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Das Problem der glücklichen blinden Hühner: Tierethische Probleme der Gentechnik

05.12.2007
Wohlergehen ist nicht alles
Preis an Studierende für RUB-Dissertation

Darf man durch Genmanipulation blinde Hühner züchten, weil diese weniger zum Federpicken und Kannibalismus neigen? Bei dieser Vorstellung fühlt man sich unwohl - obwohl die blinden Hühner sich wahrscheinlich subjektiv im Stall besser fühlen würden als ihre sehenden Artgenossen mit all ihrem Stress. Das Wohlbefinden der Tiere, zumeist im Zentrum tierethischer Überlegungen, kann also nicht der einzige Aspekt sein, der unser moralisches Empfinden bestimmt.

Welche Aspekte aus tierethischer Sicht für unser Handeln bedeutsam sind, untersuchte Dr. Kirsten Schmidt in ihrer Dissertation "Tierethische Probleme der Gentechnik. Zur moralischen Bewertung der Reduktion wesentlicher tierlicher Eigenschaften", die sie am Lehrstuhl für Ethik in Medizin und Biowissenschaften (Prof. Dr. Klaus Steigleder) anfertigte. Für ihre Arbeit wurde die Philosophin nun mit einem der Preise an Studierende der Ruhr-Universität Bochum ausgezeichnet.

Ziel der Gentechnik: Besser angepasste Nutztiere

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Der Fokus der meisten tierethischen Ansätze liegt auf der Vermeidung unnötiger Schmerzen oder anderer negativer Empfindungen. Im Bereich der Gentechnik aber wird deutlich, dass dieser sog. pathozentrische Ansatz für einen moralisch angemessenen Umgang mit Tieren nicht ausreichend sein kann. "Um das zu verdeutlichen, habe ich einen besonders interessanten Teilbereich der gentechnischen Veränderung von Tieren näher untersucht, nämlich die Reduktion wesentlicher tierlicher Eigenschaften und Fähigkeiten, etwa des Seh- oder Nistvermögens bei Hühnern", erläutert Dr. Schmidt. Ziel solcher (teilweise noch fiktiver) Modifikationen ist es zum Beispiel, (Nutz-)Tiere zu erzeugen, die besser an die vom Menschen vorgegebenen Umweltbedingungen angepasst sind. In vielen Fällen wäre damit sogar gleichzeitig eine Verbesserung des subjektiven Wohlempfindens der Tiere verbunden, wie im Falle der blinden Hühner.

Kein Ansatz behebt das "blind hen problem"

Wenn es also nur um das Wohlergehen der Tiere geht, sollten wir solche gentechnischen Eingriffe daher durchaus moralisch begrüßen. "Allerdings haben wohl die meisten Menschen eine intuitive Abneigung gegen die Vorstellung von eigens gezüchteten blinden Hühnern", so Kirsten Schmidt. Dieses verbreitete Unbehagen ist für sie Ausgangspunkt, um zunächst unterschiedliche Lösungsvorschläge für das "blind hen problem" vorzustellen und auf ihre Plausibilität zu überprüfen. So sind in den letzten Jahren eine Reihe von tierethischen Ansätzen entwickelt worden, die den normativen Eigenwert des Tieres betonen und dabei zum Beispiel auf das Konzept der tierlichen Würde oder der tierlichen Integrität verweisen. Andere Autoren versuchen, dem Problem durch einen modifizierten Wohlergehensansatz beizukommen. Kirsten Schmidt stellte fest: Keiner der Ansätze kann eine befriedigende Lösung anbieten. Sie versuchte daher, durch die Kombination der überzeugendsten Aspekte, vor allem des Integritätskonzeptes und eines Ansatzes des umfassenden Wohlergehens, zu einer eigenen Antwort auf das blind hen problem zu kommen.

Intuitive Ablehnung ernst nehmen

Ein Hauptergebnis ihrer Untersuchung: Die Reduktion wesentlicher tierlicher Eigenschaften ist auch unabhängig vom subjektiven tierlichen Wohlempfinden tierethisch relevant. Unsere intuitive Ablehnung gegen die blinden Hühner ist daher durchaus ernst zu nehmen. "Denn jede tierethische Theorie, die den Anspruch erhebt, einen angemessenen Rahmen für die Aufstellung konkreter Normen zur moralischen Beurteilung menschlicher Handlungen im Umgang mit Tieren zu liefern, muss neben dem Kriterium des subjektiven Wohlempfindens weitere grundlegende Aspekte des tierlichen Lebens berücksichtigen", fasst Dr. Schmidt zusammen. Dazu gehören vor allem die tierliche Integrität und das objektive tierliche Wohl, das neben dem subjektiven Wohlempfinden wesentlicher Bestandteil eines Wohlergehens im umfassenden Sinn ist. Und auch wenn eine gentechnische Reduktion nicht unbedingt zu Schmerzen führt, stellt sie doch immer eine Verletzung der tierlichen Integrität und des Wohlergehens in einem umfassenden Sinn dar, die moralisch berücksichtigt werden muss.

Weitere Informationen

Dr. Kirsten Schmidt, Institut für Philosophie der Ruhr-Universität Bochum, 44780 Bochum, Tel. 0234/32-24733, E-Mail: kirsten.schmidt@rub.de

Dr. Josef König | idw
Weitere Informationen:
http://www.ruhr-uni-bochum.de/

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