Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Humane embryonale Stammzellen in der Forschung

04.01.2013
Warum „alte“ Stammzell-Linien den neueren vorgezogen werden

Heutzutage werden weltweit humane embryonale Stammzell-Linien in der Forschung genutzt, die eigentlich als veraltet angesehen werden. Aber warum eigentlich?


Netzwerkdarstellung der internationalen Stammzell-Liniennutzung. Die Abbildung zeigt, dass nur sehr wenige Zell-Linien (beispielsweise Zelllinien H9, H7 und H1) häufig verwendet werden, obwohl es sehr viele verschiedene Zell-Linien zur Auswahl gibt. Forscherinnen und Forscher aus Kiel, Aachen, Berlin und Southampton konnten nun zeigen, dass dieses Nutzungsmuster kaum auf politische Einflussnahme zurückzuführen ist, sondern am ehesten damit erklärt werden kann, wie Forschungsgruppen miteinander kooperieren.
Quelle: PLOS ONE

Die Schuldigen waren in der Vergangenheit schnell ausgemacht: eine restriktive Forschungsförderung in den USA unter der Bush-Regierung und eine weltweit teils starke Regulierung der Forschung an humanen embryonalen Stammzellen schienen gravierend die Nutzung neuer Zell-Linien zu hemmen.

In ihrer aktuellen Studie ist es Forscherinnen und Forschern der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU), der Rheinisch-Westfälisch Technischen Hochschule Aachen (RWTH), des Robert Koch-Instituts (RKI) in Berlin sowie der Universität Southampton gelungen, die tatsächlichen Ursachen für die Verwendung nur weniger Stammzell-Linien aufzudecken. Ihre Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift PLOS ONE (Ausgabe 2.1.2013) veröffentlicht.

Zurzeit existieren weltweit mehr als 1.600 humane embryonale Stammzell-Linien. In mehr als 50 Prozent aller international publizierten wissenschaftlichen Studien werden jedoch nur drei dieser Zell-Linien genutzt, und diese wurden bereits 1998 als erste Stammzell-Linien überhaupt veröffentlicht; in den USA beziehen sich sogar über 70 Prozent der Studien auf diese „Pioniere“.

Dass diese Häufung nicht maßgeblich auf das Eingreifen der Politik zurückzuführen ist, machen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in der jetzt veröffentlichten Studie mithilfe eines einfachen mathematischen Modells deutlich: „Wir haben zirka 2.400 Original-Veröffentlichungen mit humanen embryonalen Stammzellen analysiert und konnten daraus ableiten, dass die Verwendung von Stammzellen in der akademischen Forschung durch das sogenannte ‚Matthäus Prinzip’ erklärt werden kann“, sagt Dr. Franz-Josef Müller von der CAU, einer der verantwortlichen Autoren der Studie. Das Matthäus-Prinzip bedeutet: „Wer viel hat, dem wird auch viel gegeben“. In seiner mathematischen Form sei dies auch auf die Nutzung von Stammzellen anwendbar.

Die wiederholte Nutzung bestimmter Stammzell-Linien ist demnach vor allem die Folge von wissenschaftlichen Kollaborationsprozessen. Dabei können neue Zell-Linien zwar für einzelne wissenschaftliche Fragestellungen höchst relevant sein, jedoch bevorzugen die meisten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für Fragen der Grundlagenforschung die wenigen „alten“, gut charakterisierten und leicht verfügbaren Stammzell-Linien.

Unter Annahme nur weniger, einfacher und realitätsnaher Voraussetzungen konnten die Autorinnen und Autoren ein Modell erstellen, das diese weltweite Nutzung von humanen embryonalen Stammzellen vorhersagen konnte. Dieses Modell kann die fortwährende Nutzung nur weniger alter Zell-Linien trotz der heute stark liberalisierten politischen Rahmenbedingungen erklären.

Koautor Professor Andreas Schuppert der RWTH Aachen ergänzt: „Die Nutzung humaner embryonaler Stammzellen ist nach unseren Erkenntnissen das Ergebnis einer hochvernetzten Wissenschaftskultur und folgt Mechanismen, wie sie beispielsweise auch für das Internet, für bestimmte wirtschaftliche Prozesse oder für soziale Netzwerke wie ‚Facebook’ beschrieben wurden.“

Die Ergebnisse seien deshalb von forschungspolitischer Relevanz. Sie legen nahe, dass die benannten politischen Vorgaben die Nutzung bestimmter Stammzell-Linien kaum beeinflusst haben dürften. „Die Wissenschaftler nutzen offenbar vor allem gut charakterisierte alte Linien für ihre Forschungen, so dass es eher nicht zu der in der deutschen Diskussion immer wieder unterstellten ständigen Nachfrage nach immer neuen Linien durch die Wissenschaft kommt“, sagt Müller. Allerdings erfordern spezifische Fragestellungen auch neuere Linien, die in Deutschland aber wegen der derzeit bestehenden Regelung nicht genutzt werden können. „Dies betrifft beispielsweise die 2010 publizierten Linien des Whitehead-Instituts in Boston, die aufgrund besonderer Eigenschaften für die Grundlagenforschung außerordentlich interessant wären.“

Originalpublikation
„Power laws and the use embryonic stem cell lines“; Bernhard Schuldt, Anke Guhr, Michael Lenz, Sabine Kobold, Ben MacArthur, Andreas Schuppert, Peter Löser und Franz-Josef Müller; PLOS ONE http://dx.plos.org/10.1371/journal.pone.0052068


Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Presse, Kommunikation und Marketing, Dr. Boris Pawlowski,
Redaktion: Claudia Eulitz
Postanschrift: D-24098 Kiel,
Telefon: (0431) 880-2104, Telefax: (0431) 880-1355
E-Mail: presse@uv.uni-kiel.de, Internet: www.uni-kiel.de

Claudia Eulitz | Uni Kiel
Weitere Informationen:
http://www.uni-kiel.de/aktuell/pm/2013/2013-003-power-laws.shtml

Weitere Berichte zu: CAU Grundlagenforschung PLoS RWTH Stammzell-Linien Stammzelle Zell-Linie

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Bedeutung des „Ozeanwetters“ für Ökosysteme
21.08.2018 | GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

nachricht In Form gebracht
21.08.2018 | Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Die Mischung macht‘s: Jülicher Forscher entwickeln schnellladefähige Festkörperbatterie

Mit Festkörperbatterien sind aktuell große Hoffnungen verbunden. Sie enthalten keine flüssigen Teile, die auslaufen oder in Brand geraten könnten. Aus diesem Grund sind sie unempfindlich gegenüber Hitze und gelten als noch deutlich sicherer, zuverlässiger und langlebiger als herkömmliche Lithium-Ionen-Batterien. Jülicher Wissenschaftler haben nun ein neues Konzept vorgestellt, das zehnmal größere Ströme beim Laden und Entladen erlaubt als in der Fachliteratur bislang beschrieben. Die Verbesserung erzielten sie durch eine „clevere“ Materialwahl. Alle Komponenten wurden aus Phosphatverbindungen gefertigt, die chemisch und mechanisch sehr gut zusammenpassen.

Die geringe Stromstärke gilt als einer der Knackpunkte bei der Entwicklung von Festkörperbatterien. Sie führt dazu, dass die Batterien relativ viel Zeit zum...

Im Focus: It’s All in the Mix: Jülich Researchers are Developing Fast-Charging Solid-State Batteries

There are currently great hopes for solid-state batteries. They contain no liquid parts that could leak or catch fire. For this reason, they do not require cooling and are considered to be much safer, more reliable, and longer lasting than traditional lithium-ion batteries. Jülich scientists have now introduced a new concept that allows currents up to ten times greater during charging and discharging than previously described in the literature. The improvement was achieved by a “clever” choice of materials with a focus on consistently good compatibility. All components were made from phosphate compounds, which are well matched both chemically and mechanically.

The low current is considered one of the biggest hurdles in the development of solid-state batteries. It is the reason why the batteries take a relatively long...

Im Focus: Farbeffekte durch transparente Nanostrukturen aus dem 3D-Drucker

Neues Design-Tool erstellt automatisch 3D-Druckvorlagen für Nanostrukturen zur Erzeugung benutzerdefinierter Farben | Wissenschaftler präsentieren ihre Ergebnisse diese Woche auf der angesehenen SIGGRAPH-Konferenz

Die meisten Objekte im Alltag sind mit Hilfe von Pigmenten gefärbt, doch dies hat einige Nachteile: Die Farben können verblassen, künstliche Pigmente sind oft...

Im Focus: Color effects from transparent 3D-printed nanostructures

New design tool automatically creates nanostructure 3D-print templates for user-given colors
Scientists present work at prestigious SIGGRAPH conference

Most of the objects we see are colored by pigments, but using pigments has disadvantages: such colors can fade, industrial pigments are often toxic, and...

Im Focus: Eisen und Titan in der Atmosphäre eines Exoplaneten entdeckt

Forschende der Universitäten Bern und Genf haben erstmals in der Atmosphäre eines Exoplaneten Eisen und Titan nachgewiesen. Die Existenz dieser Elemente in Gasform wurde von einem Team um den Berner Astronomen Kevin Heng theoretisch vorausgesagt und konnte nun von Genfern Astronominnen und Astronomen bestätigt werden.

Planeten in anderen Sonnensystemen, sogenannte Exoplaneten, können sehr nah um ihren Stern kreisen. Wenn dieser Stern viel heisser ist als unsere Sonne, dann...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Dialog an Deck, Science Slam und Pong-Battle

21.08.2018 | Veranstaltungen

LaserForum 2018 thematisiert die 3D-Fertigung von Komponenten

17.08.2018 | Veranstaltungen

Aktuelles aus der Magnetischen Resonanzspektroskopie

16.08.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Zukünftige Informationstechnologien: Wärmetransport auf der Nanoskala unter die Lupe genommen

21.08.2018 | Physik Astronomie

Bedeutung des „Ozeanwetters“ für Ökosysteme

21.08.2018 | Biowissenschaften Chemie

Auf dem Weg zur personalisierten Medizin

21.08.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics