Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Ulmer Biomechanikerteam erhält bedeutendsten Wirbelforschungspreis

26.05.2003


Für ihre Studie "A novel approach to determine trunk muscle forces during flexion and extension - A comparison of data from an in vitro experiment and in vivo measurements" wurde einer Arbeitsgruppe um Prof. Dr. Hans-Joachim Wilke vom Institut für Unfallchirurgische Forschung und Biomechanik der Universität Ulm (Prof. Dr. Hans-Joachim Wilke, Dipl.-Ing. Sylvia Neller, Prof. Dr. Lutz Claes) am 16. Mai 2003 der Jahrespreis der International Society for the Study of the Lumbar Spine (ISSLS) verliehen.



Die in diesem Jahr mit 11.000 US$ dotierte Auszeichnung gilt als international bedeutendster Preis auf dem Gebiet der Wirbelsäulenforschung. Grundlage der Untersuchung, die in Kooperation mit Biomechanikern aus Berlin (Dr.-Ing. Antonius Rohlmann, Dr.-Ing. Friedmar Graichen und Prof. Dr.-Ing. Georg Bergmann vom Biomechanik-Labor des Klinikums Benjamin Franklin der Freien Universität Berlin) entstand, waren Experimente in einem Wirbelsäulenbelastungssimulator, der seit rund 12 Jahren in Ulm unter Wilkes Leitung eingesetzt und weiterentwickelt wird.



Der Ulmer Wirbelsäulenbelastungssimulator ist weltweit die einzige Prüfmaschine, die eine experimentelle Nachahmung der für die Stabilisierung der Wirbelsäule verantwortlichen Muskelkräfte erlaubt. So lassen sich wesentlich realistischere Belastungsdaten gewinnen als mit jeder anderen Methode. Bisher war es jedoch trotz erheblichen Aufwandes nicht möglich, die muskulären Kräfte exakt zu simulieren, unter anderem deshalb, weil die Kräfte der einzelnen Muskelgruppen bis heute nicht bekannt sind. Wilke kam nun auf den Gedanken, im Experiment an Präparaten dieselben Meßaufnehmer einzusetzen, mit denen er zuvor Messungen am lebenden Patienten bzw. Probanden vorgenommen hatte, und dabei so lange mit Muskelkräften zu "spielen", bis die Meßaufnehmer die gleichen Signale lieferten wie in vivo. Als Meßaufnehmer verwendete er Sonden, die den Bandscheibendruck bestimmten, und mit einer Mikroelektronik ausgerüstete Wirbelsäulenimplantate. Mit Hilfe einer solchen Drucksonde, in die Bandscheibe eines freiwilligen Probanden implantiert, hatten die Ulmer Forscher bereits vor einigen Jahren die Belastung der Wirbelsäule bei einer Vielzahl von Tätigkeiten bestimmt und waren dafür 1998, ebenfalls von der ISSLS, prämiiert worden.

Wirklichkeitsnahe Lastfälle

Die Berliner Arbeitsgruppe stellte Wilkes Team einen in mehrjähriger Arbeit mit einer Mikroelektronik ausgerüsteten und zum Meßgerät umfunktionierten Wirbelsäulenfixateur zur Verfügung, ein Implantat, das normalerweise zur Stabilisation der Wirbelsäule eingesetzt wird. Mit Hilfe dieses Meß-Fixateurs konnte die Arbeitgruppe ohne zusätzliche Belastung für den Patienten Signale aus dem Körper empfangen, die eine Berechnung der bei verschiedenen Tätigkeiten an der Wirbelsäule auftretenden Kräfte erlauben. Am Ulmer Institut für Unfallchirurgische Forschung und Biomechanik wurden die Meßgeräte in Präparate implantiert, mit denen die Forscher wirklichkeitsnahe Lastfälle simulierten. So konnten erstmals die tatsächlich an der Wirbelsäule wirkenden Muskelkräfte bestimmt werden. Damit sind simulative Experimente mit realistischer Belastung der Wirbelsäule bei unterschiedlichen Körperpositionen durchführbar.

Dies ist zum einen deshalb von großer Bedeutung, weil immer wieder neuer Implantate zur Stabilisierung bestimmter Wirbelsäulenabschnitte oder als Ersatz von Bandscheiben entwickelt werden. Forschergruppen und Industriefirmen aus aller Welt lassen sich dabei schon seit Jahren von Wilke und seinen Mitarbeitern beraten. Aber auch neue Operationsverfahren, die die Stabilität der Wirbelsäule beeinflussen, können nun unter qualifizierteren Bedingungen auf den Prüfstand gestellt werden, bevor sie in der Klinik am Patienten eingesetzt werden.

Der ISSLS-Preis wurde anläßlich der 30. Jahrestagung der Gesellschaft in Vancouver überreicht. Die Wirbelsäulenforschung ist mittlerweile ein interdisziplinäres Fachgebiet geworden: Wirbelsäulenchirurgen aus den Disziplinen Orthopädie, Unfallchirurgie und Neurochirurgie versuchen zusammen mit Biomechanikern und Biologen, aber auch Neurologen, Anästhesisten, Internisten, Radiologen, Epidemiologen, Psychologen, Psychiatern, Physiologen, Rheumatologen, Soziologen, Arbeits- und Rehabilitationsmedizinern, Ergonomen, Physiotherapeuten und Chiropraktikern die Ursache und Behandlung von Rückenschmerzen, Wirbelsäulendegenerationen usw. zu verstehen.

Peter Pietschmann | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-ulm.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Förderungen Preise:

nachricht Schönheit der organischen Form in 3D
12.07.2018 | Technische Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm

nachricht Infektionen und Krebs: Welche Rolle spielen spezielle weiße Blutkörperchen?
06.07.2018 | Medizinische Hochschule Hannover

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Förderungen Preise >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Diamant – ein unverzichtbarer Werkstoff der Fusionstechnologie

Forscher am KIT entwickeln Fenstereinheiten mit Diamantscheiben für Fusionsreaktoren – Neue Scheibe mit Rekorddurchmesser von 180 Millimetern

Klimafreundliche und fast unbegrenzte Energie aus dem Fusionskraftwerk – für dieses Ziel kooperieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit. Bislang...

Im Focus: Wiener Forscher finden vollkommen neues Konzept zur Messung von Quantenverschränkung

Quantenphysiker/innen der ÖAW entwickelten eine neuartige Methode für den Nachweis von hochdimensional verschränkten Quantensystemen. Diese ermöglicht mehr Effizienz, Sicherheit und eine weitaus geringere Fehleranfälligkeit gegenüber bisher gängigen Mess-Methoden, wie die Forscher/innen nun im Fachmagazin „Nature Physics“ berichten.

Die Vision einer vollständig abhörsicheren Übertragung von Information rückt dank der Verschränkung von Quantenteilchen immer mehr in Reichweite. Wird eine...

Im Focus: Was passiert, wenn wir das Atomgitter eines Magneten plötzlich aufheizen?

„Wir haben jetzt ein klares Bild davon, wie das heiße Atomgitter und die kalten magnetischen Spins eines ferrimagnetischen Nichtleiters miteinander ins Gleichgewicht gelangen“, sagt Ilie Radu, Wissenschaftler am Max-Born-Institut in Berlin. Das internationale Forscherteam fand heraus, dass eine Energieübertragung sehr schnell stattfindet und zu einem neuartigen Zustand der Materie führt, in dem die Spins zwar heiß sind, aber noch nicht ihr gesamtes magnetisches Moment verringert haben. Dieser „Spinüberdruck“ wird durch wesentlich langsamere Prozesse abgebaut, die eine Abgabe von Drehimpuls an das Gitter ermöglichen. Die Forschungsergebnisse sind jetzt in "Science Advances" erschienen.

Magnete faszinieren die Menschheit bereits seit mehreren tausend Jahren und sind im Zeitalter der digitalen Datenspeicherung von großer praktischer Bedeutung....

Im Focus: Erste Beweise für Quelle extragalaktischer Teilchen

Zum ersten Mal ist es gelungen, die kosmische Herkunft höchstenergetischer Neutrinos zu bestimmen. Eine Forschungsgruppe um IceCube-Wissenschaftlerin Elisa Resconi, Sprecherin des Sonderforschungsbereichs SFB1258 an der Technischen Universität München (TUM), liefert ein wichtiges Indiz in der Beweiskette, dass die vom Neutrino-Teleskop IceCube am Südpol detektierten Teilchen mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer Galaxie in vier Milliarden Lichtjahren Entfernung stammen.

Um andere Ursprünge mit Gewissheit auszuschließen, untersuchte das Team um die Neutrino-Physikerin Elisa Resconi von der TU München und den Astronom und...

Im Focus: First evidence on the source of extragalactic particles

For the first time ever, scientists have determined the cosmic origin of highest-energy neutrinos. A research group led by IceCube scientist Elisa Resconi, spokesperson of the Collaborative Research Center SFB1258 at the Technical University of Munich (TUM), provides an important piece of evidence that the particles detected by the IceCube neutrino telescope at the South Pole originate from a galaxy four billion light-years away from Earth.

To rule out other origins with certainty, the team led by neutrino physicist Elisa Resconi from the Technical University of Munich and multi-wavelength...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Wie geht es unserer Ostsee? Ein aktueller Zustandsbericht

17.07.2018 | Veranstaltungen

Interdisziplinäre Konferenz: Diabetesforscher und Bioingenieure diskutieren Forschungskonzepte

13.07.2018 | Veranstaltungen

Conference on Laser Polishing – LaP: Feintuning für Oberflächen

12.07.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Optische Kontrolle von Herzfrequenz oder Insulinsekretion durch lichtschaltbaren Wirkstoff

17.07.2018 | Biowissenschaften Chemie

Umweltressourcen nachhaltig nutzen

17.07.2018 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Textilien 4.0: Smarte Kleidung und Wearables als Innovation

17.07.2018 | Innovative Produkte

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics