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Breitflossenkärpflinge: Sinn für Fernbeziehungen

28.03.2018

Breitflossenkärpflinge orientieren sich bei der Paarung am Verhalten ihrer Artgenossen, indem sie deren Partnerwahl kopieren. Biologinnen der Uni Siegen haben jetzt herausgefunden, dass den Fischen dabei auch „Fernbeziehungen“ als Vorlage dienen.

Wird ein Breitflossenkärpflingsmännchen von einem Weibchen umschwärmt, so macht ihn das auch für andere Weibchen attraktiv. Die Fische beobachten Artgenossen bei sexuellen Interaktionen und richten ihr eigenes Verhalten danach aus. Das haben verschiedene Versuche gezeigt. Männchen, die zuvor bereits von einer Artgenossin als Partner gewählt wurden, hatten anschließend auch bei anderen Weibchen deutlich bessere Chancen – denn diese neigen dazu, die Partnerwahl ihrer Artgenossinnen zu kopieren.


Ein prachtvolles Breitflossenkärpflingsmännchen wirbt um ein Weibchen (Hintergrund).

Stefanie Gierszewski

Die Biologinnen Melissa Keil, Stefanie Gierszewski und Prof. Dr. Klaudia Witte von der Universität Siegen haben jetzt erstmals herausgefunden, dass das Kopieren der Partnerwahl bei Breitflossenkärpflingen auch bei „Fernbeziehungen“ funktioniert: also wenn das zu beobachtende Fisch-Pärchen nur über eine gewisse Distanz hinweg miteinander interagieren kann. Die Ergebnisse ihrer Studie wurden in der Zeitschrift „Behavioral Ecology and Sociobiology“ veröffentlicht.

„Die Fische sind offenbar in der Lage, Artgenossen auch über größere Distanzen hinweg genau zu beobachten. Selbst wenn zwischen einem Männchen und einem Weibchen ein größerer Abstand liegt, wird ihr Verhalten als sexuelle Interaktion gewertet und kopiert. Das hätten wir so nicht erwartet“, sagt Klaudia Witte.

Das Ergebnis zeige, dass Breitflossenkärpflinge eine sehr gute visuelle Wahrnehmung haben. Für die jüngste Versuchsreihe wurde im Labor der Universität Siegen eigens ein quadratisches Babyplanschbecken aufgebaut. „Nur so konnten wir die Fische weit genug voneinander entfernt positionieren, um die Rolle der Distanz zu untersuchen. Unsere Aquarien wären dazu zu klein gewesen“, erklärt Melissa Keil, die die Versuche im Rahmen ihrer Staatsexamensarbeit durchführte. Über vier Monate hinweg hat sie dazu insgesamt etwa 450 Stunden vor dem Planschbecken verbracht.

Im Rahmen der Versuche wurde ein Test-Weibchen in einem transparenten Kunststoff-Zylinder in das Planschbecken gesetzt – ihm gegenüber zwei Männchen, ebenfalls in entsprechenden Zylindern. Das Weibchen konnte nun beobachten, wie eine Artgenossin (das Modell-Weibchen) mit einem der beiden Männchen interagierte. Zunächst war der Abstand zwischen dem Modell-Weibchen und dem Männchen dabei gering, in einem zweiten Versuchsaufbau wurde er auf 40 Zentimeter vergrößert.

Das Überraschende: Selbst diese „Fernbeziehung“ wurde von dem Test-Weibchen erkannt und anschließend kopiert. In beiden Versuchen entscheid sich das Weibchen nach der Beobachtungsphase für das Männchen, dass zuvor auch von seiner Artgenossin umworben worden war – und dass, obwohl das Testweibchen zuvor genau dieses Männchen bei ihrer eigenen Partnerwahl abgelehnt hatte.

Das Kopieren von Verhaltensweisen sei im Tierreich weit verbreitet, erklärt Klaudia Witte: „Es handelt sich um eine Form des sozialen Lernens. Ein Individuum nutzt so genannte „public information“ (öffentliche Informationen) aus seinem direkten sozialen Umfeld und richtet das eigene Verhalten danach aus.“

Die Biologin und ihre Kolleginnen gehen davon aus, dass Breitflossenkärpflinge nicht nur bei der Paarung auf soziale Beobachtungen zurückgreifen, sondern auch im Zusammenhang mit anderen Verhaltensweisen – etwa bei der Futtersuche. In der Vergangenheit wurden an der Universität Siegen bereits verschiedene Studien zum Kopieren durchgeführt. In der Zukunft sollen noch weitere Aspekte näher untersucht werden, beispielsweise der so genannte Zuschauer-Effekt. Er beschreibt den Einfluss des „Zuschauers“ auf die Interaktion zwischen den beobachteten Paarungspartnern.

Breitflossenkärpflinge eignen sich hervorragend zur Untersuchung des Kopierens der Partnerwahl und des Zuschauereffektes. Sie gehören zu den lebend gebärenden Zahnkarpfen (Poeciliiden) und leben in gemischt-geschlechtlichen Schwärmen. Männchen und Weibchen haben somit die Gelegenheit, die Partnerwahl und Paarung ihrer Artgenossen zu beobachten.

Tanja Hoffmann M.A. | idw - Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen:
http://www.uni-siegen.de

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