Was Gier mit Mathematik zu tun hat: Der Einfluss mentaler Repräsentation auf das Zahlenverständnis

Junge Javaneraffen (Macaca fascicularis) bei der Nahrungsaufnahme. T. Becker/Deutsches Primatenzentrum GmbH<br>

Dass Affen sich bei einer wichtigen Aufgabe wie dem Vergleich verschiedener Futtermengen schwer tun, war bereits bekannt; nur woran die Tiere eigentlich scheitern, blieb unklar. Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, wurden Anubispavianen und Javaneraffen jeweils zwei Teller angeboten, auf denen unterschiedlich viele Rosinen lagen. Die ausgewählten Rosinen wurden dann an die Tiere verfüttert. Die Tiere wählten zwar häufiger die größere Menge, aber nur in 69 Prozent der Fälle.

Im zweiten Szenario wurden zwei verschiedene Mengen von kleinen Steinchen präsentiert und die Affen jeweils mit der Menge an Rosinen belohnt, die der gewählten Anzahl von Steinchen entsprach. Hier entschieden sich die Tiere signifikant häufiger als bei den Rosinen für die größere Menge (in 84 Prozent der Fälle). Die höhere Genauigkeit könnte man nun damit erklären, dass der Anblick von Rosinen es den Affen erschwert, ihren Greifimpuls zu unterdrücken – also erst nachzudenken und dann zu handeln. Eine andere Erklärung wäre, dass die Tiere Schwierigkeiten haben, gleichzeitig den Gedanken zu fassen, dass es sich um etwas Essbares wie auch um eine „Rechenaufgabe“ handelt. Um diese beiden Erklärungsmöglichkeiten zu überprüfen, wurde eine dritte experimentelle Bedingung eingeführt: hier mussten die Tiere wiederum zwischen essbaren Mengen unterscheiden. Allerdings gab es dann nicht die jeweils gewählten Rosinen zu essen, sondern die gleiche Menge anderer Rosinen. Wenn es allein Gier wäre, die die Entscheidungsfindung beeinträchtigt, dann sollte die Genauigkeit wieder sinken; wenn die Affen dagegen Schwierigkeiten haben gleichzeitig zwei verschiedene Sachverhalte zu repräsentieren („duale Repräsentation“), dann müssten sie gut abschneiden. In diesem Fall gab es die präsentierten Rosinen nicht zu essen, sondern sie waren ähnlich wie die Steinchen nur Platzhalter. Und in diesem entscheidenden Experiment waren die Affen ebenfalls sehr gut (86 Prozent korrekt). Offensichtlich nahmen sie die essbaren Teilchen nun vor allem als Stellvertreter für anderes Futter war und konnten die Differenz mit hoher Genauigkeit feststellen. Die höhere Akkuratesse war dabei nicht durch Lernprozesse zu erklären, wie verschiedene Kontrollexperimente zeigten.

Die Leistung der Affen wird nach Ansicht der Wissenschaftlerinnen offensichtlich nicht durch die physikalische Qualität der Objekte (essbar oder nicht essbar) bestimmt, sondern durch deren mentale Repräsentation, also die Bedeutung der Objekte für die Affen. „Entscheidend ist nicht, was man sieht, sondern was man denkt, was man sieht“, so Fischer. Offensichtlich fördert eine gewisse Distanzierung vom Objekt der Wahl das abstrakte Denken. Gleichzeitig scheinen Affen – ähnlich wie kleine Kinder – Schwierigkeiten zu haben, duale Repräsentationen ein und desselben Objektes zu bilden. Duale Repräsentationen gelten als wichtige Voraussetzung des menschlichen Symbolverständnisses. In dieser Hinsicht sind die Ergebnisse nicht nur für die Tierforschung, sondern auch für die Entwicklungspsychologie von Bedeutung. Und vielleicht hilft diese Erkenntnis ja auch uns Menschen, den Greifimpuls beim Anblick von Essen besser zu verstehen oder auch einmal zu unterdrücken.

Originalpublikation: V. Schmitt & J. Fischer „Representational format determines numerical competence in monkeys“, Nature Communications, DOI: 10.1038/ncomms1262

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Dr. Susanne Diederich idw

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