Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Neuentdeckte Reptilien belegen vernachlässigte Artenvielfalt

21.03.2016

Begegnungen der anderen Art: Die indonesische Insel Java beherbergt anscheinend eine größere Biodiversität als bisher angenommen. Das schließen Biologen aus Marburg, Regensburg sowie Großbritannien und den USA aus der Entdeckung neuer Arten. Wie das Team in der Fachzeitschrift „Zootaxa“ berichtet, identifizierte es zwei bisher unbekannte Reptilienarten: eine Walzenschlange sowie einen Bogenfingergecko, die bislang für bereits bekannte Spezies gehalten wurden.

Die Veröffentlichungen im Einzelnen:


Trotz Pseudonyms erkannt: Ein internationales Biologenteam unter Marburger Leitung identifizierte die Walzenschlange Cylindrophis subocularis als neue Art.

Fotos: Sven Mecke, Philipps-Universität Marburg (Die Abbildung darf nur im Zusammenhang mit der Berichterstattung über die zugehörige wissenschaftliche Publikation verwendet werden)


Eine Insel der Artenvielfalt: Das schwarze Dreieck im weißen Kreis markiert den Fundort der neuen Gecko-Art im Osten Javas.

Karte: Sadalmelik (Commons, CC-BY-SA-3.0) und Sven Mecke, Philipps-Universität Marburg

Taxonomen fördern neue Walzenschlangenart aus Zentral-Java zutage

Walzenschlangen sind über ganz Südostasien verbreitet und zeichnen sich durch eine grabende Lebensweise aus. „Der Artenreichtum der Gruppe wurde bisher unterschätzt und die Verwandtschaftsbeziehungen der einzelnen Arten sind immer noch weitestgehend unbekannt“, erläutert der Reptilienfachmann Sven Mecke, Mitarbeiter in der Arbeitsgruppe von Professor Dr. Lothar Beck am Fachgebiet Spezielle Zoologie der Philipps-Universität.

Mecke und ein internationales Team von Fachleuten untersuchten für ihre Studie mehrere hundert Museumsexemplare, die bislang unter dem Artnamen „Rotschwanz-Walzenschlange“ (Cylindrophis ruffus) geführt werden.

„Bei der Rotschwanz-Walzenschlange handelt es sich um einen Art-Komplex, das heißt, es verbergen sich noch unbeschriebene Arten unter dem bekannten Namen“, erklärt der Marburger Biologe Max Kieckbusch, der sich mit Mecke die Erstautorenschaft an dem Artikel in „Zootaxa“ teilt. Verglichen mit anderen Arten der Gattung, weist der Art-Komplex eine außerordentlich weite Verbreitung auf. „Uns fiel auf, dass sich eine Reihe von Exemplaren stark genug von allen anderen Individuen unterscheidet, um als eigene Art angesprochen zu werden.“

Das Forscherteam nahmen insgesamt 451 Exemplare unter die Lupe, darunter acht abweichende Individuen. Für den Vergleich zogen die Wissenschaftler 52 morphologische Merkmale heran. Um die Angehörigen der neuen Art zu identifizieren, reicht ein einziges Merkmal aus: Eine Schuppe unterhalb der Augen, nach der die Art nun Cylindrophis subocularis heißt. Die in Alkohol konservierten Präparate werden in den Naturkundemuseen in Leiden (Niederlande) und Wien aufbewahrt.

Das Vorkommen der Art ist vermutlich auf das Südzentraljavanische Becken begrenzt. Die acht bekannten Individuen stammen allesamt von derselben, abgeschiedenen Lokalität, dem Ort Grabag in Zentraljava, wo sie im Jahr 1937 von dem niederländischen Forscher Felix Kopstein gefunden wurden. Das Gebiet wird im Norden, Osten und Westen durch Gebirgszüge begrenzt und ist als Heimat für Endemiten bekannt – darunter versteht man Arten, die nur an einem bestimmten Ort vorkommen.

Biologenteam identifiziert neue Gecko-Art

„Auch die Gattung der Bogenfingergeckos auf Java erforderte eine Überprüfung“, erklärt Mecke zu dem zweiten Fund. Bogenfingergeckos bilden eine sehr artenreiche Gattung, die in Asien weit verbreitet ist. Von Java waren indes bislang nur vier Arten bekannt, darunter der Tamarinden-Bogenfingergecko Cyrtodactylus fumosus (Müller, 1895).

Die Wissenschaftler nahmen vier Sammlungsstücke genauer unter die Lupe, die von einer Indonesien-Expedition der Jahre 1928/29 stammen; die in Alkohol konservierten Präparate werden im Senckenbergmuseum in Frankfurt am Main aufbewahrt. Dort führte man die zwei ausgewachsenen Männchen, ein geschlechtsreifes Weibchen und ein Jungtier fälschlicherweise unter dem Artnahmen C. fumosus.

„Die Tiere sind relativ klein und unauffällig grau-braun gefärbt“, führen Mecke und Lukas Hartmann von der Philipps-Universität aus, die beide als Erstautoren der aktuellen Studie firmieren. Wie die Verfasser feststellen, unterscheiden sich die vier Exemplare von ihren nächsten Verwandten jedoch durch eine andersartige Beschuppung, unter anderem in der Kinnregion, auf dem Unterbauch und unter den hinteren Extremitäten.

Die neue Art ist bisher nur aus der Gegend um den Ort Klakah auf Java bekannt. Die Autoren vermuten, dass es sich um einen endemischen Gecko handelt; er trägt daher den Namen des Fundortes: Cyrtodactylus klakahensis.

„Es scheint, dass sich noch weitere unentdeckte Arten unter dem Namen C. fumosus verbergen“, schreibt das Biologenteam. „Der echte C. fumosus ist vermutlich allein auf den Norden der Insel Sulawesi beschränkt.“ Museums-Exemplare aus anderen Regionen seien wahrscheinlich falsch identifiziert.

Alles in allem schlussfolgern die Autoren, die Artenvielfalt auf Java werde erheblich unterschätzt. Gerade die Bergregionen der Insel seien bekannt für ihre außerordentlich artenreiche Flora und zahlreiche Vögel und Säuger, die nirgendwo sonst vorkommen. „Vermutlich ist die Gegend auch für Reptilienforscher ein lohnendes Untersuchungsziel“, legen Mecke und seine Koautoren dar. Java müsse daher stärker in den Fokus der Wissenschaft rücken. Gut möglich, dass die vier Frankfurter Gecko-Exemplare sowie die Exemplare der neuentdeckten Walzenschlange zu den letzten ihrer Art gehören, wie Mecke zu bedenken gibt: „Auf Java hat die Natur kaum noch eine Überlebenschance; nur noch etwa 20 Prozent der Insel sind von Regenwald bedeckt.“

Neben Mecke, Hartmann und Kieckbusch beteiligte sich Professor Dr. Hinrich Kaiser von der Smithsonian Institution in den USA an den aktuellen Veröffentlichungen. An der Gecko-Studie wirkte außerdem der Regensburger Biologe Felix Mader mit, Lisa Ehrmantraut von der Philipps-Universität sowie Mark O’Shea von der University of Wolverhampton sind Mitverfasser des Walzenschlangen-Aufsatzes. Die zugrunde liegenden Forschungsarbeiten wurden durch das „American Museum of Natural History“ finanziell gefördert.

Originalpublikationen: Lukas Hartmann, Sven Mecke & al.: A new species of bent-toed gecko, genus Cyrtodactylus Gray, 1827 (Reptilia: Squamata: Gekkonidae), from Jawa Timur Province, Java, Indonesia, with taxonomic remarks on C. fumosus (Müller, 1895), Zootaxa, 4067/5 (2016), 552–568,
DOI: http://dx.doi.org/10.11646/zootaxa.4067.5.2

Max Kieckbusch, Sven Mecke & al.: An inconspicuous, conspicuous new species of Asian pipesnake, genus Cylindrophis (Reptilia: Squamata: Cylindrophiidae), from the south coast of Jawa Tengah, Java, Indonesia, and an overview of the tangled taxonomic history of C. ruffus (Laurenti, 1768), Zootaxa 4093/1 (2016), 1-25,
DOI: http://dx.doi.org/10.11646/zootaxa.4093.1.1

Weitere Informationen:
Ansprechpartner: Sven Mecke,
Fachgebiet Spezielle Zoologie,
Arbeitsgruppe Professor Dr. Lothar Beck
Tel.: 06421 28-23345
E-Mail: sven.mecke@biologie.uni-marburg.de
Internetpräsenz: http://www.uni-marburg.de/fb17/fachgebiete/zoologie_tierevo/evosys/mitarbeiter/m...

Johannes Scholten | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Berichte zu: Artenvielfalt Java Reptilien Zoologie Zootaxa new species

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Hepatitis C-Viren erfolgreich ausschalten
25.03.2019 | Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung

nachricht Molekulares Doping
25.03.2019 | Universität Leipzig

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hochdruckwasserstrahlen zum flächigen Materialabtrag von hochfesten Werkstoffen erprobt

Beim Fräsen hochfester Werkstoffe wie Oxidkeramik oder Sondermetalle – und besonders bei der Schruppbearbeitung – verschleißen Werkzeuge schnell. Für Unternehmen ist die Bearbeitung dieser Werkstoffe deshalb mit hohen Kosten verbunden. Im Projekt »HydroMill« hat das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnologie IPT aus Aachen mit seinen Projektpartnern nun gezeigt, dass sich der Hochdruckwasserstrahl zum flächigen Materialabtrag von hochfesten Werkstoffen eignet. War der Einsatz von Wasserstrahlen bislang auf die Schneidbearbeitung beschränkt, zeigen die Projektergebnisse, wie sich hochfeste Werkstoffe kosten- und ressourcenschonender als bisher flächig abtragen lassen.

Diese neue und zur konventionellen Schruppbearbeitung alternative Anwendung der Wasserstrahlbearbeitung untersuchten die Aachener Ingenieure gemeinsam mit...

Im Focus: Die Zähmung der Lichtschraube

Wissenschaftler vom DESY und MPSD erzeugen in Festkörpern hohe-Harmonische Lichtpulse mit geregeltem Polarisationszustand, indem sie sich die Kristallsymmetrie und attosekundenschnelle Elektronendynamik zunutze machen. Die neu etablierte Technik könnte faszinierende Anwendungen in der ultraschnellen Petahertz-Elektronik und in spektroskopischen Untersuchungen neuartiger Quantenmaterialien finden.

Der nichtlineare Prozess der Erzeugung hoher Harmonischer (HHG) in Gasen ist einer der Grundsteine der Attosekundenwissenschaft (eine Attosekunde ist ein...

Im Focus: The taming of the light screw

DESY and MPSD scientists create high-order harmonics from solids with controlled polarization states, taking advantage of both crystal symmetry and attosecond electronic dynamics. The newly demonstrated technique might find intriguing applications in petahertz electronics and for spectroscopic studies of novel quantum materials.

The nonlinear process of high-order harmonic generation (HHG) in gases is one of the cornerstones of attosecond science (an attosecond is a billionth of a...

Im Focus: Magnetische Mikroboote

Nano- und Mikrotechnologie sind nicht nur für medizinische Anwendungen wie in der Wirkstofffreisetzung vielversprechende Kandidaten, sondern auch für die Entwicklung kleiner Roboter oder flexibler integrierter Sensoren. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Polymerforschung (MPI-P) haben mit einer neu entwickelten Methode magnetische Mikropartikel hergestellt, die den Weg für den Bau von Mikromotoren oder die Zielführung von Medikamenten im menschlichen Körper, wie z.B. zu einem Tumor, ebnen könnten. Die Herstellung solcher Strukturen sowie deren Bewegung kann einfach durch Magnetfelder gesteuert werden und findet daher Anwendung in einer Vielzahl von Bereichen.

Die magnetischen Eigenschaften eines Materials bestimmen, wie dieses Material auf das Vorhandensein eines Magnetfeldes reagiert. Eisenoxid ist der...

Im Focus: Magnetic micro-boats

Nano- and microtechnology are promising candidates not only for medical applications such as drug delivery but also for the creation of little robots or flexible integrated sensors. Scientists from the Max Planck Institute for Polymer Research (MPI-P) have created magnetic microparticles, with a newly developed method, that could pave the way for building micro-motors or guiding drugs in the human body to a target, like a tumor. The preparation of such structures as well as their remote-control can be regulated using magnetic fields and therefore can find application in an array of domains.

The magnetic properties of a material control how this material responds to the presence of a magnetic field. Iron oxide is the main component of rust but also...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Größte nationale Tagung 2019 für Nuklearmedizin in Bremen

21.03.2019 | Veranstaltungen

6. Magdeburger Brand- und Explosionsschutztage vom 25. bis 26.3. 2019

21.03.2019 | Veranstaltungen

Teilchenphysik trifft Didaktik und künstliche Intelligenz in Aachen

20.03.2019 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Innovative Werkstoffe für Rotorblätter

26.03.2019 | Förderungen Preise

Nieten, schrauben, kleben im Flugzeugbau: Smarte Mensch-Roboter-Teams meistern agile Produktion

25.03.2019 | HANNOVER MESSE

Auf der Suche nach der verschwundenen Antimaterie: Messungen mit Belle II erfolgreich gestartet

25.03.2019 | Physik Astronomie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics