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18.04.2017

Neuro-anatomische Grundlagen geben vor, ob wir vergeben können oder nicht

War es Absicht oder nicht? Ein internationales ForscherInnenteam um Giorgia Silani von der Fakultät für Psychologie der Universität Wien hat sich in einem aktuellen Forschungsprojekt damit auseinandergesetzt, welche Rolle der Sulcus Temporalis Superior – eine bestimmte Gehirnregion – bei der Bildung moralischer Urteile spielt. Wie die WissenschafterInnen herausgefunden haben, bringen wir für Menschen, die unabsichtlich Schaden angerichtet haben, mehr Verständnis auf, wenn diese Region höher entwickelt ist. Die Ergebnisse der Studie sind kürzlich im renommierten Fachjournal "Scientific Reports" erschienen.


Überlagerung (ohne Bonferroni-Korrektur) eines 3D-Gehirns und der Gebiete, die eine positive Korrelation (in rot) mit Vergebung aufweisen.

Copyright: Giorgia Silani, Universität Wien

Eine Sportlerin, die eine Rivalin unabsichtlich schwer verletzt hat, ein abgelenkter Fahrer, der einen Unfall verursacht hat, oder ein Kollege, der versehentlich einen gravierenden Fehler begangen hat. Die Beispiele, ein Urteil über ein bestimmtes Fehlverhalten fällen zu müssen, scheinen endlos. Bei der Bewertung eines solchen Vorfalls spielen auch Faktoren wie der Schweregrad oder etwa die Absichten der VerursacherInnen eine wesentliche Rolle.

Ein internationales ForscherInnenteam um Giorgia Silani vom Institut für Angewandte Psychologie: Gesundheit, Entwicklung und Förderung der Universität Wien hat nun jene Hirnregionen und -prozesse untersucht, die uns dazu bewegen, dass wir anderen vergeben, wenn diese unbeabsichtigt Schaden verursacht haben. Im Konkreten beschäftigten sich WissenschafterInnen mit der Rolle des vorderen Sulcus Temporalis Superior (aSTS) und kamen zu dem Ergebnis: Je größer die Menge an grauer Substanz in diesem Teil des Kortex, desto wahrscheinlicher ist es, dass wir anderen vergeben, die unabsichtlich einen schwerwiegenden Fehler begangen haben.

"Verhaltensstudien haben bereits gezeigt, dass Menschen, wenn sich Intention und Ergebnis widersprechen, bei ihrer Urteilsbildung tendenziell eher auf die Absichten anderer Personen achten. Das ist mehr oder weniger eine allgemeingültige und kulturübergreifende Eigenschaft reifer moralischer Entscheidungen", erklärt Indrajeet Patil, Doktorand an der Harvard University und Erstautor der Studie. Bis jetzt haben sich diesem Thema jedoch nur sehr wenige Studien aus einem anatomischen Blickwinkel genähert und untersucht, ob Unterschiede in Volumen und Struktur gewisser Gehirnareale Variationen innerhalb moralischer Urteile erklären könnten.

Das ForscherInnenteam gab 50 Freiwilligen einen Fragebogen vor, in dem 36 Geschichten mit vier potentiellen Situationen dargestellt wurden: "Solche, in denen vorsätzliche Handlungen negative oder neutrale Resultate haben konnten und jene, in welchen unabsichtliche Ereignisse möglicherweise zu negativen oder zu neutralen Konsequenzen führten“, erklärt Silani. In jeder Geschichte sollten die TeilnehmerInnen ein Urteil auf einer Skala von 1 bis 7 abgeben und zwei Fragen beantworten: "Wie stark verantwortlich sollte die Person aus dieser Geschichte gesehen werden?" und "Wie moralisch akzeptabel ist das Verhalten dieser Person?". Mittels Magnetresonanztomographie wurden schließlich funktionelle und strukturelle Gehirndaten erhoben, analysiert und die Anatomie der Nervensysteme aller StudienteilnehmerInnen untersucht.

"Wir fanden heraus, dass das Volumen der grauen Substanz in einer spezifischen Gehirnregion, dem linken aSTS, die menschlichen Urteile zu beeinflussen scheint: Je mehr der aSTS entwickelt ist, desto eher neigen Menschen dazu, nachgiebig gegenüber jenen zu sein, die Schaden verursacht haben", erklärt Patil. "Es war bereits bekannt, dass dem aSTS bei der Fähigkeit mentale Zustände wie Gedanken, Überzeugungen, Wünsche etc. von anderen Personen zu repräsentieren, eine wichtige Rolle zukommt. Wir schließen daraus, dass Menschen mit mehr grauer Substanz im aSTS besser dazu in der Lage sind, die mentalen Zustände der SchadensverursacherInnen darzustellen und somit auch besser die Absichtslosigkeit eines Schadens zu begreifen."

Beim Abgeben eines Urteils können sie sich auf den Intentionsaspekt einer Handlung konzentrieren und ihm Priorität gegenüber den unangenehmen Konsequenzen einräumen. In Folge neigen sie weniger dazu, jene Handlungen allzu sehr zu verurteilen. Die neuro-anatomische Entwicklung der genannten Gehirnregion wird dabei durch genetische Unterschiede und Einflüsse aus der sozialen Umwelt mitbestimmt.

Publikation in "Scientific Reports"
Indrajeet Patil, Marta Calò, Federico Fornasier, Liane Young & Giorgia Silani. 2017. Neuroanatomical correlates of forgiving unintentional harms. In: Scientific Reports 7, Article number: 45967
doi:10.1038/srep45967
https://www.nature.com/articles/srep45967

Wissenschaftlicher Kontakt
Dr. Giorgia Silani
Institut für Angewandte Psychologie: Gesundheit, Entwicklung und Förderung
Universität Wien
1010 Wien, Liebiggasse 5
T +43-1-4277-472 23
giorgia.silani@univie.ac.at

Rückfragehinweis
Stephan Brodicky
Pressebüro der Universität Wien
Forschung und Lehre
1010 Wien, Universitätsring 1
T +43-1-4277-175 41
stephan.brodicky@univie.ac.at

Die Universität Wien ist eine der ältesten und größten Universitäten Europas: An 15 Fakultäten und vier Zentren arbeiten rund 9.700 MitarbeiterInnen, davon 6.800 WissenschafterInnen. Die Universität Wien ist damit auch die größte Forschungsinstitution Österreichs sowie die größte Bildungsstätte: An der Universität Wien sind derzeit rund 94.000 nationale und internationale Studierende inskribiert. Mit über 175 Studien verfügt sie über das vielfältigste Studienangebot des Landes. Die Universität Wien ist auch eine bedeutende Einrichtung für Weiterbildung in Österreich. 1365 gegründet, feierte die Alma Mater Rudolphina Vindobonensis im Jahr 2015 ihr 650-jähriges Gründungsjubiläum. http://www.univie.ac.at

Stephan Brodicky | Universität Wien

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