Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Lebendes Fossil untersucht - Familienverhältnisse der Laotischen Felsenratte entschlüsselt

23.03.2015

Wissenschaftler des Senckenberg Forschungsinstitutes in Frankfurt und des Senckenberg Center for Human Evolution and Palaeoenvironment (HEP) in Tübingen haben die Verwandtschaftsverhältnisse der Laotischen Felsenratte untersucht, einem sogenannten „lebenden Fossil“. Durch Methoden der vergleichenden Anatomie kommen sie zu dem Schluss, dass die kleinen Nager nah mit den heute in Nordafrika lebenden Gundis verwandt sind. Die Studie ist kürzlich im Fachjournal „Mammalian Biology“ erschienen.

„Felsenbewohnende, rätselhafte Maus“ – so lautet der wissenschaftliche Name der Laotischen Felsenratte Laonastes aenigmamus übersetzt. Und der Name ist Programm, denn rätselhaft ist der kleine, auch in freier Wildbahn fast handzahme Nager tatsächlich:


Die Laotische Felsenratte ist ein rätselhafter Nager

© David Redfield/WWF


Nahe Verwandte der Laotischen Felsenratte: Die Gundis, aufgenommen im Zoo Frankfurt.

© Astrid Parys

„Das Tier wurde auf einem Markt in Laos entdeckt“, berichtet PD Dr. Irina Ruf, Sektionsleiterin der Mammalogie am Senckenberg Forschungsinstitut in Frankfurt und fügt hinzu: „Nach der wissenschaftlichen Erstbeschreibung 2005 wurde schnell klar, dass es sich hier um eine unbekannte Säugetierart handelt.“

Erste Beschreibungen ordneten das etwa eichhörnchengroße Tier mit dem dunklen, dichten Fell und langen Schwanz sogar einer neuen biologischen Familie zu. „Doch was erst wie eine wissenschaftliche Sensation klang – neue Familien sind bei Säugetieren extrem selten –, erwies sich dann doch als falsch“, erzählt Ruf.

Heute ist bekannt, dass die Laotische Felsenratte zur Familie der Diatomyidae gehört, einer Nagergruppe, die eigentlich seit 11 Millionen Jahren als ausgestorben galt. Der Nager aus Laos ist damit ein klassisches Beispiel für den „Lazarus-Effekt“ – benannt nach dem Mann, der in der Bibel vom Tod ins Leben zurückgeholt wird. Biologen bezeichnen damit die seltenen Fälle, in denen eine als längst ausgestorben geltende Tierart plötzlich wiederentdeckt wird. Ein berühmtes Beispiel hierfür ist der Quastenflosser.

„Doch trotz der Einordnung in eine Familie waren die Verwandtschaftsverhältnis der Laotischen Felsenratte zu anderen heutigen Nagergruppen zunächst unklar – bezogen auf diese könnte man beinah von einer ‚Chaotischen Felsenratte‘ sprechen“, scherzt die Frankfurter Säugetierexpertin. Gemeinsam mit Kollegen des Senckenberg Center for Human Evolution and Palaeoenvironment (HEP), der Universität Tübingen und des Nationalmuseums in Paris konnte Ruf nun entscheidend zur Klärung der wissenschaftlichen Einordnung beitragen: Das Forscherteam bestätigt mit seiner aktuellen Studie die Vermutung, dass die Laotische Felsenratte in naher Verwandtschaft zu den heute in Nordafrika lebenden Gundis (Ctenodactylidae) steht.

„Wir konnten mit recht einfach Mitteln der klassischen vergleichenden Anatomie belegen, dass der als ‚Paukensaite‘ bezeichnete Nerv Chorda tympani im Mittelohr der Laotischen Felsenratte einen identischen Verlauf hat wie bei Vertretern aus der Familie der Gundis. Somit haben wir ein eindeutiges anatomisches Merkmal, dass deren Verwandtschaft unterstützt“, erläutert Ruf. Die Untersuchungen erfolgten an einer einzigartigen histologischen Schnittserie – mikrometerdünnen, eingefärbten Gewebeschnitten – von einem Fötus der Laotischen Felsenratte.

„Der Vergleich der Chorda tympani eignet sich auch zur Überprüfung von Verwandschaftshypothesen bei weiteren Nagetieren, aber auch bei Raubtieren, Primaten oder Unpaarhufern. Und wir benötigen dabei weder Genetik noch moderne bildgebende Verfahren“, fasst Ruf zusammen.

Kontakt
PD Dr. Irina Ruf
Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum
Sektion Mammalogie
Tel. 069- 7542 1535
Irina.Ruf@senckenberg.de

Judith Jördens
Pressestelle
Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung
Tel. 069- 7542 1434
pressestelle@senckenberg.de

Publikation
Tröscher, A. et al. (2015) The epitensoric chorda tympani of Laonastes aenigmamus (Rodentia, Diatomyidae)
and its phylogenetic implications. Mammal. Biol. 80: 96-98, http://dx.doi.org/10.1016/j.mambio.2014.12.008


Die Natur mit ihrer unendlichen Vielfalt an Lebensformen zu erforschen und zu verstehen, um sie als Lebensgrundlage für zukünftige Generationen erhalten und nachhaltig nutzen zu können - dafür arbeitet die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung seit nunmehr fast 200 Jahren. Diese integrative „Geobiodiversitätsforschung“ sowie die Vermittlung von Forschung und Wissenschaft sind die Aufgaben Senckenbergs. Drei Naturmuseen in Frankfurt, Görlitz und Dresden zeigen die Vielfalt des Lebens und die Entwicklung der Erde über Jahrmillionen. Die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung ist ein Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft. Das Senckenberg Naturmuseum in Frankfurt am Main wird von der Stadt Frankfurt am Main sowie vielen weiteren Partnern gefördert.

Mehr Informationen unter www.senckenberg.de

Weitere Informationen:

http://www.senckenberg.de/root/index.php?page_id=5206&year=0&kid=2&i... PM Lebendes Fossil untersucht

Judith Jördens | Senckenberg

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Komplexe biologische Systeme können nicht ohne Chaos existieren
17.02.2020 | Universität Rostock

nachricht Neue Hauptdarsteller im Meeresboden: Eine bislang kaum beachtete Bakteriengruppe im Rampenlicht
17.02.2020 | Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Lichtpulse bewegen Spins von Atom zu Atom

Forscher des Max-Born-Instituts für Nichtlineare Optik und Kurzpulsspektroskopie (MBI) und des Max-Planck-Instituts für Mikrostrukturphysik haben durch die Kombination von Experiment und Theorie die Frage gelöst, wie Laserpulse die Magnetisierung durch ultraschnellen Elektronentransfer zwischen verschiedenen Atomen manipulieren können.

Wenige nanometerdünne Filme aus magnetischen Materialien sind ideale Testobjekte, um grundlegende Fragestellungen des Magnetismus zu untersuchen. Darüber...

Im Focus: Freiburg researcher investigate the origins of surface texture

Most natural and artificial surfaces are rough: metals and even glasses that appear smooth to the naked eye can look like jagged mountain ranges under the microscope. There is currently no uniform theory about the origin of this roughness despite it being observed on all scales, from the atomic to the tectonic. Scientists suspect that the rough surface is formed by irreversible plastic deformation that occurs in many processes of mechanical machining of components such as milling.

Prof. Dr. Lars Pastewka from the Simulation group at the Department of Microsystems Engineering at the University of Freiburg and his team have simulated such...

Im Focus: Transparente menschliche Organe ermöglichen dreidimensionale Kartierungen auf Zellebene

Erstmals gelang es Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, intakte menschliche Organe durchsichtig zu machen. Mittels mikroskopischer Bildgebung konnten sie die zugrunde liegenden komplexen Strukturen der durchsichtigen Organe auf zellulärer Ebene sichtbar machen. Solche strukturellen Kartierungen von Organen bergen das Potenzial, künftig als Vorlage für 3D-Bioprinting-Technologien zum Einsatz zu kommen. Das wäre ein wichtiger Schritt, um in Zukunft künstliche Alternativen als Ersatz für benötigte Spenderorgane erzeugen zu können. Dies sind die Ergebnisse des Helmholtz Zentrums München, der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) und der Technischen Universität München (TUM).

In der biomedizinischen Forschung gilt „seeing is believing“. Die Entschlüsselung der strukturellen Komplexität menschlicher Organe war schon immer eine große...

Im Focus: Skyrmions like it hot: Spin structures are controllable even at high temperatures

Investigation of the temperature dependence of the skyrmion Hall effect reveals further insights into possible new data storage devices

The joint research project of Johannes Gutenberg University Mainz (JGU) and the Massachusetts Institute of Technology (MIT) that had previously demonstrated...

Im Focus: Skyrmionen mögen es heiß – Spinstrukturen auch bei hohen Temperaturen steuerbar

Neue Spinstrukturen für zukünftige Magnetspeicher: Die Untersuchung der Temperaturabhängigkeit des Skyrmion-Hall-Effekts liefert weitere Einblicke in mögliche neue Datenspeichergeräte

Ein gemeinsames Forschungsprojekt der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) und des Massachusetts Institute of Technology (MIT) hat einen weiteren...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Chemnitzer Linux-Tage am 14. und 15. März 2020: „Mach es einfach!“

12.02.2020 | Veranstaltungen

4. Fachtagung Fahrzeugklimatisierung am 13.-14. Mai 2020 in Stuttgart

10.02.2020 | Veranstaltungen

Alternative Antriebskonzepte, technische Innovationen und Brandschutz im Schienenfahrzeugbau

07.02.2020 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Erste Untersuchungsergebnisse zum "Sensations-Meteoritenfall" von Flensburg

17.02.2020 | Geowissenschaften

Lichtpulse bewegen Spins von Atom zu Atom

17.02.2020 | Physik Astronomie

Freiburger Forscher untersucht Ursprünge der Beschaffenheit von Oberflächen

17.02.2020 | Materialwissenschaften

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics