Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Seegurken: die Staubsauger der Meere

14.06.2018

Seegurken sind farblich eher unscheinbar, von schlichtem Körperbau und sicher keine Sympathieträger unter den Meeresbewohnern. Für die Meere sind sie aber von enormer Bedeutung, wie Wissenschaftler des Leibniz-Zentrums für Marine Tropenforschung (ZMT) kürzlich herausgefunden haben. Seegurken werden vor allem für den asiatischen Markt stark befischt. Die neue Studie der Forscher zeigt, wie groß die ökologischen Auswirkungen dieser Fischerei auf Küstenökosysteme wie Korallenriffe oder Seegraswiesen sein können.

Wie Seesterne und Seeigel sind Seegurken, von denen es etwa 14.000 Arten gibt, Stachelhäuter. Sie kommen in allen Meeren von der Arktis bis in die Tropen vor, sind wenige Millimeter oder über zwei Meter lang, dünn wie ein Seil oder muskulös und walzenförmig. Sie sind an das Leben am Meeresboden angepasst und vor allem in flachen Küstengewässern zu finden. Viele durchwühlen den sandigen Boden nach Nahrung wie Detritus oder Mikroalgen, verschlingen das Sediment, verdauen die organischen Bestandteile und scheiden den Sand dann wieder aus.


Eine Seegurke der Gattung Stichopus auf den Philippinen

Foto: Jon Altamirano


Verkauf von getrockneten Seegurken in Indonesien

Foto: Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung

Diese umtriebige Wühltätigkeit war Gegenstand der Untersuchungen, die Forscher vom ZMT vor der Insel Vanua Levu in Fidschi vornahmen. Im Flachwasser hinter einem Korallenriff errichteten sie 16 bodenlose Käfige, die unterschiedlich dicht mit Seegurken der Art Holothuria scabra besetzt wurden. Ein halbes Jahr lang nahmen sie regelmäßig Sedimentproben aus den umgrenzten Bereichen und maßen den Gehalt an Sauerstoff als Indikator für die Menge an verzehrter organischer Masse.

Anders als in den unbesiedelten Gehegen fanden die Forscher in den Käfigen mit einer hohen Anzahl an Seegurken, wie sie auch in unberührten Küstengegenden vorkommt, einen deutlich geringeren Sauerstoffverbrauch im Sediment, dort befand sich also weniger organisches Material. Dies kommt den Organismen zugute, die im Meeresboden leben.

„Unsere Zahlen ergeben, dass Holothurien in einem Jahr auf einem Areal von 1.000 Quadratmetern an die 10.600 Kilo Sediment durcharbeiten“, erklärt Dr. Sebastian Ferse, Riffökologe am ZMT. „Das sind erstaunlich große Mengen, und es ist doppelt so viel wie bisher angenommen. Ähnlich den Wattwürmern der Nordsee sind Seegurken hocheffiziente Biofilter.“

Als solche „Staubsauger der Meere“ sind sie von unschätzbarem Wert für die Meeresökosysteme. Denn an den Küsten gelangen immer mehr Abwässer aus Städten, Hotels, Landwirtschaft und Aquakulturanlagen ins Meer und überdüngen es. Die Seegurken verhindern, dass sich zu viel zerfallende organische Substanz im Meeressand absetzt, die wiederum ein Nährboden für pathogene Bakterien ist und das Wachstum von Algen begünstigt. Nehmen die Algen überhand, können sie kostbare Lebensräume wie Seegraswiesen oder Korallenriffe überwuchern.

Pro Jahr werden jedoch 30.000 Tonnen Seegurken aus dem Meer gefangen, vorwiegend für den asiatischen Markt. In Südost-Asien sind viele küstennahe Meeresregionen bereits leergefischt. Auch in der Karibik und im Roten Meer werden diese Stachelhäuter immer seltener.

Seegurken gelten vor allem in China als Superfood: reich an Eiweißen und Spurenelementen sollen sie Heilmittel für Bluthochdruck sein, Krebs unterdrücken können und eine aphrodisierende Wirkung haben. Sie sind einfach einzusammeln und können mehrere hundert Dollar pro Tier einbringen, was zu ihrer enormen Überfischung beiträgt. „Gekocht und dann getrocknet werden sie zum Beispiel in Suppen gegeben. Ihr Fleisch ist aber eher geschmacksarm und gallertig“, berichtet Sebastian Ferse.

„Die ökologischen Auswirkungen ihrer Überfischung lagen vor unserer Studie nahezu völlig im Dunkeln“, so Ferse. Die Ergebnisse haben die Forscher nun ans Fischereiministerium in Fidschi weitergegeben, dem sie wichtige Erkenntnisse für die Erstellung neuer Fischereirichtlinien liefern. Am ZMT wird darüber hinaus erforscht, wie sich Seegurken in einer integrierten Aquakultur halten lassen, die verschiedene Organismen miteinander kombiniert und so die Ökobilanz verbessert.

Die Ergebnisse der Studie sind kürzlich im internationalen Journal PeerJ publiziert worden:
Lee, S., Ford, A. K., Mangubhai, S., Wild, C., & Ferse, S. C. A. (2018). Effects of sandfish (Holothuria scabra) removal on shallow-water sediments in Fiji. PeerJ, 6, e4773. doi:10.7717/peerj.4773

Kontakt
Dr. Sebastian Ferse
Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT)
Tel: 0421 / 23800-28
Mail: sebastian.ferse@leibniz-zmt.de

Dr. Susanne Eickhoff | idw - Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen:
http://www.leibniz-zmt.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Was das Meer zur Klimaregulierung beiträgt: Neue Erkenntnisse helfen bei der Berechnung
14.11.2018 | Jacobs University Bremen gGmbH

nachricht Wie Algen und Kohlefasern die Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre nachhaltig senken könnten
14.11.2018 | Technische Universität München

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Mit Gold Krankheiten aufspüren

Röntgenfluoreszenz könnte neue Diagnosemöglichkeiten in der Medizin eröffnen

Ein Präzisions-Röntgenverfahren soll Krebs früher erkennen sowie die Entwicklung und Kontrolle von Medikamenten verbessern können. Wie ein Forschungsteam unter...

Im Focus: Ein Chip mit echten Blutgefäßen

An der TU Wien wurden Bio-Chips entwickelt, in denen man Gewebe herstellen und untersuchen kann. Die Stoffzufuhr lässt sich dabei sehr präzise dosieren.

Menschliche Zellen in der Petrischale zu vermehren, ist heute keine große Herausforderung mehr. Künstliches Gewebe herzustellen, durchzogen von feinen...

Im Focus: A Chip with Blood Vessels

Biochips have been developed at TU Wien (Vienna), on which tissue can be produced and examined. This allows supplying the tissue with different substances in a very controlled way.

Cultivating human cells in the Petri dish is not a big challenge today. Producing artificial tissue, however, permeated by fine blood vessels, is a much more...

Im Focus: Optimierung von Legierungswerkstoffen: Diffusionsvorgänge in Nanoteilchen entschlüsselt

Ein Forschungsteam der TU Graz entdeckt atomar ablaufende Prozesse, die neue Ansätze zur Verbesserung von Materialeigenschaften liefern.

Aluminiumlegierungen verfügen über einzigartige Materialeigenschaften und sind unverzichtbare Werkstoffe im Flugzeugbau sowie in der Weltraumtechnik.

Im Focus: Graphen auf dem Weg zur Supraleitung

Doppelschichten aus Graphen haben eine Eigenschaft, die ihnen erlauben könnte, Strom völlig widerstandslos zu leiten. Dies zeigt nun eine Arbeit an BESSY II. Ein Team hat dafür die Bandstruktur dieser Proben mit extrem hoher Präzision ausgemessen und an einer überraschenden Stelle einen flachen Bereich entdeckt. Möglich wurde dies durch die extrem hohe Auflösung des ARPES-Instruments an BESSY II.

Aus reinem Kohlenstoff bestehen so unterschiedliche Materialien wie Diamant, Graphit oder Graphen. In Graphen bilden die Kohlenstoffatome ein zweidimensionales...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Können Roboter im Alter Spaß machen?

14.11.2018 | Veranstaltungen

Tagung informiert über künstliche Intelligenz

13.11.2018 | Veranstaltungen

Wer rechnet schneller? Algorithmen und ihre gesellschaftliche Überwachung

12.11.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Was das Meer zur Klimaregulierung beiträgt: Neue Erkenntnisse helfen bei der Berechnung

14.11.2018 | Biowissenschaften Chemie

Können Roboter im Alter Spaß machen?

14.11.2018 | Veranstaltungsnachrichten

Die Umgebung macht das Molekül zum Schalter

14.11.2018 | Physik Astronomie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics