Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wie Weißbüschelaffen ihr „Babysprech“ ablegen

16.01.2017

Tübinger Neurowissenschaftler untersuchen Lautentwicklung bei Affenjungtieren

Tübinger Neurowissenschaftler haben festgestellt, dass junge Weißbüschelaffen ihre Eltern brauchen, um ihre Babylaute abzulegen und wie ihre erwachsenen Artgenossen zu kommunizieren. Als sie mehrere Affenjunge von den Eltern getrennt aufzogen, stellten sie fest, dass diese zwar die angeborenen Laute erwachsener Tiere entwickelten, diese aber dauerhaft mit typischen Vokalisationen von Jungtieren vermischten. Die Ergebnisse der Studie werden am kommenden Montag im Fachmagazin Nature Communications veröffentlicht.


Weißbüschelaffenmutter mit Jungtier

Universität Tübingen

In der Forschung spielen Zufälle manchmal eine große Rolle. Von Alexander Flemings Penicillin bis zu Roy Plunketts Teflon – einige der wichtigsten Erfindungen der Moderne gehen auf historische Zufälle zurück. Die Rolle des Forschers liegt dann darin, das Besondere und sein außergewöhnliches Potenzial zu erkennen, zu verstehen und wissenschaftlich zu beschreiben.

So erging es nun der Arbeitsgruppe von Dr. Steffen Hage vom Werner Reichardt Centrum für Integrative Neurowissenschaften (CIN) an der Universität Tübingen: Eigentlich wollen die Wissenschaftler ergründen, wie im Gehirn Lautäußerungen produziert, kontrolliert und gesteuert werden. Dazu führen sie Verhaltensexperimente mit Weißbüschelaffen durch. Die kaum mehr als eichhörnchengroßen Tiere eignen sich für diese Forschung besonders, da sie sehr viel vokalisieren und in komplexer Art und Weise miteinander kommunizieren.

Eines der Weißbüschelaffenpaare bekam Nachwuchs, drei Jungtiere, von denen die Eltern eines nicht annahmen. Weißbüschelaffen gebären meist Zwillinge, für ein drittes Kind können die Eltern nur in Ausnahmefällen sorgen, daher kommt die Nichtannahme durchaus vor. Am CIN kümmerte sich fortan ein Tierpfleger um das dritte Affenbaby. Weißbüschelaffen sind sehr soziale Tiere und brauchen die Gemeinschaft.

Die Forscher wollten das Jungtier daher so bald wie möglich wieder mit seinen Geschwistern zusammenbringen. Nach drei Monaten waren die beiden von den Eltern aufgezogenen Jungtiere entwöhnt. Früher als sonst üblich wurden sie nun von ihren Eltern getrennt, damit die drei Affengeschwister wieder miteinander vereint werden konnten. Die so entstandene soziale Gruppe erwies sich als stabil; inzwischen sind die Tiere erwachsen.

Yasemin Gültekin, Doktorandin in Hages Team, machte bald eine interessante Beobachtung: Die drei jungen Affen gaben noch immer typische Babylautsequenzen von sich, das sogenannte „Brabbeln“. Dieses Vokalisationsverhalten zeigen Weißbüschelaffen – ähnlich wie Menschenbabys – normalerweise nur in den ersten wenigen Monaten nach ihrer Geburt. Zunächst gingen die Forscher noch davon aus, dass sich das bald geben würde, aber obwohl die Jungaffen ihrem Repertoire Erwachsenenlaute hinzufügten, blieb auch das „Brabbeln“. Beides geht auch jetzt noch durcheinander, wie Gültekins detaillierte Aufzeichnungen belegen. „Offenbar brauchen die Tiere von ihren Eltern doch direktes soziales oder akustisches Feedback, damit sich ihr Vokalisationsverhalten normal entwickelt“, schließt Hage.

Eigentlich war sein Team davon ausgegangen, dass die Vokalisationen bei Weißbüschelaffen angeboren sind, das heißt das Grundmuster der Laute entwickelt sich normalerweise ohne akustisches Feedback. Die Neurowissenschaftler wollten es nun genau wissen. Als das Affenpaar erneut Nachwuchs bekam, Zwillinge diesmal, brachten sie ihre Mikrofone in Stellung.

Die Vokalisationen der jüngeren Nachkommen, die auch nach dem dritten Monat wie üblich noch bei den Eltern aufwuchsen, entwickelten sich so, wie die Forscher es für Weißbüschelaffen erwarteten. Bereits mit sieben Monaten zeigten sie keinerlei kindliche, sondern nur erwachsene Vokalisationen. Der Vergleich der insgesamt fast 14.000 aufgezeichneten Lautäußerungen der fünf Geschwister zeigt deutlich: Weißbüschelaffen lernen Fiepen, Quietschen und Keckern zwar nicht von ihren Eltern – aber sie lernen von ihnen offenbar, was man als Erwachsener wann „sagen“ kann und was nicht.

Hage und sein Team zeigen sich erfreut über das Ergebnis: „Anders als Menschen und etwa Singvögel können Weißbüschelaffen zwar keine neuen Lautstrukturen lernen. Aber bei der Entwicklung des Repertoires greifen offenbar Feedback-Mechanismen, die unseren schon sehr ähnlich sind. Wir können von diesen Tieren daher auch über die menschliche Lautäußerung sehr viel lernen.“

Publikation:
Yasemin B. Gultekin, Steffen R. Hage (2016): Limiting Parental Feedback Disrupts Vocal Develop-ment in Marmoset Monkeys. Nature Communications 7: 14046. DOI 10.1038/NCOMMS14046

Autorenkontakt:
steffen.hage[at]cin.uni-tuebingen.de

Pressekontakt CIN:
Dr. Paul Töbelmann
Wissenschaftskommunikation und Öffentlichkeitsarbeit
Werner Reichardt Centrum für Integrative Neurowissenschaften (CIN)
Otfried-Müller-Str. 25 ∙ 72076 Tübingen
Tel.: +49 7071 29-89108
paul.toebelmann[at]cin.uni-tuebingen.de

www.cin.uni-tuebingen.de

Dr. Karl Guido Rijkhoek | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Ein einzelnes Gen bestimmt das Geschlecht von Pappeln
02.06.2020 | Johann Heinrich von Thünen-Institut, Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei

nachricht Mögliche physische Spur des Kurzzeitgedächtnisses gefunden
02.06.2020 | Institute of Science and Technology Austria

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Neue Messung verschärft altes Problem

Seit Jahrzehnten rätseln Astrophysiker über zwei markante Röntgen-Emissionslinien von hochgeladenem Eisen: ihr gemessenes Helligkeitsverhältnis stimmt nicht mit dem berechneten überein. Das beeinträchtigt die Bestimmung der Temperatur und Dichte von Plasmen. Neue sorgfältige, hoch-präzise Messungen und Berechnungen mit modernsten Methoden schließen nun alle bisher vorgeschlagenen Erklärungen für diese Diskrepanz aus und verschärfen damit das Problem.

Heiße astrophysikalische Plasmen erfüllen den intergalaktischen Raum und leuchten hell in Sternatmosphären, aktiven Galaxienkernen und Supernova-Überresten....

Im Focus: New measurement exacerbates old problem

Two prominent X-ray emission lines of highly charged iron have puzzled astrophysicists for decades: their measured and calculated brightness ratios always disagree. This hinders good determinations of plasma temperatures and densities. New, careful high-precision measurements, together with top-level calculations now exclude all hitherto proposed explanations for this discrepancy, and thus deepen the problem.

Hot astrophysical plasmas fill the intergalactic space, and brightly shine in stellar coronae, active galactic nuclei, and supernova remnants. They contain...

Im Focus: Neuartiges Covid-19-Schnelltestverfahren auf Basis innovativer DNA-Polymerasen entwickelt

Eine Forschungskooperation der Universität Konstanz unter Federführung von Professor Dr. Christof Hauck (Fachbereich Biologie) mit Beteiligung des Klinikum Konstanz, eines Konstanzer Diagnostiklabors und des Konstanzer Unternehmens myPOLS Biotec, einer Ausgründung aus der Arbeitsgruppe für Organische Chemie / Zelluläre Chemie der Universität Konstanz, hat ein neuartiges Covid-19-Schnelltestverfahren entwickelt. Dieser Test ermöglicht es, Ergebnisse in der Hälfte der Zeit zu ermitteln – im Vergleich zur klassischen Polymerase-Ketten-Reaktion (PCR).

Die frühe Identifikation von Patienten, die mit dem neuartigen Coronavirus (SARS-CoV-2) infiziert sind, ist zentrale Voraussetzung bei der globalen Bewältigung...

Im Focus: Textilherstellung für Weltraumantennen startet in die Industrialisierungsphase

Im Rahmen des EU-Projekts LEA (Large European Antenna) hat das Fraunhofer-Anwendungszentrum für Textile Faserkeramiken TFK in Münchberg gemeinsam mit den Unternehmen HPS GmbH und Iprotex GmbH & Co. KG ein reflektierendes Metallnetz für Weltraumantennen entwickelt, das ab August 2020 in die Produktion gehen wird.

Beim Stichwort Raumfahrt werden zunächst Assoziationen zu Forschungen auf Mond und Mars sowie zur Beobachtung ferner Galaxien geweckt. Für unseren Alltag sind...

Im Focus: Biotechnologie: Enzym setzt durch Licht neuartige Reaktion in Gang

In lebenden Zellen treiben Enzyme biochemische Stoffwechselprozesse an. Auch in der Biotechnologie sind sie als Katalysatoren gefragt, um zum Beispiel chemische Produkte wie Arzneimittel herzustellen. Forscher haben nun ein Enzym identifiziert, das durch die Beleuchtung mit blauem Licht katalytisch aktiv wird und eine Reaktion in Gang setzt, die in der Enzymatik bisher unbekannt war. Die Studie ist in „Nature Communications“ erschienen.

Enzyme – in jeder lebenden Zelle sind sie die zentralen Antreiber für biochemische Stoffwechselprozesse und machen dort Reaktionen möglich. Genau diese...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Gebäudewärme mit "grünem" Wasserstoff oder "grünem" Strom?

26.05.2020 | Veranstaltungen

Dresden Nexus Conference 2020 - Gleicher Termin, virtuelles Format, Anmeldung geöffnet

19.05.2020 | Veranstaltungen

Urban Transport Conference 2020 in digitaler Form

18.05.2020 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Individualisierte Produkte auch in der Massenfertigung

02.06.2020 | Verfahrenstechnologie

Gleichstromnetze für Fabrikhallen

02.06.2020 | Energie und Elektrotechnik

Hochsensitive und schnelle Messverfahren für optische Komponenten: Mit Streulicht zur perfekten Optik

02.06.2020 | Energie und Elektrotechnik

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics