Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Frauen und Lungenkrebs – Lang vermuteter Zusammenhang erstmals aufgedeckt

10.11.2017

ForscherInnen am IMBA- Institut für Molekulare Biotechnologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften- konnten einen erstaunlichen Zusammenhang zwischen Sexualhormonen und primärem Lungenkrebs aufdecken. Ein Medikament, das für Knochenschwund und Knochenmetastasen bereits zugelassen ist, könnte nun auch zum Einsatz kommen, um einer besonders aggressiven Form des Adenokarzinoms vorzubeugen.

Alle 30 Sekunden stirbt irgendwo auf der Welt ein Mensch an Lungenkrebs. Metastasen, die nach einem Primärtumor auftreten können, sind bei Lungenkrebs besonders unvorhersehbar und aggressiv. Nur einer von zehn Menschen überlebt die Diagnose fortgeschrittener Lungenkrebs länger als fünf Jahre.


Bei der Behandlung von Lungentumoren mit Denosumab (untere Reihe: RANK/RANKL wurde blockiert, oberen Reihe: Signalweg ist aktiv) konnte ein Fortschreiten der Krankheit signifikant verringert werden.

(c)IMBA

In den 1950er Jahren wurde nachgewiesen, dass Inhaltsstoffe im Tabakrauch die Zellen unseres Körpers mutieren lassen können. Damit wurde einer der prominentesten Auslöser für eine Vielfalt von Krebsarten entdeckt. Vor allem die Zellen der Lunge sind durch Rauchen betroffen, da sie direkten Kontakt mit den krebsauslösenden Stoffen haben.

Lungenkrebs ist, wie alle Krebsarten, aber eine sehr komplexe Krankheit, die durch ein Zusammenspiel verschiedener Umweltfaktoren und Genen zum Ausbruch kommt. Ein internationales Team rund um IMBA Direktor Josef Penninger konnte nun einen erstaunlichen Zusammenhang zwischen Sexhormonen und Lungenkrebs aufklären.

Rätsel der Gendermedizin gelüftet

RANK/RANKL, zwei Eiweiß-Stoffe, sind dafür zuständig, dass Knochenzellen geordnet ab- und aufgebaut werden. Dieser Mechanismus im Knochenstoffwechsel wird wiederum von weiblichen Sexualhormonen gelenkt und spielt auch eine Rolle in der normalen Physiologie der weiblichen Brust und Brustkrebs. Bisher wiesen einige, oft kontroverse, Studien darauf hin, dass Frauen anfälliger für Lungenkrebs sind als Männer, und dass bei Frauen Lungenkrebs aggressiver ausgeprägt ist. Allerdings war bisher kein geschlechtsbedingter Auslöser von Lungenkrebs bekannt.

Laut aktuellen Erkenntnissen der ForscherInnen erweist sich das RANK/RANKL System nun auch bei der Entstehung von Lungenkrebs als wesentlicher Key-Player. Dies berichtet ein Team internationaler ForscherInnen rund um Josef Penninger in einer aktuellen Publikation in der Fachzeitschrift "Genes and Development".

Die gute Nachricht: Ein Medikament, das bereits gegen Knochenschwund zugelassen ist und in klinischen Studien bereits gegen hormonbedingten und erblichen Brustkrebs getestet wird, könnte sich nun auch im Kampf gegen Lungenkrebs bewähren.

Missing-Link: RANK/RANKL

Eine häufige Art des Lungenkrebses, das Adenokarzinom, verursacht durch eine Mutation des KRAS-Gens, zeichnet sich durch einen besonders aggressiven Verlauf der Krankheit aus. Die ForscherInnen untersuchten genau dieses Karzinom in der Lunge bei Mäusen und Menschen. Sie stellten fest, dass der bereits bekannte RANK/RANKL Signalweg in den Krebszellen aktiv ist und rasches Tumorwachstum begünstigt.

„Schon lange vermuteten ForscherInnen einen Zusammenhang zwischen weiblichen Sexualhormonen und diesem aggressiven Lungenkrebs. Wir haben nun das erste „Missing-Link“ gefunden. RANK/RANKL wirkt bei diesem Karzinom wie eine Art Verstärker, besonders in Lungenkrebsstammzellen, den man gezielt ausschalten kann“, sagt Shuan Rao, der Erstautor der aktuellen Publikation und Postdoktorant am IMBA.

Durch die Gabe des bereits zugelassenen Wirkstoffes Denosumab, welches RANK blockiert, konnte ein Fortschreiten der Krankheit signifikant verzögert werden. Gerade bei dieser aggressiven KRAS-Variante des Lungenkrebses könnte der jetzt entdeckte Zusammenhang zwischen Sexualhormonen und Krebsentstehung den Weg für neue Therapiemöglichkeiten ebnen.

„Es fasziniert mich immer wieder, wie vernetzt und geheimnisvoll die Signalwege des menschlichen Körpers funktionieren. Zuerst konnten wir mit Hilfe von RANK/RANKL die Mechanismen der Osteoporose aufdecken, dann gelang es uns, hormonabhängigen Brustkrebs zu erklären und jetzt sind wir bei Lungenkrebs angelangt“, freut sich IMBA Direktor Penninger über das riesige Potenzial seiner Entdeckungen.

Basierend auf früheren Daten, die zeigen, dass LungenkrebspatientInnen in einer Denosumab Zulassungsstudie signifikant länger lebten, wird nun die RANKL-Blockade durch Denosumab in einer Phase III Studie bei fortgeschrittenem Lungenkrebs getestet (SPLENDOUR Trial; Survival imProvement in Lung cancEr iNduced by DenOsUmab theRapy).

„Niemand wusste, wie dies funktioniert. Unsere Daten zeigen nun zum ersten Mal, dass RANKL/RANK direkte Effekte auf Lungenkrebsentstehung hat und zwar wahrscheinlich in sehr frühen Entwicklungsstadien und dass dies ein molekularer Link zu Gender und Sexhormonen ist. Es sollten daher auch klinische Studien in viel früheren Phasen der Lungenkrebsentstehung gemacht werden, mit einem besonderen Augenmerk auf Krebsentstehung bei Frauen “, sagt Josef Penninger.

Originalpublikation: Rao et al. „RANK rewires energy homeostasis in lung cancer cells and drives primary lung cancer", Genes & Development, doi/10.1101/gad.304162.117.

Pressefoto: https://www.imba.oeaw.ac.at/about-imba/information-material-download/

Über IMBA
Das IMBA – Institut für Molekulare Biotechnologie gehört zu den führenden biomedizinischen Forschungsinstituten in Europa. Im Fokus stehen medizinisch relevante Fragestellungen aus den Bereichen Stammzellbiologie, RNA-Biologie, Molekulare Krankheitsmodelle und Genetik. Das Institut befindet sich am Vienna Biocenter, einem dynamischen Konglomerat aus Universitäten, akademischer Forschung und Biotechnologie-Unternehmen. Das IMBA ist ein Forschungsinstitut der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, der führenden Trägerin außeruniversitärer Forschung in Österreich.
www.imba.oeaw.ac.at 

Über das Vienna BioCenter
Das Vienna BioCenter (VBC) ist einer der führender Life Science-Standorte Europas. Herausragende Forschungseinrichtungen, Bildungseinrichtungen und Unternehmen sind hier auf einem Campus vereint. Rund 1700 Angestellte, 1300 Studierende, 88 Forschungsgruppen, 18 Biotech-Unternehmen und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus 70 Nationen schaffen ein internationales und dynamisches Umfeld. www.viennabiocenter.org

Rückfragehinweis:
Mag. Ines Méhu-Blantar
Communications & Partnerships
Senior Communications Manager
IMBA - Institut für Molekulare Biotechnologie GmbH
Dr. Bohr-Gasse 3, 1030 Wien
T.: +43 1 790 44-3628
H.: +43 664 808 47 3628
E.: ines.mehu-blantar@imba.oeaw.ac.at
Homepage: www.imba.oeaw.ac.at

Mag. Ines Méhu-Blantar | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Aus-Schalter für Nebenwirkungen
22.06.2018 | Max-Planck-Institut für Biochemie

nachricht Ein Fall von „Kiss and Tell“: Chromosomales Kissing wird fassbarer
22.06.2018 | Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Leichter abheben: Fraunhofer LBF entwickelt Flugzeugrad aus Faser-Kunststoff-Verbund

Noch mehr Reichweite oder noch mehr Nutzlast - das wünschen sich Fluggesellschaften für ihre Flugzeuge. Wegen ihrer hohen spezifischen Steifigkeiten und Festigkeiten kommen daher zunehmend leichte Faser-Kunststoff-Verbunde zum Einsatz. Bei Rümpfen oder Tragflächen sind permanent Innovationen in diese Richtung zu beobachten. Um dieses Innovationsfeld auch für Flugzeugräder zu erschließen, hat das Fraunhofer-Institut für Betriebsfestigkeit und Systemzuverlässigkeit LBF jetzt ein neues EU-Forschungsvorhaben gestartet. Ziel ist die Entwicklung eines ersten CFK-Bugrads für einen Airbus A320. Dabei wollen die Forscher ein Leichtbaupotential von bis zu 40 Prozent aufzeigen.

Faser-Kunststoff-Verbunde sind in der Luftfahrt bei zahlreichen Bauteilen bereits das Material der Wahl. So liegt beim Airbus A380 der Anteil an...

Im Focus: IT-Sicherheit beim autonomen Fahren

FH St. Pölten entwickelt neue Methode für sicheren Informationsaustausch zwischen Fahrzeugen mittels Funkdaten

Neue technische Errungenschaften wie das Internet der Dinge oder die direkte drahtlose Kommunikation zwischen Objekten erhöhen den Bedarf an effizienter...

Im Focus: Innovative Handprothesensteuerung besteht Alltagstest

Selbstlernende Steuerung für Handprothesen entwickelt. Neues Verfahren lässt Patienten natürlichere Bewegungen gleichzeitig in zwei Achsen durchführen. Forscher der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) veröffentlichen Studie im Wissenschaftsmagazin „Science Robotics“ vom 20. Juni 2018.

Motorisierte Handprothesen sind mittlerweile Stand der Technik bei der Versorgung von Amputationen an der oberen Extremität. Bislang erlauben sie allerdings...

Im Focus: Temperaturgesteuerte Faser-Lichtquelle mit flüssigem Kern

Die moderne medizinische Bildgebung und neue spektroskopische Verfahren benötigen faserbasierte Lichtquellen, die breitbandiges Laserlicht im nahen und mittleren Infrarotbereich erzeugen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Photonische Technologien Jena (Leibniz-IPHT) zeigen in einer aktuellen Veröffentlichung im renommierten Fachblatt Optica, dass sie die optischen Eigenschaften flüssigkeitsgefüllter Fasern und damit die Bandbreite des Laserlichts gezielt über die Umgebungstemperatur steuern können.

Das Besondere an den untersuchten Fasern ist ihr Kern. Er ist mit Kohlenstoffdisulfid gefüllt - einer flüssigen chemischen Verbindung mit hoher optischer...

Im Focus: Temperature-controlled fiber-optic light source with liquid core

In a recent publication in the renowned journal Optica, scientists of Leibniz-Institute of Photonic Technology (Leibniz IPHT) in Jena showed that they can accurately control the optical properties of liquid-core fiber lasers and therefore their spectral band width by temperature and pressure tuning.

Already last year, the researchers provided experimental proof of a new dynamic of hybrid solitons– temporally and spectrally stationary light waves resulting...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Leben im Plastikzeitalter: Wie ist ein nachhaltiger Umgang mit Plastik möglich?

21.06.2018 | Veranstaltungen

Kongress BIO-raffiniert X – Neue Wege in der Nutzung biogener Rohstoffe?

21.06.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen im August 2018

20.06.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Leichter abheben: Fraunhofer LBF entwickelt Flugzeugrad aus Faser-Kunststoff-Verbund

22.06.2018 | Materialwissenschaften

Lernen und gleichzeitig Gutes tun? Baufritz macht‘s möglich!

22.06.2018 | Unternehmensmeldung

GFOS und skip Institut entwickeln gemeinsam Prototyp für Augmented Reality App für die Produktion

22.06.2018 | Unternehmensmeldung

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics