Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Die Mutter aller Eidechsen

01.06.2018

Aufgrund eines Fossils, das in den Dolomiten (Naturpark Fanes-Sennes-Prags, Trentino-Südtirol) gefunden wurde, schreiben internationale Forschungsergebnisse die Geschichte der Reptilien neu.

Der Ursprung von Eidechsen und Schlangen muss ungefähr 75 Millionen Jahre rückdatiert werden; dies wird durch ein kleines Reptil belegt, "Megachirella wachtleri", das vor fast 20 Jahren in den Dolomiten gefunden und heute dank fortschrittlicher 3D-Analyse-Techniken und der Rekonstruktion der evolutionären Verwandtschaft „wiederentdeckt“ wurde.


Megachirella inmitten der üppigen Vegetation, die vor circa 240 Millionen Jahren die „dolomitischen Strände“ schmückte.

®Davide Bonadonna


Die gut erhaltene Megachirella-Probe, dank derer die Autoren die evolutionäre Geschichte von Eidechsen und Schlangen neu schreiben konnten.

© MUSE – Museum für Wissenschaft

Der Beweis wurde von einer internationalen, paläontologischen Studie erbracht, an der auch das MUSE – Museum für Wissenschaft (Trient, Italien) in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Zentrum für Theoretische Physik Abdus Salam (Triest), dem Centro Fermi (Rom) und dem Zentrum Elettra-Sincrotrone Trieste teilgenommen hat. Die Ergebnisse wurden in der renommierten Fachzeitschrift Nature veröffentlicht, die dem Forschungsergebnis auch die Titelseite widmet.

Das internationale Team hat "Megachirella wachtleri" - ein kleines Reptil das vor rund 240 Millionen Jahren in den heutigen Dolomiten lebte - als älteste Eidechse der Welt identifiziert und so Schlüsselinformationen zur Evolution der modernen Eidechsen und Schlangen geliefert.

... mehr zu:
»Eidechsen »Evolution »Fossil »MUSE »Reptil »Schlangen

Die Daten, die mit Hilfe von dreidimensionalen Rekonstruktionstechniken (3D) und Analysen der DNA-Sequenzen erhalten wurden, deuten darauf hin, dass der Ursprung der Schuppenkriechtiere – jene Gruppe der auch Eidechsen und Schlangen angehören – noch älter ist als gedacht und vor über 250 Million Jahren, vor dem größten Massenaussterben der Geschichte, anzusetzen ist.

„Das Exemplar ist 75 Millionen Jahre älter als jene die man für die ältesten Eidechsen der Welt hielt“, erklärt Tiago Simões der Universität Alberta in Kanada, Hauptautor der Forschung, „und liefert wertvolle Informationen für das Verständnis der Evolution der lebenden sowie ausgestorbenen Schuppenkriechtiere.“

„Die Menge der verarbeiteten Daten lässt keinen Zweifel daran, dass die Ergebnisse zuverlässig sind“ – unterstreicht Massimo Bernardi, Paläontologe des MUSE in Trient. „Dieses kleine Reptil, das ich zu Recht für eines der wichtigsten, jemals in unserem Land gefundenen Fossilien halte, wird von nun an zu einem Bezugspunkt für Paläontologen und all jene werden, die die Evolution der Reptilien erforschen und verstehen möchten. Megachirella ist eine Art Stein von Rosette, ein Schlüssel zum Verständnis eines evolutionären Ereignisses, das die Geschichte des Lebens auf unserem Planeten für immer geprägt hat."

Heute wird unser Planet von etwa 10.000 Arten Eidechsen und Schlangen bewohnt, fast doppelt so viele Arten wie jene der Säugetiere. Trotz dieser Vielfalt waren bisher der Ursprung und die ersten Phasen der Evolution dieser Reptilien nur wenig bekannt.

Entdeckt wurde Megachirella in den frühen 2000er Jahre in den Dolomiten Trentino-Südtirols (Naturpark Fanes-Sennes-Prags) und anfangs als rätselhaftes, eidechsenähnliches Reptil interpretiert. Es war allerdings nicht möglich die evolutionären Verbindungen zu den anderen Reptilien genau zu rekonstruieren, da der Fund nicht aus dem Gestein gelöst werden konnte und Vergleichsmaterial nicht zur Verfügung stand.

Um seine Anatomie besser zu verstehen, wurde Megachirella durch Röntgen-Mikrocomputertomographie (microCT) im multidisziplinären Labor des Abdus Salam International Centre for Theoretical Physics (ICTP), in Zusammenarbeit mit Elettra-Sincrotrone Trieste, analysiert.

Die microCT-Technik ähnelt der Computertomographie in Krankenhäusern, ermöglicht es aber genauer ins Detail zu gehen und ein virtuelles 3D-Modell der äußeren und inneren Teile der analysierten Proben mit mikrometrischer Auflösung zu erstellen. Diese Technologie ermöglicht es außerdem virtuell verschiedene Bestandteile, wie z.B. ein Fossil und das umgebende Gestein, zu trennen.

„Als die Kollegen des MUSE das Fossil Megachirella ins Elettra Zentrum brachten, war ich begeistert und dankbar für diese Gelegenheit, gleichzeitig war ich mir aber auch der möglichen technischen Schwierigkeiten einer Analyse mit MicroCT bewusst“ – erzählt Lucia Mancini, Forscherin am Internationalen Forschungszentrum Elettra. „Dank der Zusammenarbeit mit dem ICTP und der Anwendung geeigneter Hilfsmittel für die 3D Bildanalyse, ist es uns aber gelungen, das Skelett vom Gestein virtuell zu isolieren.“ „Sobald wir die Ergebnisse in den Händen hielten, waren wir uns bewusst, dass wir nach Millionen Jahren die Ersten waren, die die verborgene Seite von Megachirella, jene die im Gestein eingebettet war, beobachten konnten“ fügt Federico Bernardini, Forscher am ICTP und Centro Fermi hinzu.

Die dank der virtuellen Abbildung erhaltenen Daten, wurden in den grüßten Datenpool über Eidechsen und Schlangen integriert und mit modernsten Methoden, anhand derer Verwandtschaftsbeziehungen zwischen Arten zurückverfolgt werden können, analysiert. Und so erwies sich das bisher rätselhafte, kleine Reptil als das älteste bekannte Schuppenkriechtier.

Dank der spektakulären Rekonstruktion der Megachirella, die vom mehrfach ausgezeichneten wissenschaftlichen Zeichner Davide Bonadonna aus Mailand verwirklicht wurde, konnte die Forschung die Titelseite der Fachzeitschrift Nature erobern, die seit fast zwanzig Jahren keinem italienischen Fossil das Titelbild gewidmet hat.

Der Artikel:
“The origin of squamates revealed by a Middle Triassic lizard from the Italian Alps” by Tiago Simões, Michael Caldwell, Mateusz Tałanda, Massimo Bernardi, Alessandro Palci, Oksana Vernygora, Federico Bernardini, Lucia Mancini & Randall Nydam. Nature, http://dx.doi.org/10.1038/s41586-018-0093-3

Vertiefender Inhalt: MUSE – Museum für Wissenschaft
www.muse.it

Seit mehr als drei Jahrzehnten widmet sich die Abteilung für Geologie und Paläontologie des MUSE der Erforschung der geopaläontologischen Vielfalt der Dolomiten. Aktuelle Forschungsprojekte zu den Auswirkungen der großen Umweltveränderungen, die im Laufe der Geschichte des Planeten Erde stattgefunden haben, führten zur erneuten Analyse von Gesteinen und fossilen Überresten, die in eine globale Analyse integriert wurden und so die Bedeutung des geo-paläontologischen Erbes der Dolomiten unterstreichen.

Die heute in der Fachzeitschrift Nature veröffentlichte Studie ist das Ergebnis jahrelanger Beobachtungen und Analysen, die dank der Zusammenarbeit mit Evelyn Kustatscher vom Naturmuseum Südtirol und Silvio Renesto der Universität Insubrien entstanden sind und zur Ausarbeitung eines komplexen Analyseprotokolls und eines neuen Interpretationsmodells der großen globalen Krisen, vor allem des Massenaussterbens vor 252 Millionen Jahren, geführt haben. Ein Ereignis, das für viele Arten von Lebewesen das Ende bedeutete, aber wie die Studie aufzeigt, auch eine Chance für andere.
Die Studie ist Teil des Projekts “The end-Permian mass extinction in the Southern and Eastern Alps: extinction rates vs. taphonomic biases in different depositional environments”, finanziert vom Euregio Science Fund.

Weitere Informationen:

https://www.youtube.com/watch?v=XP2r_sUtBF8 Video in Englisch

Monika Vettori | idw - Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen:
http://www.muse.it/it/Pages/default.aspx

Weitere Berichte zu: Eidechsen Evolution Fossil MUSE Reptil Schlangen

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Chemiker der Universität Münster entwickeln Synthesemethode zur Herstellung fluorierter Piperidine
22.01.2019 | Westfälische Wilhelms-Universität Münster

nachricht Neu entdecktes Blutgefäßsystem in Knochen
22.01.2019 | Universität Duisburg-Essen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Energizing the immune system to eat cancer

Abramson Cancer Center study identifies method of priming macrophages to boost anti-tumor response

Immune cells called macrophages are supposed to serve and protect, but cancer has found ways to put them to sleep. Now researchers at the Abramson Cancer...

Im Focus: Klassisches Doppelspalt-Experiment in neuem Licht

Internationale Forschergruppe entwickelt neue Röntgenspektroskopie-Methode basierend auf dem klassischen Doppelspalt-Experiment, um neue Erkenntnisse über die physikalischen Eigenschaften von Festkörpern zu gewinnen.

Einem internationalen Forscherteam unter Führung von Physikern des Sonderforschungsbereichs 1238 der Universität zu Köln ist es gelungen, eine neue Variante...

Im Focus: Ten-year anniversary of the Neumayer Station III

The scientific and political community alike stress the importance of German Antarctic research

Joint Press Release from the BMBF and AWI

The Antarctic is a frigid continent south of the Antarctic Circle, where researchers are the only inhabitants. Despite the hostile conditions, here the Alfred...

Im Focus: Ultra ultrasound to transform new tech

World first experiments on sensor that may revolutionise everything from medical devices to unmanned vehicles

The new sensor - capable of detecting vibrations of living cells - may revolutionise everything from medical devices to unmanned vehicles.

Im Focus: Fliegende optische Katzen für die Quantenkommunikation

Gleichzeitig tot und lebendig? Max-Planck-Forscher realisieren im Labor Erwin Schrödingers paradoxes Gedankenexperiment mithilfe eines verschränkten Atom-Licht-Zustands.

Bereits 1935 formulierte Erwin Schrödinger die paradoxen Eigenschaften der Quantenphysik in einem Gedankenexperiment über eine Katze, die gleichzeitig tot und...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Führende Röntgen- und Nanoforscher treffen sich in Hamburg

22.01.2019 | Veranstaltungen

Smarte Sensorik für Mobilität und Produktion 4.0 am 07. Februar 2019 in Oldenburg

18.01.2019 | Veranstaltungen

16. BF21-Jahrestagung „Mobilität & Kfz-Versicherung im Fokus“

17.01.2019 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Brandschutz aus Altpapier

22.01.2019 | Materialwissenschaften

Verlauf von Alzheimer zeichnet sich schon frühzeitig im Blut ab

22.01.2019 | Medizin Gesundheit

Neu entdecktes Blutgefäßsystem in Knochen

22.01.2019 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics