Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Trojanischer Flohkrebs: Wenn eingewanderte Arten Parasiten in sich tragen

06.02.2013
Gebietsfremde Arten verdrängen zunehmend heimische Spezies aus ihren angestammten ökologischen Nischen. Wie sie das anstellen, ist vielfach nicht belegt.

Wissenschaftler des Biodiversität und Klima Forschungsinstituts (BiK-F) und des Senckenberg Forschungsinstituts (SGN) sind im Rhein auf Fischzug gegangen, um einem aktuellen Verdrängungsprozess auf die Spur zu kommen. Sie haben der eingeschleppten Schwarzmundgrundel in den Magen geschaut und dort entdeckt: Die Grundeln sind nicht allein gekommen. Sie haben ihr angestammtes Futter dabei – und einen Parasiten, an den die heimischen Fische nicht gut angepasst sind. Schwimmt die Grundel deshalb auf der Überholspur?


Die drei häufigsten invasiven Grundeln im Rhein im direkten Vergleich von links nach rechts: die Kessler Grundel Neogobius kessleri, die Schwarzmundgrundel Neogobius melanostomus und die Flussgrundel Neogobius fluviatilis
Foto: Senckenberg


Ihr ist jeder Köder recht: Kaum ist der Haken im Wasser, hängt auch schon eine Grundel dran.
Foto: Senckenberg

Für Angler sind sie echte Plagegeister: Die Schwarzmundgrundel (Neogobius melanostomus) stellt in Rhein und Main derzeit die häufigste von insgesamt fünf invasiven, neozoischen Grundeln dar. Das bedeutet: Die Grundeln sind hier eigentlich nicht heimisch, es handelt sich um sogenannte Neozoen – eingeschleppte bzw. eingewanderte Tierarten. Als invasiv werden dabei diejenigen Arten bezeichnet, welche relevante ökologische Schäden verursachen.

Zuwachs im Rhein: invasive Tierarten

Mittlerweile existieren zahlreiche eingewanderte Fischarten und Krebstiere in Rhein und Main. Die Kessler Grundel (N. kessleri), die Schwarzmundgrundel (N. melanostomus) und die Flussgrundel (N. fluviatilis) sowie eine Reihe verschiedener Flohkrebsarten (Amphipoda) sind die häufigsten Vertreter. „Etwa ein Viertel der aquatischen invasiven Arten stammen aus der Ponto-Kaspischen Region, hauptsächlich aus dem Schwarzmeerraum und dem Kaspischen Meer, wobei die Schwarzmundgrundel und der Große Höckerflohkrebs (Dikerogammarus villosus) zu den prominenten Beispielen zählen“, so Prof. Dr. Sven Klimpel von der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung und BiK-F. Die Grundeln vermehren sich rasant. „Insbesondere die Schwarzmundgrundel ist inzwischen mit Abstand die dominanteste Fischart im Rhein und nicht nur unter Biologen, sondern auch unter Berufs- und Hobbyfischern in aller Munde“, resümiert der Projektmitarbeiter Sebastian Emde.

Für die gerade im renomierten Fachmagazin PLoS ONE veröffentlichte Studie hatten die Wissenschaftler im Rhein die Angel ausgeworfen, um Nahrungsökologie und Parasitenfauna der Grundeln sowie der invasiven Flohkrebsarten zu untersuchen und dabei mehr über Konkurrenzdruck und Parasit-Wirt-Beziehungen zu erfahren. Dabei konnten sie am Untersuchungsort keinerlei einheimischen Flohkrebs-Arten wie beispielsweise Gammarus pulex mehr finden. Die Grundeln hatten entsprechend ausschließlich Flohkrebse gefressen, die wie sie selbst aus der Region des Schwarzen und Kaspischen Meeres eingewandert sind.

Über 90% der Schwarzmundgrundeln waren zudem mit einem Parasiten befallen, dem ebenfalls nicht heimischen Kratzer Pomphorhynchus tereticollis (Acanthocephale). Die Grundel und ihre Lieblingsspeise, der invasive Höckerflohkrebs, fungieren für den Parasiten als Zwischenwirte: Den Flohkrebs benötigt er zur Entwicklung. Die Grundel nutzt er als Transportwirt zur Verbreitung. Die Zielwirte, größere Fische, infizieren sich, wenn sie Grundeln fressen. Es sind also zwei invasive Arten für die starke Verbreitung eines Parasiten verantwortlich, welcher ebenfalls in dieser Region vorher nicht heimisch war.

Trojanischer Flohkrebs - Eingeschleppter Parasit schwächt heimische Fische

Was bedeutet das nun für Barbe, Döbel und Forelle? Genau wie für die invasiven Grundelarten ist der Höckerflohkrebs zur Hauptnahrungsquelle heimischer Fischarten geworden, stellte Klimpel fest: „Das ist energetisch zunächst von Vorteil für die Fische, denn diese Krebstiere sind massenhaft vorhanden.“

Der Nachteil für die einheimischen Fischarten: Ihr Immunsystem kennt sich mit den für sie neuen Parasiten nicht aus, weil der Prozess einer gemeinsamen Koevolution nicht stattgefunden hat. Gegenüber hiesigen Schädlingen und Krankheitserregern haben die Fische eine gewisse Widerstandsfähigkeit entwickelt, doch gegen gebietsfremde Organismen besitzen sie oft nur geringe oder gar keine natürlichen Abwehrkräfte. Möglicherweise sterben die Tiere daher durch den Parasiten früher oder sind in ihrer Fitness eingeschränkt.

Verdrängungsmechanismus aufgedeckt

Die Höckerflohkrebs-Parasit-Grundel-Verkettung steht also modellhaft für einen der vielen Mechanismen, mittels deren eingewanderte Arten gravierende Auswirkungen auf heimische Ökosysteme haben können: „Wenn invasive Arten durch die Verdrängung einheimischer Arten dominieren und dabei auch noch Wirte für bestimmte neue Parasiten und Krankheitserreger sind, können sich Krankheiten leichter ausbreiten“, gibt der Parasiten-Experte Klimpel zu bedenken. Letztendlich kann dies zum Verschwinden heimischer Arten aus einem Lebensraum wie dem Rhein führen. Klimpels Fazit: „Der Schutz der heimischen Artenvielfalt dient auch der Gesundheit der Organismen im jeweiligen Ökosystem.“

Emde S, Rueckert S, Palm HW, Klimpel S (2012) Invasive Ponto-Caspian Amphipods and Fish Increase the Distribution Range of the Acanthocephalan Pomphorhynchus tereticollis in the River Rhine. PLoS ONE 7(12): e53218. doi:10.1371/journal.pone.0053218

Kontakt
Prof. Dr. Sven Klimpel
Senckenberg Forschungsinstitut und Biodiversität und Klima Forschungszentrum (BiK-F), Frankfurt am Main
Tel. 069-7542-1895
sven.klimpel@senckenberg.de
Regina Bartel
Pressestelle
Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung
Tel. 069- 7542 1434
regina.bartel@senckenberg.de

Judith Jördens | Senckenberg
Weitere Informationen:
http://www.senckenberg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Helfer beim Proteintransport in der Zelle
21.11.2018 | Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau

nachricht Wenn Verwandte von Krankheitserregern Gutes tun
21.11.2018 | Friedrich-Schiller-Universität Jena

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Erste Diode für Magnetfelder

Innsbrucker Quantenphysiker haben eine Diode für Magnetfelder konstruiert und im Labor getestet. Das von den Forschungsgruppen um den Theoretiker Oriol Romero-Isart und den Experimentalphysiker Gerhard Kirchmair entwickelte Bauelement könnte eine Reihe neuer Anwendungen ermöglichen.

Elektrische Dioden sind wichtige elektronische Bauteile, die elektrischen Strom in eine Richtung leiten, die Stromleitung in der anderen Richtung aber...

Im Focus: First diode for magnetic fields

Innsbruck quantum physicists have constructed a diode for magnetic fields and then tested it in the laboratory. The device, developed by the research groups led by the theorist Oriol Romero-Isart and the experimental physicist Gerhard Kirchmair, could open up a number of new applications.

Electric diodes are essential electronic components that conduct electricity in one direction but prevent conduction in the opposite one. They are found at the...

Im Focus: Millimeterwellen für die letzte Meile

ETH-Forscher haben einen Modulator entwickelt, mit dem durch Millimeterwellen übertragene Daten direkt in Lichtpulse für Glasfasern umgewandelt werden können. Dadurch könnte die Überbrückung der «letzten Meile» bis zum heimischen Internetanschluss deutlich schneller und billiger werden.

Lichtwellen eigenen sich wegen ihrer hohen Schwingungsfrequenz hervorragend zur schnellen Übertragung von Daten.

Im Focus: Nonstop-Transport von Frachten in Nanomaschinen

Max-Planck-Forscher entdecken die Nanostruktur von molekularen Zügen und den Grund für reibungslosen Transport in den „Antennen der Zelle“

Eine Zelle bewegt sich ständig umher, tastet ihre Umgebung ab und sendet Signale an andere Zellen. Das ist wichtig, damit eine Zelle richtig funktionieren kann.

Im Focus: Nonstop Tranport of Cargo in Nanomachines

Max Planck researchers revel the nano-structure of molecular trains and the reason for smooth transport in cellular antennas.

Moving around, sensing the extracellular environment, and signaling to other cells are important for a cell to function properly. Responsible for those tasks...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Podiumsdiskussion zur 11. Internationalen MES-Tagung in Hannover hochkarätig besetzt

21.11.2018 | Veranstaltungen

Hüftprothese: Minimalinvasiv oder klassisch implantieren? Implantatmodell wichtiger als OP-Methode

21.11.2018 | Veranstaltungen

Personalisierte Implantologie – 32. Kongress der DGI

19.11.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Neuer Blick auf molekulare Prozesse

21.11.2018 | Physik Astronomie

Wechsel zu Carbon Infrarot-Strahlern von Heraeus halbiert die Trocknungszeit für Siebdruck auf T-Shirts

21.11.2018 | Energie und Elektrotechnik

Wie aus Staub Planeten entstehen

21.11.2018 | Physik Astronomie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics