Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Prostatakrebs: Genmutation als Chance zur Behandlung

22.09.2016

Krebsforscher der UMG entdecken neuen Ansatzpunkt für Behandlung von Prostatakrebs. Veröffentlichung in EMBO reports.

Ein Karzinom der Prostata ist in Deutschland die häufigste Krebs-Neuerkrankung bei Männern. Trotz aller Fortschritte bei seiner Behandlung suchen Ärzte und Forscher weiterhin nach noch besseren Behandlungsmöglichkeiten.


Lokalisation von CHD-Protein an DNA-Brüchen (in rot, u.l.) im Zellkern (mit blau gefärbt, o.l.) von Prostatakarzinomzellen.

Copyright: umg/johnsen

Einen möglichen neuen Ansatzpunkt hat eine Gruppe von Forschern aus Deutschland und Dänemark unter der Leitung von Prof. Dr. Steven Johnsen, Leiter des Schwerpunkts Translationale Krebsforschung an der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Kinderchirurgie der Universitätsmedizin Göttingen (UMG), entdeckt.

Die Forscher fanden heraus, dass eine besonders häufige genetische Veränderung, der Verlust von CHD1, die betroffenen Tumorzellen für bestimmte Therapieformen empfindlich macht. Dies eröffnet erstmals die Möglichkeit, Veränderungen am Gen CHD1 als potentielle Biomarker für eine gezielte Behandlung von Patienten mit Prostatakrebs zu nutzen. Die Ergebnisse der Studie sind in dem renommierten Fachjournal EMBO reports veröffentlicht.

Originalpublikation: Loss of CHD1 causes DNA repair defects and enhances prostate cancer therapeutic responsiveness. Vijayalakshmi Kari, Wael Mansour, Sanjay K. Raul, Simon J. Baumgart, Andreas Mund, Marian Grade, Hüseyin Sirma, Ronald Simon, Hans Will, Matthias Dobbelstein, Ekkehard Dikomey, Steven A. Johnsen. 10.15252/embr.201642352.

www.embo.org/news/press-releases/2016/a-gene-defect-as-a-potential-gateway-for-targeted-prostate-cancer-therapy

Das CHD1-Gen ist in 15 bis 27 Prozent aller Prostatatumore mutiert. Eine solche Mutation bedeutet für die Patienten häufig, dass der Tumor besonders aggressiv wächst. Die Forscher entdeckten nun, dass Zellen mit verringerten Mengen an CHD1-Protein ein besonderes Handicap aufweisen: Sie sind kaum noch in der Lage, Schäden an ihrem Erbgut zu reparieren.

Die Ergebnisse der Studie deuten darauf hin, dass das CHD1-Protein die DNA um Bruchstellen herum auflockert und damit den Zugang von Reparaturproteinen ermöglicht. Wenn also das CHD1-Protein aufgrund des Gendefektes fehlt, bleiben die Bruchstellen für den Reparaturmechanismus unzugänglich. Es ist so, als könnte der „gelbe Engel“ des ADAC wegen eines Staus nicht zu einem liegen gebliebenen Auto gelangen.

Ein solcher Reparaturdefekt kann für Patienten mit Prostatakrebs eine schlechte Nachricht sein: Denn er kann dazu führen, dass weitere Mutationen und Veränderungen des Tumorerbguts entstehen und der Tumor noch aggressiver wächst. Der Reparaturdefekt bedeutet aber auch eine besondere Chance im Hinblick auf die Behandlung. Denn Prostatakrebszellen mit wenig CHD1-Protein erwiesen sich als besonders empfindlich gegenüber Chemotherapeutika, die DNA-Brüche verursachen.

„Noch sind dies Befunde aus der Grundlagenforschung. Aber ärztliche Kolleginnen und Kollegen sind sehr daran interessiert, gemeinsam mit uns die Befunde in die klinische Anwendung zu führen. Wir stehen dazu bereits mit einem Pharmaunternehmen in Kontakt“, sagt Prof. Johnsen, der Seniorautor der Publikation.

Anknüpfen wollen die Göttinger Krebsforscher mit ihren weiteren Untersuchungen an die Erkenntnisse von anderen Studien, in denen bereits gezeigt wurde, dass auch Zellen anderer Tumoren ebenfalls Defekte in genau dem Reparatur-Signalweg aufweisen, der beim Verlust des CHD1-Gens bei Prostatakrebs fehlgeschlagen ist. Dabei handelt es sich um den Weg der sogenannten „homologen Rekombination“ (HR).

Bekannt ist zudem, dass solche Krebszellen der Brust und der Eierstöcke empfindlich auf sogenannte PARP-Inhibitoren reagieren. Unter der Therapie mit PARP-Inhibitoren sterben Krebszellen durch nicht-reparierte DNA-Schäden ab, weil sie häufig keine anderen Reparaturmechanismen als Alternative haben. Normale Zellen des Körpers dagegen verfügen über weitere Mechanismen, um DNA-Schäden zu reparieren, selbst wenn sie mit solchen Medikamenten behandelt werden.

Ein vielversprechender PARP-Inhibitor, Olaparib, ist als Medikament für die Behandlung von bestimmten Eierstocktumoren bereits zugelassen. Einige andere, ähnliche Substanzen werden zur Zeit im Hinblick auf ihre Wirksamkeit in verschiedenen Krebsarten getestet. Hierzu gehören auch Tumore der Prostata. In einer bereits veröffentlichten Studie wurde unter der Behandlung mit Olaparib das Überleben von Patienten mit metastasierenden Prostatatumoren verlängert. Dies galt insbesondere dann, wenn sie genetische Veränderungen im HR Reparatur-Signalweg aufwiesen.

„Wünschenswert wären nachträgliche Analysen am CHD1 Gen in Patientenproben mit metastasierenden Prostatatumoren. Vielleicht kann CHD1 als Biomarker dienen. Möglicherweise könnten wir in Zukunft auf diese Art gerade diejenigen Patienten finden, denen wir mit PARP-Inhibition eine bessere und gezielte Therapie anbieten können“, sagt Prof. Johnsen.

Link zur zitierten Studie: DNA-Repair Defects and Olaparib in Metastatic Prostate Cancer, N Engl J Med 2015;373:1697-708. DOI: 10.1056/NEJMoa1506859
http://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa1506859#t=article

WEITERE INFORMATIONEN:
Universitätsmedizin Göttingen, Georg August Universität
Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Kinderchirurgie
Schwerpunkt Translationale Krebsforschung
Prof. Steven A. Johnsen, Ph.D. (Mayo Graduate School)
Telefon 0551 / 39-20830
Email: steven.johnsen@med.uni-goettingen.de

www.chirurgie-goettingen.de/

www.epigenesys.eu/index.php/fr/about-us/associate-members/864-steven-a-johnsen

Stefan Weller | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Bayreuther Genetiker entdecken Regulationsmechanismus der Chromosomen-Vererbung
09.04.2020 | Universität Bayreuth

nachricht Superinfektionen bei Influenza: Jenaer Lungenbläschen-Chip zeigt, wie Bakterien und Viren Zellbarrieren beschädigen
09.04.2020 | InfectoGnostics - Forschungscampus Jena e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Breites Spektrum: Neuartiges Hybridmaterial erweist sich als effizienter Fotodetektor

Digitalkameras, aber auch viele andere elektronische Anwendungen benötigen lichtempfindliche Sensoren. Um den steigenden Bedarf an solchen optoelektronischen Bauteilen zu decken, sucht die Industrie nach neuen Halbleitermaterialien. Diese sollten nicht nur einen möglichst breiten Wellenlängenbereich erfassen, sondern auch preisgünstig sein. Ein in Dresden entwickeltes Hybridmaterial erfüllt beide Anforderungen. Himani Arora, Physik-Doktorandin am Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR), wies nach, dass sich eine metallorganische Verbindung als Breitband-Fotodetektor verwenden lässt. Da es keine teuren Rohstoffe enthält, kann es in großen Mengen preisgünstig produziert werden.

Metallorganische Gerüste (Metal-Organic Frameworks, MOFs) haben sich in den vergangenen zwanzig Jahren zu einem gefragten Materialsystem entwickelt. Die...

Im Focus: Broad spectrum: Novel hybrid material proves an efficient photodetector

Digital cameras as well as many other electronic devices need light-sensitive sensors. In order to cater for the increasing demand for optoelectronic components of this kind, industry is searching for new semiconductor materials. They are not only supposed to cover a broad range of wavelengths but should also be inexpensive.

A hybrid material, developed in Dresden, fulfils both these requirements. Himani Arora, a physics PhD student at Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR),...

Im Focus: Langlebigere Satelliten, weniger Weltraumschrott

Forschende der Universität Stuttgart nehmen innovatives induktives Plasmatriebwerk auf Helicon-Basis in Betrieb

Erdbeobachtungssatelliten für niedrige Flughöhen, kleiner, leichter und billiger als herkömmliche Modelle: Das sind die Ziele des EU- Projekts „DISCOVERER“, an...

Im Focus: X-ray vision through the water window

The development of the first high-repetition-rate laser source that produces coherent soft x-rays spanning the entire 'water window' heralds the beginning of a new generation of attosecond technology

The ability to generate light pulses of sub-femtosecond duration, first demonstrated some 20 years ago, has given rise to an entirely new field: attosecond...

Im Focus: Innovative Technologien für Satelliten

Er kommt ohne Verkabelung aus und seine tragende Struktur ist gleichzeitig ein Akku: An einem derart raffiniert gebauten Kleinsatelliten arbeiten Forschungsteams aus Braunschweig und Würzburg. Für 2023 ist das Testen des Kleinsatelliten im Orbit geplant.

Manche Satelliten sind nur wenig größer als eine Milchtüte. Dieser Bautypus soll jetzt eine weiter vereinfachte Architektur bekommen und dadurch noch leichter...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Aachener Werkzeugmaschinen-Kolloquium AWK’21 findet am 10. und 11. Juni 2021 statt

06.04.2020 | Veranstaltungen

Interdisziplinärer Austausch zum Design elektrochemischer Reaktoren

03.04.2020 | Veranstaltungen

13. »AKL – International Laser Technology Congress«: 4.–6. Mai 2022 in Aachen – Lasertechnik Live bereits früher!

02.04.2020 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Preisgekröntes Projektmanagement

09.04.2020 | Förderungen Preise

Breites Spektrum: Neuartiges Hybridmaterial erweist sich als effizienter Fotodetektor

09.04.2020 | Materialwissenschaften

Bayreuther Genetiker entdecken Regulationsmechanismus der Chromosomen-Vererbung

09.04.2020 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics