Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Stromkennzeichnung ist zu wenig transparent

14.12.2005


Öko-Institut kritisiert: Energiemix wird falsch berechnet / Irreführung der umweltbewussten Verbraucher


Atom, Gas, Kohle, erneuerbare Energien - aus welchen Quellen stammt der Strom, mit dem wir beliefert werden? Und welche Umweltbelastungen sind damit verbunden? Darüber wird die nächste Stromrechnung jetzt informieren: Ab 15. Dezember müssen Stromversorger in Deutschland ihren Energiemix kennzeichnen und auf Rechnungen sowie in Werbematerialien über die Herkunft des gelieferten Stroms informieren. Eine im Grundsatz gute Regelung, die jedoch in der Praxis aus Sicht des Öko-Instituts nicht funktionieren wird. Kritik übt der Energieexperte Christof Timpe vor allem an dem so genannten Leitfaden zur Stromkennzeichnung, den der Verband der Elektrizitätswirtschaft (VDEW) entwickelt hat. Falls die Versorger diesen Vorschläge der Stromwirtschaft folgen, werden die Anteile der verschiedenen Energieträger systematisch falsch berechnet.

Die Folge: Die Bilanz für erneuerbare Energien fällt zu positiv aus, Anteile aus Atom- und Kohlekraftwerken fallen unter den Tisch. "So wird der umweltbewusste Verbraucher in die Irre geführt", warnt Öko-Instituts-Wissenschaftler Christof Timpe.


Weitere Kritik: Nirgendwo ist verbindlich festgelegt, wie die Stromversorger die Daten zur Stromherkunft und deren Umweltbelastungen eigentlich darstellen sollen. Von Grafiken über Diagramme bis hin zum einfachen Fließtext - geht es nach den Empfehlungen der Stromwirtschaft, ist fast jede Darstellung möglich. Da wird ein Vergleich zwischen unterschiedlichen Stromanbietern unnötig schwer. "Ein Versorger, der aus Sicht seiner Kunden ungünstige Informationen offen legen muss, darf diese im Kleingedruckten der Stromrechnung verstecken", kritisiert Timpe. Nach seiner Meinung sollten die Daten stattdessen kundenfreundlich in einem einheitlichen und leicht verständlichen Format präsentiert werden.

Der Grund für die falschen Berechnungen des Energiemixes liegt darin, dass die Stromwirtschaft zwei Bilanzierungsverfahren kombinieren will. Um zu berechnen, wie viel Prozent die verschiedenen Energiequellen am Gesamtmix ausmachen, können Stromversorger Daten aus zwei verschiedenen Quellen nutzen. Entweder lassen sie sich direkt von ihren Lieferanten bescheinigen, aus welchen Kraftwerken der Strom stammt und wie viel Strom diese jeweils liefern. Oder aber sie verwenden statistische Durchschnittswerte der gesamten Stromerzeugung, zum Beispiel für an der Strombörse EEX gehandelten Strom. Nutzen die Stromversorger Daten aus beiden Quellen, muss die Rechnung korrigiert werden, damit die Bilanz am Ende stimmt.

Denn die bereits direkt bescheinigten Strommengen sind gleichzeitig auch in der Statistik enthalten. Werden diese direkt bescheinigten Anteile nicht wieder aus den statistischen Durchschnittswerten herausgerechnet, werden sie also doppelt gezählt. Diese Korrektur ist bisher aber nicht vorgesehen. Die Stromversorger werden sich vor allem Strom aus erneuerbaren Energien direkt bescheinigen lassen. Deshalb ist zu erwarten, dass nach dem Vorschlag der Stromwirtschaft vor allem umweltfreundliche Stromquellen doppelt gezählt und damit überbewertet werden. Außerdem soll anstelle der nationalen Statistik ein europäischer Durchschnittswert verwendet werden, der einen deutlich höheren Anteil erneuerbarer Energien aufweist als die deutsche Statistik.

"Die Stromwirtschaft muss hier unbedingt nachbessern", fordert Timpe. "Möglicherweise muss sogar das Energiewirtschaftsgesetz geändert werden." Bis zu einem Drittel der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien im europäischen Verbundnetz könnte doppelt gezählt werden, ist die Einschätzung des Öko-Instituts. Deren Energieexperten arbeiten zur Zeit an einem Verfahren, mit dem diese Fehler deutlich reduziert werden können.

Umweltbewussten Stromkunden, die auf Nummer sicher gehen wollen, empfiehlt das Öko-Institut Stromangebote, die mit dem Gütesiegel "ok-power" (www.ok-power.de) oder dem "Grüner Strom Label in Gold" (www.gruenerstromlabel.de) ausgezeichnet sind. Eine Übersicht über empfehlenswerte Angebote bietet die Verbraucherkampagne EcoTopTen: www.ecotopten.de/produktfeld_strom.php. Dort gibt es auch Tipps zum Stromsparen. Denn alle sinnvollen Einsparpotentiale zu nutzen, ist genauso wichtig, wie auf eine umweltfreundliche Stromproduktion zu setzen.

Ansprechpartner:

Christof Timpe
Koordinator im Forschungsbereich "Energie & Klimaschutz", Öko-Institut
Telefon 0761/452 95-33
E-Mail: c.timpe@oeko.de

Veit Bürger
wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsbereich "Energie & Klimaschutz", Öko-Institut
Telefon 0761/452 95-59
E-Mail: v.buerger@oeko.de

Christiane Rathmann | idw
Weitere Informationen:
http://www.electricitylabels.com
http://europa.eu.int/comm/energy/electricity/publications/index_en.htm
http://www.e-track-project.org

Weitere Berichte zu: Energiemix Stromkennzeichnung Stromversorger Stromwirtschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Energie und Elektrotechnik:

nachricht Energiesysteme neu denken - Lastmanagement mit Blockheizkraftwerk
19.11.2019 | Fraunhofer-Gesellschaft

nachricht Klimaneutrale Energieversorgung der Zukunft
19.11.2019 | Fraunhofer-Institut für Mikrotechnik und Mikrosysteme IMM

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Energie und Elektrotechnik >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Eine Fernsteuerung für alles Kleine

Atome, Moleküle oder sogar lebende Zellen lassen sich mit Lichtstrahlen manipulieren. An der TU Wien entwickelte man eine Methode, die solche „optischen Pinzetten“ revolutionieren soll.

Sie erinnern ein bisschen an den „Traktorstrahl“ aus Star Trek: Spezielle Lichtstrahlen werden heute dafür verwendet, Moleküle oder kleine biologische Partikel...

Im Focus: Atome hüpfen nicht gerne Seil

Nanooptische Fallen sind ein vielversprechender Baustein für Quantentechnologien. Forscher aus Österreich und Deutschland haben nun ein wichtiges Hindernis für deren praktischen Einsatz aus dem Weg geräumt. Sie konnten zeigen, dass eine besondere Form von mechanischen Vibrationen gefangene Teilchen in kürzester Zeit aufheizt und aus der Falle stößt.

Mit der Kontrolle einzelner Atome können Quanteneigenschaften erforscht und für technologische Anwendungen nutzbar gemacht werden. Seit rund zehn Jahren...

Im Focus: Der direkte Weg zur Phosphorverbindung: Regensburger Chemiker entwickeln Katalysemethode

Wissenschaftler finden effizientere und umweltfreundlichere Methode, um Produkte ohne Zwischenstufen aus weißem Phosphor herzustellen.

Pflanzenschutzmittel, Dünger, Extraktions- oder Schmiermittel – Phosphorverbindungen sind aus vielen Mitteln für den Alltag und die Industrie nicht...

Im Focus: Atoms don't like jumping rope

Nanooptical traps are a promising building block for quantum technologies. Austrian and German scientists have now removed an important obstacle to their practical use. They were able to show that a special form of mechanical vibration heats trapped particles in a very short time and knocks them out of the trap.

By controlling individual atoms, quantum properties can be investigated and made usable for technological applications. For about ten years, physicists have...

Im Focus: Neu entwickeltes Glas ist biegsam

Eine internationale Forschungsgruppe mit Beteiligung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften hat ein Glasmaterial entwickelt, das sich bei Raumtemperatur bruchfrei verformen lässt. Das berichtet das Team aktuell in "Science". Das extrem harte und zugleich leichte Material verspricht ein großes Anwendungspotential – von Smartphone-Displays bis hin zum Maschinenbau.

Gläser sind ein wesentlicher Bestandteil der modernen Welt. Dabei handelt es sich im Alltag meist um sauerstoffhaltige Gläser, wie sie etwa für Fenster und...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Event News

First International Conference on Agrophotovoltaics in August 2020

15.11.2019 | Event News

Laser Symposium on Electromobility in Aachen: trends for the mobility revolution

15.11.2019 | Event News

High entropy alloys for hot turbines and tireless metal-forming presses

05.11.2019 | Event News

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Latest News

Structure of a mitochondrial ATP synthase

19.11.2019 | Life Sciences

The measurements of the expansion of the universe don't add up

19.11.2019 | Physics and Astronomy

Ayahuasca compound changes brainwaves to vivid 'waking-dream' state

19.11.2019 | Health and Medicine

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics