Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Auszeichnung für die Renaissance des geächteten Arzneimittels Thalidomid (Contergan)

28.04.2003


Thalidomid wirkt bei Knochenmarkkrebs lebensverlängernd. Paul-Martini-Preis an Privatdozent Dr. Hartmut Goldschmidt für wegweisende Studien verliehen.


Manches Medikament kann noch Jahrzehnte nach seiner Einführung einen therapeutischen Durchbruch vollbringen, wenn sein ursprüngliches Einsatzgebiet längst aufgegeben worden ist. Dies gilt auch für Thalidomid (Contergan), das, seinerzeit als Schlafmittel im Gebrauch, wegen seiner verheerenden Wirkungen auf den Fetus vor 40 Jahren vollständig aus dem Verkehr gezogen wurde. Bei weltweit etwa 10.000 Neugeborenen, deren Mütter das Schlafmittel während der Schwangerschaft eingenommen hatten, hatte Thalidomid Fehlbildungen der Gliedmaßen verursacht. Mittlerweile hat die Substanz jedoch aufgrund ihrer vielfältigen Wirkmechanismen eine Renaissance in mehreren Bereichen der Medizin erlebt, allerdings unter hohen Sicherheitsauflagen, die u. a. eine Einnahme bei Schwangerschaft ausschließen.

Zu den neuen Einsatzgebieten von Thalidomid gehört auch das Multiple Myelom (Plasmozytom), eine Tumorerkrankung der Plasmazellen im Knochenmark. Für seine wissenschaftliche Untersuchungen wird heute Privatdozent Dr. Hartmut Goldschmidt, Leitender Oberarzt an der Abteilung für Hämatologie und Onkologie der Medizinischen Universitätsklinik Heidelberg, mit dem Paul-Martini-Preis 2003 ausgezeichnet. Der mit 25.000 Euro dotierte Preis wird jährlich von der Paul-Martini-Stiftung, Berlin, im Rahmen des Internistenkongresses in Wiesbaden für herausragende Leistungen in der klinisch-therapeutischen Arzneimittelforschung verliehen. Stiftung und Preis sind nach dem verstorbenen Bonner Arzt Prof. Dr. Paul Martini benannt, einem der Wegbereiter der Klinischen Pharmakologie in Deutschland.


Bereits Anfang der siebziger Jahre hat die Weltgesundheitsorganisation den Einsatz von Thalidomid bei Lepra empfohlen. Aber auch in anderen Bereichen der Medizin löste die sich abzeichnende Wirksamkeit des Mittels bei verschiedenen Tumoren und Immunerkrankungen vielfältige Forschungsaktivitäten aus. "Thalidomid verfügt über mehrere Wirkmechanismen", erklärt Dr. Goldschmidt. "Es verhindert die in Tumoren üblicherweise einsetzende Neubildung von Blutgefäßen. Gleichzeitig wirkt es direkt toxisch auf die Tumorzellen und stimulierend auf bestimmte Immunzellen sowie deren Botenstoffe, die Zytokine."

Rückbildung des Tumors, wenn die Chemotherapie versagt

Etwa ein Drittel der Patienten mit einem Multiplen Myelom, denen eine Chemotherapie nicht helfen konnte, profitieren von Thalidomid, wie erste Studien in den USA zeigten: Die Tumoraktivität bildet sich zurück. Vor drei Jahren wurden in der Heidelberger Klinik Therapiestudien begonnen, an denen mittlerweile 200 Patienten aus dem gesamten Bundesgebiet und dem Ausland teilnehmen. "Die Wirksamkeit des Medikamentes hat sich bestätigt", berichtet Dr. Goldschmidt. "Außerdem haben wir seine Nebenwirkungen besser kennengelernt." Diese äußern sich vor allem in der Bildung von Blutgerinnseln und Herzrhythmusstörungen. Dennoch sind die Heidelberger Ärzte davon überzeugt, dass Thalidomid bei sehr weit fortgeschrittener Erkrankung das Leben um viele Monate verlängern kann.

Einen entscheidenden Beitrag hat die Heidelberger Arbeitsgruppe auch bei der Aufklärung der krebsbekämpfenden Mechanismen von Thalidomid geleistet. So konnte die Forschergruppe um Dr. Goldschmidt zeigen, dass die Thalidomid-Therapieergebnisse mit einer genetischen Variante des sogenannten Tumornekrosefaktors (TNF alpha) einhergehen, einem wichtigen Regulationsprotein der Immunreaktion. Seine höhere Konzentration im Serum wird wiederum von einer verlängerten Lebenszeit begleitet. Dies bietet möglicherweise sogar einen Ansatzpunkt für die Entwicklung neuer Therapieformen beim Multiplen Myelom.

Literatur:
K. Neben, J. Mytilineos, T. Moehler, A. Preiss, A. Kraemer, A. Ho, G. Opelz, H. Goldschmidt (2002): Polymorphisms of the tumor necrosis factor-a gene promoter predict for outcome after thalidomide therapy in relapsed and refractory multiple myeloma. Blood, Vol. 100, No. 6, 2263-2265

K. Neben, T. Moehler, A. Benner, A. Kraemer, G. Egerer, A. Ho, H. Goldschmidt (2002): Dose-dependent Effect of Thalidomide on Overall Survival in Relapsed Multiple Myeloma. Clinical Cancer Research, Vol. 8, 3377-3382

Dr. Annette Tuffs | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-heidelberg.de

Weitere Berichte zu: Contergan Multiples Myelom Schwangerschaft Thalidomid

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Förderungen Preise:

nachricht Phoenix Contact gewinnt BME-Preis für elektronische Beschaffung
13.03.2019 | Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik e.V. (BME)

nachricht Innovationspreis für Simulationswerkzeug zur Kanalalterung verliehen
12.03.2019 | KompetenzZentrum Wasser Berlin gGmbH (KWB)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Förderungen Preise >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Kartographie eines fernen Sterns

Der am Leibniz-Institut für Astrophysik Potsdam (AIP) gefertigte Spektrograph PEPSI zeigt erste Aufnahmen der Struktur des Magnetfelds auf der Oberfläche eines weit entfernten Sterns. Mittels innovativer Verfahren lassen sich damit neue Erkenntnisse über die Vorgänge auf der Sternoberfläche gewinnen. Die Ergebnisse stellte ein Wissenschaftlerteam nun in der Fachzeitschrift Astronomy & Astrophysics vor.

Selbst mit den größten Teleskopen erscheinen die Oberflächen entfernter Sterne normalerweise nur als Lichtpunkte. Eine detaillierte Auflösung wird erst mittels...

Im Focus: Stellar cartography

The Potsdam Echelle Polarimetric and Spectroscopic Instrument (PEPSI) at the Large Binocular Telescope (LBT) in Arizona released its first image of the surface magnetic field of another star. In a paper in the European journal Astronomy & Astrophysics, the PEPSI team presents a Zeeman- Doppler-Image of the surface of the magnetically active star II Pegasi.

A special technique allows astronomers to resolve the surfaces of faraway stars. Those are otherwise only seen as point sources, even in the largest telescopes...

Im Focus: Heading towards a tsunami of light

Researchers at Chalmers University of Technology and the University of Gothenburg, Sweden, have proposed a way to create a completely new source of radiation. Ultra-intense light pulses consist of the motion of a single wave and can be described as a tsunami of light. The strong wave can be used to study interactions between matter and light in a unique way. Their research is now published in the scientific journal Physical Review Letters.

"This source of radiation lets us look at reality through a new angle - it is like twisting a mirror and discovering something completely different," says...

Im Focus: Oszillation im Muskelgewebe

Wenn ein Muskel wächst oder eine Verletzung in ihm ausheilt, verwandelt sich ein Teil seiner Stammzellen in neue Muskelzellen. Wie dieser Prozess über zwei oszillierend hergestellte Proteine gesteuert wird, beschreibt nun das MDC-Team um Carmen Birchmeier im Fachjournal „Genes & Development“.

Die Stammzellen des Muskels müssen jederzeit auf dem Sprung sein: Wird der Muskel beispielsweise beim Sport verletzt, ist es ihre Aufgabe, sich so rasch wie...

Im Focus: Das Geheimnis des Vakuums erstmals nachweisen

Neue Forschungsgruppe an der Universität Jena vereint Theorie und Experiment, um erstmals bestimmte physikalische Prozesse im Quantenvakuum nachzuweisen

Für die meisten Menschen ist das Vakuum ein leerer Raum. Die Quantenphysik hingegen geht davon aus, dass selbst in diesem Zustand niedrigster Energie noch...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Künstliche Intelligenz: Ausprobieren und diskutieren

19.03.2019 | Veranstaltungen

Wissenschaftliche Tagung zur Gesundheit von Meeressäugern

18.03.2019 | Veranstaltungen

Tuberkulose - eine der ältesten Krankheiten der Menschheit eliminieren!

15.03.2019 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Kartographie eines fernen Sterns

19.03.2019 | Physik Astronomie

Schlauer Handschuh für Industrie 4.0: Forscher verbinden die Hand mit der virtuellen Welt

19.03.2019 | HANNOVER MESSE

Das neue Original für Industrie 4.0 - Rittal mit neuen Gehäuseserien AX und KX

19.03.2019 | HANNOVER MESSE

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics