Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Die fehlgeleitete Friedenstruppe des Körpers

06.10.2010
Forscher aus Braunschweig und Hannover zeigen, wie die Zerstörung bestimmter Immunzellen helfen kann, Krebs zu bekämpfen.

Um dem Immunsystem zu entgehen, bedienen sich Krebszellen vieler Tricks. Einer davon: Sie locken Zellen an, die in der Lage sind, Immunantworten zu unterdrücken – und verhindern so, dass der Körper die bösartigen Tumorzellen erkennt und bekämpft.

Wissenschaftler am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig konnten nun in einer Zusammenarbeit mit Forschern des Instituts für Infektionsimmunologie am TWINCORE in Hannover zeigen, dass die zielgenaue Ausschaltung dieser unterdrückenden Immunzellen hilft, Tumore in Mäusen zurückzudrängen.

Die Ergebnisse dieses gemeinsamen Projektes von HZI und TWINCORE haben die Forscher jetzt in der aktuellen Ausgabe des Fachjournals „Cancer Research“ veröffentlicht.

Diese speziellen Immunzellen heißen Regulatorische T-Zellen, „und man könnte sie als die Blauhelmsoldaten des Immunsystems bezeichnen“, sagt Professor Jochen Hühn, Leiter der Arbeitsgruppe „Experimentelle Immunologie“ am HZI, „sie unterdrücken Abwehrreaktionen und beruhigen sozusagen scharf geschaltete Immunzellen.“ Regulatorische T-Zellen, kurz Tregs, können unterscheiden, welche in den Körper eindringenden Strukturen potenziell gefährlich oder harmlos sind. Sie schützen so den Körper vor Allergien.

Tregs unterdrücken aber auch Autoimmunerkrankungen, bei denen das Immunsystem körpereigene Zellen und Gewebe angreift. Tumore machen sich diese Eigenschaften der Tregs zunutze: Sie locken die "Blauhelmsoldaten" mit Botenstoffen zu sich. Dadurch verhindern sie, dass die Immunabwehr die veränderten Körperzellen als fremd und gefährlich erkennt und abtötet.

„Krebsforscher haben die besondere Bedeutung der Tregs bei der Tumortherapie bereits vor einigen Jahren erkannt“, sagt Tim Sparwasser, Direktor des Instituts für Infektionsimmunologie am TWINCORE in Hannover. „Bisher scheiterten jedoch viele Versuche, Tregs auszuschalten oder vom Tumor wegzubewegen und so eine gewünschte Immunantwort zu ermöglichen. Das Problem: Tregs ähneln jenen Zellen, die den Tumor bekämpfen. Substanzen, die Tregs stoppen, beeinträchtigen demnach auch häufig die für die Bekämpfung des Tumors notwendigen Immunzellen.“

Die Forscher um Jochen Hühn vom HZI und Tim Sparwasser vom TWINCORE haben nun eine Methode entwickelt, mit der sie gezielt nur die Tregs ausschalten können. Sie haben ein Gen in die Erbinformation von Labormäusen eingebracht, das ausschließlich die Tregs mit einem Rezeptor ausstattet. Dieser macht sie anfällig für ein Zellgift. Injizieren die Wissenschaftler diese Substanz in die Mäuse, bindet das Molekül den Rezeptor und die Zelle stirbt ab. So können die Forscher gezielt die Tregs ausschalten und damit die körpereigene Abwehr des Tumors verstärken.

Anschließend haben die Wissenschaftler geprüft, ob mit dieser Methode das Wachstum von Krebszellen in Mäusen gestoppt werden kann. „Auch bei bereits etablierten Tumoren konnten wir mit dem Ausschalten der Tregs das Immunsystem sozusagen wieder scharf schalten“, sagt Katjana Klages, die die Versuche in der HZI-Arbeitsgruppe von Jochen Hühn zusammen mit Christian Mayer vom TWINCORE ausgeführt hat. Die Tumore seien deutlich zurückgegangen. „Eine zusätzliche Impfung der Mäuse mit Bestandteilen der Krebszellen steigerte den Rückgang und die Reaktion des Immunsystems sogar noch.“

Derzeit ist eine direkte Anwendung der Ergebnisse in der Krebstherapie beim Menschen jedoch nicht möglich. „Von gentechnisch veränderten Mäusen zum menschlichen Patienten ist es ein weiter Weg“, so Hühn. Die Ergebnisse mit den Labormäusen haben jedoch gezeigt, dass die Entwicklung von Substanzen, welche gezielt die „Blauhelmsoldaten“ ausschalten, eine erfolgreiche Strategie beim Kampf gegen Krebs sein könnte.

Originalartikel:
Selective Depletion of Foxp3+ Regulatory T Cells Improves Effective Therapeutic Vaccination against Established Melanoma. Katjana Klages, Christian T. Mayer, Katharina Lahl, Christoph Loddenkemper, Michele W.L. Teng, Shin Foong Ngiow, Mark J. Smyth, Alf Hamann, Jochen Huehn, and Tim Sparwasser. Cancer Res; Published OnlineFirst October 5, 2010; doi:10.1158/0008-5472.CAN-10-1736
Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung:
Am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung untersuchen Wissenschaftler die Mechanismen von Infektionen und ihrer Abwehr. Was Bakterien oder Viren zu Krankheitserregern macht: Das zu verstehen soll den Schlüssel zur Entwicklung neuer Medikamente und Impfstoffe liefern.
TWINCORE - Zentrum für Experimentelle und Klinische Infektionsforschung
Das TWINCORE ist ein Translationszentrum – gemeinsam gegründet vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig und der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Forschungsschwerpunkt ist die Suche nach neuen Strategien für die Diagnose, Vorbeugung und Therapie von Infektionserkrankungen. Der Weg dorthin ist die Translation – eine enge Verzahnung von Grundlagen- und klinischer Forschung. In sogenannten Twinning-Projekten arbeiten Forschergruppen von HZI und TWINCORE eng zusammen.

Dr. Bastian Dornbach | Helmholtz-Zentrum
Weitere Informationen:
http://www.helmholtz-hzi.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Optische Kontrolle von Herzfrequenz oder Insulinsekretion durch lichtschaltbaren Wirkstoff
17.07.2018 | Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

nachricht Künstliche neuronale Netze helfen, das Gehirn zu kartieren
17.07.2018 | Max-Planck-Institut für Neurobiologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Diamant – ein unverzichtbarer Werkstoff der Fusionstechnologie

Forscher am KIT entwickeln Fenstereinheiten mit Diamantscheiben für Fusionsreaktoren – Neue Scheibe mit Rekorddurchmesser von 180 Millimetern

Klimafreundliche und fast unbegrenzte Energie aus dem Fusionskraftwerk – für dieses Ziel kooperieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit. Bislang...

Im Focus: Wiener Forscher finden vollkommen neues Konzept zur Messung von Quantenverschränkung

Quantenphysiker/innen der ÖAW entwickelten eine neuartige Methode für den Nachweis von hochdimensional verschränkten Quantensystemen. Diese ermöglicht mehr Effizienz, Sicherheit und eine weitaus geringere Fehleranfälligkeit gegenüber bisher gängigen Mess-Methoden, wie die Forscher/innen nun im Fachmagazin „Nature Physics“ berichten.

Die Vision einer vollständig abhörsicheren Übertragung von Information rückt dank der Verschränkung von Quantenteilchen immer mehr in Reichweite. Wird eine...

Im Focus: Was passiert, wenn wir das Atomgitter eines Magneten plötzlich aufheizen?

„Wir haben jetzt ein klares Bild davon, wie das heiße Atomgitter und die kalten magnetischen Spins eines ferrimagnetischen Nichtleiters miteinander ins Gleichgewicht gelangen“, sagt Ilie Radu, Wissenschaftler am Max-Born-Institut in Berlin. Das internationale Forscherteam fand heraus, dass eine Energieübertragung sehr schnell stattfindet und zu einem neuartigen Zustand der Materie führt, in dem die Spins zwar heiß sind, aber noch nicht ihr gesamtes magnetisches Moment verringert haben. Dieser „Spinüberdruck“ wird durch wesentlich langsamere Prozesse abgebaut, die eine Abgabe von Drehimpuls an das Gitter ermöglichen. Die Forschungsergebnisse sind jetzt in "Science Advances" erschienen.

Magnete faszinieren die Menschheit bereits seit mehreren tausend Jahren und sind im Zeitalter der digitalen Datenspeicherung von großer praktischer Bedeutung....

Im Focus: Erste Beweise für Quelle extragalaktischer Teilchen

Zum ersten Mal ist es gelungen, die kosmische Herkunft höchstenergetischer Neutrinos zu bestimmen. Eine Forschungsgruppe um IceCube-Wissenschaftlerin Elisa Resconi, Sprecherin des Sonderforschungsbereichs SFB1258 an der Technischen Universität München (TUM), liefert ein wichtiges Indiz in der Beweiskette, dass die vom Neutrino-Teleskop IceCube am Südpol detektierten Teilchen mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer Galaxie in vier Milliarden Lichtjahren Entfernung stammen.

Um andere Ursprünge mit Gewissheit auszuschließen, untersuchte das Team um die Neutrino-Physikerin Elisa Resconi von der TU München und den Astronom und...

Im Focus: First evidence on the source of extragalactic particles

For the first time ever, scientists have determined the cosmic origin of highest-energy neutrinos. A research group led by IceCube scientist Elisa Resconi, spokesperson of the Collaborative Research Center SFB1258 at the Technical University of Munich (TUM), provides an important piece of evidence that the particles detected by the IceCube neutrino telescope at the South Pole originate from a galaxy four billion light-years away from Earth.

To rule out other origins with certainty, the team led by neutrino physicist Elisa Resconi from the Technical University of Munich and multi-wavelength...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Wie geht es unserer Ostsee? Ein aktueller Zustandsbericht

17.07.2018 | Veranstaltungen

Interdisziplinäre Konferenz: Diabetesforscher und Bioingenieure diskutieren Forschungskonzepte

13.07.2018 | Veranstaltungen

Conference on Laser Polishing – LaP: Feintuning für Oberflächen

12.07.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Optische Kontrolle von Herzfrequenz oder Insulinsekretion durch lichtschaltbaren Wirkstoff

17.07.2018 | Biowissenschaften Chemie

Umweltressourcen nachhaltig nutzen

17.07.2018 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Textilien 4.0: Smarte Kleidung und Wearables als Innovation

17.07.2018 | Innovative Produkte

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics