Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Keineswegs versponnen: WWU-Medziner erforschen die Seidenraupe

09.07.2010
Kooperation mit indischer Universität soll neue Erkenntnisse zum Lebensdauer des Menschen bringen – und die indische Seidenindustrie fördern

Ein Stoff, aus dem die Träume sind: Aus ihren Spinndrüsen bringen die Raupen des Maulbeerspinners feinste Seidenfäden hervor. Seit 5000 Jahren verzückt der kostbare Stoff, der daraus gesponnen wird, die Menschen. Doch nicht nur für die Mode ist Seide interessant: Die Medizinische Fakultät der Universität Münster kooperiert mit einer indischen Universität, um den Geheimnissen des feinen Fadens auf die Spur zu kommen.

Die Seidenraupe ist eine unscheinbare, graue Larve. Und wo Hans Christian Andersens hässliches Entlein sich zum stolzen Schwan wandelt, bleibt der Maulbeerspinner auch nach der Verpuppung farblos – ein haariger, mehlig-weißer Schmetterling. Spannend ist, was sich dazwischen abspielt: Die Raupe wickelt sich in einen einzigen, hunderte Meter langen Seidenfaden sein. „60.000 Dörfer in Indien leben von der Seidenproduktion“, erklärt der indische Biotechnologie-Professor Muthukalingan Krishnan, der den gesamten Juni als Wissenschaftler in Münster verbracht hat: „Auch deshalb liegt uns die Erforschung der Seidenraupe auf molekularbiologischer Ebene am Herzen.“

Was aber hat der Maulbeerspinner mit medizinischer Forschung zu tun? Federführend auf Seite der münsterschen Universität ist die Proteomik-Gruppe des Interdisziplinären Zentrums für Klinische Forschung, eine Einrichtung der Medizinischen Fakultät. Die Proteomik befasst sich mit der Gesamtheit aller Proteine, die sich zu einem gegebenen Zeitpunkt im Körper eines Lebewesens befinden. So haben Raupe und Schmetterling zwar das gleiche Erbgut, verfügen aber über eine völlig unterschiedliche Proteinzusammensetzung. In den laufenden Forschungsprojekten spielt der ökonomische Aspekt eine wichtige Rolle – aber die Grundlagenforschung ist auch für die Humanmedizin interessant, da die Prozesse innerhalb einer Zelle so besser verstanden werden können.

Kooperationspartner ist eine Gruppe von Biotechnologen an der Bharathidasan-Universität. Die Hochschule liegt in der Stadt Tiruchirappalli im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu. Ein Sechstel der Seiden-Weltproduktion kommt aus Indien – ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, der an Gewicht gewinnen soll: Noch produziert China doppelt so viel Seide, Indien will aufholen. „Die Seidenraupen ernähren sich in der Natur ausschließlich von den Blättern des Maulbeerbaumes“, erklärt Krishnan. Allein durch die Ernährung könne der Seidenfaden, der von einer einzigen Raupe gewonnen werden kann, auf 1000 Meter verlängert werden – das ist eine Strecke vom Fürstbischöflichen Schloss, dem Sitz der Universität, quer durch Münsters Altstadt bis hin zur Lambertikirche. Nahrungsergänzungsmittel müssen geschickt verabreicht werden, um die Produktion zu steigern. Zusammen mit Prof. Simone König, Leiterin der münsterschen Protein-Analytik-Gruppe, hat Krishnan die Stoffwechselprozesse der Raupe untersucht.

Diese Woche reiste Krishnan wieder nach Indien – mit vielen Ergebnissen im Gepäck: An die 100 Proteine hat der Professor sprichwörtlich unter die Lupe genommen, einige davon spielen eine wichtige Rolle für den natürlichen Zelltod - und damit für die Lebensdauer auch des Menschen. Krishnan wird bald wiederkommen; an Münster lobt er die Laborausstattung, die gut ausgebildeten Studenten und die ausgezeichnete Unterstützung. Zwei deutsche und zwei indische Doktoranden sind außerdem an dem bis 2012 laufenden Projekt beteiligt und erhalten für zweimonatige Studienaufenthalte an der Partnerinstitution Reisemittel. Die Hoffnung aller Beteiligten auf eine längerfristige Zusammenarbeit scheint sich bereits zu erfüllen, denn schon gibt es weitere Interessenten in Indien, die sich eine Zusammenarbeit mit den exzellent ausgestatteten Bioanalytikern in Münster gut vorstellen können.

Die Forschungsprojekte werden auf deutscher Seite von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und dem Deutschen Akademischen Austausch-Dienst gefördert und auf indischer Seite von deren Pendants, der Indian National Science Academy und dem Department of Science and Technology. In einer Reihe von Austauschprogrammen werden die wissenschaftlichen Beziehungen zwischen Indien und Deutschland gefördert.

Dr. Christina Heimken | idw
Weitere Informationen:
http://campus.uni-muenster.de/ifg_proteomik.html
http://www.uni-muenster.de/

Weitere Berichte zu: Maulbeerspinner Protein Raupe Schmetterling Science TV Seide Seidenfaden Seidenraupe

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Biomarker besser nachweisen: Bremer Forscher entwickeln neue Methode mit Mikrokapseln
14.08.2018 | Jacobs University Bremen gGmbH

nachricht Grönland: Tiefe des Schmelzwassereintrags beeinflusst Planktonblüte
14.08.2018 | GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Neue interaktive Software: Maschinelles Lernen macht Autodesigns aerodynamischer

Neue Software verwendet erstmals maschinelles Lernen um Strömungsfelder um interaktiv designbare 3D-Objekte zu berechnen. Methode wird auf der renommierten SIGGRAPH-Konferenz vorgestellt

Wollen Ingenieure oder Designer die aerodynamischen Eigenschaften eines neu gestalteten Autos, eines Flugzeugs oder anderer Objekte testen, lassen sie den...

Im Focus: New interactive machine learning tool makes car designs more aerodynamic

Scientists develop first tool to use machine learning methods to compute flow around interactively designable 3D objects. Tool will be presented at this year’s prestigious SIGGRAPH conference.

When engineers or designers want to test the aerodynamic properties of the newly designed shape of a car, airplane, or other object, they would normally model...

Im Focus: Der Roboter als „Tankwart“: TU Graz entwickelt robotergesteuertes Schnellladesystem für E-Fahrzeuge

Eine Weltneuheit präsentieren Forschende der TU Graz gemeinsam mit Industriepartnern: Den Prototypen eines robotergesteuerten CCS-Schnellladesystems für Elektrofahrzeuge, das erstmals auch das serielle Laden von Fahrzeugen in unterschiedlichen Parkpositionen ermöglicht.

Für elektrisch angetriebene Fahrzeuge werden weltweit hohe Wachstumsraten prognostiziert: 2025, so die Prognosen, wird es jährlich bereits 25 Millionen...

Im Focus: Robots as 'pump attendants': TU Graz develops robot-controlled rapid charging system for e-vehicles

Researchers from TU Graz and their industry partners have unveiled a world first: the prototype of a robot-controlled, high-speed combined charging system (CCS) for electric vehicles that enables series charging of cars in various parking positions.

Global demand for electric vehicles is forecast to rise sharply: by 2025, the number of new vehicle registrations is expected to reach 25 million per year....

Im Focus: Der „TRiC” bei der Aktinfaltung

Damit Proteine ihre Aufgaben in Zellen wahrnehmen können, müssen sie richtig gefaltet sein. Molekulare Assistenten, sogenannte Chaperone, unterstützen Proteine dabei, sich in ihre funktionsfähige, dreidimensionale Struktur zu falten. Während die meisten Proteine sich bis zu einem bestimmten Grad ohne Hilfe falten können, haben Forscher am Max-Planck-Institut für Biochemie nun gezeigt, dass Aktin komplett von den Chaperonen abhängig ist. Aktin ist das am häufigsten vorkommende Protein in höher entwickelten Zellen. Das Chaperon TRiC wendet einen bislang noch nicht beschriebenen Mechanismus für die Proteinfaltung an. Die Studie wurde im Fachfachjournal Cell publiziert.

Bei Aktin handelt es sich um das am häufigsten vorkommende Protein in höher entwickelten Zellen, das bei Prozessen wie Zellstabilisation, Zellteilung und...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Das Architekturmodell in Zeiten der Digitalen Transformation

14.08.2018 | Veranstaltungen

EEA-ESEM Konferenz findet an der Uni Köln statt

13.08.2018 | Veranstaltungen

Digitalisierung in der chemischen Industrie

09.08.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Neue interaktive Software: Maschinelles Lernen macht Autodesigns aerodynamischer

14.08.2018 | Informationstechnologie

Der ängstliche Nao - Wenn Menschen emotional auf Roboter reagieren

14.08.2018 | Gesellschaftswissenschaften

Gebirge in Bewegung

14.08.2018 | Geowissenschaften

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics