Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Warum die Unechte Karettschildkröte immer zu ihrer Geburtsinsel zurückkehrt

31.05.2013
Meeresschildkröten sind weltweit vom Aussterben bedroht. Um sie besser schützen zu können, versuchen Wissenschaftler die Geheimnisse ihrer Wanderungen und Fortpflanzungsgewohnheiten zu entschlüsseln.

Evolutionsbiologen des GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel haben jetzt erstmals mit genetischen Methoden nachgewiesen, dass Weibchen der Unechten Karettschildkröte ihre Eier fast immer auf derselben Insel legen, auf der sie selbst geboren wurden. Männchen sind dagegen weniger ortstreu. Dieses Verhalten hat bestimmte evolutionäre Vorteile, wie die Forscher in der aktuellen Ausgabe der internationalen Fachzeitschrift „Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences“ darlegen.


Steht auf der Liste der bedrohten Arten: Die Unechte Karettschildkröte.
Foto: V. Stiebens, GEOMAR

Fachleute schätzen, dass weltweit über 15.000 Arten vom Aussterben bedroht sind. Betroffen sind auch alle Arten der Meeresschildkröten, darunter die Unechte Karettschildkröte. Viele Wissenslücken zum Verhalten dieser faszinierenden Meeresbewohner machen einen effektiven Schutz schwierig. Gerade die Unechte Karettschildkröte ist in diesem Zusammenhang ein besonders interessanter Fall: Warum wandern die Tiere zigtausende von Kilometern durch die Weltmeere, bevor sie nach ungefähr 25 Jahren zur Fortpflanzung an ihren Geburtsort zurückkehren?

Um diese Frage zu beantworten, haben Evolutionsbiologen des GEOMAR Helmholtz Zentrum für Ozeanforschung Kiel die Brutpopulation der Unechten Karettschildkröte auf den Kapverdischen Inseln genauer untersucht. Die Inselgruppe vor Westafrika ist die weltweit drittgrößte Brutregion für die Schildkrötenart. Wie die Forscher in der aktuellen Ausgabe der „Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences“ darlegen, konnten sie erstmals mit genetischen Methoden nachweisen, dass die Weibchen zur Eiablage sehr präzise die Insel aufsuchen, auf der sie einst geboren worden sind. Männchen dagegen sind weit weniger ortstreu. „Vor allem konnten wir in den Genen der Schildkröten Hinweise finden, die dieses Verhalten evolutionär durchaus sinnvoll erscheinen lassen“, sagt Victor Stiebens, Erstautor der Studie.

Die Inselgruppe der Kapverden besteht aus insgesamt 15 Inseln in zwei größeren Untergruppen. Die GEOMAR Biologen nahmen winzige Hautproben von Schildkröten auf mehreren Inseln. Mit verschiedenen genetischen Methoden untersuchten und verglichen sie die Gewebeproben. Dabei fanden die Forscher heraus, dass die Tiere, die zur Eiablage auf die Kapverden kommen, eine verblüffende Ortstreue bewiesen. „Wir waren fasziniert, dass die Weibchen exakt auf die Insel zurückkehrten, auf der sie vor über 20 Jahren geschlüpft waren”, sagt Stiebens.

Zusätzlich sahen die Forscher sich in den Gewebeproben bestimmte Gengruppen genauer an, die für Abwehrkräfte gegen Parasiten und Krankheiten verantwortlich sind. Tatsächlich unterschieden sich diese Gruppen bei Tieren von geographisch gesehen am weitesten voneinander entfernten Inseln. „Die Weibchen vererben also Abwehrkräfte genau gegen die Gefahren, die auf der jeweiligen Brutinsel auf den Nachwuchs warten“, erklärt Dr. Christoph Eizaguirre, Leiter der Schildkrötengruppe am GEOMAR und ebenfalls Autor der Studie.

Neben diesem Vorteil birgt die extreme Ortstreue gerade für Arten mit einer kleinen Population aber auch ein Risiko. Denn sie könnte dazu führen, dass sich immer nur sehr eng verwandte Tiere miteinander paaren. Inzucht und langfristig genetische Defekte wären die Folge. Doch die Autoren der Studie fanden heraus, dass die Evolution auch dafür eine Vorkehrung getroffen hat. Denn die Männchen der Unechten Karettschildkröte sind deutlich weniger wählerisch bei der Wahl des Paarungsortes als die Weibchen. „Männchen scheinen in einer größeren Region nach Partnerinnen zu suchen”, erklärt Stiebens. „Diese geschlechtspezifischen Verhaltensweisen sorgen für eine gewisse genetische Varianz unter den einzelnen Inseln“, ergänzt Eizaguirre, „gleichzeitig bleiben aber die Genmuster erhalten, die sich im Laufe der Evolution herausgebildet haben, um in einer ganz bestimmten Region vor Krankheiten und Parasiten besser geschützt zu sein“.

Die Studie ergänzt ein weiteres Puzzlestück im Wissen um die Lebensweise der Unechten Karettschildkröte. „Je mehr wir wissen, desto besser kann man die Art auch schützen“, erklärt Dr. Eizaguirre. Die Studie zeige aber auch, dass gerade bei einer so kleinen Population wie der der Unechten Karettschildkröte jede Brutinsel eine große Rolle spiele. „Deshalb sollten möglichst viele Brutplätze auf den Kapverden und anderen Inselgruppen erhalten bleiben“, betont der Schildkrötenspezialist.
Originalarbeit:
Stiebens, V. A., Merino S. E. , Roder C., Chain F. J. J., Lee P. L. M., Eizaguirre C. (2013): Living on the edge: how philopatry maintains adaptive potential. Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences. http://dx.doi.org/10.1098/rspb.2013.0305

Weitere Informationen:

http://www.geomar.de
Das GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel
http://turtle-project.ifm-geomar.de/
Das Schildkrötenprojekt auf den Kapverdischen Inseln

Andreas Villwock | idw
Weitere Informationen:
http://www.geomar.de
http://turtle-project.ifm-geomar.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Konzept für neue Technik zur Untersuchung superschwerer Elemente vorgestellt
13.07.2020 | Johannes Gutenberg-Universität Mainz

nachricht Alternativmethoden für Tierversuche: VISION – Ein mikrofluidisches Chipsystem als Alternative zu Tierversuchen
13.07.2020 | Fraunhofer-Institut für Biomedizinische Technik IBMT

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Kryoelektronenmikroskopie: Hochauflösende Bilder mit günstiger Technik

Mit einem Standard-Kryoelektronenmikroskop erzielen Biochemiker der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) erstaunlich gute Aufnahmen, die mit denen weit teurerer Geräte mithalten können. Es ist ihnen gelungen, die Struktur eines Eisenspeicherproteins fast bis auf Atomebene aufzuklären. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift "PLOS One" veröffentlicht.

Kryoelektronenmikroskopie hat in den vergangenen Jahren entscheidend an Bedeutung gewonnen, besonders um die Struktur von Proteinen aufzuklären. Die Entwickler...

Im Focus: Electron cryo-microscopy: Using inexpensive technology to produce high-resolution images

Biochemists at Martin Luther University Halle-Wittenberg (MLU) have used a standard electron cryo-microscope to achieve surprisingly good images that are on par with those taken by far more sophisticated equipment. They have succeeded in determining the structure of ferritin almost at the atomic level. Their results were published in the journal "PLOS ONE".

Electron cryo-microscopy has become increasingly important in recent years, especially in shedding light on protein structures. The developers of the new...

Im Focus: Neue Schlankheitstipps für Computerchips

Lange Zeit hat man in der Elektronik etwas Wichtiges vernachlässigt: Wenn man elektronische Bauteile immer kleiner machen will, braucht man dafür auch die passenden Isolator-Materialien.

Immer kleiner und immer kompakter – das ist die Richtung, in die sich Computerchips getrieben von der Industrie entwickeln. Daher gelten sogenannte...

Im Focus: Elektrische Spannung aus Elektronenspin – Batterie der Zukunft?

Forschern der Technischen Universität Ilmenau ist es gelungen, sich den Eigendrehimpuls von Elektronen – den sogenannten Elektronenspin, kurz: Spin – zunutze zu machen, um elektrische Spannung zu erzeugen. Noch sind die gemessenen Spannungen winzig klein, doch hoffen die Wissenschaftler, auf der Basis ihrer Arbeiten hochleistungsfähige Batterien der Zukunft möglich zu machen. Die Forschungsarbeiten des Teams um Prof. Christian Cierpka und Prof. Jörg Schumacher vom Institut für Thermo- und Fluiddynamik wurden soeben im renommierten Journal Physical Review Applied veröffentlicht.

Laptop- und Handyspeicher der neuesten Generation nutzen Erkenntnisse eines der jüngsten Forschungsgebiete der Nanoelektronik: der Spintronik. Die heutige...

Im Focus: Neue Erkenntnisse über Flüssigkeiten, die ohne Widerstand fließen

Verlustfreie Stromleitung bei Raumtemperatur? Ein Material, das diese Eigenschaft aufweist, also bei Raumtemperatur supraleitend ist, könnte die Energieversorgung revolutionieren. Wissenschaftlern vom Exzellenzcluster „CUI: Advanced Imaging of Matter“ an der Universität Hamburg ist es nun erstmals gelungen, starke Hinweise auf Suprafluidität in einer zweidimensionalen Gaswolke zu beobachten. Sie berichten im renommierten Magazin „Science“ über ihre Experimente, in denen zentrale Aspekte der Supraleitung in einem Modellsystem untersucht werden können.

Es gibt Dinge, die eigentlich nicht passieren sollten. So kann z. B. Wasser nicht durch die Glaswand von einem Glas in ein anderes fließen. Erstaunlicherweise...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Intensiv- und Notfallmedizin: „Virtueller DIVI-Kongress ist ein Novum für 6.000 Teilnehmer“

08.07.2020 | Veranstaltungen

Größte nationale Tagung für Nuklearmedizin

07.07.2020 | Veranstaltungen

Corona-Apps gegen COVID-19: Nationalakademie Leopoldina veranstaltet internationales virtuelles Podiumsgespräch

07.07.2020 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Konzept für neue Technik zur Untersuchung superschwerer Elemente vorgestellt

13.07.2020 | Biowissenschaften Chemie

Alternativmethoden für Tierversuche: VISION – Ein mikrofluidisches Chipsystem als Alternative zu Tierversuchen

13.07.2020 | Biowissenschaften Chemie

Neue Molekülbibliothek hilft bei der systematischen Suche nach Wirkstoffen

13.07.2020 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics