Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Geschmacksforscher identifizieren "Artischocken-Rezeptor"

28.06.2007
Es gibt 25 verschiedene menschliche Bittergeschmack-Rezeptorproteine. Bislang wusste man nur von wenigen der Rezeptoren, welche Art von Bitterstoffen sie erkennen. Ein Wissenschaftlerteam um Wolfgang Meyerhof vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE) identifizierte nun den TAS2R46 als den Rezeptor, der eine breite Palette von Bitterstoffen aus Artischocke und Kräutern erkennt. Somit leisten die Forscher einen weiteren wichtigen Beitrag zur Aufklärung der molekularen Mechanismen, die der Geschmackswahrnehmung zugrunde liegen.

"Unsere Zellkulturexperimente weisen darauf hin, dass der Bittergeschmack-Rezeptor TAS2R46 für die Wahrnehmung des bitteren Artischockengeschmacks verantwortlich ist, der durch die Bitterstoffe Cynaropicrin und Grosheimin hervorgerufen wird", sagt Anne Brockhoff, Erstautorin der Studie. "Daneben aktivieren aber auch noch andere Bitterstoffe aus Kräutern wie Beifuss, sowie Strychnin und Denatonium den Rezeptor. Der TAS2R46 besitzt damit ein sehr breit gefächertes Erkennungsprofil, das für die Wahrnehmung verschiedenster Bitterstoffe eine Rolle zu spielen scheint."

Die meisten der vom TAS2R46 detektierten Bitterstoffe lassen sich der Gruppe der Sesquiterpenlactone zuordnen. Viele dieser Substanzen sind pharmakologisch wirksam. Zu ihnen zählt auch das wirkungsvolle Malariamittel Artemisinin, das aus Blättern und Blüten des einjährigen Beifuss gewonnen wird. Die Ergebnisse der Forschergruppe deuten darauf hin, dass die Gamma- und Delta-Lactonringe der Bitterstoffe für die Aktivierung des Rezeptors entscheidend sind.

"Unsere eigenen Daten und die anderer Forschergruppen lassen vermuten, dass die meisten Bittergeschmack-Rezeptoren eher eine breite Palette von Bitterstoffen detektieren als spezifisch einen einzigen. Dies könnte erklären, wie der Mensch mit nur 25 verschiedenen Bittergeschmack-Rezeptoren mehrere tausend unterschiedliche Bittersubstanzen erkennen kann", erklärt Meyerhof. "Wenn es uns gelingt, die Eigenschaften der Rezeptoren so genau wie möglich zu bestimmen, wird es möglich sein, die molekularen Zusammenhänge zwischen Geschmackswahrnehmung und Ernährungsverhalten aufzuklären."

Anne Brockhoff et al.: Broad tuning of the human bitter taste receptor hTAS2R46 to various sesquiterpene lactones, clerodane and labdane diterpenoids, strychnine, and denatonium. Journal of Agricultural and Food Chemistry (2007)

Hintergrundinformation:

Der Geschmack ist von herausragender Bedeutung für die Nahrungsmittelauswahl sowie für die Ausbildung von Geschmacksvorlieben und -abneigungen. Damit beeinflusst er die Ernährung und schließlich unsere Gesundheit. Jedoch sind viele Prinzipien der gustatorischen Wahrnehmung und ihre Beziehung zum Ernährungsverhalten noch unbekannt. Die Abteilung von Wolfgang Meyerhof am DIfE hat es sich daher zur Aufgabe gemacht, den Einfluss der Geschmacks- und Geruchswahrnehmung auf das Ernährungsverhalten und die Gesundheit zu untersuchen. Die Forscher isolierten bereits Gene für die menschlichen Duftstoff-, Bittergeschmack- und Süßgeschmack-Rezeptoren. Gleichzeitig entwickelten sie zellbasierte Messverfahren, um die molekularen Eigenschaften der Rezeptoren zu bestimmen und neuartige geschmacksaktive Substanzen aufzufinden. Bisherige Versuche zeigen, dass die Rezeptoreigenschaften die Geschmacksempfindlichkeit menschlicher Versuchspersonen verursachen und dass Wahrnehmungsunterschiede in der Bevölkerung durch Polymorphismen (Variationen) in den Rezeptorgenen bedingt sein können. Die Auswirkungen dieser Zusammenhänge auf das Ernährungsverhalten sind bisher nicht erforscht. Die molekulare Evolution der Rezeptorgene spricht jedoch dafür, dass der Bittergeschmack eine wichtige Rolle während der Menschheitsentwicklung spielte.

Das Deutsche Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE) ist Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft. Zur Leibniz-Gemeinschaft gehören 84 außeruniversitäre Forschungsinstitute und forschungsnahe Serviceeinrichtungen. Leibniz-Institute arbeiten interdisziplinär und verbinden Grundlagenforschung mit Anwendungsnähe. Sie sind von überregionaler Bedeutung und werden von Bund und Ländern gemeinsam gefördert.

Kontakt:

Professor Dr. Wolfgang Meyerhof
Deutsches Institut für Ernährungsforschung
Potsdam-Rehbrücke (DIfE)
Abteilung Molekulare Genetik
Arthur-Scheunert-Allee 114-116
14558 Nuthetal
E-Mail: meyerhof@dife.de
Tel: +49(0)33200 88 282
Dr. Gisela Olias
Referat Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Arthur-Scheunert-Allee 114-116
14558 Nuthetal
Tel.: +49(0)33200-88 278/335
E-Mail: olias@dife.de

Dr. Gisela Olias | idw
Weitere Informationen:
http://www.leibniz-gemeinschaft.de

Weitere Berichte zu: Bitterstoffe DIfE Ernährungsverhalten Rezeptor TAS2R46

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Biomarker besser nachweisen: Bremer Forscher entwickeln neue Methode mit Mikrokapseln
14.08.2018 | Jacobs University Bremen gGmbH

nachricht Grönland: Tiefe des Schmelzwassereintrags beeinflusst Planktonblüte
14.08.2018 | GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Neue interaktive Software: Maschinelles Lernen macht Autodesigns aerodynamischer

Neue Software verwendet erstmals maschinelles Lernen um Strömungsfelder um interaktiv designbare 3D-Objekte zu berechnen. Methode wird auf der renommierten SIGGRAPH-Konferenz vorgestellt

Wollen Ingenieure oder Designer die aerodynamischen Eigenschaften eines neu gestalteten Autos, eines Flugzeugs oder anderer Objekte testen, lassen sie den...

Im Focus: New interactive machine learning tool makes car designs more aerodynamic

Scientists develop first tool to use machine learning methods to compute flow around interactively designable 3D objects. Tool will be presented at this year’s prestigious SIGGRAPH conference.

When engineers or designers want to test the aerodynamic properties of the newly designed shape of a car, airplane, or other object, they would normally model...

Im Focus: Der Roboter als „Tankwart“: TU Graz entwickelt robotergesteuertes Schnellladesystem für E-Fahrzeuge

Eine Weltneuheit präsentieren Forschende der TU Graz gemeinsam mit Industriepartnern: Den Prototypen eines robotergesteuerten CCS-Schnellladesystems für Elektrofahrzeuge, das erstmals auch das serielle Laden von Fahrzeugen in unterschiedlichen Parkpositionen ermöglicht.

Für elektrisch angetriebene Fahrzeuge werden weltweit hohe Wachstumsraten prognostiziert: 2025, so die Prognosen, wird es jährlich bereits 25 Millionen...

Im Focus: Robots as 'pump attendants': TU Graz develops robot-controlled rapid charging system for e-vehicles

Researchers from TU Graz and their industry partners have unveiled a world first: the prototype of a robot-controlled, high-speed combined charging system (CCS) for electric vehicles that enables series charging of cars in various parking positions.

Global demand for electric vehicles is forecast to rise sharply: by 2025, the number of new vehicle registrations is expected to reach 25 million per year....

Im Focus: Der „TRiC” bei der Aktinfaltung

Damit Proteine ihre Aufgaben in Zellen wahrnehmen können, müssen sie richtig gefaltet sein. Molekulare Assistenten, sogenannte Chaperone, unterstützen Proteine dabei, sich in ihre funktionsfähige, dreidimensionale Struktur zu falten. Während die meisten Proteine sich bis zu einem bestimmten Grad ohne Hilfe falten können, haben Forscher am Max-Planck-Institut für Biochemie nun gezeigt, dass Aktin komplett von den Chaperonen abhängig ist. Aktin ist das am häufigsten vorkommende Protein in höher entwickelten Zellen. Das Chaperon TRiC wendet einen bislang noch nicht beschriebenen Mechanismus für die Proteinfaltung an. Die Studie wurde im Fachfachjournal Cell publiziert.

Bei Aktin handelt es sich um das am häufigsten vorkommende Protein in höher entwickelten Zellen, das bei Prozessen wie Zellstabilisation, Zellteilung und...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Das Architekturmodell in Zeiten der Digitalen Transformation

14.08.2018 | Veranstaltungen

EEA-ESEM Konferenz findet an der Uni Köln statt

13.08.2018 | Veranstaltungen

Digitalisierung in der chemischen Industrie

09.08.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Kleine Helfer bei der Zellreinigung

14.08.2018 | Biowissenschaften Chemie

Neue Oberflächeneigenschaften für holzbasierte Werkstoffe

14.08.2018 | Materialwissenschaften

Fraunhofer IPT unterstützt Zweitplatzierten bei SpaceX-Wettbewerb

14.08.2018 | Förderungen Preise

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics