Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Current Biology: Lippenschmatzen von Affen bietet Einblicke in die Evolution der Sprache

01.06.2012
Den evolutionären Ursprung der menschlichen Sprache haben WissenschafterInnen traditionell in Primatenlauten gesucht. Im Unterschied zu diesen Lauten produziert der Mensch Sprache aber durch schnelle, kontrollierte Bewegungen der Zunge, der Lippen und des Kiefers.

Neue Forschungsergebnisse stützen die These, dass sich die menschliche Sprache nicht vorrangig aus der Erzeugung von Lauten, sondern aus der kommunikativen Mimik heraus entwickelte. Das publiziert der W. Tecumseh Fitch, Leiter des Departments für Kognitionsbiologie der Universität Wien und ERC Grant-Preisträger gemeinsam mit WissenschafterInnen der Princeton University im renommierten Fachmagazin "Current Biology".

WissenschafterInnen der beiden Universitäten arbeiteten mit Röntgenfilmen, anhand derer das Lippenschmatzen bei Makaken untersucht wurde. Viele Affenarten schmatzen in freundlichen "face-to-face" Situationen, etwa zwischen Mutter und Jungtier. Obwohl es sich dabei um ein leises Geräusch ("p p p p") handelt, ist es nicht von einer Lautbildung begleitet, die durch Vibration der Stimmbänder im Kehlkopf entsteht.

Oberflächlich betrachtet, scheint das Lippenschmatzen durch schnelles Öffnen und Schließen der Lippen zu entstehen. Die Röntgenfilme zeigen aber, dass es sich um ein komplexes Verhalten handelt, bei dem schnelle und koordinierte Bewegungen der Lippen, des Kiefers, der Zunge sowie des Zungenbeins ablaufen. Darüber hinaus finden diese Bewegungen mit einer Rate von fünf Zyklen pro Sekunde in einer ähnlichen Geschwindigkeit wie menschliche Sprache statt, und sind doppelt so schnell wie Kaubewegungen. Obwohl das Lippenschmatzen oberflächlich an ein nachahmendes Kauen erinnert, unterschieden sich die eigentlichen Bewegungsabläufe deutlich davon, und ähneln denen der Sprache.

Faszinierendes Mienenspiel

Diese Beobachtungen stützen eine seit langem bestehende Hypothese von Peter MacNeilage und seinem Team von der University of Texas, der zufolge die Wurzeln der menschlichen Sprache nicht in den Primatenlauten, sondern dem faszinierenden Mienenspiel liegen, mit denen Affen kommunizieren. Die Bewegungen, die das Schmatzen der Lippen erzeugen, sind dem Wechsel von Vokalen und Konsonanten – also der Bildung von Sprecheinheiten/Silben – auffallend ähnlich.

Beeindruckend ist weiters, dass auch Schimpansen kommunikative Geräusche mit den Lippen produzieren, darunter lautes Schmatzen und Prusten, bei dem die Tiere ihre Lippen in Schwingung versetzen. Diese Ausdrucksformen scheinen willentlich kontrolliert zu sein und können – anders als Brüllen und Grunzen – auch erlernt werden. Orang-Utans beispielsweise sind dazu fähig, das Pfeifen zu lernen: Auch hier entsteht das Geräusch durch Lippen- und Zungenbewegungen und nicht durch den Kehlkopf.

Die Daten lassen darauf schließen, dass der Ursprung der menschlichen Sprache in einer evolutionären Kombination aus "traditioneller" Phonation – sprich: Lauten, die von den Stimmbändern im Kehlkopf erzeugt werden – und schnellen, erlernten Bewegungen des Vokaltrakts liegt. Letztere haben stärkere Ähnlichkeit mit den Gesichtssignalen, die Primaten zur Kommunikation nutzen, als den Rufen, zu denen sie von Geburt an fähig sind. Noch im Dunkeln liegt der Ursprung der "singenden" Komponente der menschlichen Sprache, die eine Kontrolle über den Kehlkopf erfordert.

Publication in "Current Biology":
Cineradiography of Monkey Lip-smacking Reveals Putative Precursors of Speech Dynamics: Asif A. Ghanzanfar, Daniel Y. Takahashi, Neil Mathur and W. Tecumseh Fitch.

Current Biology, July 10, 2012 print issue. DOI: 10.1016/

Wissenschaftlicher Kontakt
Univ.-Prof. W. Tecumseh Fitch, PhD
Department für Kognitionsbiologie
Universität Wien
1090 Wien, Althanstraße 14
T +43-1-4277-761 01
tecumseh.fitch@univie.ac.at
Rückfragehinweis
Mag. Alexandra Frey
Pressebüro der Universität Wien
Forschung und Lehre
Dr.-Karl-Lueger-Ring 1
A-1010 Wien
T +43-1-4277-175 33
M +43-664-602 77-175 33
alexandra.frey@univie.ac.at

Veronika Schallhart | idw
Weitere Informationen:
http://www.univie.ac.at

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Gut vorbereitet ist halb verdaut
16.11.2018 | Max-Planck-Institut für Stoffwechselforschung

nachricht Übergangsmetallkomplexe: Gemischt geht's besser
16.11.2018 | Helmholtz-Zentrum Berlin für Materialien und Energie GmbH

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Eine kalte Supererde in unserer Nachbarschaft

Der sechs Lichtjahre entfernte Barnards Stern beherbergt einen Exoplaneten

Einer internationalen Gruppe von Astronomen unter Beteiligung des Max-Planck-Instituts für Astronomie in Heidelberg ist es gelungen, beim nur sechs Lichtjahre...

Im Focus: Mit Gold Krankheiten aufspüren

Röntgenfluoreszenz könnte neue Diagnosemöglichkeiten in der Medizin eröffnen

Ein Präzisions-Röntgenverfahren soll Krebs früher erkennen sowie die Entwicklung und Kontrolle von Medikamenten verbessern können. Wie ein Forschungsteam unter...

Im Focus: Ein Chip mit echten Blutgefäßen

An der TU Wien wurden Bio-Chips entwickelt, in denen man Gewebe herstellen und untersuchen kann. Die Stoffzufuhr lässt sich dabei sehr präzise dosieren.

Menschliche Zellen in der Petrischale zu vermehren, ist heute keine große Herausforderung mehr. Künstliches Gewebe herzustellen, durchzogen von feinen...

Im Focus: A Chip with Blood Vessels

Biochips have been developed at TU Wien (Vienna), on which tissue can be produced and examined. This allows supplying the tissue with different substances in a very controlled way.

Cultivating human cells in the Petri dish is not a big challenge today. Producing artificial tissue, however, permeated by fine blood vessels, is a much more...

Im Focus: Optimierung von Legierungswerkstoffen: Diffusionsvorgänge in Nanoteilchen entschlüsselt

Ein Forschungsteam der TU Graz entdeckt atomar ablaufende Prozesse, die neue Ansätze zur Verbesserung von Materialeigenschaften liefern.

Aluminiumlegierungen verfügen über einzigartige Materialeigenschaften und sind unverzichtbare Werkstoffe im Flugzeugbau sowie in der Weltraumtechnik.

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Können Roboter im Alter Spaß machen?

14.11.2018 | Veranstaltungen

Tagung informiert über künstliche Intelligenz

13.11.2018 | Veranstaltungen

Wer rechnet schneller? Algorithmen und ihre gesellschaftliche Überwachung

12.11.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Emulsionen masschneidern

15.11.2018 | Materialwissenschaften

LTE-V2X-Direktkommunikation für mehr Verkehrssicherheit

15.11.2018 | Informationstechnologie

Daten „fühlen“ mit haptischen Displays

15.11.2018 | Energie und Elektrotechnik

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics