Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Noch kann kein Schaf die Bildzeitung lesen

18.02.2002


Homunculus-Tagung mit führenden Forschern der Universität Heidelberg zum Thema künstlicher Mensch

Homunculus, was wie eine Beschwörungsformel klingt, ist Goethes Bezeichnung für den künstlichen Menschen, den er in seinem Faust auferstehen lässt. Die alte Frage nach dem Homunculus ist heute unter dem Aspekt der Fortschritte in der Gentechnik und Humanmedizin besonders aktuell. Das Interdisziplinäre Symposium der Goethe-Gesellschaft Heidelberg bot zusammen mit der Literarischen Gesellschaft Boisserée und dem Kulturamt der Stadt Heidelberg eine interessante Vortragsreihe über die Möglichkeiten des modernen Menschen.

Professor Renato Paro vom Zentrum für Molekulare Biologie der Universität Heidelberg eröffnete mit seinem Vortrag über die "Genetik der Epigenetik" neue Einsichten in die Funktionsweise der Gene. "Wenn wir unser Genom sequenzieren, dann wissen wir alles - das ist falsch", sagte er. Auf der Erbinformation, den Genen, können bestimmte Markierungen festgelegt sein, die das Ablesen der Information mit beeinflussen. Demnach muss es nicht bedeuten, dass Klone, Lebewesen mit identischer Geninformation, auch tatsächlich gleich sind. Anhand der Forschung mit der Fruchtfliege Drosophila fand Paros Arbeitsgruppe heraus, dass geklonte Fruchtfliegen je nach der epigenetischen Markierung auf den entsprechenden Genen einmal rote oder gelbe Augen ausbilden.

Über die heutigen Möglichkeiten der bildlichen Darstellung von der Zellkernstruktur und Genaktivität sprach Professor Christoph Cremer aus dem Netzwerk "Biomolekulare Maschinen". So können die Wissenschaftler die Unterschiede zwischen aktiven und inaktiven Chromosomen in der Zelle darstellen. Dabei haben die Forscher am Kirchhoff-Institut für Physik der Universität Heidelberg ein Wellenfeldmikroskop entwickelt, das eine Distanzauflösung von einem Millimeter auf fünfzig Kilometer Entfernung hat - eine enorme Leistung. Cremer ist sich des Potenzials um das immer detailliertere Wissen um unsere Gene bewusst. "Gen-Wissen birgt Sprengstoff, aber auch Heilungschancen", sagte er. "Allerdings", bedauerte er, "wird allzu häufig nur über den Sprengstoff berichtet."

Über Heilungschancen referierte der Mediziner und Stammzellforscher Professor Ho, Leiter der Medizinischen Uni-Klinik V. Er informierte sehr anschaulich über die enorme Rolle von adulten Stammzellen in der Transplantationsmedizin. "Von Stammzellen aus dem Knochenmark erwarten wir, dass Blutzellen daraus entstehen; heute wissen wir, dass auch andere Zellen daraus entstehen können", erklärte der Mediziner. Die Forschung mit Stammzellen sei eine "faszinierende Geschichte", begeisterte er seine Zuhörer. Heute werden in Heidelberg ein Prozent (200 Transplantationen) der weltweiten Transplantationen mit Blutstammzellen durchgeführt. In Heidelberg wird aber auch an Stammzellen gearbeitet, die Nervengewebe bilden und ersetzen sollen. Erste Versuche im Schafmodell verlaufen erfolgsversprechend. Dem Tier wurden dazu menschliche Stammzellen eingegeben, die menschliche Nervenzellen ausbilden. Allerdings beruhigte Professor Ho: "Noch kann kein Schaf die Bildzeitung lesen", lachte er.

Vieles scheint heute möglich zu sein. Aber bei genauerem Hinsehen erweist sich unser Wissen und technisches Können als noch nicht ausreichend, den Homunculus auferstehen zu lassen. Der emeritierte Professor Friedrich Vogel von der Humangenetik Heidelberg riet trotzdem zur Vorsicht. Das reproduktive Klonen sei rein wissenschaftlich gesehen völlig uninteressant. Schließlich wüsste man genug über die Genetik von Klonen aus der Zwillingsforschung. Er hält sich an den Ausspruch des Dichter Horaz: "Wage zu wissen, aber wende es weise an".

Die Soziologin Professor Uta Gerhardt aus dem Institut für Soziologie, Universität Heidelberg, bekräftigte Vogels Aussagen. "Solange Forscherdrang und Erkenntnisgewinn in der Wissenschaft bleiben und nicht in Wirtschaft und medizinische Anwendung übergehen, besteht keine akute Gefahr", sagte sie angesichts des heute in der Gentechnik Machbaren und Erlaubten. So bleibt auch die aktuelle fantastische Vorstellung des künstlichen Menschen vorerst nur ein fiktives und idealisiertes Menschenbild wie in Goethes Faust.
Georg Sposny

Rückfragen bitte an:
Prof. Dr. Christoph Cremer 
cremer@kip.uni-heidelberg.de

Dr. Michael Schwarz | idw

Weitere Berichte zu: Gen Klone Schaf Stammzelle

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Chemikern der Universität Münster gelingt Herstellung neuartiger Lewis-Supersäuren auf Phosphor-Basis
22.10.2019 | Westfälische Wilhelms-Universität Münster

nachricht Adipositas-Risikobestimmung: ein Sprung in die Zukunft durch die Kombination von KI und Lipid-Forschung
22.10.2019 | Technische Universität Dresden

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hohlraum vermittelt starke Wechselwirkung zwischen Licht und Materie

Forschern ist es gelungen, mithilfe eines mikroskopischen Hohlraumes eine effiziente quantenmechanische Licht-Materie-Schnittstelle zu schaffen. Darin wird ein einzelnes Photon bis zu zehn Mal von einem künstlichen Atom ausgesandt und wieder absorbiert. Das eröffnet neue Perspektiven für die Quantentechnologie, berichten Physiker der Universität Basel und der Ruhr-Universität Bochum in der Zeitschrift «Nature».

Die Quantenphysik beschreibt Photonen als Lichtteilchen. Will man ein einzelnes Photon mit einem einzelnen Atom interagieren lassen, stellt dies aufgrund der...

Im Focus: A cavity leads to a strong interaction between light and matter

Researchers have succeeded in creating an efficient quantum-mechanical light-matter interface using a microscopic cavity. Within this cavity, a single photon is emitted and absorbed up to 10 times by an artificial atom. This opens up new prospects for quantum technology, report physicists at the University of Basel and Ruhr-University Bochum in the journal Nature.

Quantum physics describes photons as light particles. Achieving an interaction between a single photon and a single atom is a huge challenge due to the tiny...

Im Focus: Freiburger Forschenden gelingt die erste Synthese eines kationischen Tetraederclusters in Lösung

Hauptgruppenatome kommen oft in kleinen Clustern vor, die neutral, negativ oder positiv geladen sein können. Das bekannteste neutrale sogenannte Tetraedercluster ist der weiße Phosphor (P4), aber darüber hinaus sind weitere Tetraeder als Substanz isolierbar. Es handelt sich um Moleküle aus vier Atomen, deren räumliche Anordnung einem Tetraeder aus gleichseitigen Dreiecken entspricht. Bisher waren neben mindestens sechs neutralen Versionen wie As4 oder AsP3 eine Vielzahl von negativ geladenen Tetraedern wie In2Sb22– bekannt, jedoch keine kationischen, also positiv geladenen Varianten.

Ein Team um Prof. Dr. Ingo Krossing vom Institut für Anorganische und Analytische Chemie der Universität Freiburg ist es gelungen, diese positiv geladenen...

Im Focus: Die schnellste Ameise der Welt - Wüstenflitzer haben kurze Beine, aber eine perfekte Koordination

Silberameisen gelten als schnellste Ameisen der Welt - obwohl ihre Beine verhältnismäßig kurz sind. Daher haben Forschende der Universität Ulm den besonderen Laufstil dieses "Wüstenflitzers" auf einer Ameisen-Rennstrecke ergründet. Veröffentlicht wurde diese Entdeckung jüngst im „Journal of Experimental Biology“.

Sie geht auf Nahrungssuche, wenn andere Siesta halten: Die saharische Silberameise macht vor allem in der Mittagshitze der Sahara und in den Wüsten der...

Im Focus: Fraunhofer FHR zeigt kontaktlose, zerstörungsfreie Qualitätskontrolle von Kunststoffprodukten auf der K 2019

Auf der K 2019, der Weltleitmesse für die Kunststoff- und Kautschukindustrie vom 16.-23. Oktober in Düsseldorf, demonstriert das Fraunhofer-Institut für Hochfrequenzphysik und Radartechnik FHR das breite Anwendungsspektrum des von ihm entwickelten Millimeterwellen-Scanners SAMMI® im Kunststoffbereich. Im Rahmen des Messeauftritts führen die Wissenschaftler die vielseitigen Möglichkeiten der Millimeterwellentechnologie zur kontaktlosen, zerstörungsfreien Prüfung von Kunststoffprodukten vor.

Millimeterwellen sind in der Lage, nicht leitende, sogenannte dielektrische Materialien zu durchdringen. Damit eigen sie sich in besonderem Maße zum Einsatz in...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

13. Aachener Technologie- und Innovationsmanagement-Tagung – »Collaborate to Innovate: Making the Net Work«

22.10.2019 | Veranstaltungen

Serienfertigung von XXL-Produkten: Expertentreffen in Hannover

22.10.2019 | Veranstaltungen

Digitales-Krankenhaus – wo bleibt der Mensch?

21.10.2019 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

13. Aachener Technologie- und Innovationsmanagement-Tagung – »Collaborate to Innovate: Making the Net Work«

22.10.2019 | Veranstaltungsnachrichten

Studenten entwickeln einen Koffer, der automatisch auf Schritt und Tritt folgt

22.10.2019 | Innovative Produkte

Chemikern der Universität Münster gelingt Herstellung neuartiger Lewis-Supersäuren auf Phosphor-Basis

22.10.2019 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics