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Dramatischer Rückgang von Orang-Utans auf Borneo

16.02.2018

Weltweite Nachfrage nach Rohstoffen lässt die Zahl der Menschenaffen in den letzten 16 Jahren um mehr als 100.000 Tiere sinken

Dieses Ergebnis bedeutet einerseits, dass es auf Borneo ursprünglich mehr Orang-Utans gab als bisher angenommen. Andererseits verschwinden die Tiere aber auch schneller als vermutet.


Lebensraumverlust und Wilderei sind die größten Gefahren für die Orang-Utans.

Serge Wich

Der Rückgang ist am dramatischsten in Gebieten, die abgeholzt oder in landwirtschaftliche Nutzflächen umgewandelt wurden. Überraschenderweise war jedoch der zahlenmäßige Verlust von Orang-Utans in Primärwäldern und Wäldern, in denen selektiv Holz geschlagen wird, am größten – also dort wo die meisten Orang-Utans vorkommen.

Verfolgung durch den Menschen, wie zum Beispiel das Töten der Tiere in Konfliktsituationen und Jagd für Fleisch und den Haustierhandel, ist wahrscheinlich einer der Hauptgründe für den Rückgang in diesen Waldgebieten.

Die neue Studie, die auf die bislang umfassendste Datensammlung zurückgreifen konnte, deckt sich mit einer kürzlich veröffentlichten Analyse der Populationsentwicklung der Orang-Utans und bestätigt die Neueinstufung des Borneo-Orang-Utans als stark gefährdete Art auf der Roten Liste der IUCN.

Die Hauptautorin Maria Voigt vom Forschungszentrum iDiv und dem Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie erklärt, warum die aktuellen Verlustraten so viel höher sind als bisher angenommen: „Da wir jetzt mehr Daten zum Vorkommen und zur Dichte der Orang-Utans gesammelt haben, können wir die Verteilung und Populationstrends der Tiere besser rekonstruieren.“

Voigt fügt hinzu: „So haben wir beispielsweise erfahren, dass Orang-Utans viel weiter verbreitet sind, als wir es bisher angenommen hatten, und dass sie auch in stärker degradierten Waldgebieten und sogar in einigen Plantagen vorkommen.“

Anpassungsfähige Art

Orang-Utans wurden oft als eine sehr sensible Art beschrieben, die nur unter den besten ökologischen Bedingungen überleben kann. Doch je mehr Forscher über Orang-Utans lernen, desto mehr stellen sie fest, wie widerstandsfähig und anpassungsfähig die Tiere sind. So bewegen sich Orang-Utans zum Beispiel häufiger auf dem Boden fort als bisher angenommen.

Außerdem können sie sich von Pflanzen ernähren, die ursprünglich nicht zu ihren natürlichen Nahrungsquellen gehörten, wie etwa Akazie oder Ölpalme. Diese Verhaltensweisen ermöglichen es ihnen, in fragmentierten Landschaften und viel kleineren Waldgebieten zu überleben, als Wissenschaftler es bisher für möglich gehalten haben.

„Was die Orang-Utans aber nicht verkraften können, sind die hohen Tötungsraten, die wir derzeit beobachten“, erklärt Ko-Autor Serge Wich von der Liverpool John Moores University. „Orang-Utans haben nur selten und wenig Nachwuchs. Eine frühere Studie zeigt: Wenn nur einer von 100 ausgewachsenen Orang-Utans pro Jahr aus einer Population entfernt wird, stirbt diese Population sehr wahrscheinlich aus.“

Eine andere Studie zu Tötungsraten hat ergeben, dass in manchen Gebieten Borneos von 100 erwachsenen Orang-Utans pro Jahr drei bis vier getötet oder gefangen wurden. Diese Ergebnisse würden den hohen Populationsrückgang in Borneos Waldgebieten erklären.

Es gibt aber auch etwas Positives zu vermelden, sagt Hjalmar Kühl vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie und vom Forschungszentrum iDiv, der die Studie leitete und ähnliche Studien zu Sumatra-Orang-Utans, afrikanischen Gorillas und Schimpansen durchgeführt hat. „Es gibt tatsächlich mehr Orang-Utans als wir bisher dachten, und einige Populationen scheinen relativ stabil zu sein.“ Dies zeigt auch eine kürzlich durchgeführte aber noch unveröffentlichte Populations- und Habitatsanalyse der indonesischen Naturschutzbehörden in Zusammenarbeit mit internationalen Experten.

Weiterer Rückgang durch Habitatverlust

Da es diese stabileren Populationen in Teilen des malaysischen Borneos und den größeren Nationalparks im indonesischen Borneo noch gibt, scheint es unwahrscheinlich, dass der Borneo-Orang-Utan in absehbarer Zeit aussterben wird. Trotzdem ist es dringend notwendig, zusätzliche Verluste zu verhindern. Weitere 45.000 Orang-Utans könnten in den nächsten 35 Jahren allein durch die Zerstörung ihrer Lebensräume verschwinden.

Heute kommen etwa 10.000 Orang-Utans in noch bewaldeten Gebieten vor, die für die Entwicklung von Palmölplantagen vorgesehen sind. Werden diese Gebiete umgewandelt, dann sterben die meisten dieser Tiere. Die Jagd auf Fleisch, das Töten der Tiere in Konfliktsituationen und der Haustierhandel müssen durch Öffentlichkeitsarbeit, Hilfsangebote zur Konfliktlösung in den Gemeinden und im Rahmen der Strafverfolgung angegangen werden. Darüber hinaus muss weiter erforscht werden, warum Menschen Orang-Utans überhaupt töten.

„Für den Artenschutz ist es wichtig, dass die Botschaft aus unserer Studie von den indonesischen und malaysischen Naturschutzbehörden aufgegriffen wird, und dass geeignete Strategien entwickelt werden, die den aktuellen Populationsrückgang berücksichtigen“, sagt Erik Meijaard, Außerordentlicher Professor am Exzellenzzentrum für Umweltentscheidungen und der University of Queensland sowie Direktor von Borneo Futures in Brunei. „Der Zeitpunkt ist gut. Beide Länder entwickeln gerade neue langfristige Aktionspläne für den Schutz von Orang-Utans.“

Originalveröffentlichung:
Voigt et al.
Global demand for natural resources eliminated more than 100,000 Bornean orangutans.
Current Biology; 15 February, 2018 (DOI: 10.1016/j.cub.2018.01.053)

Kontakt:
Maria Voigt
Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig
+49 157 88936214 Maria.Voigt@idiv.de Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig

Dr. Hjalmar Kühl
Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig
+49 341 3550-236 kuehl@eva.mpg.de Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig

Sandra Jacob
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig
+49 341 3550-122 jacob@eva.mpg.de

Dr. Harald Rösch | Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V.
Weitere Informationen:
https://www.mpg.de/

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