Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Neuer Wirkmechanismus von Antidepressiva entdeckt

23.09.2016

Forscher des Instituts für Virologie und Immunbiologie an der Uni Würzburg haben einen neuen Wirkmechanismus von Antidepressiva entdeckt. Die im Fachmagazin "Journal of Immunology" veröffentlichte Arbeit könnte den Weg zum Einsatz auch bei Entzündungen und Autoimmunerkrankungen weisen.

Membranen spielen eine wichtige strukturelle und funktionelle Rolle bei allen Zellen eines Organismus. Sie grenzen die Zelle nach außen hin ab, bilden intrazelluläre Kompartimente, die miteinander fusionieren oder sich teilen können, und — je nach eingebauten Komponenten — für mehr oder weniger Flexibilität sorgen.


Im Vergleich zu Masernvirus-infizierten Hirnen normaler Mäuse (A), in denen nach 28 Tagen nur wenige Neurone infiziert sind (grün fluoreszierend), sind aufgrund der eingeschränkten Immunantwor

Uni Würzburg/Schaulies-Schneider

Sphingolipide, zu denen auch die Ceramide gehören, sind die häufigsten Lipidbausteine dieser Membranen. Ceramide und Abbauprodukte wie Sphingosin und Sphingosin-1-Phosphat können auch Signale übertragen, die unter anderem die Zellteilung und Bewegung regulieren.

Der Metabolismus der Sphingolipide wird durch eine Reihe von Enzymen reguliert, die sehr schnell auf äußere und innere Reize reagieren können und die Membranzusammensetzung an die Bedürfnisse der Zellen anpassen.

Natürliche Defekte in beteiligten Enzymen können zu Erkrankungen führen, wie etwa ein Defekt der sauren Sphingomyelinase (ASM) zur Niemann-Pick-Krankheit, bei der sich Sphingomyelin in Lysosomen von Zellen der Leber, Milz, Knochenmark und Gehirn ablagert und zum Tode führen kann (die lysosomale Speicherkrankheit kann je nach Schwere des Defekts unterschiedliche Verläufe haben).

Frühere Arbeiten haben belegt, dass Veränderungen im Sphingolipid-Metabolismus auch Infektionen und das Immunsystem beeinflussen können. Deshalb untersuchten die Arbeitsgruppen von Jürgen Schneider-Schaulies und Niklas Beyersdorf im Rahmen der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Forschergruppe FOR2123 am Institut für Virologie und Immunbiologie in Würzburg an einem Infektionsmodell des zentralen Nervensystems mit Masernviren in der Maus, ob das Fehlen der ASM (genetische Defizienz) den Infektionsverlauf ändert.

Mehr infizierte Nervenzellen in ASM-defizienten Tieren

Tatsächlich fanden sie sehr viel mehr infizierte Nervenzellen im Gehirn der ASM-defizienten Tiere. Weiterhin wurde die Rolle der Sphingolipide und Auswirkungen der Hemmung verschiedener Enzyme des Sphingolipidmetabolismus auf die zelluläre Immunantwort untersucht.

"Die Ergebnisse zeigten, dass sowohl eine genetische Defizienz, wie auch eine pharmakologische Hemmung der ASM mit einem Antidepressivum wie Amitriptylin die Frequenz und Aktivität regulatorischer T-Zellen erhöht, beziehungsweise die Zahl konventioneller T-Zellen erniedrigt und dadurch das Verhältnis regulatorischer zu konventionellen T-Zellen erhöht", erklärt Jürgen Schneider-Schaulies.

Regulatorische T-Zellen sind für eine Begrenzung und Beendigung der zellulären Immunreaktion unabdingbar. Generell ist die Balance zwischen den verschiedenen T-Zell-Populationen ein wichtiger Faktor für ein funktionierendes Immunsystem.

Abwesenheit regulatorischer T-Zellen führt zu Autoimmunerkrankungen, wogegen zu viele regulatorische T-Zellen eine effiziente Immunreaktion gegen Infektionen verhindern. "Die Hemmung der ASM hat also eine moderate Hemmung der Immunantwort (Immunsuppression) zur Folge", sagt Jürgen Schneider-Schaulies.

Untersuchung der Immunreaktion bei Menschen muss folgen

"Diese eindeutigen Ergebnisse wurden bislang in Mäusen und mit Immunzellen der Maus erzielt. Ob die Immunreaktion in Menschen ähnlich auf solche Inhibitoren reagiert, muss erst noch untersucht werden".

Die Befunde legten laut Jürgen Schneider-Schaulies und Niklas Beyersdorf nahe, dass ASM-hemmende Substanzen wie Amitriptylin als potentielle immunmodulatorische Therapeutika für die Therapie entzündlicher und autoimmuner Erkrankungen in Betracht gezogen werden könnten. Interessanterweise werden manche Formen von Depressionen mit entzündlichen Vorgängen in Verbindung gebracht, sodass der die Immunantwort dämpfende Effekt der ASM Hemmstoffe hier einen entscheidenden Beitrag zur Behandlung der Erkrankung leisten könnte.

"Da viele Patienten diesen oder ähnliche Inhibitoren einnehmen, ist es von großem allgemeinem Interesse, die damit verbundenen Wirkungen und Nebenwirkungen auch zu untersuchen und zu wissen, wie sie optimal ausgenutzt werden könnten", sagt Jürgen Schneider-Schaulies.

Hollmann, C., Werner, S., Avota, E., Reuter, D., Japtok, L., Kleuser, B., Gulbins, E., Becker, K.A., Schneider-Schaulies, J., and Beyersdorf, N. (2016). "Inhibition of acid sphingomyelinase allows for selective targeting of CD4+ conventional versus Foxp3+ regulatory T cells." J Immunol. Sept. 16. Pii: 1600691.

Weitere Informationen:

http://www.presse.uni-wuerzburg.de

Marco Bosch | Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Neues Blut dank neuer Technik
14.12.2018 | Medizinische Hochschule Hannover

nachricht Neue Chancen für den Tierschutz: Effizientes Testverfahren zum Betäubungsmittel-Einsatz bei Fischen
14.12.2018 | Universität Bayreuth

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Data use draining your battery? Tiny device to speed up memory while also saving power

The more objects we make "smart," from watches to entire buildings, the greater the need for these devices to store and retrieve massive amounts of data quickly without consuming too much power.

Millions of new memory cells could be part of a computer chip and provide that speed and energy savings, thanks to the discovery of a previously unobserved...

Im Focus: Quantenkryptographie ist bereit für das Netz

Wiener Quantenforscher der ÖAW realisierten in Zusammenarbeit mit dem AIT erstmals ein quantenphysikalisch verschlüsseltes Netzwerk zwischen vier aktiven Teilnehmern. Diesen wissenschaftlichen Durchbruch würdigt das Fachjournal „Nature“ nun mit einer Cover-Story.

Alice und Bob bekommen Gesellschaft: Bisher fand quantenkryptographisch verschlüsselte Kommunikation primär zwischen zwei aktiven Teilnehmern, zumeist Alice...

Im Focus: An energy-efficient way to stay warm: Sew high-tech heating patches to your clothes

Personal patches could reduce energy waste in buildings, Rutgers-led study says

What if, instead of turning up the thermostat, you could warm up with high-tech, flexible patches sewn into your clothes - while significantly reducing your...

Im Focus: Tödliche Kombination: Medikamenten-Cocktail dreht Krebszellen den Saft ab

Zusammen mit einem Blutdrucksenker hemmt ein häufig verwendetes Diabetes-Medikament gezielt das Krebswachstum – dies haben Forschende am Biozentrum der Universität Basel vor zwei Jahren entdeckt. In einer Folgestudie, die kürzlich in «Cell Reports» veröffentlicht wurde, berichten die Wissenschaftler nun, dass dieser Medikamenten-Cocktail die Energieversorgung von Krebszellen kappt und sie dadurch abtötet.

Das oft verschriebene Diabetes-Medikament Metformin senkt nicht nur den Blutzuckerspiegel, sondern hat auch eine krebshemmende Wirkung. Jedoch ist die gängige...

Im Focus: Lethal combination: Drug cocktail turns off the juice to cancer cells

A widely used diabetes medication combined with an antihypertensive drug specifically inhibits tumor growth – this was discovered by researchers from the University of Basel’s Biozentrum two years ago. In a follow-up study, recently published in “Cell Reports”, the scientists report that this drug cocktail induces cancer cell death by switching off their energy supply.

The widely used anti-diabetes drug metformin not only reduces blood sugar but also has an anti-cancer effect. However, the metformin dose commonly used in the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Tagung 2019 in Essen: LED Produktentwicklung – Leuchten mit aktuellem Wissen

14.12.2018 | Veranstaltungen

Pro und Contra in der urologischen Onkologie

14.12.2018 | Veranstaltungen

Konferenz zu Usability und künstlicher Intelligenz an der Universität Mannheim

13.12.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Tagung 2019 in Essen: LED Produktentwicklung – Leuchten mit aktuellem Wissen

14.12.2018 | Veranstaltungsnachrichten

Rittal heizt ein in Sachen Umweltschutz - Rittal Lackieranlage sorgt für warme Verwaltungsbüros

14.12.2018 | Unternehmensmeldung

Krankheiten entstehen, wenn das Netzwerk von regulatorischen Autoantikörpern aus der Balance gerät

14.12.2018 | Medizin Gesundheit

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics