Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Handlungen erkennen ohne Spiegelneurone

29.04.2016

Spiegelneurone sind in sozialen Interaktionen offenbar nicht so wichtig wie gedacht

Wenn uns jemand gegenübersteht und zielstrebig mit dem Arm zu einer Bewegung ausholt, fragt sich unser Gehirn, ob er uns angreifen oder vielleicht nur begrüßen möchte.


Forscher im Versuchsaufbau mit Avatar

Stephan de la Rosa / Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik


Wissenschaftler Stephan de la Rosa

Berthold Steinhilber / Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik

Was bei der Handlungserkennung im Kopf tatsächlich passiert und welchen Beitrag Spiegelneurone dabei leisten, haben Wissenschaftler der Abteilung „Wahrnehmung, Kognition und Handlung“ am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen genauer untersucht. Das Team um Stephan de la Rosa versetzte seine Versuchsteilnehmer dazu in eine virtuelle Realität.

Es wird vermutet, dass wir uns mit Hilfe der Spiegelneurone in andere hineinversetzen können. Wenn wir sehen, wie sich jemand verletzt, leiden wir demnach innerlich mit: Die speziellen Nervenzellen sorgen dafür, dass Gesehenes im Gehirn so simuliert wird, als ob wir es am eigenen Körper erfahren.

In der Wahrnehmungsforschung geht man davon aus, dass Menschen eine gesehene Bewegung im eigenen motorischen System dank der Spiegelneuronen selbst durchspielen. Dieses innerliche Nachempfinden lässt uns vermutlich erschließen, was die beobachtete Handlung bedeutet.

Die Spiegelneurone sind dabei die Schaltstelle zwischen motorischem und visuellem Areal. Wenn aber das motorische System für die Einordnung einer Handlung ausschlaggebend sein soll, heißt dies im Umkehrschluss auch, dass die Wahrnehmung durch das Ausführen einer eigenen Handlung manipuliert werden kann.

Angriff oder Begrüßung?

Die Forscher analysierten in ihrer Studie, durch welchen Mechanismus das Gehirn eine Handlung erkennt. Dazu zeigten sie den Probanden zwei verschiedene Bewegungen: einen Faustschlag und eine Begrüßungsgeste, den sogenannten „Fist bump“, der vor allem unter männlichen Jugendlichen verbreitet ist. Dabei arrangierten sie das Szenario so realistisch wie möglich.

Ein lebensgroßer Avatar stand der Versuchsperson auf einer Leinwand gegenüber. Dank einer speziellen Datenbrille sah der Proband das virtuelle Gegenüber dreidimensional – die Bewegungen des Avatars wirkten, als ob sie sich in greifbarer Nähe abspielten.

Eigentlich ging es für die Versuchspersonen lediglich darum, zu entscheiden, ob ihnen gerade ein aggressiver Faustschlag oder eine nett gemeinte Begrüßung präsentiert wurde. Allerdings erschwerten die Wissenschaftler die Bedingungen etwas, indem sie die beiden Gesten zu einer einzigen Bewegung verschmolzen. So wurde es Interpretationssache, welche Absichten der Avatar hatte.

Die Frage war nun: Lassen sich Menschen bei der Deutung von Handlungsabläufen anderer tatsächlich durch ihr eigenes motorisches System beeinflussen? Die Probanden wurden dazu im Experiment auf verschiedene Weise manipuliert: Sie beobachteten auf der Leinwand eine klar zu erkennende Handlung in einer Endlosschleife. Gleichzeitig wurden sie selbst aktiv und führten zum Beispiel Schläge in der Luft aus. Anschließend sollten sie beurteilen, wie die undefinierbare Bewegung des Avatars zu deuten sei.

Ich glaube nur, was ich auch sehe

Wurden die beiden Sinnesreize gegeneinander ausgespielt - sah also der Proband beispielsweise einen Fist Bump vor sich, während er selbst einen Faustschlag ausführte - dann ging der visuelle Eindruck als klarer Sieger hervor. Die eigene Bewegung nahm dagegen keinen Einfluss auf die Wahrnehmung. Der Einfluss des Motorsystems schlug sich, anders als bisher vermutet, kaum auf die Einschätzung der Versuchsteilnehmer nieder. Zur Überraschung der Wissenschaftler spielten die mit dem motorischen System verknüpften Spiegelneuronen Handlungserkennung offenbar keine größere Rolle.

Mit dem Versuchsaufbau konnte das Team zum ersten Mal den Beitrag des Motorsystems zur Handlungserkennung während sozialen Interaktionen unter lebensnahen Experimentalbedingungen untersuchen und damit auch die bisherige Theorie über das Zusammenspiel von Spiegelneuronen und Reizverarbeitung. „Anders als bisher angenommen ist der Einfluss der Spiegelneurone auf die Deutung einer Handlung nicht besonders groß. Die visuelle Wahrnehmung ist nämlich sehr viel wichtiger für unser Gehirn - wir verlassen uns auch in sozialen Situationen fast ausschließlich auf das, was wir sehen“, fasst Studienleiter Stephan de la Rosa die Ergebnisse zusammen.

Originalpublikation:
Stephan de la Rosa, Ylva Ferstl, Heinrich H. Bülthoff; Visual adaptation dominates bimodal visual-motor action adaptation; Nature Scientific Reports; 2016
doi: 10.1038/srep23829

Ansprechpartner:
Stephan de la Rosa
Tel.: 07071 601-606
E-Mail: delarosa@tuebingen.mpg.de

Christina Bornschein (Presse- & Öffentlichkeitsarbeit)
Tel.: 07071 601-777
E-Mail: presse-kyb@tuebingen.mpg.de

Druckfähige Bilder erhalten Sie von der Presse- und Öffentlichkeitsabteilung. Bitte senden Sie uns bei Veröffentlichung einen Beleg.

Das Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik forscht an der Aufklärung von kognitiven Prozessen auf experimentellem, theoretischem und methodischem Gebiet. Es beschäftigt rund 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus über 40 Ländern und hat seinen Sitz auf dem Max-Planck-Campus in Tübingen. Das MPI für biologische Kybernetik ist eines der 82 Institute und Forschungseinrichtungen der Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V.

Weitere Informationen:

http://tuebingen.mpg.de/startseite/detail/handlungen-erkennen-ohne-spiegelneuron...
http://www.kyb.tuebingen.mpg.de/de/forschung/abt/bu.html
http://www.kyb.tuebingen.mpg.de/fileadmin/user_upload/files/Employees/delarosa/a...

Christina Bornschein | Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik

Weitere Berichte zu: Avatar Kybernetik Max-Planck-Institut visuelle Wahrnehmung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Erwiesen: Mücken können tropisches Chikungunya-Virus auch bei niedrigen Temperaturen verbreiten
20.07.2018 | Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin

nachricht Bitterrezeptor liefert Basis für die Entwicklung neuartiger Arzneimittel-Tests
20.07.2018 | Leibniz-Institut für Lebensmittel-Systembiologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Future electronic components to be printed like newspapers

A new manufacturing technique uses a process similar to newspaper printing to form smoother and more flexible metals for making ultrafast electronic devices.

The low-cost process, developed by Purdue University researchers, combines tools already used in industry for manufacturing metals on a large scale, but uses...

Im Focus: Rostocker Forscher entwickeln autonom fahrende Kräne

Industriepartner kommen aus sechs Ländern

Autonom fahrende, intelligente Kräne und Hebezeuge – dieser Ingenieurs-Traum könnte in den nächsten drei Jahren zur Wirklichkeit werden. Forscher aus dem...

Im Focus: Superscharfe Bilder von der neuen Adaptiven Optik des VLT

Das Very Large Telescope (VLT) der ESO hat das erste Licht mit einem neuen Modus Adaptiver Optik erreicht, die als Lasertomografie bezeichnet wird – und hat in diesem Rahmen bemerkenswert scharfe Testbilder vom Planeten Neptun, von Sternhaufen und anderen Objekten aufgenommen. Das bahnbrechende MUSE-Instrument kann ab sofort im sogenannten Narrow-Field-Modus mit dem adaptiven Optikmodul GALACSI diese neue Technik nutzen, um Turbulenzen in verschiedenen Höhen in der Erdatmosphäre zu korrigieren. Damit ist jetzt möglich, Bilder vom Erdboden im sichtbaren Licht aufzunehmen, die schärfer sind als die des NASA/ESA Hubble-Weltraumteleskops. Die Kombination aus exquisiter Bildschärfe und den spektroskopischen Fähigkeiten von MUSE wird es den Astronomen ermöglichen, die Eigenschaften astronomischer Objekte viel detaillierter als bisher zu untersuchen.

Das MUSE-Instrument (kurz für Multi Unit Spectroscopic Explorer) am Very Large Telescope (VLT) der ESO arbeitet mit einer adaptiven Optikeinheit namens GALACSI. Dabei kommt auch die Laser Guide Stars Facility, kurz ...

Im Focus: Diamant – ein unverzichtbarer Werkstoff der Fusionstechnologie

Forscher am KIT entwickeln Fenstereinheiten mit Diamantscheiben für Fusionsreaktoren – Neue Scheibe mit Rekorddurchmesser von 180 Millimetern

Klimafreundliche und fast unbegrenzte Energie aus dem Fusionskraftwerk – für dieses Ziel kooperieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit. Bislang...

Im Focus: Wiener Forscher finden vollkommen neues Konzept zur Messung von Quantenverschränkung

Quantenphysiker/innen der ÖAW entwickelten eine neuartige Methode für den Nachweis von hochdimensional verschränkten Quantensystemen. Diese ermöglicht mehr Effizienz, Sicherheit und eine weitaus geringere Fehleranfälligkeit gegenüber bisher gängigen Mess-Methoden, wie die Forscher/innen nun im Fachmagazin „Nature Physics“ berichten.

Die Vision einer vollständig abhörsicheren Übertragung von Information rückt dank der Verschränkung von Quantenteilchen immer mehr in Reichweite. Wird eine...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Stadtklima verbessern, Energiemix optimieren, sauberes Trinkwasser bereitstellen

19.07.2018 | Veranstaltungen

Innovation – the name of the game

18.07.2018 | Veranstaltungen

Wie geht es unserer Ostsee? Ein aktueller Zustandsbericht

17.07.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Die Gene sind nicht schuld

20.07.2018 | Medizin Gesundheit

Erwiesen: Mücken können tropisches Chikungunya-Virus auch bei niedrigen Temperaturen verbreiten

20.07.2018 | Biowissenschaften Chemie

Staus im Gehirn: FAU-Forscher identifizieren eine Ursache für Parkinson

20.07.2018 | Medizin Gesundheit

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics