Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Libellen ziehen in die Stadt

14.02.2020

Internationale Wissenschaftler warnen vor Insektenschwund und den Auswirkungen

Das Insektensterben nimmt in vielen Teilen der Welt rasant zu. Das betrifft auch den Menschen direkt. Eine Gruppe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus der ganzen Welt hat sich zusammengeschlossen, um in einer „Warnung an die Menschheit“ vor den durch den Artenrückgang entstehenden Gefahren und der Bedrohung unserer Lebensgrundlagen zu warnen – darunter auch Professor Frank Suhling vom Institut für Geoökologie der Technischen Universität Braunschweig.


Anax imperator: Ein Klimawandel-Gewinner. Die Art ist sehr häufig zu finden, gerade in Stadtrandgewässern.

Frank Suhling/TU Braunschweig


Coenagrion hastulatum ist die Libelle des Jahres 2020. Der Bestand dieser Art der Moorgewässer geht zurück. Sie leidet vermutlich unter der Veränderung ihrer Habitate und unter dem Klimawandel.

Frank Suhling/TU Braunschweig

In zwei wissenschaftlichen Beiträgen in der Fachzeitschrift „Biological Conservation“ diskutieren 30 internationale Expertinnen und Experten sowohl die Gefahren als auch die Möglichkeiten zur Vermeidung weiteren Insektensterbens. So müsse dem Klimawandel entgegen gewirkt, hochwertige Flächen für den Naturschutz bereitgestellt und weltweit die landwirtschaftliche Produktion so geändert werden, dass eine Koexistenz der Arten gefördert wird.

„Es ist erstaunlich, wie wenig wir über die biologische Vielfalt auf globaler Ebene wissen. Bislang sind nur etwa 10 bis 20 Prozent der Insekten und der anderen wirbellosen Tierarten beschrieben und benannt. Und von denjenigen, die einen Namen haben, kennen wir kaum mehr als eine kurze morphologische Beschreibung, vielleicht noch einen Teil des genetischen Codes und einen Ort, an dem sie gesehen wurden“, sagt Pedro Cardoso, Biologe und Kurator beim finnischen Naturkundemuseum der Universität Helsinki und federführender Autor des Papers „Scientists’ warning to humanity on insect extinctions“.

Libellen: Artenreichtum in den Städten

Forscherinnen und Forscher der Abteilung Landschaftsökologie des Instituts für Geoökologie der TU Braunschweig haben herausgefunden, dass die Landnutzung einen wesentlichen Beitrag zur Diversität von Wasserinsekten, wie Libellen, leistet. „Agrarlandschaften sind zurzeit am wenigsten geeignet, eine hohe Artenvielfalt zu erhalten“, so Professor Frank Suhling. In Städten gebe es dagegen ein hohes Potenzial. In den 30 Städten, die untersucht worden sind, war ein großer Artenreichtum vorzufinden.

In Braunschweig wurden 70 Prozent der in Deutschland vorkommenden Libellen-Arten gefunden. „Ein Grund ist vermutlich, dass die Randbereiche der Städte eher Erholungszwecken dienen und dafür umweltverträglicher bewirtschaftet werden als das landwirtschaftliche Umland“, erklärt Professor Suhling. „Es gibt mehr naturnahe Landschaftselemente und weniger Einsatz von Pestiziden.“ Außerdem finden die Libellen ideale Bedingungen durch die Renaturierung von Fließgewässern oder die Anlage von Teichen.

Es scheinen sich insbesondere Arten in Städten wohl zu fühlen, die vom Klimawandel profitieren. Solche Arten waren früher eher selten. „Wir gehen davon aus, dass ihr häufiges Vorkommen negative Folgen für andere Arten hat.“

Ohne Insekten kein gesundes Ökosystem

Der Verlust von Lebensräumen, Umweltverschmutzung – einschließlich schädlicher landwirtschaftlicher Methoden – invasive Arten, die nicht an Grenzen Halt machen, Klimawandel, Ausbeutung landwirtschaftlicher Flächen und das Aussterben abhängiger Arten tragen auf unterschiedliche Weise zum Rückgang der Insektenpopulation und zum Aussterben von Insekten bei, stellen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fest.

„Mit dem Artenverlust verlieren wir nicht nur ein weiteres Stück eines komplexen Puzzles, das unsere Lebenswelt darstellt, sondern auch Biomasse, die beispielsweise für die Ernährung anderer Tiere in der Lebenskette unerlässlich ist, außerdem einzigartige Gene und Substanzen, die eines Tages zur Heilung von Krankheiten beitragen könnten“, so Cardoso.

Aber auch die Funktion unseres Ökosystems ist gefährdet. Dazu gehören auch die Bestäubung, da die meisten Nutzpflanzen auf Insekten angewiesen sind und Zersetzungsprozesse, die zum Nährstoffkreislauf beitragen.

Praktische Lösungen

Die Forscherinnen und Forscher schlagen in ihren beiden Artikeln praktische Lösungen vor, die sich auf bereits vorhandene, weltweit gesammelte Erkenntnisse stützen und dazu beitragen könnten, einen weiteren Verlust von Insektenpopulationen und das Aussterben verschiedener Arten zu vermeiden. Dazu gehören zum Beispiel die Stilllegung hochwertiger Flächen für den Naturschutz, ein Wandel in der Landwirtschaft zur Förderung der Koexistenz von Arten und die Eindämmung des Klimawandels.

Neun Tipps, um Insekten zu schützen

1. Vermeiden Sie häufiges Mähen Ihres Gartens; lassen Sie die Natur wachsen und füttern Sie Insekten.
2. Pflanzen Sie einheimische Pflanzen; viele Insekten benötigen diese, um zu überleben.
3. Vermeiden Sie Pestizide; gehen Sie organisch vor, zumindest in Ihrem eigenen Garten.
4. Entfernen Sie alte Bäume, Baumstümpfe und abgestorbene Blätter nicht; sie sind die Heimat unzähliger Arten.
5. Bauen Sie ein Insektenhotel mit kleinen horizontalen Löchern, die zu Nestern werden können.
6. Reduzieren Sie Ihren CO₂-Fußabdruck.
7. Unterstützen Sie Naturschutzorganisationen und arbeiten Sie ehrenamtlich in diesen Organisationen mit.
8. Führen Sie keine lebenden Tiere oder Pflanzen ein oder lassen Sie sie nicht in die Natur frei, da sie einheimischen Arten schaden können.
9. Seien Sie sich der kleinen Lebewesen bewusst; schauen Sie auch auf die kleine Seite des Lebens.

World Scientists’ Warning to Humanity

Die Paper „Scientists‘ warning to humanity on insect extinctions“ und “Solutions for humanity on how to conserve insects” wurden in der Fachzeitschrift „Biological Conservation publiziert. Vor mehr als 25 Jahren veröffentlichten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eine „Warnung an die Menschheit“, in dem unter anderem Klimawandel, Abholzung und Schwinden der Artenvielfalt beschrieben wurde. Die „World Scientists‘ Warning to Humanity“ wurde 1992 vom Nobelpreisträger Henry Way Kendall verfasst und von 1.700 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unterzeichnet. 25 Jahre später unterschrieben 15.364 Wissenschaftler eine von acht Autoren erstellte „World Scientists‘ Warning to Humanity: A Second Notice“. Diese ruft unter anderem dazu auf, das Bevölkerungswachstum zu begrenzen und unseren Pro-Kopf-Verbrauch an fossilen Brennstoffen, Fleisch und anderen Ressourcen drastisch zu reduzieren. Die Warnung wurde in der Fachzeitschrift „BioScience“ veröffentlicht.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Prof. Dr. Frank Suhling
Technische Universität Braunschweig
Institut für Geoökologie
Abteilung Landschaftsökologie und Umweltsystemanalyse
Langer Kamp 19c
38106 Braunschweig
Tel.: 0531 391-5915
E-Mail: f.suhling@tu-braunschweig.de

www.tu-braunschweig.de/geooekologie 

Originalpublikation:

Scientists’ warning to humanity on insect extinctions. Biological Conservation. 

DOI: https:/doi.org/10.1016/j.biocon.2020.108426 

Solutions for humanity on how to conserve insects. Biological Conservation.

DOI: https:/doi.org/10.1016/j.biocon.2020.108427

Dr. Elisabeth Hoffmann | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht „Kiss and Run“ zur Abfallverwertung in der Zelle
14.02.2020 | Universitätsmedizin Mannheim

nachricht Kurze Impulse mit großer Wirkung
14.02.2020 | Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Transparente menschliche Organe ermöglichen dreidimensionale Kartierungen auf Zellebene

Erstmals gelang es Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, intakte menschliche Organe durchsichtig zu machen. Mittels mikroskopischer Bildgebung konnten sie die zugrunde liegenden komplexen Strukturen der durchsichtigen Organe auf zellulärer Ebene sichtbar machen. Solche strukturellen Kartierungen von Organen bergen das Potenzial, künftig als Vorlage für 3D-Bioprinting-Technologien zum Einsatz zu kommen. Das wäre ein wichtiger Schritt, um in Zukunft künstliche Alternativen als Ersatz für benötigte Spenderorgane erzeugen zu können. Dies sind die Ergebnisse des Helmholtz Zentrums München, der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) und der Technischen Universität München (TUM).

In der biomedizinischen Forschung gilt „seeing is believing“. Die Entschlüsselung der strukturellen Komplexität menschlicher Organe war schon immer eine große...

Im Focus: Skyrmions like it hot: Spin structures are controllable even at high temperatures

Investigation of the temperature dependence of the skyrmion Hall effect reveals further insights into possible new data storage devices

The joint research project of Johannes Gutenberg University Mainz (JGU) and the Massachusetts Institute of Technology (MIT) that had previously demonstrated...

Im Focus: Skyrmionen mögen es heiß – Spinstrukturen auch bei hohen Temperaturen steuerbar

Neue Spinstrukturen für zukünftige Magnetspeicher: Die Untersuchung der Temperaturabhängigkeit des Skyrmion-Hall-Effekts liefert weitere Einblicke in mögliche neue Datenspeichergeräte

Ein gemeinsames Forschungsprojekt der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) und des Massachusetts Institute of Technology (MIT) hat einen weiteren...

Im Focus: Making the internet more energy efficient through systemic optimization

Researchers at Chalmers University of Technology, Sweden, recently completed a 5-year research project looking at how to make fibre optic communications systems more energy efficient. Among their proposals are smart, error-correcting data chip circuits, which they refined to be 10 times less energy consumptive. The project has yielded several scientific articles, in publications including Nature Communications.

Streaming films and music, scrolling through social media, and using cloud-based storage services are everyday activities now.

Im Focus: Nanopartikel können Zellen verändern

Nanopartikel dringen leicht in Zellen ein. Wie sie sich dort verteilen und was sie bewirken, zeigen nun erstmals hochaufgelöste 3D-Mikroskopie-Aufnahmen an BESSY II. So reichern sich bestimmte Nanopartikel bevorzugt in bestimmten Organellen der Zelle an. Dadurch kann der Energieumsatz in der Zelle steigen. „Die Zelle sieht aus wie nach einem Marathonlauf, offensichtlich kostet es Energie, solche Nanopartikel aufzunehmen“, sagt Hauptautor James McNally.

Nanopartikel sind heute nicht nur in Kosmetikprodukten, sondern überall, in der Luft, im Wasser, im Boden und in der Nahrung. Weil sie so winzig sind, dringen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Chemnitzer Linux-Tage am 14. und 15. März 2020: „Mach es einfach!“

12.02.2020 | Veranstaltungen

4. Fachtagung Fahrzeugklimatisierung am 13.-14. Mai 2020 in Stuttgart

10.02.2020 | Veranstaltungen

Alternative Antriebskonzepte, technische Innovationen und Brandschutz im Schienenfahrzeugbau

07.02.2020 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

„Kiss and Run“ zur Abfallverwertung in der Zelle

14.02.2020 | Biowissenschaften Chemie

Kurze Impulse mit großer Wirkung

14.02.2020 | Biowissenschaften Chemie

ESO-Teleskop sieht die Oberfläche des schwächelnden Beteigeuze

14.02.2020 | Physik Astronomie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics