Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

CD30 – vom Zeugen zum Täter

12.04.2019

Zellen bestimmter Blutkrebsformen wie des Hodgkin-Lymphoms tragen auf ihrer Oberfläche das Protein CD30. Das Molekül gilt aber nicht nur als Indikator für bestimmte bösartige Erkrankungen des Immunsystems, sondern erhöht selbst das Risiko für deren Entstehung, berichten Forschende des Helmholtz Zentrums München in der Zeitschrift Blood. Wie aus einer von der Deutschen Krebshilfe unterstützten Studie hervorgeht, wird eine stark erhöhte Anzahl an CD30-tragenden Zellen nach bestimmten viralen Infektionen, wie z.B. durch Epstein-Barr Virus (EBV) und bei Autoimmunerkrankungen, gebildet.

Die Studienergebnisse legen daher nahe, dass eine Impfung gegen EBV das Risiko für die Entstehung von Hodgkin-Lymphomen senken könnte. Zudem gibt die Studie Einblicke in neue Zielstrukturen für Arzneistoffe in der Tumortherapie.


Ärzte kennen das Protein CD30* bislang als diagnostischen Marker für bestimmte Blutkrebszellen, die B-Zell-Lymphome** wie das Hodgkin-Lymphom. „Bisher war völlig unklar, ob die Bildung von CD30 auf der Oberfläche von Lymphom-Zellen nur Folge der Krebsentstehung ist oder ursächlich dazu beiträgt“, berichtet Privatdozentin Dr. Ursula Zimber-Strobl.

Sie ist stellvertretende Leiterin der Abteilung Genvektoren (AGV) am Helmholtz Zentrum München. Zusammen mit ihrem Team hat sie deshalb ein Mausmodell entwickelt, um zu untersuchen, ob anhaltende CD30-Signale zur Blutkrebsentstehung führen.

Aktivierung von CD30 als Risikofaktor für Lymphome

„Im Experiment fanden wir heraus, dass die Wahrscheinlichkeit für die Entstehung eines B-Zell-Lymphoms stark erhöht ist, wenn B-Lymphozyten auf ihrer Oberfläche dauerhaft aktivierte CD30-Moleküle tragen“, berichtet Stefanie Sperling. Die Erstautorin ist Doktorandin in der AGV und Mitglied der Graduiertenschule HELENA.

Diese dauerhafte Aktivierung von CD30 kann beim Menschen dadurch ausgelöst werden, dass das Immunsystem über einen längeren Zeitraum gefordert wird, wie beispielsweise beim Ausbruch des Pfeifferschen Drüsenfiebers (infektiöse Mononukleose) nach einer Infektion durch das Epstein-Barr Virus***.

Dann vermehren sich B-Lymphozyten, die CD30 auf ihrer Oberfläche tragen, sehr stark. In den meisten Fällen werden diese CD30-positiven Zellen schnell wieder eliminiert, können aber in seltenen Fällen durch fehlgeleitete Prozesse zu Tumoren führen. So ist das Risiko, direkt nach einem Pfeifferschen Drüsenfieber an einem Hodgkin-Lymphom zu erkranken, erhöht.

Details des Signalwegs noch unbekannt

Die Studienergebnisse eröffnen Zimber-Strobl zufolge Perspektiven für die Humanmedizin: „Die von CD30 ausgehenden Signalwege könnten sich als Zielstrukturen für neue Therapien bei Lymphomen eignen, sobald wir diese Wege genauer untersucht haben.“ Außerdem sei bei EBV die Entwicklung eines Impfstoffs zur Prävention einer Lymphom-Entstehung denkbar – ein Aspekt, den Forschende an der AGV gerade im Detail untersuchen.

Weitere Informationen
*CD30 ist ein Protein (Eiweiß), das auf der Oberfläche bestimmter Zellen, besonders von Zellen des Immunsystems, gebildet wird. CD30 ist ein sogenannter Rezeptor. Rezeptoren leiten Signale aus der Umgebung in das Innere einer Zelle weiter und lösen damit Prozesse wie Zellteilung, Zelldifferenzierung und Zelltod aus. Bislang dient der Nachweis von CD30 nur zur Diagnose von bestimmten B-Zell-Lymphomen wie dem Hodgkin-Lymphom.

**Lymphome sind Krebserkrankungen, die von Lymphozyten (eine Gruppe der weissen Blutkörperchen) ausgehen. Es gibt je nach Krankheitsmechanismus Hodgkin-Lymphome bzw. Non-Hodgkin-Lymphome und weitere Formen.

***Epstein-Barr-Viren können nach Infektion das Pfeiffersche Drüsenfieber (die infektiöse Mononukleose) auslösen. Sie sind weit verbreitet, bis Ende des 40. Lebensjahres haben sich 95 bis 98 Prozent aller Menschen infiziert. EBV überdauert latent in B-Lymphozyten; unser Immunsystem eliminiert die Erreger nicht.

Originalpublikation:
Sperling S et al. (2019), Chronic CD30-signaling in B cells results in lymphomagenesis by driving the expansion of plasmablasts and B1 cells.DOI: 10.1182/blood.2018880138; http://www.bloodjournal.org/content/early/2019/04/05/blood.2018880138?sso-checke...

Weitere Artikel
14.12.16
Therapieresistenten Leukämiezellen auf der Spur
https://www.helmholtz-muenchen.de/aktuelles/uebersicht/pressemitteilungnews/arti...
05.10.16
microRNAs aus Epstein-Barr-Virus lassen Hilferufe der Wirtszelle verstummen
https://www.helmholtz-muenchen.de/aktuelles/uebersicht/pressemitteilungnews/arti...
15.06.15
Wie es dem Epstein-Barr-Virus gelingt, sich in menschlichen Zellen zu verstecken
https://www.helmholtz-muenchen.de/aktuelles/uebersicht/pressemitteilungnews/arti...

Das Helmholtz Zentrum München verfolgt als Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt das Ziel, personalisierte Medizin für die Diagnose, Therapie und Prävention weit verbreiteter Volkskrankheiten wie Diabetes mellitus, Allergien und Lungenerkrankungen zu entwickeln. Dafür untersucht es das Zusammenwirken von Genetik, Umweltfaktoren und Lebensstil. Der Hauptsitz des Zentrums liegt in Neuherberg im Norden Münchens. Das Helmholtz Zentrum München beschäftigt rund 2.300 Mitarbeiter und ist Mitglied der Helmholtz-Gemeinschaft, der 19 naturwissenschaftlich-technische und medizinisch-biologische Forschungszentren mit rund 37.000 Beschäftigten angehören. https://www.helmholtz-muenchen.de/index.html

Die Abteilung Genvektoren erforscht das Epstein-Barr Virus (EBV), ein Tumorvirus des Menschen, und dessen Beitrag zu verschiedenen Erkrankungen. Ziel ist es herauszufinden, wie das Immunsystem im gesunden Individuum EBV und andere menschliche Herpesviren in Schach hält, und welche Immunkontrollen im Patienten versagen. Die Entstehung von Tumoren des Immunsystems - Leukämien und Lymphome – ist ein weiterer Schwerpunkt. Mittelfristig sollen neue Medikamente, Impfstoffe gegen EBV und neue Zelltherapien entwickelt werden, um Infektionserkrankungen, Leukämien und Lymphome zu behandeln oder zu verhindern.https://www.helmholtz-muenchen.de/agv/index.html

Die Deutsche Krebshilfe hat das Projekt mit 185.000 Euro gefördert. Die Deutsche Krebshilfe wurde am 25. September 1974 von Dr. Mildred Scheel gegründet. Ziel der gemeinnützigen Organisation ist es, Krebserkrankungen in all ihren Erscheinungsformen zu bekämpfen. Unter dem Motto „Helfen. Forschen. Informieren.“ fördert die Stiftung Deutsche Krebshilfe Projekte zur Verbesserung der Prävention, Früherkennung, Diagnose, Therapie, medizinischen Nachsorge und psychosozialen Versorgung, einschließlich der Krebs-Selbsthilfe. Ihre Aufgaben erstrecken sich darüber hinaus auf forschungs- und gesundheitspolitische Aktivitäten. Die Deutsche Krebshilfe ist der größte private Geldgeber auf dem Gebiet der Krebsbekämpfung – unter anderem der Krebsforschung – in Deutschland. Sie finanziert ihre gesamten Aktivitäten ausschließlich aus Spenden und freiwilligen Zuwendungen der Bevölkerung. https://www.krebshilfe.de/

Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Dr. Ursula Zimber-Strobl
Helmholtz Zentrum München
Abteilung Genvektoren
Tel. +49 89 3187-4225
E-Mail: strobl@helmholtz-muenchen.de

Originalpublikation:

http://www.bloodjournal.org/content/early/2019/04/05/blood.2018880138?sso-checke...

Sonja Opitz | Helmholtz Zentrum München - Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt

Weitere Berichte zu: Deutsche Krebshilfe Hodgkin-Lymphom Immunsystem Krebshilfe Lymphome Umwelt Zellen

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Pilzsuche mit Boot und Kescher - 10 faszinierende Fakten zu Pilzen im Wasser
12.04.2019 | Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)

nachricht Zusammenspiel von Nütz- und Schädling beeinflusst die Pflanzenevolution
12.04.2019 | Universität Zürich

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Fernbeziehung in 100 Femtosekunden

Regensburger Physiker beobachten, wie sich Elektron-Loch-Paare blitzschnell auseinanderleben und doch stark gebunden bleiben

Unser technologischer Fortschritt basiert wesentlich darauf, Elektronen auf kürzesten Längen- und Zeitskalen zu kontrollieren. Regensburger Physikern ist dies...

Im Focus: A long-distance relationship in femtoseconds

Physicists observe how electron-hole pairs drift apart at ultrafast speed, but still remain strongly bound.

Modern electronics relies on ultrafast charge motion on ever shorter length scales. Physicists from Regensburg and Gothenburg have now succeeded in resolving a...

Im Focus: Researchers 3D print metamaterials with novel optical properties

Engineers create novel optical devices, including a moth eye-inspired omnidirectional microwave antenna

A team of engineers at Tufts University has developed a series of 3D printed metamaterials with unique microwave or optical properties that go beyond what is...

Im Focus: Intuitive Fehlerdokumentation mit AR-Unterstützung: Fraunhofer IOSB zeigt neues System

Per Laserpointer Produktionsmängel direkt am Bauteil schnell und einfach annotieren: Möglich macht das QSelect, eine auf Augmented Reality (AR) basierende Entwicklung des Fraunhofer-Instituts für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung IOSB. Die Karlsruher Forscher werden das System, das in unterschiedlichsten Bereichen vom Karosseriebau bis zur Platinenbestückung einsetzbar ist, erstmals auf der Qualitätssicherungsmesse Control vom 7. bis 10. Mai in Stuttgart präsentieren (Halle 8, Stand 8509-9).

In der industriellen Produktion werden erkannte Fehler bisher beispielsweise per Fettstift auf dem Bauteil selbst markiert – oder digital auf dem Bildschirm,...

Im Focus: Hemmung statt Wachstum: neu entdeckter Mechanismus des Pflanzenhormons Auxin

An der Innenseite der gekrümmten Sprossachse eines Pflanzenkeimlings hemmt die Anhäufung von Auxin das Zellwachstum – entgegengesetzt der bekannten wachstumsanregenden Wirkung von Auxin in vielen anderen Teilen der Pflanze

Üblicherweise regt eine erhöhte Auxinkonzentration in pflanzlichem Gewebe das Zellwachstum an. Chinesische WissenschafterInnen und ForscherInnen des Institute...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

10. Rittal Branchentag Schiff & See

12.04.2019 | Veranstaltungen

Konferenz zu "Chatbots, Smart Speaker und andere Intelligente Assistenten"

10.04.2019 | Veranstaltungen

Fraunhofer FHR auf der IEEE Radar Conference 2019 in Boston, USA

09.04.2019 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

CD30 – vom Zeugen zum Täter

12.04.2019 | Biowissenschaften Chemie

Zusammenspiel von Nütz- und Schädling beeinflusst die Pflanzenevolution

12.04.2019 | Biowissenschaften Chemie

10. Rittal Branchentag Schiff & See

12.04.2019 | Veranstaltungsnachrichten

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics