Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Medizin aus dem Meer

05.07.2007
Die Akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt hat dem Würzburger Naturstoffchemiker Gerhard Bringmann den Paul-J.-Scheuer-Preis für Marine Biotechnologie verliehen. Bringmann teilt sich den Preis mit dem Kieler Mikrobiologen Johannes F. Imhoff und dem Molekularbiologen Werner E.G. Müller von der Universität Mainz. Die Drei erhielten die Auszeichnung für ihre hervorragenden gemeinsamen wissenschaftlichen Leistungen auf dem Gebiet der marinen Natur- und Wirkstoffforschung.

Was hat ein Schwamm mit einem an Leukämie erkrankten Patienten zu tun? Auf den ersten Blick nichts. Erst wenn man den Meeresbewohner genauer unter die Lupe nimmt, findet sich das verbindende Glied: "Im Meer lebende Schwämme sind für die moderne Biotechnologie von herausragender Bedeutung", sagt Gerhard Bringmann, Inhaber des Lehrstuhls für Organische Chemie I der Universität Würzburg. Was die Tiere - denn dazu zählen Schwämme - für einen Naturstoffchemiker so interessant macht, ist ihr besonderes Abwehrsystem.

"Bis zu sechs Milliarden Bakterien können Schwämme täglich durch ihren Körper filtrieren", erklärt Bringmann. Damit diese Bakterien sich nicht als Krankheitserreger betätigen können, haben die Schwämme zum einen ein sehr effizientes Immunsystem entwickelt, zum anderen produzieren sie auch bestimmte chemische Substanzen, so genannte Sekundärmetabolite, mit denen sie sich gezielt gegen Mikroorganismen und größere Fraßfeinde zur Wehr setzen können. Darüber hinaus bilden Mikroorganismen, die in den Schwämmen leben, ebenfalls potente Abwehrstoffe gegen giftige Bakterien und Pilze.

"Solche Naturstoffe aus Schwämmen und assoziierten Mikroorganismen bieten somit große Chancen für neue potenzielle Arzneistoffe", sagt Bringmann. Welche Stoffe das sind, und welches Potenzial in ihnen steckt, das untersuchen die Mitglieder des Deutschen Exzellenz-Zentrums "Marine Schwämme - BIOTECmarin", zu denen die jetzt ausgezeichneten Forscher gehören. Sie identifizieren, isolieren, untersuchen und testen die Substanzen, die sie in Schwämmen entdecken, auf ihre biologischen Aktivitäten. Erweist sich der Stoff als vielversprechend, optimieren die Wissenschaftler ihn im Hinblick auf seine pharmakologischen Eigenschaften und suchen nach Verfahren, ihn in größeren Mengen herzustellen.

Der erste neuartige Sekundärmetabolit, der in diesem interdisziplinären Forschungsverbund gefunden wurde, ist das Sorbicillacton A. "Es handelt sich um einen chemisch und biosynthetisch beispiellosen und vor allem pharmakologisch aussichtsreichen Naturstoff, der sich besonders durch eine hohe Wirksamkeit gegenüber Leukämiezellen auszeichnet", sagt Bringmann. Entdeckt haben den Wirkstoff und sein pharmazeutisches Potenzial die drei Forscher dank einer einzigartigen interdisziplinären Zusammenarbeit.

Im Labor von Gerhard Bringmann wurde die Substanz entdeckt und ihre neuartige Struktur aufgeklärt. Werner E.G. Müller erkannte ihre hohe antileukämische Wirkung bei zugleich geringer Toxizität, und Johannes F. Imhoff vom Leibniz-Institut für Meereswissenschaften in Kiel entwickelte Verfahren, mit denen sich Sorbicillacton A im 100-Gramm-Maßstab und darüber hinaus herstellen lässt. Schließlich wurde in enger Kooperation der Würzburger und der Kieler Arbeitsgruppen auch noch die Biosynthese des Wirkstoffs aufgeklärt, also der chemische Weg, auf dem die lebenden Organismen die Substanz produzieren. "So wurde mit Sorbicillacton A ein strukturell neuartiger und pharmakologisch viel versprechender Naturstoff aufgefunden, der sich durch eine hohe spezifische Wirksamkeit gegenüber Leukämiezellen auszeichnet", heißt es in der Laudatio zur Preisverleihung.

Inzwischen haben sich die Wissenschaftler den weltweiten Patentschutz für diesen Wirkstoff gesichert; erste präklinische Untersuchungen konnten sie bereits erfolgreich abschließen. Und so loben die Juroren die drei Preisträger: "Den drei Wissenschaftlern gebührt das Verdienst, mit Sorbicillacton A einen strukturell einzigartigen neuen Wirkstoff aus dem Meer und zugleich ein potenzielles neues Anti-Leukämiemittel mit einer möglichen klinischen Anwendung aufgefunden zu haben".

Ansprechpartner: Prof. Dr. Dr. h.c. Gerhard Bringmann, Tel: (0931) 888-5323; E-Mail: bringman@chemie.uni-wuerzburg.de

Robert Emmerich | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-wuerzburg.de/presse

Weitere Berichte zu: Bakterium Mikroorganismus Schwämme Sorbicillacton Wirkstoff

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Infrarotsensor als neue Methode für die Wirkstoffentwicklung
19.07.2018 | Ruhr-Universität Bochum

nachricht Neues aus der Schaltzentrale
18.07.2018 | Karl-Franzens-Universität Graz

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Superscharfe Bilder von der neuen Adaptiven Optik des VLT

Das Very Large Telescope (VLT) der ESO hat das erste Licht mit einem neuen Modus Adaptiver Optik erreicht, die als Lasertomografie bezeichnet wird – und hat in diesem Rahmen bemerkenswert scharfe Testbilder vom Planeten Neptun, von Sternhaufen und anderen Objekten aufgenommen. Das bahnbrechende MUSE-Instrument kann ab sofort im sogenannten Narrow-Field-Modus mit dem adaptiven Optikmodul GALACSI diese neue Technik nutzen, um Turbulenzen in verschiedenen Höhen in der Erdatmosphäre zu korrigieren. Damit ist jetzt möglich, Bilder vom Erdboden im sichtbaren Licht aufzunehmen, die schärfer sind als die des NASA/ESA Hubble-Weltraumteleskops. Die Kombination aus exquisiter Bildschärfe und den spektroskopischen Fähigkeiten von MUSE wird es den Astronomen ermöglichen, die Eigenschaften astronomischer Objekte viel detaillierter als bisher zu untersuchen.

Das MUSE-Instrument (kurz für Multi Unit Spectroscopic Explorer) am Very Large Telescope (VLT) der ESO arbeitet mit einer adaptiven Optikeinheit namens GALACSI. Dabei kommt auch die Laser Guide Stars Facility, kurz ...

Im Focus: Diamant – ein unverzichtbarer Werkstoff der Fusionstechnologie

Forscher am KIT entwickeln Fenstereinheiten mit Diamantscheiben für Fusionsreaktoren – Neue Scheibe mit Rekorddurchmesser von 180 Millimetern

Klimafreundliche und fast unbegrenzte Energie aus dem Fusionskraftwerk – für dieses Ziel kooperieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit. Bislang...

Im Focus: Wiener Forscher finden vollkommen neues Konzept zur Messung von Quantenverschränkung

Quantenphysiker/innen der ÖAW entwickelten eine neuartige Methode für den Nachweis von hochdimensional verschränkten Quantensystemen. Diese ermöglicht mehr Effizienz, Sicherheit und eine weitaus geringere Fehleranfälligkeit gegenüber bisher gängigen Mess-Methoden, wie die Forscher/innen nun im Fachmagazin „Nature Physics“ berichten.

Die Vision einer vollständig abhörsicheren Übertragung von Information rückt dank der Verschränkung von Quantenteilchen immer mehr in Reichweite. Wird eine...

Im Focus: Was passiert, wenn wir das Atomgitter eines Magneten plötzlich aufheizen?

„Wir haben jetzt ein klares Bild davon, wie das heiße Atomgitter und die kalten magnetischen Spins eines ferrimagnetischen Nichtleiters miteinander ins Gleichgewicht gelangen“, sagt Ilie Radu, Wissenschaftler am Max-Born-Institut in Berlin. Das internationale Forscherteam fand heraus, dass eine Energieübertragung sehr schnell stattfindet und zu einem neuartigen Zustand der Materie führt, in dem die Spins zwar heiß sind, aber noch nicht ihr gesamtes magnetisches Moment verringert haben. Dieser „Spinüberdruck“ wird durch wesentlich langsamere Prozesse abgebaut, die eine Abgabe von Drehimpuls an das Gitter ermöglichen. Die Forschungsergebnisse sind jetzt in "Science Advances" erschienen.

Magnete faszinieren die Menschheit bereits seit mehreren tausend Jahren und sind im Zeitalter der digitalen Datenspeicherung von großer praktischer Bedeutung....

Im Focus: Erste Beweise für Quelle extragalaktischer Teilchen

Zum ersten Mal ist es gelungen, die kosmische Herkunft höchstenergetischer Neutrinos zu bestimmen. Eine Forschungsgruppe um IceCube-Wissenschaftlerin Elisa Resconi, Sprecherin des Sonderforschungsbereichs SFB1258 an der Technischen Universität München (TUM), liefert ein wichtiges Indiz in der Beweiskette, dass die vom Neutrino-Teleskop IceCube am Südpol detektierten Teilchen mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer Galaxie in vier Milliarden Lichtjahren Entfernung stammen.

Um andere Ursprünge mit Gewissheit auszuschließen, untersuchte das Team um die Neutrino-Physikerin Elisa Resconi von der TU München und den Astronom und...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Stadtklima verbessern, Energiemix optimieren, sauberes Trinkwasser bereitstellen

19.07.2018 | Veranstaltungen

Innovation – the name of the game

18.07.2018 | Veranstaltungen

Wie geht es unserer Ostsee? Ein aktueller Zustandsbericht

17.07.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Automatisiertes Befüllen von Regalen im Einzelhandel

19.07.2018 | Verkehr Logistik

Mobilfunkstrahlung kann die Gedächtnisleistung bei Jugendlichen beeinträchtigen

19.07.2018 | Studien Analysen

Mit dem Nano-U-Boot gezielt gegen Kopfschmerzen und Tumore

19.07.2018 | Medizin Gesundheit

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics