Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Waldrand oder mittendrin: Das Erbgut von Mausmakis unterscheidet sich je nach Lebensraum

19.07.2018

Forscher untersuchen die molekularen Folgen, die die Ränder von Lebensräumen für Tierpopulationen haben können.

Der Mensch breitet sich in vielen Ländern immer weiter aus und zerstückelt in der Folge die Lebensräume verschiedener Tierarten. Diese Zerstückelung bedeutet, dass in den Lebensräumen immer mehr Randbereiche entstehen, wie beispielsweise dem Rand zwischen Wald und angrenzenden Agrarräumen oder zwischen Wald und einer angrenzenden Savanne.


Goldbrauner Mausmaki (Microcebus ravelobensis).

Foto: Ute Radespiel


Waldrand mit Übergang zur Savanne im Studiengebiet Nationalpark Ankarafantsika, Nordwest-Madagaskar.

Foto: Shawn Lehman

Professorin Dr. Ute Radespiel aus dem Institut für Zoologie der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo) konnte mit Wissenschaftlern der Universität Toronto jetzt zeigen, dass diese veränderten Lebensräume bei den auf Madagaskar in Wäldern lebenden Mausmakis auch das Erbgut der Tiere beeinflussen. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie heute in der Fachzeitschrift Oryx.

Professorin Dr. Ute Radespiel erklärt: „Es ist schon länger bekannt, dass sogenannte Habitatränder weitreichende ökologische Effekte haben. So unterscheiden sich zum Beispiel Temperatur, Lichteinstrahlung und Feuchtigkeit zwischen Waldrand und Waldinnerem, was typischerweise zu Veränderungen in der Vegetation führt. Viele Tierarten reagieren auf diese Schwankungen und zeigen eine Vorliebe für diese Habitate oder meiden die Gebiete. Es kommt auch vor, dass verschiedene Individuen einer Art verschiedene Vorlieben entwickeln.“

Radespiel vermutete, dass Tierarten, die auf die Ränder ihrer Lebensräume positiv oder negativ reagieren, ihr Wanderverhalten entsprechend anpassen. Sei dies der Fall, könne dieses Verhalten auch das Erbgut der Tiere beeinflussen: Der übliche genetische Austausch zwischen verschiedenen Arealen des natürlichen Lebensraumes würde sich verändern, wenn sich die Tiere nicht mehr frei bewegen. Solche molekularen Randeffekte wurden bislang nicht untersucht.

Radespiels Team untersuchte daraufhin in Nordwest-Madagaskar eine Population der gefährdeten Goldbraunen Mausmakis (Microcebus ravelobensis). Sie leben am Rand und im Inneren des Waldes. Für ihre genetischen Analysen fingen die Forscherinnen und Forscher die Tiere und entnahmen an den Ohren kleine Gewebeproben.

Insgesamt sammelten sie Proben von 41 Tieren, die entweder am Waldrand oder in zwei weiter innen liegenden Regionen gefangen wurden. Die Gebiete im Waldinneren waren bis zu 1,4 Kilometer vom Waldrand und dem ersten Studiengebiet entfernt. Dies ist eine Distanz, die ein Goldbrauner Mausmaki noch überwinden kann. Mit Hilfe molekularer Methoden bestimmten die Forscher unter anderem die genetischen Unterschiede zwischen den Tieren der drei Studiengebiete.

Die Ergebnisse

Die Wissenschaftler fanden Hinweise auf unerwartet große genetische Unterschiede. „Trotz der geringen geographischen Distanz zwischen den Gebieten scheinen die Tiere zwischen den Gebieten nicht oder nur sehr selten zu wandern. Wir vermuten, dass die Tiere dazu tendieren, in ihrem bekannten Habitattyp, Waldrand oder Waldinneres, zu bleiben“, sagt Radespiel. „Diese Studie gibt damit erste Hinweise auf molekulare Auswirkungen von Habitaträndern auf einer kleinen räumlichen Skala. Falls sich diese Befunde in einer größeren Studie bestätigen, hätte dies weitreichende Konsequenzen für unser Verständnis von Evolutionsprozessen“, so Radespiel weiter, „zum Beispiel würde das bedeuten, dass Tierarten sich lokal stärker als bisher angenommen anpassen könnten. Wenn Tiere sich wegen ihrer lokalen Präferenzen in Habitatfragmenten nicht frei bewegen, führt dies auch zu einer zusätzlichen Unterteilung von bereits kleinen Populationen, die dadurch vermutlich noch anfälliger werden für zufällige oder menschliche Störungen.“ Das wiederum hätte zur Folge, dass Naturschutzbemühungen neu durchdacht werden müssten.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Professorin Dr. Ute Radespiel
Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover
Institut für Zoologie
Tel.: +49 511 953-8430
ute.radespiel@tiho-hannover.de

Originalpublikation:

Molecular edge effects in the Endangered golden-brown mouse lemur Microcebus ravelobensis
Ute Radespiel, Jennifer Schulte, Ryan Burke, Shawn Lehman
Oryx, DOI: 10.1017/S0030605318000029

Weitere Informationen:

Weitere Fotos: https://www.tiho-hannover.de/aktuelles-presse/pressemitteilungen/pressemitteilun...

Sonja von Brethorst | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Berichte zu: Erbgut Lebensraum Mausmaki Mausmakis Microcebus Microcebus ravelobensis Waldrand

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Biomarker besser nachweisen: Bremer Forscher entwickeln neue Methode mit Mikrokapseln
14.08.2018 | Jacobs University Bremen gGmbH

nachricht Grönland: Tiefe des Schmelzwassereintrags beeinflusst Planktonblüte
14.08.2018 | GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Neue interaktive Software: Maschinelles Lernen macht Autodesigns aerodynamischer

Neue Software verwendet erstmals maschinelles Lernen um Strömungsfelder um interaktiv designbare 3D-Objekte zu berechnen. Methode wird auf der renommierten SIGGRAPH-Konferenz vorgestellt

Wollen Ingenieure oder Designer die aerodynamischen Eigenschaften eines neu gestalteten Autos, eines Flugzeugs oder anderer Objekte testen, lassen sie den...

Im Focus: New interactive machine learning tool makes car designs more aerodynamic

Scientists develop first tool to use machine learning methods to compute flow around interactively designable 3D objects. Tool will be presented at this year’s prestigious SIGGRAPH conference.

When engineers or designers want to test the aerodynamic properties of the newly designed shape of a car, airplane, or other object, they would normally model...

Im Focus: Der Roboter als „Tankwart“: TU Graz entwickelt robotergesteuertes Schnellladesystem für E-Fahrzeuge

Eine Weltneuheit präsentieren Forschende der TU Graz gemeinsam mit Industriepartnern: Den Prototypen eines robotergesteuerten CCS-Schnellladesystems für Elektrofahrzeuge, das erstmals auch das serielle Laden von Fahrzeugen in unterschiedlichen Parkpositionen ermöglicht.

Für elektrisch angetriebene Fahrzeuge werden weltweit hohe Wachstumsraten prognostiziert: 2025, so die Prognosen, wird es jährlich bereits 25 Millionen...

Im Focus: Robots as 'pump attendants': TU Graz develops robot-controlled rapid charging system for e-vehicles

Researchers from TU Graz and their industry partners have unveiled a world first: the prototype of a robot-controlled, high-speed combined charging system (CCS) for electric vehicles that enables series charging of cars in various parking positions.

Global demand for electric vehicles is forecast to rise sharply: by 2025, the number of new vehicle registrations is expected to reach 25 million per year....

Im Focus: Der „TRiC” bei der Aktinfaltung

Damit Proteine ihre Aufgaben in Zellen wahrnehmen können, müssen sie richtig gefaltet sein. Molekulare Assistenten, sogenannte Chaperone, unterstützen Proteine dabei, sich in ihre funktionsfähige, dreidimensionale Struktur zu falten. Während die meisten Proteine sich bis zu einem bestimmten Grad ohne Hilfe falten können, haben Forscher am Max-Planck-Institut für Biochemie nun gezeigt, dass Aktin komplett von den Chaperonen abhängig ist. Aktin ist das am häufigsten vorkommende Protein in höher entwickelten Zellen. Das Chaperon TRiC wendet einen bislang noch nicht beschriebenen Mechanismus für die Proteinfaltung an. Die Studie wurde im Fachfachjournal Cell publiziert.

Bei Aktin handelt es sich um das am häufigsten vorkommende Protein in höher entwickelten Zellen, das bei Prozessen wie Zellstabilisation, Zellteilung und...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Das Architekturmodell in Zeiten der Digitalen Transformation

14.08.2018 | Veranstaltungen

EEA-ESEM Konferenz findet an der Uni Köln statt

13.08.2018 | Veranstaltungen

Digitalisierung in der chemischen Industrie

09.08.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Neue interaktive Software: Maschinelles Lernen macht Autodesigns aerodynamischer

14.08.2018 | Informationstechnologie

Der ängstliche Nao - Wenn Menschen emotional auf Roboter reagieren

14.08.2018 | Gesellschaftswissenschaften

Gebirge in Bewegung

14.08.2018 | Geowissenschaften

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics