Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Ein Kindheitsdilemma: Wachsen oder Spielen

17.08.2015

Affen, die viel spielen, wachsen langsamer, haben im späteren Leben aber Vorteile

Raufen, Klettern, Springen – Spielen macht Spaß und fördert die Entwicklung, ist aber auch sehr anstrengend.


Wildlebende Assammakakenkinder inspizieren ein Knie (Phu Khieo Wildlife Sanctuary, Thailand).

Foto: Andreas Berghänel

Verhaltensbiologen vermuten daher, dass Tiere nur dann intensiv spielen, wenn sie überschüssige Energie zur Verfügung haben oder wenn das Spielen überlebenswichtige Vorteile mit sich bringt. Wissenschaftler um Julia Ostner von der Universität Göttingen und dem Deutschen Primatenzentrum – Leibniz-Institut für Primatenforschung haben dies an jungen Assammakaken in ihrem natürlichen Lebensraum in Thailand untersucht.

Sie haben herausgefunden, dass die Tiere, die viel und wild spielen, langsamer wachsen als ihre gemütlicheren Artgenossen. Sie erlernen beim Spiel jedoch motorische Fähigkeiten, die für Kampf und Flucht wichtig sind. Es kommt also auf die jeweilige Situation an, ob schneller Wachsen oder mehr Spielen sinnvoller ist (Science Advances, 2015).

Bewegungsspiele fördern die motorische Entwicklung, verbrauchen aber viel Energie, die dann nicht mehr für ein ungehindertes Größenwachstum zur Verfügung steht. Wenn Evolutionsbiologen Spielverhalten bei Tieren untersuchen, sehen sie sich einem Darwinschen Paradoxon gegenüber: Die meisten Definitionen von Spielverhalten beinhalten, dass das Verhalten keinem unmittelbaren Zweck dient und keiner augenscheinlichen Funktion zuzuordnen ist.

Verhaltensweisen, die keinen Gewinn, wohl aber Kosten verursachen, sollten aber durch natürliche Selektion verschwinden. Die weite Verbreitung von Spielverhalten im Tierreich ist deshalb dadurch erklärt worden, dass es einerseits einen mittelbaren oder langfristigen Nutzen hervorbringt und andererseits nur dann auftritt, wenn den Tieren ausreichend Energie zu Verfügung steht:

Spiel fördert die motorische, kognitive und soziale Entwicklung und findet nur dann statt, wenn die Tiere gesund, satt und sicher sind. „Unsere an Assammakaken gewonnenen Ergebnisse widersprechen dieser Vorstellung“, sagt Andreas Berghänel, Erstautor der jetzt veröffentlichten Studie.

Junge Assammakaken, die in den Urwäldern Thailands viel Zeit mit Raufspielen und Jagereien verbringen, wachsen langsamer als ihre weniger verspielten Artgenossen. „Die ungehinderte Entwicklung scheint also nicht wichtiger zu sein als das Spielen, die kleinen Affen verausgaben sich dabei so sehr, dass sie mit dem Wachsen nicht hinterherkommen,“ sagt Julia Ostner, Leiterin der Studie.

Damit riskieren die spielwütigen Affen, dass sie später geschlechtsreif werden und weniger Nachwuchs bekommen. Demgegenüber steht jedoch ein nachweislicher Nutzen: Je mehr Zeit ein Jungtier vor dem Erwerb einer neuen motorischen Fähigkeit mit wildem Spiel verbracht hat, desto früher im Leben meistert es diese motorische Hürde.

Eine schnellere motorische Entwicklung ist dann sehr förderlich, wenn man in Kämpfe verwickelt wird oder vor Feinden fliehen muss. „Auf den Menschen übertragen ist meine Empfehlung an alle Eltern: Schicken Sie die Kinder zum Spielen vor die Tür, aber gönnen Sie ihnen danach ein reichhaltiges Abendessen, wenn sie clever, groß und stark werden sollen“, so Julia Ostner.

Julia Ostner ist seit 2014 Professorin und Abteilungsleiterin am Johann-Friedrich-Blumenbach-Institut für Zoologie und Anthropologie der Universität Göttingen. Seit 2015 leitet sie zudem die Forschungsgruppe Soziale Evolution der Primaten am Deutschen Primatenzentrum – Leibniz-Institut für Primatenforschung. Das Verhalten der Assammakaken untersucht Julia Ostner an einer Forschungsstation im Phu Khieo Wildlife Sanctuary in Thailand. Vor einem Jahr hat das Deutsche Primatenzentrum die Finanzierung der Station übernommen.

Originalveröffentlichung

Andreas Berghänel, Oliver Schülke, Julia Ostner (2015): Locomotor play drives motor skill acquisition at the expense of growth: a life history trade-off. Science Advances. http://advances.sciencemag.org/content/1/7/e1500451

Kontakt und Hinweise für Redaktionen

Prof. Dr. Julia Ostner
Verhaltensökologie, Johann-Friedrich-Blumenbach Institut für Zoologie und Anthropologie der Universität Göttingen und Forschungsgruppe Soziale Evolution der Primaten, Deutsches Primatenzentrum
Tel.: +49 551 39-33925
E-Mail: jostner@gwdg.de

Dr. Sylvia Siersleben (Kommunikation, Deutsches Primatenzentrum)
Tel: +49 551 3851-163
E-Mail: ssiersleben@dpz.eu

Druckfähige Bilder und Videos finden Sie in unserer Mediathek. Bitte senden Sie uns bei Veröffentlichung einen Beleg.

Die Deutsches Primatenzentrum GmbH (DPZ) - Leibniz-Institut für Primatenforschung betreibt biologische und biomedizinische Forschung über und mit Primaten auf den Gebieten der Infektionsforschung, der Neurowissenschaften und der Primatenbiologie. Das DPZ unterhält außerdem vier Freilandstationen in den Tropen und ist Referenz- und Servicezentrum für alle Belange der Primatenforschung. Das DPZ ist eine der 89 Forschungs- und Infrastruktureinrichtungen der Leibniz-Gemeinschaft.

Weitere Informationen:

http://www.dpz.eu/de/startseite.html - Website des Deutschen Primatenzentrums
http://medien.dpz.eu/webgate/keyword.html?currentContainerId=2861 - Pressebilder
http://www.dpz.eu/de/abteilung/soziale-evolution-der-primaten/ueber-uns.html - Forschungsgruppe Soziale Evolution der Primaten
http://www.uni-goettingen.de/de/153624.html - Abteilung Verhaltensökologie Universität Göttingen

Dr. Susanne Diederich | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Aus-Schalter für Nebenwirkungen
22.06.2018 | Max-Planck-Institut für Biochemie

nachricht Ein Fall von „Kiss and Tell“: Chromosomales Kissing wird fassbarer
22.06.2018 | Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Leichter abheben: Fraunhofer LBF entwickelt Flugzeugrad aus Faser-Kunststoff-Verbund

Noch mehr Reichweite oder noch mehr Nutzlast - das wünschen sich Fluggesellschaften für ihre Flugzeuge. Wegen ihrer hohen spezifischen Steifigkeiten und Festigkeiten kommen daher zunehmend leichte Faser-Kunststoff-Verbunde zum Einsatz. Bei Rümpfen oder Tragflächen sind permanent Innovationen in diese Richtung zu beobachten. Um dieses Innovationsfeld auch für Flugzeugräder zu erschließen, hat das Fraunhofer-Institut für Betriebsfestigkeit und Systemzuverlässigkeit LBF jetzt ein neues EU-Forschungsvorhaben gestartet. Ziel ist die Entwicklung eines ersten CFK-Bugrads für einen Airbus A320. Dabei wollen die Forscher ein Leichtbaupotential von bis zu 40 Prozent aufzeigen.

Faser-Kunststoff-Verbunde sind in der Luftfahrt bei zahlreichen Bauteilen bereits das Material der Wahl. So liegt beim Airbus A380 der Anteil an...

Im Focus: IT-Sicherheit beim autonomen Fahren

FH St. Pölten entwickelt neue Methode für sicheren Informationsaustausch zwischen Fahrzeugen mittels Funkdaten

Neue technische Errungenschaften wie das Internet der Dinge oder die direkte drahtlose Kommunikation zwischen Objekten erhöhen den Bedarf an effizienter...

Im Focus: Innovative Handprothesensteuerung besteht Alltagstest

Selbstlernende Steuerung für Handprothesen entwickelt. Neues Verfahren lässt Patienten natürlichere Bewegungen gleichzeitig in zwei Achsen durchführen. Forscher der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) veröffentlichen Studie im Wissenschaftsmagazin „Science Robotics“ vom 20. Juni 2018.

Motorisierte Handprothesen sind mittlerweile Stand der Technik bei der Versorgung von Amputationen an der oberen Extremität. Bislang erlauben sie allerdings...

Im Focus: Temperaturgesteuerte Faser-Lichtquelle mit flüssigem Kern

Die moderne medizinische Bildgebung und neue spektroskopische Verfahren benötigen faserbasierte Lichtquellen, die breitbandiges Laserlicht im nahen und mittleren Infrarotbereich erzeugen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Photonische Technologien Jena (Leibniz-IPHT) zeigen in einer aktuellen Veröffentlichung im renommierten Fachblatt Optica, dass sie die optischen Eigenschaften flüssigkeitsgefüllter Fasern und damit die Bandbreite des Laserlichts gezielt über die Umgebungstemperatur steuern können.

Das Besondere an den untersuchten Fasern ist ihr Kern. Er ist mit Kohlenstoffdisulfid gefüllt - einer flüssigen chemischen Verbindung mit hoher optischer...

Im Focus: Temperature-controlled fiber-optic light source with liquid core

In a recent publication in the renowned journal Optica, scientists of Leibniz-Institute of Photonic Technology (Leibniz IPHT) in Jena showed that they can accurately control the optical properties of liquid-core fiber lasers and therefore their spectral band width by temperature and pressure tuning.

Already last year, the researchers provided experimental proof of a new dynamic of hybrid solitons– temporally and spectrally stationary light waves resulting...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Leben im Plastikzeitalter: Wie ist ein nachhaltiger Umgang mit Plastik möglich?

21.06.2018 | Veranstaltungen

Kongress BIO-raffiniert X – Neue Wege in der Nutzung biogener Rohstoffe?

21.06.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen im August 2018

20.06.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Leichter abheben: Fraunhofer LBF entwickelt Flugzeugrad aus Faser-Kunststoff-Verbund

22.06.2018 | Materialwissenschaften

Lernen und gleichzeitig Gutes tun? Baufritz macht‘s möglich!

22.06.2018 | Unternehmensmeldung

GFOS und skip Institut entwickeln gemeinsam Prototyp für Augmented Reality App für die Produktion

22.06.2018 | Unternehmensmeldung

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics