheilung negativ beeinflusst. Ein nahrungsbedingter Mangel an B-Vitaminen kann einen Zuwachs dieses Blutbestandteils verursachen. Laut bisheriger Studien führt dies wiederum zu einem gestörten Knochenstoffwechsel, brüchigen Knochen und einer schlechten Frakturheilung. Holstein wies in seiner Untersuchung jedoch nach, dass lediglich ein hochgradiger Überschuss an HCY, verursacht durch eine HCY-reiche Diät, die Frakturheilung kritisch beeinträchtige. Ein mäßiger HCY-Überschuss durch einen leichten Vitamin B-Mangel habe hingegen keinen wesentlichen Einfluss auf die Knochenbruchheilung. Daher sei ein leichter Vitamin-B-Mangel, wie er in westlichen Ländern zu bis zu 45 Prozent vorliege, nicht ausschlaggebend für die Knochenheilung, wie bislang befürchtet.

„Durch die Ergebnisse dieser Arbeit konnte erstmals die Bedeutung der drei Faktoren EPO, RAPA und HCY für die Knochenbruchheilung aufgezeigt werden“, resümiert Professor Pohlemann, Direktor der Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie am Universitätsklinikum des Saarlandes. „Die hierdurch gewonnenen Erkenntnisse bilden die Grundlage für weitere Studien zur Diagnostik und Behandlung der gestörten Knochenbruchheilung.“

Der Hans-Liniger-Preis wird jährlich auf dem DKOU von der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) für besondere Leistungen auf den Gebieten Unfallheilkunde, Versicherungs-, Versorgungs- und Verkehrsmedizin oder deren Grenzgebieten verliehen und ist mit 5 000 Euro dotiert. Der DKOU fand vom 25. bis 28. Oktober 2011 in Berlin als gemeinsamer Kongress der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie (DGOOC), der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) und des Berufsverbandes der Fachärzte für Orthopädie und Unfallchirurgie e. V. (BVOU) statt. Er ist der größte europäische Kongress in diesem Bereich, zu dem 11.000 Fachbesucher kamen. Experten diskutierten hier die neuesten Entwicklungen in der Orthopädie und Unfallchirurgie. Die Themen reichten von der Schwerverletztenversorgung, den Strukturen der Notaufnahmen und der Katastrophenmedizin über Implantatversorgung und Rehabilitation bis hin zu rheumatischen und degenerativen Erkrankungen sowie Osteoporose.

Quelle:
Jörg H. Holstein, M.D. et al., Development of a Reliable Non-Union Model in Mice, JOURNAL OF SURGICAL RESEARCH: VOL. 147, NO. 1, JUNE 1, 2008
Ihr Kontakt für Rückfragen:
Pressestelle DKOU 2011
Anne-Katrin Döbler, Christina Seddig
Pf 20 11 30, 70451 Stuttgart
Tel.: 0711 8931 442, Fax: 0711 8931 167
E-Mail: seddig@medizinkommunikation.org

| idw
Weitere Informationen:
http://www.dkou.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Förderungen Preise:

nachricht Weltweit einzigartige Femtosekundenlaseranlage eingeweiht
21.06.2018 | Hochschule RheinMain

nachricht Stahl-Innovationspreis 2018: Mikro-Dampfturbine ausgezeichnet
21.06.2018 | Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Förderungen Preise >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Leichter abheben: Fraunhofer LBF entwickelt Flugzeugrad aus Faser-Kunststoff-Verbund

Noch mehr Reichweite oder noch mehr Nutzlast - das wünschen sich Fluggesellschaften für ihre Flugzeuge. Wegen ihrer hohen spezifischen Steifigkeiten und Festigkeiten kommen daher zunehmend leichte Faser-Kunststoff-Verbunde zum Einsatz. Bei Rümpfen oder Tragflächen sind permanent Innovationen in diese Richtung zu beobachten. Um dieses Innovationsfeld auch für Flugzeugräder zu erschließen, hat das Fraunhofer-Institut für Betriebsfestigkeit und Systemzuverlässigkeit LBF jetzt ein neues EU-Forschungsvorhaben gestartet. Ziel ist die Entwicklung eines ersten CFK-Bugrads für einen Airbus A320. Dabei wollen die Forscher ein Leichtbaupotential von bis zu 40 Prozent aufzeigen.

Faser-Kunststoff-Verbunde sind in der Luftfahrt bei zahlreichen Bauteilen bereits das Material der Wahl. So liegt beim Airbus A380 der Anteil an...

Im Focus: IT-Sicherheit beim autonomen Fahren

FH St. Pölten entwickelt neue Methode für sicheren Informationsaustausch zwischen Fahrzeugen mittels Funkdaten

Neue technische Errungenschaften wie das Internet der Dinge oder die direkte drahtlose Kommunikation zwischen Objekten erhöhen den Bedarf an effizienter...

Im Focus: Innovative Handprothesensteuerung besteht Alltagstest

Selbstlernende Steuerung für Handprothesen entwickelt. Neues Verfahren lässt Patienten natürlichere Bewegungen gleichzeitig in zwei Achsen durchführen. Forscher der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) veröffentlichen Studie im Wissenschaftsmagazin „Science Robotics“ vom 20. Juni 2018.

Motorisierte Handprothesen sind mittlerweile Stand der Technik bei der Versorgung von Amputationen an der oberen Extremität. Bislang erlauben sie allerdings...

Im Focus: Temperaturgesteuerte Faser-Lichtquelle mit flüssigem Kern

Die moderne medizinische Bildgebung und neue spektroskopische Verfahren benötigen faserbasierte Lichtquellen, die breitbandiges Laserlicht im nahen und mittleren Infrarotbereich erzeugen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Photonische Technologien Jena (Leibniz-IPHT) zeigen in einer aktuellen Veröffentlichung im renommierten Fachblatt Optica, dass sie die optischen Eigenschaften flüssigkeitsgefüllter Fasern und damit die Bandbreite des Laserlichts gezielt über die Umgebungstemperatur steuern können.

Das Besondere an den untersuchten Fasern ist ihr Kern. Er ist mit Kohlenstoffdisulfid gefüllt - einer flüssigen chemischen Verbindung mit hoher optischer...

Im Focus: Temperature-controlled fiber-optic light source with liquid core

In a recent publication in the renowned journal Optica, scientists of Leibniz-Institute of Photonic Technology (Leibniz IPHT) in Jena showed that they can accurately control the optical properties of liquid-core fiber lasers and therefore their spectral band width by temperature and pressure tuning.

Already last year, the researchers provided experimental proof of a new dynamic of hybrid solitons– temporally and spectrally stationary light waves resulting...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Leben im Plastikzeitalter: Wie ist ein nachhaltiger Umgang mit Plastik möglich?

21.06.2018 | Veranstaltungen

Kongress BIO-raffiniert X – Neue Wege in der Nutzung biogener Rohstoffe?

21.06.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen im August 2018

20.06.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Leichter abheben: Fraunhofer LBF entwickelt Flugzeugrad aus Faser-Kunststoff-Verbund

22.06.2018 | Materialwissenschaften

Lernen und gleichzeitig Gutes tun? Baufritz macht‘s möglich!

22.06.2018 | Unternehmensmeldung

GFOS und skip Institut entwickeln gemeinsam Prototyp für Augmented Reality App für die Produktion

22.06.2018 | Unternehmensmeldung

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics